Kapitel 17
Belle zog die Tür zu Cades Büro behutsam hinter sich zu und verharrte einen Moment im Flur, länger als nötig. Ihr Herz schlug zu schnell, ihr Atem war flach, und sie war sich mit schmerzlicher Klarheit bewusst, dass ihre Frisur aussah, als hätte sie mit einem Sturm oder einem Ventilator gerungen. Oder mit dem Chef. Auf seinem Schreibtisch.
Nein. Diesen Gedanken würde sie garantiert nicht bis zu Ende denken.
Sie zupfte ihren Pullover zurecht, glättete den Rock, fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und versuchte, Ordnung hineinzubringen. Es brachte ungefähr so viel wie ein Teelöffel gegen Ebbe und Flut: nichts. Absolut gar nichts. Die Glaswand des Flurs zeigte ihr das Resultat schonungslos: errötete Wangen, leicht verwilderte Haarsträhnen und ein Blick, der verdächtig lebendig wirkte. Zu wach. Zu frisch geküsst. Zu erhitzt.
„Hervorragend,“ murmelte sie. „Genau so möchte man wirken, nachdem man ein ‚professionelles Gespräch‘ mit dem Chef geführt hat.“
Sie holte tief Luft, strich sich erneut über den Ansatz – die Haarsträhnen standen noch immer trotzig ab, als hätten sie mit Elektrizität Bekanntschaft gemacht (und wenn Cade als elektrisches Feld galt, ergab das erschreckend viel Sinn).
„Fokus,“ murmelte sie und marschierte mit entschlossenem Schritt zurück ins Großraumbüro.
NovaTechs Legal-Open-Space war am späten Nachmittag eine Mischung aus gedämpfter Konzentration und leiser Betriebsamkeit. Bildschirme leuchteten, Telefone summten, Tastaturen klackerten wie feiner Regen. Noch bevor Belle ihren Platz erreichte, ertönte die Stimme einer Kollegin, die grundsätzlich zu viel bemerkte und nie zu wenig kommentierte:
„Da bist du ja.“
Merle stand an Belles Schreibtisch, Bleistift in der Hand, die Brille mit strengem Rahmen verrutscht vom langen Tragen. Mit dem roten Lippenstift und der scharfen Beobachtungsgabe wirkte sie wie eine Mischung aus Modejournalistin und Ermittlerin.
„Ich warte schon ziemlich lange,“ verkündete sie.
Belle setzte sich. „Ist das ein organisatorisches Problem?“
„Nein,“ erwiderte Merle und zog einen Stuhl heran. „Aber meine Neugier hat eine mangelhafte Impulskontrolle.“
David drehte sich im Bürostuhl von seinem Platz gegenüber herüber. Dunkle Locken, zerknittertes Hemd, Kaffeebecher in einer Hand – der Inbegriff eines effizienten Juristen am Limit.
„War’s schlimm?“ fragte er und tippte mit dem Stift gegen seinen Block.
„War’s langweilig?“ ergänzte Merle.
„Oder,“ fuhr David fort, „war’s so, wie es gerade aussieht?“
Belle blinzelte gleichmäßig. „Wie… sieht es denn aus?“
Merle beugte sich vor, taxierte Belles Haare und sagte mit vollkommener Ernsthaftigkeit:
„Als hätte ein Tornado deine Frisur persönlich auserkoren und wäre dann wieder abgezogen.“
Belle strich sich automatisch wieder über den Kopf. „Es… war nur ein Gespräch.“
„Jemand sollte dir erklären, was das Wort ‚nur‘ bedeutet,“ murmelte David und nahm einen Schluck Kaffee.
Belle ignorierte beide und klappte ihren Laptop auf, suchte die nächste NDA und versuchte, den Cursor dorthin zu setzen, wo sie eigentlich schreiben wollte. Merle beobachtete sie unverhohlen weiter.
„Rein hypothetisch,“ begann sie mit dem gefährlich neugierigen Tonfall einer Klatschkolumnistin. „Wenn man mit Cade Bennett allein im Büro sitzt – redet man dann über Richtlinien… oder über Richtungen?“
Belle hob den Kopf. „Merle.“
„Was denn? Das ist Recherche.“
„Wir haben über juristische Zuständigkeiten gesprochen,“ sagte Belle, während sie endlich die richtige Zeile im Dokument traf.
„Und das erklärt die Haare?“ fragte David.
„Und die Wangenfarbe,“ ergänzte Merle.
„Und die… elektrische Gesamterscheinung?“ David zeichnete Kreise in die Luft.
