Kapitel 18
Feen im Kampf gegen böse Geister. Skyla kneift sich mehrere Male, doch Mia verschwindet einfach nicht. Ein solch anmutiges Geschöpf schwirrt weiterhin ganz nah an Milan und unterhält sich mit ihm ganz vertraut. Mia wirkt nicht menschenscheu. Sie sorgt sich auch noch um Milan wie es sich aus den Gesprächfetzen heraushören lässt. Ihre Beziehung scheint ganz besonders sein. Aber auch der Fee schenkt er ein charmantes Grinsen und verbirgt seine Gefühle weiterhin hinter einer Maske.
„Wir kommen klar“, besänftigt Milan seine winzige Kameradin.
„Mhm“, summt die Fee, als sei sie anderer Meinung.
Augenrollend fliegt sie zu dem bewusstlosen Teddybären. Ein kurzer Blick auf den Fang zeigt ihr Misstrauen. Auch Skyla wäre das Ding suspekt. Der Dämon könnte jederzeit erwachen oder seine Bewusstlosigkeit vortäuschen. Nach all den verrückten Ereignissen bleibt Skyla wachsam und hegt ihre Zweifel. Die Fee rümpft die Nase und verzieht das Gesicht, als wolle sie einen blöden Spruch ablassen. Gegen Skylas Erwartung greift sie nach dem schlappen Arm des Plüschtiers. Allein die Länge des einzelnen Glieds überragt sie ums Doppelte.
Ob die kleine Fee den Dämon überhaupt allein transportiert bekommt?
Der Gedanke liegt bereits auf der Zunge und will ausgesprochen werden, da wirbelt die Fee mit einer Hand Kreise in der Luft. Eine leichte Brise streift Skyla und gewinnt an Kraft. Die Windenergie wird an der Fee vorbeigezogen und sammelt sich nah an dem magischen Geschöpf. Ein Knoten aus Energie beginnt erst zu glitzern, als befinden sich im Zentrum Scherben, die Licht reflektieren. Eine Masse aus verschiedenen Lilatönen quillt im Auge des Sturms auf und nimmt Form an. Die Substanz erinnert an Acrylfarbe und setzt sich in Bewegung. Ein kreisrunder Spiegel entsteht mitten in einem Strudel aus Wind und Licht. Das Innenleben des Spiegels erinnert rein optisch an einen gefärbten Lavastrom. Denn die glühenden Farbnuancen tanzen eng miteinander und verschmelzen zu einer Paste, die sich jedoch nicht von den Farben her vermischt. Skyla hegt keine Zweifel, dass es sich hier um ein Portal handelt. Von der Größe her reicht es gerade mal für die beiden Fabelwesen aus. Furchtlos steuert Mia den Durchgang mit dem bösen Bären an. Die Winde heißen sie willkommen und haben keinen Einfluss auf ihr Flugverhalten. Es wirkt um Mia fast windstill, als befinden sie sich wahrlich im Auge des Sturms. An der Spiegelfläche entstehen Wellen, als Mia diese berührt. Sie versinkt in der dickflüssigen Masse, als tauche sie gerade in gefärbte Schokolade ein. Kaum ist die Pforte durchschritten, verblassen die Farben. Der Windsog verliert an Kraft. Das Portal schließt sich und verblasst allmählich. Die funkelnde Magie hinterlässt keine Rückstände, sodass es wie ein Traum wirkte. Das muss Skyla kurz verdauen.
„Gute Arbeit für einen Anfänger“, lobt Milan sie.
„Deine Fee mag mich nicht“, hat Skyla erkannt.
Milan lächelt unschuldig. „Ja, das kommt nicht oft vor.“
Er mag sich wundern, dabei hat er ihren schwierigen Charakter doch selbst gesehen. Skyla ist nicht für ihre Nettigkeit bekannt. Sie ist jemand, der gern mehr Feinde als Freunde macht. Aber anders als bei dem kleinen Kind hat die Fee es auch nicht gerade mit Freundlichkeit versucht. Verübeln kann die Schülerin ihr das Verhalten dennoch nicht. Der erste Eindruck war alles andere als gut. Miserabel trifft es wohl eher.
