Ascardia-Kapitel 31

~Ascardia~
Cayden streifte meine Hand, als er sich mit Fürst Verdant in eine Sitzecke zurückzog, um sich zu halternhalten.
Plötzlich stand ich da, in diesem mir fremden Raum und hatte das Gefühl, er war plötzlich noch größer, lauter und fremder.
Ich fühlte mich verloren und konnte lediglich vorsichtig lächeln, als die drei Frauen auf mich zukamen.
Hätte Cayden mich nicht auf dem Weg hierher vorgewarnt, hätte ich nicht gewusst, wie ich damit umgehen sollte. Ich war es nicht gewohnt mit anderen zu interagieren. Zumindest nicht, wenn es über Cayden, Ayden und Issabella hinausging. Allerdings musste ich das auch nicht. Cayden hatte mir gesagt, dass ich nicht die Initiative ergreifen musste. Ich konnte also einfach darauf warten, ob die Frauen mit mir sprechen wollte.
»Hallo, ich bin Ariette«, stellte sich plötzlich eine der Frauen vor und griff sogar nach meinen Händen.
Das grüne Kleid mit den Rankenmotiven und den sanften Knospen passte perfekt zu ihr. Besonders interessant fand ich jedoch den kleinen Hut, den sie trug. Er war so mit Blumen geschmückt, dass er ihren gesamten Kopf einnahm.
Das alles gab ihr ein Aussehen, das ich viel mehr mochte als die Frauen, die ich um das Anwesen herum gesehen hatte.
»A-Ascardia«, brachte ich überfordert von ihrer direkten Art hervor.
»Ari«, sagte die andere Frau tadelnd. Sie trug ein braunes Kleid mit feinen Blüten. Fast schon einfach im Vergleich zu den anderen. »Bitte entschuldige sie. Sie ist immer so direkt«, sagte sie, bevor sie sanft knickste. Dabei schimmerte eine Blume an ihrem braunen Haut. »Mein Name ist Lissara. Freut mich sehr.«
So viele Namen. Ich konnte nur zögerlich lächeln, denn ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Auch die dritte unter ihnen stellte sich mit leiser, zögerlicher Stimme vor.
Ihr Name war Aidiri und sie schien noch schüchterner zu sein, als ich.
Wir setzten uns und Ariette goss uns aus den großen, silbernen Kannen Tee ein.
Ich roch das sanfte, rosenähnliche Aroma. So einen Tee hatte ich noch nie getrunken. Cayden servierte so etwas nicht. Ich glaubte, weil es ihm zu süß war.
Mir ging es ähnlich. Obwohl Süßspeisen durchaus lecker sein konnten, war ich an dem Geschmack doch immer noch nicht gewohnt.




Zögerlich nahm ich einen Schluck, verzog aber den Mund.
Er schmeckte blumig, doch mit einer so starken Süße, dass ich kaum schlucken konnte.
»Er schmeckt nicht?«, fragte Ariette, die mich beobachtete.
Ich lächelte schief und schüttelte leicht den Kopf. »Er ist zu süß«, erklärte ich, ohne groß darüber nachzudenken. Cayden hatte gesagt, dass es in Ordnung war, ehrlich zu sein, solange ich mich damit nicht angreifbar machte.
Ich verstand diese Grenze zwar noch nicht so ganz, doch wie schlimm konnte es schon sein, Tee nicht zu mögen?
»Er wird mit Rosenblättern gemacht, die aus unserem Land kommen«, erklärte Lissara plötzlich.
»Oh. Ich habe gehört, dass es ein Landwirtschaftsgebiet ist«, bemerkte ich zögerlich. Immerhin konnte ich auch ein bisschen zeigen, dass ich nicht naiv und einfältig war.
Ariette strahlte. »Oh ja. Die weiten Weizenfelder sehen aus wie Gold und die ganzen Blumenwiesen«, schwärmte sie, während sie den Tee eher roch statt trank.
Ich wusste nicht genau, was sie meinte, empfand ihre Art jedoch als angenehm. Sie liebte es, dort zu leben, womit Fürst Verdant kein schlechter Mann sein konnte.
Allerdings fragte ich mich auch, was ich sagen sollte, wenn sie nach Caydens Gebiet fragten. Ich war nicht viel herumgekommen und nur dank Ayden hatte ich das Greifenrennen gesehen. Doch was machte Caydens Territorium besonders? Womit konnte ich vielleicht angeben oder worüber schwärmen?
Da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, entschied ich mich dazu, zu fragen. Damit würden sie von sich erzählen und ich musste selbst nichts preisgeben. »Kanntet ihr euch schon, bevor ihr hierhergekommen seid?«, fragte ich unverfangen.
Natürlich konnte diese Frage auch schlecht aufgefasst werden, doch ich hoffte, dass es nicht so war.
»Nein. Wir kommen von unterschiedlichen Inseln«, erklärte Lissara mit einem Lächeln.
»Ich habe gehört, dass dieses Jahr auch Frauen aus dem Gluthain dabei sein sollen«, bemerkte Ariette plötzlich verschwörerisch.
Ich versuchte nicht zu zucken.
»Der Gluthain ist voller Verbrecher«, flüsterte Aidiri plötzlich angstvoll. »Was sollen wir nur tun, wenn wir ihnen begegnen?«
War das der Grund, warum Cayden mich gebeten hat, nicht zu offenbaren, dass ich aus dem Gluthain kam? Weil die Frauen hier ein völlig falsches Bild von mir haben würden?