Belle legte die Hände bewusst ruhig in den Schoß, atmete durch und sagte präzise:
„Wir haben gesprochen. Ende.“
Merle und David tauschten den universal verständlichen Blick aus, der bedeutete: Sie sagt definitiv nicht alles. Dann zog Merle sich – vorläufig – zurück an ihren eigenen Tisch.
Der restliche Arbeitstag verlief ruhiger. Belle diktierte Stellungnahmen, prüfte Compliance-Passagen, führte Telefonate mit einer Kanzlei in Frankfurt und formulierte eine sachlich-kühle E-Mail, in der sie erklärte, dass NDAs keine unverbindlichen Vorschläge seien.
Zwischendurch rief Merle über die Monitore hinweg: „Wenn Seraphina morgen wieder auftaucht, gib mir vorher drei Minuten Vorwarnung. Ich brauche Popcorn.“
David hob die Hand. „Und ich Noise-Cancelling-Kopfhörer.“
Belle ignorierte sie wortlos – aber der Ansatz eines Lächelns verriet sie.
Als die Uhr 17:02 anzeigte, stand David auf, schulterte seine Aktentasche und rief: „Feierabend, ihr juristischen Superhelden!“
Merle packte ihren Laptop ein, drehte sich zu Belle und fragte: „Kommst du mit zur Bahn? Oder wirst du abgeholt?“
Belle öffnete gerade den Mund – da hörte sie Schritte auf dem Flur.
Cade.
Er erschien im Eingangsbereich des Großraums, mit schwarzem Mantel, ruhiger Haltung und der Art Präsenz, die keinen Versuch brauchte, Eindruck zu machen. Die Gespräche im Raum verstummten nicht völlig, wurden aber deutlich leiser.
David starrte. Merle starrte. Belle hätte sich am liebsten spontan ins WLAN geklickt und deinstalliert.
„Fertig?“ fragte Cade. Nicht laut, nicht herrisch – aber mit einem Unterton, der keinerlei Missverständnisse duldete.
Belle stand auf, griff ihre Tasche und sagte: „Ja.“
Merles leises, ehrfürchtiges „Oh mein Gott“ schwebte hinter ihr her.
„Bis morgen, Belle,“ rief David und hob eine Hand.
„Bis morgen,“ sagte sie und folgte Cade.
In der Tiefgarage war es kühl und gedämpft. Cade öffnete ihr die Beifahrertür. Nicht galant im gesellschaftlichen Sinne – sondern selbstverständlich. Als sei es eine Regel, die nie erklärt werden musste.
Belle setzte sich. Cade stieg ein, startete den Motor und fuhr los. Die Stadtlichter zogen vorüber, wandelten sich langsam in Dunkelheit und schneebedeckte Straßen.
Belle starrte aus dem Fenster, die Finger eng um den Taschengurt geschlossen, bis sie schließlich sagte:
„Merle glaubt, ich hätte etwas mit meinem Chef.“
Cade blickte kurz zu ihr. „Du hast etwas mit mir.“
Belle wirbelte herum. „Wir haben überhaupt nichts—“
„Du bist meine Gefährtin,“ unterbrach er ruhig. „Das ist mehr als ‚etwas‘. Und nur weil wir noch keinen Sex hatten, heißt das nicht, dass es nicht passieren wird.“
Belle riss den Blick wieder nach vorn. Ihr Herz machte eine Volte, die beruflich und juristisch fragwürdig war.
„Das wissen aber nur wir.“
„Und mein Rudel.“
„Und jetzt Merle und David.“
„Gut,“ sagte Cade. „Dann verbreitet es sich schnell genug.“
Belle schloss kurz die Augen, atmete tief aus und sagte schließlich: „Das ist nicht normal.“
„Korrekt,“ sagte Cade. „Gefährten sind nicht normal.“
Sie schwiegen, während die Straße immer waldreicher wurde. Schließlich tauchte das Herrenhaus im Dämmerlicht auf — groß, warm erleuchtet, vom Schnee umhüllt.
Cade parkte, stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete ihre Tür.
Belle hob das Kinn. „Du machst das jedes Mal.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil du meine Gefährtin bist,“ sagte er. „Das reicht als Erklärung.“
Belle stieg aus. Und obwohl sie kein Wort sagte, lag in ihrem Gang etwas, das Cade bemerkte.
Sie ging nicht davon.
Sie ging hinein.
Und blieb.
Heute. Wieder.



































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