Begierde in mir

Kaum bin ich zu Hause, lasse ich mich erschöpft auf mein Bett fallen.

So müde – aber auf eine seltsam friedliche Art.

Die Erinnerungen an den Abend mit Danny wirbeln in meinem Kopf. Seine Augen, sein Lachen, seine Geschichten …
Er war so anders. So echt.
Plötzlich steigt mir ein Duft in die Nase.

Schwer zu beschreiben – süß, frisch, fast heilig.

Er wirkt beruhigend, befreiend, als würde er die Dunkelheit aus meinem Zimmer vertreiben.
Ich stehe auf, folge der Spur – doch der Duft ist überall.

Jemand war hier. Und doch fühle ich keine Angst. Nur Wärme.

Ich lege mich wieder hin, klammere mich an mein Kissen. Der Duft hüllt mich ein wie Licht, und ich schlafe ein. Ich träume. Ich sitze auf einer riesigen Schaukel inmitten einer unendlichen Blumenwiese. Kein Anfang, kein Ende – nur ein Himmel voller Farbe, ein ewiger Sonnenuntergang. Es ist der schönste Ort, den ich je gesehen habe. Und trotzdem weine ich. Nicht vor Trauer – es ist ein Weinen, das aus der Tiefe meiner Seele kommt. Ein Weinen, das ruft.
Es ist, als wäre da jemand, der mich hört.
Eine unsichtbare, mächtige Präsenz.

Ich spreche kein Wort, doch mein Herz schreit.

Als ich erwache, laufen mir Tränen übers Gesicht. Meine Wangen sind nass, meine Kehle brennt – und doch fühle ich mich leicht. Befreit. Mein Blick fällt aufs Handy. Eine Nachricht von Martina:

„Treffen wir uns wieder im Galaxy? Ich muss dir was zeigen.“

Ein mulmiges Gefühl überkommt mich.
Nach gestern? Warum jetzt? Aber etwas in mir sagt, dass ich hingehen muss. Vielleicht lauert dort eine Gefahr – vielleicht eine Antwort.

Der Duft von gestern ist verflogen, aber seine Erinnerung bleibt wie ein zarter Schutz.
Ich richte meine Haare, ziehe die Schuluniform an und trete durch das Portal.
Sofort umgibt mich das schimmernde Licht des Galaxy-Clubs – Farben, Musik, Stimmen.
Auf dem Weg zu Martinas privatem Raum sehe ich Danny im Korridor, dort, wo er gestern so seltsam reagiert hatte. Er zuckt zusammen, als er mich bemerkt.

„Was machst du denn schon hier?“, fragt er, etwas nervös.

„Hier spielt die Zeit keine Rolle, Danny“, antworte ich mit einem Lächeln.

Er errötet leicht. „Du siehst verkatert aus. Ruh dich lieber aus.“



Ich lache leise. „Vielleicht später. Und du?“

Er schmunzelt. „Hast du nicht später Lust, was zu machen?“

„Klar“, sage ich. „Aber nur, wenn du ausgeschlafen bist.“

Ich lasse ihn zurück und gehe weiter zu Martina.
Als ich den Raum betrete, springt sie auf.

„Jemea! Endlich! Ich dachte schon, du kommst nicht.“

Ihre Stimme klingt zu freundlich, ihr Lächeln zu breit.

„Ich muss dir unbedingt etwas Aufregendes zeigen! Als Freundinnen teilt man doch alles, oder?“

Ihre Augen funkeln erwartungsvoll.

„Gestern Abend, als ich dich mit Danny gesehen habe …“,

beginnt sie, ihre Stimme senkt sich zu einem verschwörerischen Flüstern,

„da dachte ich, ich weihe dich in etwas ein.
Aber du darfst es niemandem erzählen, Jemea, niemandem! Hörst du?“

Ich nicke langsam. „Worum geht’s?“

Sie zieht mich an einen Tisch, wo ihr Laptop steht.

„Setz dich“, flüstert sie aufgeregt und öffnet die Datei.
Ich traue meinen Augen nicht.
Auf dem Bildschirm erscheinen Schüler der Zauberschule – lachend, spielend …
und plötzlich werden die Bilder dunkler. Intimer. Szenen, die keiner hätte sehen dürfen.
Schüler, die sich amüsieren – aber ohne Scham, mit voller Lust. Sogar mit Fremden jedem alter, nicht aus der Zauberschule.
Aufnahmen, wie sie miteinander schlafen!
Der Ton, die Bilder des sexuellen Verkehrs lassen mich erstarren.
Wiso laden die Schüler sowas hoch?
Oder schicken es einander?

Wieso feiert man das Entblößen,
aber schämt sich für das Fühlen?
Wieso verkauft man die Haut
doch verschweigt die Seele?
Wieso ist es mutig, sich nackt zu zeigen
aber schwach, verletzlich zu sein?
Wieso ist der Körper ein Geschäft,
und die Würde ein Opfer?
wann wurde das Selbstverständliche
so seelenlos selbstverständlich?

Ich sehe Martina an, wie fasziniert und erregt sie von den Szenen ist.
Ihre Augen glänzen, und sie errötet.
Sie berührt mich, und ich zucke zusammen.
Ich spüre, wie mir das Blut in den Adern gefriert.

„Martina, was ist das?“
Sie sieht mich mit glühenden Augen an.

„Das ist Freiheit, Jemea. Wahre Freiheit.
Hier darf man alles fühlen, alles zeigen.“

Wieso nennt man es Freiheit,
wenn Ketten glitzern und Bildschirme brennen?Wieso nennen sie es Liebe,




wenn sie sich selbst verlieren
Und wann haben wir vergessen
dass wir mehr sind als Haut und Hunger,
mehr als Klicks und Konsum
mehr als ein flüchtiger Moment
im endlosen Scrollen?