„Wer ist Boro?“, wechselt sie bewusst das Thema und folgt ihm zu dem Lichtkreis.
Milan atmet genervt aus. „Ein kleiner Schlangendrache.“
Diese Antwort überrascht sie ungemein. Erst eine Fee und nun ein Drache. Aber wo soll er bitteschön solch ein Wesen verstecken?
„Du hast einen Drachen bei dir?“
Statt darauf einzugehen, bevorzugt Milan das Schweigen. Er weicht ihrem Blick aus, als bereue er sogar, darauf geantwortet zu haben. Skyla erkennt, dass sie daher keine weiteren Informationen zu seinem Drachen erhalten wird.
Kurz vor dem Lichtkreis kommt sie jedoch zum Halt. Grund dafür sind Zweifel, die sie plagen. Milan stolperte erst kürzlich in ihre Welt. Er scheint wahrlich helfen zu wollen, aber macht auch den Anschein, als habe er selbst kaum eine Ahnung von dem, was er tut. Die leuchtenden Elemente wirken sowohl einladend, als auch bedrohlich. Sie bereiten ihr jedoch überwiegend Unbehagen.
Dies mag der Geisterjäger erkennen und bietet ihr daraufhin seine Hand an. „Keine Angst. Aber wenn es dir hilft, dann hier.“
Zögernd greift sie zu und folgt ihm auf den Lichtkreis. Kaum treten die beiden auf die leuchtende Fläche, lösen sich die sonderbaren Veränderungen ihrer Umgebung auf. Der Rauch, die Flugpartikel und das unheimliche Licht. Die Stille wird von den Schreien und dem Gelächter der Attraktion durchbrochen. Ein Blick umher und sie findet wenige Meter hinter sich der vertrauten Stelle des Geisterhauses, bevor sie ins Loch fiel und in der Schneise zweier Welten erwachte. Neugierig beobachtet Skyla, wie Milan genau diesen Fleck ansteuert. Das verschlingende Loch im Boden begrüßt Skyla mit einem mulmigen Gefühl.
„Der Eingang ist nicht fort. Was ist, wenn in unserer Abwesenheit noch mehr Leute reingefallen sind?“, spricht die Sorge aus ihr.
Milan drückt zum Beweis seine Hand auf eine gläserne Oberfläche, die sie ohne ihn nicht bemerkt hätte. Das Loch wurde versiegelt und wirkt nun wie ein Fenster in einen tiefen Abgrund.
„Mia hat sich schon darum gekümmert. Aber ihr Zauber verliert schon an Wirkung. In wenigen Minuten ist das Loch wieder offen. Aber ich kümmre mich darum.“
Kaum angekündigt holt er einen gelben Papierstreifen aus seinem Mantel. Der Zettel erwacht im selben Augenblick zu Leben und bewegt sich wie eine tanzende Flamme. Immer schneller, bis sich der Fetzen vom Geisterjäger losreißt. Skylas Augen weiten sich, als das Papier an Volumen gewinnt und sich als großes Tuch auf den Boden legt, bevor es im gleichen Moment mit den Holzbrettern verschmilzt und sich den Dielen entsprechend tarnt.
„Ähm“, mehr bringt Skyla nicht heraus.
Milan zwinkert ihr mit einem unschuldigen Lächeln zu. „Hexenmagie.“
„Hexen…was?“
„Hexenmagie“, wiederholt er amüsiert.
„Wow.“
Das ist zu viel für Skyla.
