02. Hartmann

Schule wechseln – das klang übel. In der Nordstadt brauchte man das nicht, da gingen alle aufs KBZ, das Kurt-Schumacher-Bildungszentrum. Gymmis, Haupt- und Realschüler – alles unter einem Dach. Irgendwo im Keller war auch eine Sonderschule. Das Gebäude hatte verdammte Ähnlichkeit mit einem UFO, mehr als 3.000 Leute wuselten herum in diesem Monster aus Stahl, Plastik und Glas. Einige kürzten „KBZ“ gern noch weiter ab – zu „KZ“.

Das war hart, aber es passte. Wer sich bei uns nicht knallhart durchsetzte, wurde früher oder später selbst plattgemacht. Die Lehrer hackten auf den Schülern rum, die Schüler revanchierten sich, indem sie die schwachen, gutmütigen Lehrer terrorisierten. Auch unter den Schülern selbst herrschte Kriegszustand, permanentes Hauen und Stechen. Man musste unbedingt Verbündete finden, sich einer Gruppe anschließen, notfalls selbst eine Gang gründen. Wer allein blieb, sah keine Sonne mehr.

Hartmann war das beste Beispiel. Früher hatte ihn keiner dabeihaben wollen, höchstens als nützlichen Idioten, als Ventil, um Dampf abzulassen. Regelrecht gequält hatten sie ihn. Wenn ich nicht angefangen hätte, ihn zu beschützen, wäre es ihm schlecht ergangen. Irgendwann hätten sie ihn endgültig fertiggemacht.

Wir kannten uns seit der ersten Klasse. Damals waren wir mit unseren sieben Jahren die beiden Ältesten gewesen – vielleicht der Grund, weshalb Frau Blank, die Klassenlehrerin, uns nebeneinander setzte. Begeistert war ich darüber erst mal nicht: Hartmann konnte ziemlich nervig sein, er machte andauernd Stress, störte den Unterricht. Ständig hatte er Panik, zu kurz zu kommen. Wenn er nicht ganz vorn dabei war, nicht die erste Geige spielte, flippte er aus, drehte total durch. Warf Sachen durch die Gegend, trat gegen Stühle, kippte den Tisch um. Er musste festgehalten werden, bis es vorbei war. Manchmal bekam er Schreikrämpfe, dann stopfte ihm Frau Blank einfach einen Lappen in den Mund.

Seinen Eltern war es anscheinend egal, was er trieb. Mehr als einmal lieferten ihn die Bullen im Klassenzimmer ab. Später erfuhr ich, dass Hartmanns Mutter schon frühmorgens zu ihrem Putzjob musste. Und sein Vater, der arbeitslos war, stand meistens erst mittags auf, weil er sich am Abend vorher die Hucke zugesoffen hatte. Niemand interessierte sich also groß für Hartmann und dessen jüngere Schwester Bettina. Kein Wunder, dass er ab und zu „vergaß“, in die Schule zu kommen, lieber durch die Gegend stromerte.



Prügeln konnte er sich überhaupt nicht. Jede, buchstäblich jede Klopperei verlor er, sogar gegen Mädchen. Ein einziger, gut gesetzter Schlag, und es war vorbei. Er fing an zu heulen, rannte weg, alles mögliche – er war wirklich eine total Null. Trotzdem legte er sich ständig mit irgendwelchen Leuten an. Meistens wollten sie ihn bloß verarschten und zur Weißglut bringen, aber das kapierte er nicht. Immer wieder ging er ihnen auf den Leim, wollte die Sache schließlich mit Fäusten regeln, und dann gab’s Saures. Irgendwie stand ihm „Schlag mich!“ auf die Stirn geschrieben, und natürlich erfüllten ihm alle diesen Wunsch.

Er war also selbst schuld an seinem Schicksal, trotzdem tat mir der Kerl leid. Alle Welt benutzte ihn als Fußabtreter, sie schlugen und vermöbelten ihn, wo sie konnten – es war heftig. Aber halt auch typisch Nordstadt. Irgendwann fing ich an, ihn zu beschützen. Zog den Ärger, den er sich gerade wieder aufgehalst hatte, zu mir. Die meisten hielten mich für einen Hänfling, trauten mir nichts zu. Okay, die breitesten Schultern hatte ich tatsächlich nicht, aber ich war schnell, konnte viel einstecken, auf meine Chance warten. Und die kam fast immer.

