Kapitel 25

Der Morgen begann mit einem Knoten in Skyes Magen.
Sie stand am Rand des Trainingsplatzes. Neben ihr Asher. Vor ihr Cain.
Cain hielt sich ein paar Schritte abseits der Jungwölfe. Er wirkte aufmerksam, viel zu ernst für sein Alter. Die Trainingskleidung war schlicht, offenbar aus dem Fundus des Rudels. Nichts Offizielles, nichts Verpflichtendes – und trotzdem zog sich Skyes Brust zusammen, als würde jeden Moment etwas schiefgehen.
Asher bemerkte es sofort.
Er trat einen halben Schritt näher zu ihr, ohne den Blick vom Platz zu nehmen.
„Er macht nur die Aufwärmübungen.“
„Ich weiß“, sagte Skye zu schnell. „Aber er stolpert immer, wenn er nervös ist.“
„Dann bin ich da“, erwiderte Asher ruhig. „Und ich lasse ihn nicht fallen.“
Skye sah ihn an. Sie suchte nach Überheblichkeit, nach falscher Sicherheit. Sie fand keine.
„Du hast das versprochen“, sagte sie leise.
Asher nickte. „Und ich halte meine Versprechen.“
Cain lief los. Langsam. Kein Kampf, kein Kontakt mit anderen Wölfen. Nur Bewegung, Koordination, Atmung. Trotzdem zuckte Skye bei jedem unsauberen Schritt zusammen.
„Skye“, sagte Asher nach einer Weile ruhig. „Atmen.“
Erst da merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte.
„Du sagst das zu leicht.“
„Weil ich weiß, was ich tue.“
„Und wenn nicht?“
Er sah sie an. Direkt. Ohne Ausflüchte.
„Dann höre ich auf.“
Das Training endete ohne Zwischenfall.
Cain rannte zu ihr, verschwitzt, aber strahlend.
„Ich hab’s geschafft!“, rief er außer Atem. „Und ich bin nicht hingefallen!“
Skye zog ihn sofort an sich. „Ich hab’s gesehen.“
Asher lächelte nur kurz. Zufrieden. Nicht stolz.
Später standen sie vor dem Rudelhaus, bereit zur Abfahrt. Livia hielt bereits den Autoschlüssel in der Hand. Asher war noch bei ihnen gewesen, bis sein Handy geklingelt hatte.
„Firma“, hatte er nur gesagt und leicht das Gesicht verzogen. „Ich komme später nach.“
Skye nickte, auch wenn sie es schade fand. Cain hingegen war sofort begeistert gewesen, mitzufahren.
Gerade als sie einsteigen wollten, klingelte Livias Handy. Sie sah auf das Display und verzog das Gesicht.
„Na endlich meldet sich dieser Mistkerl“, murmelte sie.
Skye sah sie überrascht an.
„Ich muss da rangehen“, sagte Livia und nahm ab. „Du wolltest, dass ich dich zurückrufe?“