„Wollen wir weiter?“
Aber sie bleibt verbissen und erinnert sich: „Dein Drache! Erzähl mir mehr darüber.“
„Wenn es sich vermeiden lässt, würde ich ihn wirklich schlafen lassen. Er ist nicht mehr der Jüngste und mag es nicht, unnötig geweckt zu werden.“
Skyla will sich eigentlich nicht geschlagen geben, aber ihnen kommen einige Besucher des Geisterhauses entgegen. Milan lässt die Gruppe vorbei und macht einen Schritt auf Skyla zu. Erneut streckt er ihr seine Hand auffordernd entgegen.
„Lass diesen Ort verlassen. Meine Arbeit hier ist getan. Wenn möglich, hoffe ich, dass wir von weiteren bösen Geistern verschont bleiben. Ich bin nicht oft unter anderen Leuten, also ist dies hier meine Chance, ein wenig Freizeit zu genießen. Ich kann mal zur Abwechslung meinen Beruf ausblenden. Sei mir also bitte nicht böse, wenn ich alle Gespräche über meinen Job auf morgen verschiebe. Ich bin erst vor Kurzem in dieser Stadt gelandet. Sie ist groß und ich verliere oft den Überblick. Erzähle mir doch von hier und lasse mich nur für den Rest des Tages vergessen, was ich eigentlich mache“, bittet er sie.
Skyla kann ihn schon verstehen. Bei solch einem Job wünscht man sich sicherlich etwas Normalität. Also will sie seinem Wunsch nachgehen.
„Einverstanden.“
Aber nach seiner Hand will sie nicht greifen, denn es fühlt sich falsch an und könnte zu Missverständnissen führen. Leider macht Milan keine Anstalten, seinen Arm sinken zu lassen. Er grinst noch immer doof rein, als sei er überzeugt, sie greife zu.
„Geh einfach vor“, unterbreitet sie ihm den Vorschlag.
Völlig erschöpft, schließlich sinkt der Adrenalinspiegel. Die Gefahr ist gebannt und die Hetzjagd hat ein Ende. Skyla sehnt sich nach einer Stärkung, nach einer Atempause. Nach frischer und hoffentlich kühler Luft. In diesem Geisterhaus ist es heiß und stickig.
„Unmöglich. Dich muss ich an der Hand nehmen, bevor du in die nächste Gefahr stolperst.“
Er lächelt noch immer verdächtig, als genieße er die Lage. Doch Skyla schüttelt eisern den Kopf.
„Das sorgt doch nur für Missverständnisse. Besonders bei Emilie.“
Nun legt Milan den Kopf schief und tritt sogar näher heran. Nicht mit ihr. Sie läuft rückwärts und gerät dabei fast ins Stolpern. Kaum abgefangen von der Wand, rückt er ihr auf die Pelle und führt ihr vor Augen.
„Du bist bleich, Skyla. Solche Erfahrungen gehen nicht spurlos an uns vorbei. Lass mich dich sicher hinausführen. Fern von der Schneise. Deine Freunde werden dir ansehen, wie kränklich du aussiehst. Sie werden Erbarmen mit dir haben.“
Und doch widerstrebt ihr der Gedanke ans Händchenhalten. Aber Milan hat Recht. Ihre Beine fühlen sich an wie Wackelpudding. Die Hitze in dem Raum macht ihr zu schaffen und sie will einfach nur fort. Daher legt sie zögernd ihre in seine Hand und fühlt sich im gleichen Moment albern. Solch ein Verhalten legen eher Paare an den Tag oder Eltern, die ihre Kinder behüten wollen.
„Du strebst also eine Karriere als Köchin an?“, plaudert Milan zufrieden drauf los.
„Sieh an, du hast mich bereits durchleuchtet.“
„Nur ein wenig“, untertreibt er.
Sie verlassen gemeinsam das Geisterhaus und Lukas‘ Blick gefällt ihr überhaupt nicht. Fast würde Skyla meinen, dass er eifersüchtig ist. Es wird unbehaglich, daher zieht sie ihre Hand zurück. Etwas, das Milan nicht stört, schließlich scheint er mehr die freudige Atmosphäre vor Ort zu genießen.