Ihre Hand streift mich, wandert über meinen Arm.
Ich zucke zurück.

„Hör auf“, sage ich leise, aber sie lächelt nur.

„Warum denn?“, flüstert sie. „Hast du Angst vor dir selbst?“

Ihre Finger berühren meine Brust, mein Herz rast.

„Jeder fühlt so. Jeder hat Verlangen. Sogar du, Jemea.“

Wie ein Roboter stehe ich auf.
Dieses Gefühl – erschreckend, und doch gefällt es mir, und deswegen empfinde ich Scham.
Ist das eklig? Bin ich es auch? Nein!

Ich reiße mich los, stoße den Stuhl um.

„Nein! Lass mich in Ruhe!“

Martina steht auf, ihre Augen wirken verletzt,
doch ihr Lächeln bleibt.

„Du kannst nicht ewig davonlaufen“, sagt sie leise.

„Wir alle sind Gefangene unserer Begierde.“

Sie fragt mich, was los ist, und will mir näher kommen.

„Machst du es dir manchmal selbst?“, fragt sie.

Ich stottere nur.
Sie berührt meine Hand und fragt
ob ich schon mit jemandem geschlafen habe
oder wie ich es finde, dass es doch „geil“ ist.

„Was fühlst du?“,

fragt sie, aber ich will es ihr nicht sagen.
Das ist doch so peinlich.

„Nein, lass mich damit!“, sage ich.

Martina entgegnet:

„Jeder hat diese Gefühle, Jemea.
Sterbliche Freunde können ja darüber reden …“

Ich stoße Martina und ihren Laptop zur Seite,
reiße die Tür auf und renne wie eine Wilde davon. Diese Gefühle überfordern mich! Und ich kann vor lauter Scham nichts sehen beim Rennen. Es ist mir so peinlich – und trotzdem war es so gut.
Ich renne. Ich renne einfach los!
Tränen schießen mir in die Augen.
Scham, Ekel, Wut – alles mischt sich.
Und dann – prall! – ich stoße mit jemandem zusammen.

Danny.

„Hey, was ist los?“, fragt er erschrocken.

Ich kann kaum atmen. „Lass mich einfach … bitte.“

Er will etwas sagen, doch ich reiße mich los und laufe weiter. Ich stürze in die Mädchentoilette, schließe mich in einer Kabine ein und sinke zu Boden. Mein ganzer Körper bebt. Wie konnte Martina das tun? Warum macht sie das?

Ich flüstere: „Ich will dich nie mehr sehen.“

Doch dann höre ich eine Stimme.



„Ich weiß, das ist das Mädchenklo … aber willst du reden, Jemea?“ Es war Danny.

Ich öffne die Tür langsam.
Meine Augen sind rot, mein Gesicht nass.
Er schaut mich mit ehrlicher Sorge an.
Keine Neugier, kein Urteil.
Nur Verständnis.
Ich falle in seine Arme und weine.

Nach einer Weile frage ich mit zitternder Stimme:

„Hattest du schon mal Sex?“

Er antwortet ruhig: „Ja.“

Dann sieht er mich an, so ernst, dass mir die Luft wegbleibt.

„Und du?“

Ich senke den Blick. „Nicht freiwillig.“

Stille. Er sagt kein Wort.
Nur sein Blick – als würde er ahnen
„Ich bring dich heim“, sagt er schließlich.
Wir gehen gemeinsam zum Portal.
Bevor ich hindurchtrete, halte ich ihn fest.

„Holst du mich morgen ab?“

„Natürlich“, antwortet er leise.

Ich nicke. „Danke.“

Dann verschwindet das Licht des Galaxy hinter mir – und mit ihm ein Stück meiner Unschuld.
In meiner Wohnung angekommen, stürme ich frustriert ins Badezimmer. Der Blick in den Spiegel ist unerträglich. Ich hasse, was ich sehe.

„So etwas kannst du nicht wollen!“,

sage ich zu meinem Spiegelbild, aber die Worte klingen hohl. Unter der Dusche stehend, schrubbe ich meinen Körper mit mehr als einer Seife ab
ich versuche mich von diesen Bildern zu befreien, sie wegzuspülen. Es gelingt mir nicht. Danach lasse ich mir ein Bad ein. Die Hitze des Wassers betäubt mich kurz, aber die Erinnerungen sind hartnäckig. Plötzlich höre ich Stimmen.

„Das kannst du nicht ändern!“, flüstern sie.

„Es braucht Opfer! Opfer! Opfer!

Du bist das Opfer! Opfer! Opfer!

Du musst opfern! opfern! opfern!“

Wie gelähmt stehe ich auf, renne pitschnass aus dem Bad in mein Zimmer. Ohne meine Magie wäre ich ausgerutscht. Ich schließe die Tür hinter mir und atme laut auf.

„Es ist alles in Ordnung, ich bilde mir das nur ein.“, sage ich mir.

Doch dann nehme ich diesen Duft wieder wahr!
Jemand ist wieder in meinem Zimmer!

„Wer ist hier?“, schreie ich, aber es kommt keine Antwort.

Ich suche überall, mache jedes Licht an. Nichts.
Komischerweise sind meine Ängste und die Stimmen verschwunden. Tiefer Frieden umarmt mich, aber er ist begrenzt. Es fühlt sich an, als hätte ich kein Recht darauf, ihn weiter zu fühlen. Ich seufze.



„Was ist mir sonst noch alles gestrichen?“, frage ich mich. Kann Glück nicht ewig dauern?“

Ich lege mich auf das Sofa und starre an die Decke. Mein Kopf ist leer. Die Erschöpfung ist überwältigend. Ich schlafe ein.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 2

Bisher keine Bewertungen

Kommentare