Aus dem Lautsprecher kam sofort eine gereizte Stimme.
„Das habe ich dir vor einer Woche geschrieben. Du gehst nie ran.“
Cain hatte sich bereits auf den Rücksitz fallen lassen und zupfte an einem losen Faden seiner Wolljacke.
„Jetzt redest du ja mit mir“, sagte die Stimme kühl. „Also. Was willst du?“
Livias Stimme wurde kalt.
„Bennett. Ich will Belle sprechen.“
Eine Pause. Dann seine Stimme, kühl und abwehrend:
„Das geht nicht. Sie ist noch nicht so weit.“
Livia runzelte die Stirn. „Noch nicht so weit wofür?“
„Sie hat sich noch nicht erholt. Sie schläft viel. Die Verletzungen waren schwer.“
Skye hob den Kopf. „Das stimmt nicht.“
Livia sah sie überrascht an, hob eine Braue. Skye zögerte nur einen Moment.
„Ich habe ihr geholfen“, sagte sie ruhig. „Mit Heilmagie. Sie war stabil, als ich gegangen bin. Mehr als das.“
Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Bennett hatte jedes Wort gehört.
„Das spielt keine Rolle“, sagte er schließlich. Zu schnell. Zu glatt.
Livia erstarrte. „Wie bitte?“
„Es ist meine Entscheidung. Nicht deine.“
„Nein“, entgegnete Livia scharf. „Das ist sie nicht. Es ist Ihre Entscheidung. Sie ist meine Freundin. Und ich möchte wissen wie es ihr geht. Was passiert ist.“
„Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.“
„Dann wird es nie einer“, sagte Livia kalt. „Ich. Will. Wissen. Wie. Es. Ihr. Geht. Du kannst sie nicht von mir fernhalten.“ Sie betonte jedes Wort.
Eine lange Pause. Dann ein Seufzen.
„Gut. Wir sehen uns bald. Aber ich muss sicher sein, dass es ihr gut geht.“
„Du meinst, dass du dich gut fühlst“, erwiderte Livia.
Er antwortete nicht mehr. Das Gespräch brach ab.
Livia starrte auf ihr Handy. „Unglaublich. So ein Mistkerl. Kaum zu glauben, dass ich mal für ihn gearbeitet habe.“
„Was ist sein Problem?“, fragte Skye leise.
„Sie sind Gefährten“, murmelte Livia.
Skye spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Dieses Wort schon wieder. Es klang endgültig. Doch bevor sie nachfragen konnte, meldete sich Cain.
„Können wir jetzt los?“
Livia setzte sich ans Steuer, Skye auf den Beifahrersitz.
Die Stadt war belebt, aber nicht laut. Livia ließ ihnen keine Zeit zum Nachdenken. Ein Laden nach dem anderen. Jacken. Pullover. Hosen. Schuhe. Kleider. Auch für Cain, der erst verlegen war und dann immer begeisterter wurde.




Skye verlor irgendwann den Überblick. Tüten stapelten sich. Ihr Kopf schwirrte.
„Das ist zu viel“, sagte sie mehr als einmal.
„Das ist ein Anfang“, entgegnete Livia jedes Mal.
Zum Schluss blieb Livia abrupt vor einem Schaufenster stehen. Spitze. Seide. Gedämpftes Licht. Die Unterwäsche darin war eindeutig mehr zum Zeigen als zum Verhüllen gedacht.
Skye blieb stehen. „Nein.“
„Doch“, sagte Livia grinsend.
„Ich brauche das nicht.“
„Du brauchst es nicht“, sagte Livia ruhig. „Aber du darfst es haben.“
Cain wurde mit einer Tüte und einer klaren Anweisung auf eine Bank geschickt. Skye wurde mitgezogen.
Die Boutique war ruhig und diskret. Livia war in ihrem Element. Skye hingegen wurde von einem roten Spitzenstück nach dem anderen überrumpelt.
„Das ist… viel“, murmelte sie.
„Asher lebt nicht im Zölibat“, sagte Livia trocken.
Skye wurde knallrot. „Das ist nicht—“
„—deine Entscheidung allein“, unterbrach Livia sanft. „Aber du darfst dich schön fühlen. Für dich. Und vielleicht auch für Asher.“ Sie zwinkerte.
Skye schwieg. Und ließ es zu.
Livia warf ihr ein rotes Babydoll zu. „Probier es an.“
Zögernd ging Skye in die Umkleide, zog sich um und trat wieder heraus.
Livia jubelte. Cain war vollkommen desinteressiert.
Dann klingelte die Türglocke.
Skye wollte sich instinktiv zurückziehen – doch als sie die Person erkannte, erstarrte sie.
Asher stand im Laden.
Sein Blick blieb an ihr hängen. Offen und Hungrig. Seine Augen verdunkelten sich. Er leckte sich unbewusst über die Lippen, während sein Blick über sie wanderte. Skye spürte, wie ihr Gesicht brannte.
Asher schluckte und versuchte sichtbar, den Blick abzuwenden.
Livia schnippte mit den Fingern. „Damit wissen wir wohl, was du auf alle Fälle nimmst.“
Als sie den Laden verließen, war Skye erschöpft und ihr Gesicht noch immer heiß. Asher schwieg neben ihr. Er verabschiedete sich kurz und knapp von ihren um zu seinen Wagen zurückzukehren.
Die ganze Rückfahrt mit ihren eigenen Auto redete Livia ununterbrochen über Ashers Gesichtsausdruck. Cain war weiterhin desinteressiert und Skye …
Skye sagte nichts.
Aber sie lächelte unbewusst.

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