Zu lange ruht Skylas Blick auf den Geisterjäger. Etwas, was nicht unbemerkt bleibt. Milan schenkt ihr ein herzallerliebstes Lächeln und zwinkert ihr frech zu. Mit klopfendem Herzen dreht sie sich eilig von ihm weg, nur um dann Lukas’ vorwurfsvollen Blick abzubekommen.
Ihr bester Freund tritt näher an sie heran und verkündet mit ungewöhnlich strenger Stimme: „Verzeih mir, aber das Mädchen wurde sofort von ihrem Vater in die Arme geschleust. Ich hatte keine Möglichkeit mit ihnen zu reden.“
Das Mädchen?
In Anbetracht der vielen neuen Entwicklungen steht sie kurz auf dem Schlauch, bis ihr der wahre Grund einfällt, warum sie das Geisterhaus aufsuchte.
„Wie schade“, spielt Skyla das vorgetäuschte Interesse an den Bären weiter vor.
Ihr darauffolgendes Lächeln wirkt unnatürlich, da ist sich Skyla sicher. Genauso so sehr wie in dem Punkt, Verdacht bei ihrem Kindheitsfreund geschöpft zu haben. Lukas‘ Stimmung ist deutlich umgeschlagen, er ist still geworden und sein Ausdruck wirkt verbittert. Einen Anblick, den sie zuletzt zu sehen bekam, als die Ehe seiner Eltern zu Bruch ging.
Milan hingegen interessiert sich mehr für das verschwundene Schaf: „Wo ist eigentlich Emilie?“
„Sie holt sich Zuckerwatte“, berichtet Lukas noch immer ganz steif.
Damit hellt die Miene des Geisterjägers auf und ein kindlicher Ausdruck macht sich bei ihm breit.
„Wartet ihr hier? Ich hole mir auch etwas!“
Milan hat zwar die Güte zu fragen und doch gibt er ihnen keine Möglichkeit, zu antworten. Vorher befindet er sich schon über alle Berge.
Das kommt Skyla eigentlich ganz gelegen. Ungestört lässt es sich besser mit Lukas reden und sie kann sich vorsichtig an den Grund seiner schlechten Laune tasten.
„Alles gut bei dir, Lukas?“
Kaum ist es ausgesprochen, mag sich Skyla selbst ohrfeigen. Denn es ist offensichtlich, dass dies eben nicht der Fall ist.
„Was läuft da zwischen dir und dem Kerl?“, kommt Lukas direkt zur Sache.
„Warum? Selbst, wenn da was wäre, was aber nicht der Fall ist, was würde dich daran stören?“
Solch ein unsichereres Gestammel hat sie schon lange nicht mehr von sich gegeben. Es wird einfach immer peinlicher. Das Glühen in ihren Wangen bleibt ihr nicht verborgen und ihr verdammter Kopf ruft ausgerechnet jetzt unzählige Erinnerungsfragmente von Milan herauf, wo er ihr seine freundliche, freche und schon fast fürsorgliche Seite präsentiert. Ihr verräterisches Herz schlägt zu laut. Zu wild. Was für eine Blamage! Fast ist der Punkt erreicht, einfach zu verschwinden. Hinzu kommt die Bestrafung durch das lange Schweigen. Lukas weiß leider, wie er sie ganz nervös machen kann.
Zu ihrem Glück unterbricht er die Stille, sonst hätte Skyla tatsächlich die Flucht ergriffen.
Lukas teilt ihr seine ehrliche Meinung über Milan mit: „Mich plagt ein schlechtes Gefühl. Denn er behandelte dich noch vor kurzem mit solch einer Respektlosigkeit, dass ich mich beherrschen musste, euch nicht den Abend zu zerstören. Ich kenne ihn zwar nicht, aber ich habe das Gefühl, dass er viele Geheimnisse vor uns hat. Milan ist bestimmt so ein Typ, der dir das Herz brechen wird. Jemand, der nur wenig Verständnis in eine Beziehung einbringen würde.“
Eine Sicht, die sie eigentlich teilt. Ihr Verstand gibt ihm Recht, aber das Herz glaubt an die guten Seiten des Geisterjägers.