Als Gegenleistung für meine Schutzdienste nahm Hartmann mich nachmittags mit auf Tour. Außerhalb der Schule hatte er jede Menge Kumpels. Die meisten waren älter als wir, sie rauchten, hatten Waffen. Einige klauten wie die Raben in den Supermärkten und verhökerten ihre Ware untereinander – Klamotten, Werkzeug, technische Geräte. Manchmal ging es zu wie auf dem Basar. Bei einer Gruppe waren wir ziemlich oft. Ich hatte jedes Mal Muffe, wenn wir hingingen, trotzdem kam ich immer wieder mit. Sie waren die Größten, jeder in der Nordstadt kannte ihre Namen. Da war Holgi, so was wie der Kopf der Gang. Er hatte schon häufiger mit den Bullen zu tun gehabt, war sogar mal im Jugendknast gewesen. Wolkan konnte Karate und Kung-Fu. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, Leute auf die Matte zu legen, wenn sie ihm blöd kamen. Salami, der eigentlich Selim hieß, klaute ständig Mofas und kurvte damit rum, dabei war er erst zwölf. Der Härteste war Ramos. Er hatte eine echte Knarre, die er wie einen Schatz hütete. Einmal ließ er uns näher ran. Das sei eine Polizeiwaffe, erklärte er, eine P6 von SIG Sauer. Und zum Beweis, dass er sich mit dem Ding auskannte, ließ er das Magazin rausspringen. Wir waren natürlich mächtig beeindruckt.



Bei mir zu Hause lief es ähnlich wie bei Hartmann: Niemanden kümmerte es, was ich tagsüber trieb. Muttern arbeitete in der Nordstadt-Klinik. Sie kam erst spätabends oder nachts zurück, wenn Henri und ich schon in der Falle lagen. Ursprünglich hatte sie in der Klinik-Kantine angefangen, als ungelernte Kraft. Später war sie ins Büro gewechselt, hatte nebenbei einen Abschluss als Sekretärin gemacht. Auch danach hatte sie sich laufend weitergebildet und war immer höher aufgestiegen. Mittlerweile lief ohne sie nichts wohl mehr in dem Laden. Dafür musste sie aber endlos Überstunden schieben.

Vaddern machte einen Deppenjob, überwachte auf der Werft irgendwelche Maschinen. Abends genehmigte er sich gern noch ein Schlückchen in der „Schwarzen Hand“, einer berüchtigten Spelunke am Einkaufszentrum, in der so manches Monatsgehalt komplett versoffen und verdaddelt wurde. Wenn er irgendwann nachts endlich nach Hause kam, natürlich jedes Mal völlig blau, bekam er meistens seinen Moralischen. Saß stundenlang in der Küche und jammerte. Wie mies der Job wäre, dass er die Schnauze voll hätte, ohne uns längst abgehauen wäre und solche Sachen. Zwischendurch hörte man ihn in die Spüle reihern.

Am Anfang hatte Muttern immer versucht, ihn zu beruhigen und zu trösten, aber irgendwann war ihr wohl der Geduldsfaden gerissen. Mittlerweile gab sie Contra, wenn Vaddern in der Küche seine nächtliche Show abzog, manchmal klatschte es auch laut. War ihr da die Hand ausgerutscht? Ich wollte es gar nicht so genau wissen, wollte am liebsten überhaupt nichts sehen und hören von dem ganzen Elend. Keine Ahnung, wie ich es immer schaffte, wieder einzupennen.

Mitleid war es garantiert nicht, was ich Vaddern gegenüber empfand. Eher Horror, dass man so runterkommen konnte. Aber schlussendlich war mir der Typ egal. Er war eh bloß unser Stiefvater. Der richtige hatte vor Ewigkeiten die Biege gemacht, ich konnte mich kaum noch an ihn erinnern. Muttern hatte dann schnell wieder geheiratet, seitdem gab es halt Vaddern und sonst nichts.

Genau genommen hatten wir sogar Glück mit ihm gehabt. Immerhin prügelte und randalierte er nicht, wie so viele andere in der Nordstadt. Höppner im zehnten Stock zum Beispiel flippte fast jeden Abend aus. Pausenlos hörte man es da oben scheppern und klirren, dazwischen kreischte die Frau unverständliches Zeugs. Eric, der Sohn, hatte ständig geschwollene Lippen und Veilchen. Es hieß sogar, dass Höppner es mit seiner Tochter trieb. Dann lieber eine Flasche wie Vaddern.



Und ich konnte jeden Nachmittag mit Hartmann losziehen, ohne dass es dämliche Fragen gab. Die Treffen mit ihm, die Besuche bei Holgis Clique – das alles war mir bald wichtiger als jede Scheiß-Familie. Holgi und seine Leute waren schlicht die Größten. So wie sie wollten Hartmann und ich später auch sein. Oder noch heftiger. Unsere Gang sollte die berüchtigtste werden, die es in der Nordstadt je gegeben hatte. Die Leute würden sich unsere Namen nur zuflüstern, aus Angst, weil wir so gefährlich waren, aber auch aus Ehrfurcht, weil sie uns bewunderten.

Es machte Spaß, sich mit Hartmann solche Geschichten auszudenken. Obwohl ich insgeheim natürlich wusste, dass sie ein Traum bleiben würden. Hartmann und gefährlich – wie sollte das wohl funktionieren? „Hartmann“ – allein dieser Name stand für einen schlechten Scherz. Aber darüber dachte ich nicht nach.

