Kapitel 2

Fünf Jahre waren vergangen.
Fünf Jahre, seit Skye aufgehört hatte zu zählen, wie oft sie ihre wenigen Sachen gepackt, neue Namen benutzt und wieder von vorn angefangen hatte. Die Welt war groß, doch für sie und ihren Bruder bestand sie aus immer denselben Orten: Durchgangsstädte, Randgebiete, Landstraßen ohne Ziel.
Magie benutzte sie kaum noch.
Gar nicht, wenn es sich vermeiden ließ.
Magie konnte geortet werden. Jede Form davon hinterließ Spuren – manche laut, manche kaum wahrnehmbar, aber niemals unsichtbar. Weiße Magie war dabei die gefährlichste. Rein, klar, unverkennbar. Ein Leuchtfeuer für jene, die jagten.
Es gab nur eine Ausnahme.
Verschleierung.
Skye hatte sie perfektioniert. Sie lag wie ein Schleier über ihr und Cain, verzerrte Wahrnehmung, ließ ihre magische Signatur verschwimmen. Menschen sahen sie – und hielten sie für unbedeutend. Magische Wesen hingegen übersahen sie vollständig. Sie sahen sie zwar, dachten aber sie sei menschlich.
Der Preis war hoch. Die Magie musste dauerhaft aufrechterhalten werden. Sie kostete Kraft, Konzentration, Schlaf.
Aber sie hielt sie am Leben.
Manchmal wünschte Skye, sie könnte den Schleier nur für einen Moment fallen lassen. Nur einmal atmen, ohne wachsam zu sein. Doch diesen Luxus konnte sie sich nicht leisten. Schwarze Hexen suchten noch immer nach ihnen. Und manchmal spürte sie sie. Ein Ziehen. Ein Flackern. Die Nähe von Ihnen. Dann begann alles von vorn. Jobverlust, Umzug, Neue Stadt, neuer Job, neues Motel.
Das Diner lag an einer einsamen Landstraße, irgendwo zwischen zwei Städten, deren Namen Skye sich nicht einmal mehr merkte. Neonlichter flackerten über beschlagenen Fenstern, der Geruch von Fett und altem Kaffee hing schwer in der Luft. Ein Ort, an dem niemand Fragen stellte.
Skye arbeitete dort seit drei Wochen.
Lange genug, um Geld zu verdienen. Kurz genug, um wieder zu verschwinden.
Carl, der Besitzer, war froh über jede Aushilfe. Er war übergewichtig, schweißig, trug alte T-Shirts und achtete nie darauf, wie er sich bewegte. Oder wohin er sah. Besonders nicht bei ihr. Sie versuchte alles um nicht alleine mit ihm zu sein. Manchmal spürte sie wie er seine fettigen Hände nach ihr ausrichtete aber im letzten Moment zurückzog. Sie war froh der diese Grenze nie überschritten hatte. Sie hoffte das würde er auch nie.