Lukas ist in Sorge und das macht sie überaus glücklich. Er spielt wieder den großen Bruder, den sie sich schon immer wünschte.
Skyla schmunzelt freudig über seinen Beschützerinstinkt. „Du überraschst mich immer wieder aufs Neue.“
Ihm ist jedoch nicht nach Lächeln, stattdessen rät er ihr besorgt: „Verliebe dich bloß nicht in diesen Kerl, Skyla. Der Typ sieht nach Ärger aus. Woher kennst du ihn eigentlich?“
„Er hat mich gestalkt“, rückt sie mit der Wahrheit aus.
Schließlich würde Emilie eh nicht ihre Klappe halten können. Mit dieser Antwort beruhigt sie ihren besten Freund zwar nicht, aber wenigstens belügt Skyla ihn auch nicht.
Wieder wird Lukas auffallend still und sein Blick prüfend.
„Du meinst das Ernst oder?“
„Ja“, antwortet sie ihm etwas gleichgültig.
Denn die Lage hat sich geändert. Milan will anscheinend wirklich nur helfen. Sie hat die Lage falsch eingeschätzt und fürchtet, ihm unnötig Ärger gemacht zu haben.
„Und Emilie wusste davon?“, möchte Lukas, die Situation besser verstehen.
„Sie war von Anfang an von ihm begeistert. Schließlich erzählte Milan ihr, dass er sich in mich verliebt hätte. Emilie war ganz schön sauer, als ich die Sache mit Milan geklärt habe. Eigentlich sollte er mir nicht mehr unter die Augen treten.“
Jetzt muss sie zwar etwas schummeln und doch stimmt es ja im Groben und Ganzen.
„Alles klar, ich entführe dich jetzt einfach. Fern vor dem Kerl. Es ist nicht gut, was Emilie gemacht hat.“
Zwar gibt sich Lukas Mühe, albern zu klingeln, aber für ihn hat der Spaß schon lange geendet. Seine Miene ist eisern, wie in Stein gemeißelt, und die Sorge blickt aus seinen Augen. Eine beunruhige Entwicklung.
„Warte, es ist diesmal gar nicht so schlimm.“
„Nicht so schlimm?“ Er klingt empört. „Weißt du eigentlich, was du da von dir gibst?“
„Ich hatte ein klärendes Gespräch mit Milan und es gab eine Reihe Missverständnisse“, beschwichtigt Skyla das Ganze.
„Missverstände?“ Lukas lässt sich das Wort auf der Zunge zergehen und die Enttäuschung ist groß, als er den Blickkontakt sucht. „Seit wann bist du so naiv geworden, Skyla?“
Sie verzweifelt an seiner Beharrlichkeit und seinem starken Beschützerinstinkt. Daher nimmt sie seine Hände in ihre und übt einen sanften Druck aus.
„Lukas“, spricht sie seinen Namen flehend aus, bevor sie fortfährt, „meine Ausbildung geht noch ein ganzes Jahr und es wäre nicht ratsam, mir Emilie jetzt zum Feind zu machen. Sie hat mich um diesen Abend angefleht. Wenn ich jetzt gehe, dann mache ich mir die restliche Ausbildungszeit unnötig schwer.“
Ihr Kindheitsfreund überlegt kurz. „Und wenn ich sage, mir würde es nicht gutgehen? Dann könntest du mich begleiten und wir sehen uns das Feuerwerk außerhalb der Kirmes an.“
„Hast du denn etwa keinen Spaß hierbei?“
„Ich mag es nicht, wie du mich in den Hintergrund schiebst. Wenn du mir versprichst, bei mir zu bleiben, dann gebe ich dem Ganzen eine Chance. Aber ich kenne Emilie und den Kerl nicht. Ich habe mich eigentlich gefreut, dich heute zu treffen. Also hau nicht einfach ab.“
Ein berechtigter Einwand.