Wie konnten sie nur so naiv sein und glauben, dass es nur Verbrecher dort gab? Was war mit den Kindern, die dort geboren wurden? Sie hatten vielleicht Eltern, die schreckliche Dinge getan hatten, doch sie selbst hatten sich nie etwas zu schulden kommen lassen.
Ich ärgerte mich, dass ich dieses Thema angesprochen hatte, doch nun war es zu spät. Sie waren völlig darin vertieft, bemerkten aber bald, dass ich dazu schwieg.
»Was ist deine Meinung dazu, Ascardia?«, fragte Ariette direkt.
Ich zuckte die Schultern. »Ich kann mir kaum vorstellen, dass Frauen, die als Verbrecher gelten, hierherkommen würden. Die Auswahl ist strickt«, bemerkte ich, auch wenn mir Cayden nie viel darüber erzählt hatte.
Ich erinnerte mich an den Tag zurück, als ich mit den ganzen anderen Frauen gekommen war. Nicht alle von ihnen hatten gewirkt, als hätten sie ein anstrengendes Leben. Diese mussten wohl von den Inseln rings um den Gluthain sein. Das erklärte einiges.
Hoffentlich erinnerten sie sich nicht daran, dass ich auch anwesend gewesen war. Immerhin war nur eine einzige Frau bei Cayden zurückgeblieben.
Oder war es vielleicht so, dass auch andere Fürsten Opfer forderten? Vielleicht aus anderen Regionen?
Das würde ich Cayden fragen müssen, denn ich wollte wissen, worauf ich mich einzustellen hatte.
Plötzlich spürte ich ein Schaudern, das meinen Körper erfasste.
Ölige Schlieren streifte meine Beine und ein stechender, widerlicher Geruch drang mir in die Nasse.
Sofort wurde mir schlecht, weil ich genau wusste, zu wem diese seltsame Aura gehörte.
Die Tür schwang auf und Fürst Dorne trat ein.
Erhaben wie immer und flankiert von fünf wunderschönen Frauen, die aussahen, als würden sie unter der Last der Schmuckstücke bald zerbrechen.
»Fürst Veylenreach. Fürst Verdant«, grüßte er und verneigte sich leicht. »Es ehrt mich, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid.«
Seine Stimme klang unterwürfiger als damals bei seinem Besuch.
Laut Cayden war er ein komplizierter Charakter, achtete aber immer sehr darauf, in der Öffentlichkeit seiner Position gerecht zu werden.
Selbst unter den Fürsten gab es unterschiedliche Ränge, die ich noch nicht ganz verstand. Ich wusste nur, dass Cayden und Ayden recht weit oben standen. Cayden war der klare Anführer, doch ich wusste nicht, ob das auch in Verbindung mit anderen Fürste galt.




Die drei Frauen erhoben sich sofort und knicksten, wobei sie ein wenig zitterten.
Ich ließ meinen Blick über Fürst Dorne wandern, bevor ich ebenfalls knickste. Allerdings beobachtete ich ihn ungesehen, um auch nichts zu verpassen.
»Fürst Dorne. Habt Dank für diese Einladung«, erwiderte Fürst Verdant höflich, doch kälter als ich ihn kennengelernt hatte.
Cayden hingegen schwieg lediglich.
»Wenn Ihr mir nun bitte folgenden würdet. Die anderen Fürsten sind ebenfalls angekommen.«
Cayden trat direkt auf mich zu und reichte mir seinen Arm.
Ohne zu zögern hakte ich mich unter, was dafür sorgte, dass Fürst Dorne einen Moment Verwunderung über das Gesicht huschte.
Fürst Verdant gab seinen Frauen lediglich ein kurzes Zeichen, sodass sie sich um ihn versammelte, doch er bot keinen von ihnen den Arm an.
Wenn ich genau darüber nachdachte, hatte ich das auch das letzte Mal nicht gesehen. War das vielleicht nicht üblich? Aber warum machte Cayden es dann?

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