Nach der Vierten kam er auf die Hauptschule. Erst sollte ich dort auch hin, aber dann meinte unser Lehrer für Schreiben und Lesen, ich wäre am Gymnasium besser aufgehoben. Ergebnis: Als die Schule wieder losging, waren Hartmann und die anderen plötzlich weit weg. Zehn Minuten musste man durch das Raumschiff namens KBZ rennen, um sie zu sehen. Klar, ich ging so oft wie möglich zu ihnen rüber, trotzdem war es nicht mehr dasselbe wie früher: Viele Leute, über sie quatschten, kannte ich nicht. Auch die Namen ihrer neuen Lehrer hatte ich noch nie gehört.

Bald verbrachte ich nicht mehr jede Pause drüben im Hauptschultrakt. Der lange Weg nervte auf Dauer, außerdem spürte ich allmählich doch, dass es nicht mehr funktionierte. Ich war raus, das ließ sich nicht länger verdrängen.

Aber nicht bloß am KBZ sah ich Hartmann jetzt immer seltener, auch nachmittags unternahmen wir bald kaum noch etwas zusammen. Schließlich verloren wir uns komplett aus den Augen. Ich hörte rein gar nichts mehr von ihm, wusste nicht mal, ob er überhaupt noch in der Nordstadt wohnte.

 

***

 

Tag Numero fünf. Muttern, Henri und ich saßen beim Essen: Koteletts mit Stampfkartoffeln und Gemüse. Schmeckte eigentlich ganz lecker – ich hatte gar nicht gewusst, dass Muttern so gut kochen konnte.

Von jetzt ab sollte es täglich eine gemeinsame Mahlzeit geben: mittags, so lange Muttern Urlaub hatte, und abends, wenn sie wieder zur Arbeit musste. Bisher hatten Henri und ich immer in der Schulkantine gegessen. In den Ferien, wenn dort zu war, hatte Muttern uns morgens vor der Arbeit Geld hingelegt, damit wir uns selbst was zum Beißen kauften. Meine Kohle war natürlich meistens für Süßigkeiten und Comics draufgegangen, später für Tabak.



„Willst du heute nicht mal rausgehen?“, fragte sie, als ich mir gerade einen zweiten Berg Püree auf den Teller schaufelte.

Ich warf ihr einen extra genervten Blick zu. Ging das jetzt schon wieder los? Was kümmerte es sie, dass ich die ganze Zeit drinnen hockte? Überhaupt: Wieso interessierte sie sich plötzlich dafür, was ich trieb? Ich wollte nicht, dass sie anfing, in meinem Leben herumzuschnüffeln. Bisher war ich immer gut alleine klargekommen.

Drei Wochen hatte sie freigenommen, um sich „gemeinsam mit uns einzuleben“, wie sie es nannte. Drei volle Wochen – so lange war sie vorher nie zu Hause gewesen. Es fühlte sich verdammt komisch an, sie auf einmal ständig zu sehen.

Neulich hatte sie mir geraten, hier neue Freunde zu finden. „Freunde finden“ – wie das klang! So was erledigte man doch nicht wie Hausaufgaben. Entweder es ergab sich oder eben nicht. Ihr plötzliches Gekümmere ging mir total auf den Zeiger, es wirkte aufgesetzt, unehrlich. Nach ihrem Urlaub würde sowieso alles werden wie vorher, wie in der Nordstadt.

„Weshalb gehst du nicht mal mit Henri los?“, fragte sie. „Der kennt hier schon Leute. Vielleicht kannst du dich da ja anschließen.“

Vor Schreck blieb mir glatt das Essen im Hals stecken. Mit Henri losgehen? Diesem Riesenbaby, das aussah, als wäre es gerade zehn geworden? Hatte sie noch alle Tassen im Schrank?

In Wirklichkeit war Henri 15, also bloß ein Jahr jünger als ich. Wir waren sogar zusammen eingeschult worden – zum Glück in unterschiedliche Klassen. Mittlerweile war er auf die Realschule querversetzt worden und ging einen Jahrgang tiefer. In der Nordstadt hatte er sich nachmittags immer mit Jüngeren herumgetrieben. Dort war er natürlich der Big Boss gewesen, der alle nach Lust und Laune herumkommandieren konnte. Wer nicht parierte, bekam Kloppe oder flog ganz raus. „Henri und seine Minirocker“ hatte man sie überall genannt. Oder auch „die Müllmänner“, weil sie gern in die Müllcontainer der Wohnblöcke stiegen und sich dort einnisteten. Es hieß immer, sie hätten da drinnen regelrechte Höhlensysteme angelegt, in denen sie hausten, ähnlich wie die ganzen Penner und Obdachlosen der Gegend.

Und mit so einem Idioten sollte ich jetzt durch die Gegend ziehen? Ernsthaft? Muttern kapierte wirklich gar nichts, sie behandelte mich noch immer wie den kleinen Jungen aus der Grundschule.



Aber diese Zeiten waren lange vorbei!

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