DBdD-Kapitel 68
Mit Zunae auf seinem Rücken, bewegte sich Yelir langsam durch die brennenden Häuser. Sie befanden sich in der Nähe des Hafens, weshalb er hoffte, dort vielleicht mehr zu sehen.
Die Hexe, die er spüren konnte, hatte er ausgelöscht. Es waren also nur noch vier. Nur konnte er keine davon spüren und Angriffe auf sich nahm er auch nicht wahr. Ein Problem, denn so war es unmöglich für ihn, auszumachen, wo ihre Ziele waren.
Er ärgerte sich, dass er nur eine von den Hexen markiert hatte, als der Hafen in Sicht kam.
Yelir blieb sofort stehen und riss seine Augen auf.
Da lagen mehrere fremde Schiffe vor Anker, die so stark verbrannt waren, dass sie bereits untergingen. An einem Mast erkannte er das Wappen der Einhörner.
Sein Herz schlug schneller, als in ihm die Erkenntnis wuchs, dass die Einhörner sie vielleicht angegriffen hatten. Aber wieso dann die eigenen Schiffe versenken?
»Yelir«, erklang ein überraschter Ruf. Degoni eilte auf sie zu, wobei er Aelith im Schlepptau hatte.
Beide wirkten mitgenommen. Die Kleidung teilweise verbrannt und Rus überall in den Gesichtern. »Was zum Teufel machst du hier? Solltest du nicht in den Südlanden sein?«, fragte Degoni außer Atem, während Aelith sich auf ihre Knie abstützte und erst einmal um Luft rang.
»Zunae hat uns hergebracht, als wir die Nachricht bekamen.«
Degoni fluchte. »Wir haben einen von Ladvarians Handlangern bis hierher verfolgt. Dann kamen die Schiffe der Einhörner an, die nach Hilfe suchten. Kurz darauf ging das Chaos los«, fasste er möglichst kurz zusammen.
Yelir nickte, obwohl er nicht so ganz verstand, was es damit auf sich hatte. Was hatten die Einhörner und die Hexen gemein? Hatten diese sie vielleicht hergeführt? Galt der Angriff gar nicht ihrer Hafenstadt?
»Konntest du die Flüchtlinge befragen?«, wollte Yelir wissen, der noch immer den Grund für diesen Angriff suchte.
Degoni schüttelte den Kopf. Sein Gesicht blass. »Sie waren alle bereits tot.«
»Was?«, keuchte Zunae, die ebenfalls blass im Gesicht wurde. Übelkeit kroch ihre Kehle hinauf, während sie sich daran zurückerinnerte, wie sie die Herrscherfamilie der Einhörner getroffen hatte. Damals war sie noch ein kleines Kind gewesen und hatte bei ihrem Vater auf den Rabenklippen gelebt. Doch sie erinnerte sich noch sehr gut an die junge Prinzessin Lioretta. Sie war in ihrem Alter und beide hatten sich gut verstanden. Die Vorstellung, dass diese auf dem Schiff war, schnürte ihr die Kehle zu. Es gab jedoch keine Möglichkeit herauszufinden, ob dem wirklich so war.
Degoni ignorierte Zunaes Aussage und widmete sich wieder seinem Bruder. »Der Regen aus Flammen hat erst vor kurzem nachgelassen«, erklärte Degoni, der keine Ahnung hatte, dass dies damit zusammenhing, dass Yelir und Zunae die Hexen vom Himmel geholt hatte.
»Es waren Hexen«, informierte Yelir zähneknirschend. »Eine konnte ich erledigen, die anderen sind hier noch irgendwo.«
Degoni ballte die Hand zur Faust und fluchte. »Bist du dir ganz sicher?«, fragte er, denn Hexen waren für ihn Wesen aus alten Legenden. Nicht greifbar und damit konnte er auch nicht planen, wie er sie angreifen sollte.