Sie nickt und betrachtet ihn entschuldigend.
„Das war gar nicht meine Absicht.“
„Das weiß ich und ich will es dir auch nicht verübeln, denn mit ihm hast du ja nicht gerechnet oder?“
„Nein“, flüstert sie bedrückt.
Kaum hebt Skyla den Kopf und macht sie Milan nahe der Kasse aus und erwischt sie sich dabei, wie ihre Mundwinkel zucken. Dieser sorglose Kerl wippt aufgeregt, als kann er es kaum erwarten, dran zu sein. Gleichzeitig plaudert er mit Emilie. Bewusst schiebt sich Lukas in ihr Sichtfeld und betrachtet sie prüfend.
„Sicher dass ich nicht gehen soll? Du scheint ihn plötzlich gern gewonnen zu haben.“
„So ist das nicht!“, beschwichtigt Skyla. „Er hat nur mehr Freude an dem Ganzen als wir. Scheint, als würde er nicht oft so raus kommen und siehe dir mal Emilie an. Sie lächelt immer so sorglos.“
Lukas seufzt laut, als gäbe da etwas, dass er ihr verheimlicht. Aber dann schlägt er vor: „Dann lass uns auch all die Anspannung vergessen und uns amüsieren.“
Sie nickt entschlossen. „Also gut! Ich lasse dich heute Abend nicht mehr allein! Sollte ich mein Versprechen brechen, darfst du mich über den Manga zu spoilern.“
Er blinzelt sie überrascht an. „Ich habe alle zwölf Teile gelesen.“
Sie macht ein besorgtes Gesicht und spricht ihren Gedanken laut aus: „Oh, ich darf dieses Versprechen unter keinen Umständen brechen.“
„Ich würde dich direkt mit dem Ende konfrontieren“, warnt Lukas sie nun amüsiert.
„Wie gemein!“, schimpft Skyla spaßig über ihn.
„Du hast die Strafe selbst gewählt.“
Skyla will darauf kontern, doch nun rückt Emilie mit ihrer gewaltig großen Zuckerwatte an. Dem rosa Farbton zu urteilen mit Geschmack.
Emilie drückt Skyla die klebrige Wolke schon fast ins Gesicht und fordert ihre Freundin auf: „Los probiere mal. Voll lecker.“
Wie so oft auch nimmt Skyla einen großen Schritt Abstand. „Nein, danke.“
„Du etwa, Lukas?“, bietet Emilie ihm an.
Lukas schüttelt nur seinen Kopf und erkennt ebenfalls die klebende Gefahr, also flüchtet er zu Skyla.
Milan nähert sich schließlich mit seinen gebrannten Mandeln und fragt sie: „Und können wir weiter?“
Ernsthaft, wo hat er diesen Drachen?
Das interessiert Skyla brennend, genauso wie die Tatsache, wo sich die ganze Zeit diese Fee versteckte? Damit wird sie ihn morgen auf jeden Fall konfrontieren. Für heute lässt sie ihn wie versprochen in Ruhe.
Im Anschluss folgt ein Restaurantbesuch. Lukas‘ Geheimtipp. Ein kleiner Italiener nahe der Veranstaltung. Bewusst entscheidet sich ihr Freund für Außenplätze, von wo ein faszinierender Ausblick auf das Flussufer und dem Sternenhimmel für eine atemberaubende Atmosphäre sorgen. Die Lichter des Rummels blinken in der Ferne und die Lautstärke dringt ganz schwach herüber. Lukas hat wahrlich ein Gespür für gutes Essen. Der Betreiber glänzt mit seiner Handwerkskunst. Die hausgemachte Pasta ist himmlisch und kein Vergleich gegenüber der Konkurrenz. Ihr müssen die Freude und der Genuss ins Gesicht geschrieben sein, denn Lukas lächelt aufrichtig. Die gesammelte Anspannung entweicht ihm, als fürchte er sich noch immer über ihr Urteil, weil sie vom Fach ist. Nie will er sie enttäuschen und wie sein Vater plant er sie mit Strich und Faden zu verwöhnen. Dabei hat Skyla keinerlei Erwartungen und legt mehr Wert auf die gemeinsame Zeit mit ihm. Etwas, dass er und sein Vater nicht so begreifen und sie manchmal wie eine Prinzessin fühlen lassen.