Skye vermied ihn, so gut sie konnte.
Cain saß wie immer in der hinteren Ecke, ein Buch vor sich, ein Milkshake, den er längst nicht mehr anrührte. Er beobachtete. Lernte. Sagte wenig. Das machte Skye traurig. Er sollte mit anderen gleichaltrigen Kindern spielen. Rumtoben alles erleben was ihm versagt blieb.
Skye nahm gerade eine Bestellung auf, als sie es spürte.
Magie. Aber keine einer Hexe.
Etwas anderes.
Eine bösartige Aura.
Ihr Blick hob sich instinktiv zur Tür. Ein Mann war eingetreten. Unauffällig. Dunkle Kleidung. Ruhige Bewegungen. Doch unter der Oberfläche lag etwas Faules. Etwas Kaltes. Die Niedertracht schmeckte bitter auf ihrer Zunge. Skye musste sich aber zusammenreißen. Er setzte sich direkt auf einen Barhocker an die Bar. Sie ging hinüber, den Tresen entlang zu dem neuen Gast an seinem Platz und versuchte sie an einen freundlichen Lächeln.
„Was darf’s sein?“, fragte sie, als sie an seinem Tisch hielt.
Da trat Carl plötzlich hinter sie. Das fand sie merkwürdig. Soweit ging er normalerweise nicht. Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, packten seine Hände ihren Gesäß.
Skye keuchte erschrocken auf. Für den Bruchteil einer Sekunde verlor sie die Kontrolle. Die Verschleierung flackerte. Nur ein Herzschlag – aber genug.
„Lass das“, fauchte sie und wirbelte herum.
Carl grinste. „Stell dich nicht so an.“
Bitte? Na warte.
Da schlug sie zu.
Die Ohrfeige hallte laut durch das Diner. Gespräche verstummten. Besteck klirrte. Sie sah noch einen roten Abdruck auf seiner Wange. Dieser hatte die Form ihrer Hand.
Carl starrte sie an, das Gesicht rot vor Zorn. „Du bist gefeuert!“
Skye riss sich die Schürze vom Leib und warf sie ihm ins Gesicht. „Von mir aus.“
„Und die Uniform bleibt hier!“, brüllte er ihr nach.
Skye antwortete nicht. Sie zog sich in den hinteren Teil zurück und wechselte Puffsachen mit ihrer Alltagskleidung. Sie stürmte wieder nach vorn, griff nach Cain, zog ihn sanft, aber bestimmt hoch. „Wir gehen.“
Cain stellte keine Fragen.
Im Motelzimmer saßen sie später auf der durchgesessenen Couch.
„Tut mir leid“, sagte Skye leise.
Cain schüttelte den Kopf. „Dieser Typ war eklig. Du hast etwas besseres verdient.“
Sie lächelte schwach. „Morgen reisen wir weiter. Da werden wir neue Abenteuer erleben. Vielleicht können wir diesmal auch bleiben.“




Kurt glimmte Hoffnung in seinen Augen auf. Aber diese war nur so kurz zu sehen das sie dachte sie hätte sich das nur eingebildet.
„Okay“, sagte er. Immer okay. Sie wünschte sie könnte ihren kleinen Bruder wahr als das hier bieten. Eine Richtige Wohnung. Eine große Familie. Freunde die immer für ihn einstanden und jeden Tag warme Mahlzeiten. Sie brachte Cain ins Bett und setzte sich neben ihm um ihm beim einschlafen zu helfen und um Alpträume von ihm fernzuhalten. Dabei sang sie leise das Schlaflied was ihre Mutter ihnen immer vorgesungen hatte und streichelte sanft seinen Kopf.
Als Cain später schlief, klopfte es an der Tür.
Skye erstarrte.
Sie wusste, wer es war, noch bevor sie öffnete. Diese giftige Präsenz konnte nur ihm gehören.
Der Mann aus dem Diner stand draußen. Ruhig mit einem Haifischlächeln im Gesicht. Jetzt wusste sie auch um was für eine Art Wesen es sich handelte. Gestaltwandler!
„Du hast mich kurz sehen lassen, was du bist“, sagte er leise aber bestimmt.
Ihr Herz raste. Ihr wurde schlecht.„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“
„Doch“, entgegnete er sanft. „Du hast jetzt keine Wahl mehr. Nur so kann ich sie wiedet bekommen.“ murmelte er völlig konfus daher.
Er hob die Hand. Seine Finger verwandelten sich – Haut riss, Knochen verschoben sich, eine Kralle trat hervor. Schaute sie jetzt aus völlig irren Augen an.
„Ich brauche dich“, sagte er ruhig. „Du wirst mich verschleiern, wenn ich es verlange.“
„Nein“, flüsterte Skye.
„Dann sterbt ihr beide.“ zischte er.
Ihre Beine wollten sie nicht mehr tragen.
„Mein Bruder…“, begann sie.
Er lächelte. „Bleibt unversehrt. Solange du kooperierst.“
Sie nickte. Zitternd und ängstlich.
Am nächsten Morgen stellte sie ihn Cain vor.
„Das ist Marek“, sagte sie mit belegter Stimme. „Ein Bekannter.“
Cain musterte ihn. „Hallo.“
Marek lächelte freundlich.
Skye wusste es besser.
Sie hatte einen Deal geschlossen.
Und sie wusste, dass Deals mit Monstern immer ihren Preis forderten.

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