Yelir nickte ernst, würde seine Quelle jedoch nicht verraten. »Ziemlich sicher. Sie besitzen weder Blut- noch Magiekreislauf, sondern einen einzigen Kern.«
Degoni wusste nicht, was er mit dieser Information anfangen sollte, nickte allerdings. »Die meisten Einwohner sind evakuiert«, erklärte er schließlich, denn damit waren er und Aelith beschäftigt gewesen, sobald sie bemerkt hatten, was ihr los war.
Allerdings glaubte er nicht an einen reinen Zufall. Es konnte nicht sein, dass er Ladvarians Handlanger hierher verfolgte und gleich darauf ein Angriff stattfand.
Zunae klopfte Yelir leicht auf die Schulter, damit dieser sie runterließ.
Nur widerwillig lockerte er seine Hände, sodass Zunae von seinem Rücken rutschen konnte. Ihre Beine zitterten nicht mehr so stark und sie hatte das Gefühl, langsam ihre Kräfte besser zu verstehen. Also wollte sie einen Versuch wagen, das Feuer zu löschen.
Während Degoni Yelir weiter Bericht erstattete, zog sie sich ein Stück zurück. Hier war das Feuer bereits niedergebrannt, sodass es nicht mehr so stark wütete. Dennoch musste sie aufpassen.
Aelith folgte ihr mit ihrem Blick, lauschte aber auch den beiden Männern.
Als Zunae einen Platz gefunden hatte, der sich eignete, hockte die sich nieder und legte ihre Finger auf den Boden.
Um das Feuer zu löschen, brauchte sie Wasser, doch dieses reagierte nicht so einfach auf ihrem Befehl. Sobald sie daran dachte, kamen dunkelblaue Kristalle in ihren Sinn, weshalb sie dieser Eingebung freien Lauf ließ.
An ihrer Hand entstand ein solcher Kristall und als Zunae ihn genauer betrachtete, konnte sie darin Wasser erkennen.
Vorsichtig nahm sie ihn in die Hand, um ihn genau zu mustern.
Sie verstand die Struktur des Zaubers nicht und auch nicht, wie er sich von denen der Elemente unterschied. Ihre Instinkte schienen dieses Ding geschaffen zu haben, doch was machte sie jetzt damit?
Vorsichtig brach sie den unteren Teil ab, um das Wasser freizulegen.
Dieses trat aus und bildete einen kleinen, aber unendlich scheinenden Strom des erfrischenden Nass.
Zunae beobachtete das Wasser, dass zu Boden floss, während sie darauf wartete, dass der Inhalt des Kristalls erschöpft war. Aber nichts deutete darauf hin. Außerdem spürte sie keinen weiteren Magieverbrauch, den sie sonst spürte, wenn sie stetig Wasser fließen ließ.
Langsam rieb sie sich die Nasenwurzel, um sich zu konzentrieren. Die Situation war ernst und sie hatte keine Zeit, lange nachzudenken. Jetzt, wo die Angriffe nachgelassen hatte, konnte sie versuchen, die Flammen zu löschen.
Sie erkannte zwar bereits Menschenketten, welche Eimer mit Meerwasser in die Flammen schütteten, doch gegen die Größe des Feuers war das aussichtslos.
Zunae atmete tief ein, bevor sie sich erhob. Ihr Körper kämpfte noch mit den Nachwehen ihrer Fehlgeburt, doch damit kam sie klar. Im Moment. Es ging darum, Leben zu retten, also sammelte sie alles, was sie an Kraft aufbringen konnte.
Als sie ihre Hand gen Himmel hob, wurden die Kristalle an ihrem Haaransatz größer und zogen sich langsam über ihre Haare. Gleichzeitig bildete sich am Himmel ein Kristall. Das schimmernde Blau reflektierte die Sonne, sodass es bunte Farbenspiele auf den Boden warf und nach und nach die Aufmerksamkeit der Überlebenden auf sich riss.
Einige zeigten in den Himmel, andere bekamen Panik, weil sie mit einem weiteren Angriff rechneten.