Anders als Emilie und Milan hat Lukas hervorragende Tischmanieren. Er genießt in kleinen Bissen, während die anderen beiden schlingen, als haben sie wochenlang nichts Vernünftiges auf den Tisch bekommen. Bei Emilie hat Skyla wahrlich Nachsicht. Es muss schwer sein, mit fünf Brüdern zu leben. Sicherlich leben sie nach der Devise: Friss oder stirb! Milan hingegen ist ein Fremder. Zu wenig weiß sie über die mysteriöse Person, die einfach in ihr Leben gestolpert ist. Auch wenn sie zwischenzeitlich über sein lautes und ruppiges Benehmen schimpft, beneidet sie ihn für die strahlenden Augen. Kleinigkeiten lassen ihn aufblühen und sogar noch niedlicher wirken.
Milan und Emilie scheinen auf einer Wellenlänge zu sein. Die beiden sind beide vom sonnigen Gemüt. Zwei extrovertierte Menschen, die in einer ganz anderen Welt leben als Skyla und Lukas. Und doch hat ihr der heutige Tag überwiegend gefallen und den Wunsch nach weiteren Treffen in der Gruppe hervorgelockt. Ein Mann wie Milan entgeht es nicht, beobachtet zu werden. Sein provokantes Grinsen, das freche Zwinkern und sein unverschämter Charme bringen Skyla sogar in Verlegenheit. Milan ist laut und albern, aber er hat Humor und eine starke Anziehungskraft. Nur schrecken sie die vielen Geheimnisse in seiner Tasche ab und die Vermutung, dass er mit einer Maske durch die Welt läuft. Um was zu verstecken?
Das Grübeln wird mit der Schönheit eines Feuerwerks unterbrochen. Ein Detail, das bei Skyla in Vergessenheit geraten ist, anders als bei Lukas. Die Lokation ist nicht grundlos gewählt, denn er wusste von der Kirmesattraktion und das Siegerlächeln steht ihm verdammt gut. Skyla gönnt es ihm. Schließlich gibt er sich Mühe, freundlich gegenüber Milan zu bleiben. Emilie mag Momente wie diese verewigen und so lässt sich Skyla für ein Gruppenfoto überreden. Nach dem Restaurantbesuch trennen sich die Wege am Bahnhof. Lukas hingegen begleitet seine Kindheitsfreundin noch nach Hause. Unterwegs gesteht Lukas dann auch noch, wie froh er ist, sie heute lächeln gesehen zu haben. Er war in Sorge wegen ihrer letzten Rückschläge. Es war seine persönliche Mission sie aufzuheitern. Skyla ahnt, wie viel Zeit und Mühe er in seine Pläne steckt und so unfassbar dankbar macht es sie, ihn zu haben. Einen wahren Freund, den sie niemals missen mag. Schon seit jeher fällt es den beiden Freunden, sich voneinander zu trennen, daher lädt sie ihn noch zu sich ein. Die Freude der Eltern ist über das Wiedersehen groß. Ihr Kindheitsfreund wird fürs Erste beschlagnahmt. Nichts anderes kennt Skyla und Lukas scheint es genauso sehr zu genießen, Teil der Familie zu sein, wie sie bei ihm. Blutsverwandtschaft hin oder her, das spielt in dem Fall keine Rolle.





















































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