Unruhe machte sich breit, doch Zunae konzentrierte sich nur darauf, ein Bild im Kopf zu haben.
Magie in Form von Kristallen zu wirken, war ganz anders als mit reinen Elementen und doch irgendwie viel leichter.
Sie stellte sich die Form einer großen Blume vor, die mit Wasser gefüllt war. Dann ließ sie kleine Löcher entstehen, sodass das Wasser wie aus einer Gießkanne austreten konnte.
Kleine Ströme begannen zu fließen, die sich vom Himmel in das Feuer ergossen. Flammen zischten, Rauch stieg auf und trotzdem nahm das Feuer nicht ab.
Zunae biss sich auf ihre Lippe, als sie daran dachte, wie sie früher mit Kali bei zu großer Hitze gespielt hatte.
Damals hatte sie die Wasserbälle zum Drehen gebracht, bis kleine, feine Wassertropfen in alle Richtungen schossen.
Ob ihr das auch mit diesem Gebilde gelang?
Zunae dachte an eine Windmühle, die sich langsam drehte, während sie diesen Gedanken auf die Kristalle übertrug.
Ganz langsam, als hätte es Anlaufschwierigkeiten, begann es, sich zu drehen. Holprig und ruckelnd, während Zunae einen Stich hinter ihrer Schläfe bemerkte.
Das Wasser selbst war kein Problem. Es floss weiter, ohne, dass sie sich darauf konzentrieren musste, doch den Kristall zu drehen, raubte ihr die Kraft. Aber es funktionierte.
Das Wasser wurde herumgeschleudert wie ein Regenschauer, der auf die Erde niederging. Er verteilte sich über die ganze Stadt und löschte die größten der Brand.
Erleichterung überkam Zunae, bevor ihr mit einem Schlag schwarz vor Augen wurde und sie das Gleichgewicht verlieh.
Yelir riss sich aus seiner Schockstarre, die ihn eingenommen hatte, seitdem er Zunae beobachtete und sprang nach vorn, um sie zu fangen.
Die Kristalle auf ihren Haaren zerplatzten, genau wie das riesige Gebilde über der Stadt.
Für einen Moment glaubte Yelir das Rot ihrer Haare wäre Blau, doch das musste eine Spiegelung der Kristalle sein.
»Zunae«, rief er, weil sie schwer in seinen Armen lag. Sie atmete schwer und hatte Schweiß auf der Stirn, was ihn innerlich fluchen ließ. Was hatte sie da gemacht und warum hatte er dasselbe Gefühl gehabt, wie im Kampf gegen Arcas?
Yelir wollte sie schütteln, damit sie wieder zu sich kam, beherrschte sich aber. Das würde auch nichts bringen und sie schien auch nicht verletzt.
»Was hat sie da gemacht?«, knurrte Degoni mit geballter Faust, während er Zunae anstarrte. Seine blauen Augen glühten vor unterdrückter Frustration.
»Ich bin nicht sicher«, erwiderte Yelir, dem es ebenfalls schwerfiel, die Situation zu begreifen.
»Die Feuer gelöscht«, erklärte Aelith nüchtern, die bis dahin geschwiegen hatte. Anders als die Männer interessierte sie nicht das wie. Es interessierte sie nur, dass sie etwas getan hatte. Etwas Großartiges.
Degoni knurrte und funkelte Aelith an. Das wusste er selbst und das war es nicht, was er wissen wollte. Er war frustriert darüber, dass er selbst nichts hatte tun können und dann kam sie. In der Theorie sollten die Nachfahren der Göttertiere die gleichen Kräfte besitzen. Die gleiche Magie. Aber … er und sein Bruder besaßen nicht einmal einen Fingerhut von dem, was Zunae beherrschte und er verstand nicht warum. Warum war seine Familie dabei, das zu verlernen, was sie ausmachen sollte?




























































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