Kapitel 33
Mit Ehrfurcht blickt Skyla in den gewaltigen Abgrund vor ihren Füßen. Zuerst der Sprung durch Raum und Zeit und nun befindet sie sich wenige Meter vor einem tiefen Schlund. Die genaue Höhenangabe bei einem freien Fall mag Skyla besser erspart bleiben. Der Temperaturanstieg hingegen haut sie um, denn die Sonne steht mittig am Horizont und brutzelt die eingedrungenen Besucher. Während das Klima in ihrer Heimat mild wird, herrschen hier hochsommerliche Temperaturen.
Ein Blick durch die gewaltige, rote Schlucht gibt Skyla das Gefühl, winzig klein zu sein. Das Areal erstreckt sich in alle vier Himmelsrichtungen so lang, dass es sicher Tage dauern würde, um zu Fuß zurück in die Zivilisation zu finden.
Fazit: Mia nicht verärgern.
Denn für einen kilometerweiten Fußmarsch, ohne einen Schimmer von ihrem aktuellen Lageort zu haben, ist Skyla zugegebenermaßen aufgeschmissen. Mal davon abgesehen, dass der atemberaubende Anblick der gewaltigen Steinwüste Skyla immer noch fassungslos macht, bringt dieser kleine Sprung durch das Portal alles in ihrem Kopf durcheinander. Sie hat den Betrieb wenige Stunden vor Mitternacht verlassen, als es bereits stockfinster draußen war. Hier hingegen begrüßt sie eine ganz andere Tageszeit. Die Sonne strahlt hell am Himmel. Es fühlt sich an, als hätte sie eine kleine Gedächtnislücke. Der Jetlag ist gewaltig. Es fühlt sich surreal an. Es ist nicht nur die Tageszeit, sondern auch das Klima. Da muss sich Skyla einfach fragen, wie Milan die Reise per Fee so gut hinnimmt.
Schnell stellt sich heraus, dass der Geisterprofi andere Sorgen hat. Denn er richtet sich mit einer Bitte an seine Partnerin: „Ich habe mich an ihre blauen Haare gewöhnt. Könntest du die Farbe bitte rückgängig machen, Mia?“
Als der Feenstaub Skyla am Hinterkopf trifft und ihre Mähne ins Blau übergeht, bekommt sie endlich einen klaren Kopf. Zum Glück ist die Feenmagie weich genug, um keine Beule zurückzulassen, und doch kitzelt der Glitzerstaub verdächtig in der Nase. Vielleicht handelt es sich auch nur um eine Allergie gegen miese, kleine Feen.
Von hier oben hat Skyla einen guten Blick auf den Colorado River. Das große Flussbett bahnt sich seinen Weg durch die majestätischen Gesteinsschichten. Es verspricht eine kühle Erfrischung in der knallenden Hitze. So gefährlich die reißende Strömung dort unten auch sein mag, wäre Skyla nur zu gern am Flussufer. Eine Hand voll Wasser fürs Gesicht würde ihr schon reichen. Während ihr Blick starr auf die blaue Schlange im Abgrund gerichtet bleibt, schält sie sich aus ihrer Übergangsjacke. Der schwarze Stoff kommt hier zum Nachteil und der Sternendruck in einem harmonischen Übergang von Türkis bis in ein dunkles Pink macht es nicht besser. Es gibt genug schwarze Fläche auf ihrer Jacke, die das Sonnenlicht absorbiert und die Hitze noch unerträglicher macht. So knotet sie das Kleidungsstück schwitzend um ihre Hüfte und atmet dankbar für die Tatsache auf, aufgrund der warmen Temperaturen auf ihrem Arbeitsplatt sich für ein T-Shirt entschieden zu haben.
„Atemberaubend oder?“, spricht Milan sie an.
Als Skyla ihren Kopf zu ihm schwenkt, entdeckt sie einen schmalen Pfad, der mit Steinen umrandet wurde. Ein Weg, dem sie allein aus Neugier folgen mag. Vielleicht führt dieser zum Fluss. Ihre müden Knochen erinnern sie jedoch an die letzten Stunden. Nach einem langen Tag sehnt sich ihr Körper nach Erholung und keiner Wanderung. So schultert Skyla ihre Tasche ab und macht es sich auf dem Boden gemütlich. Der Geisterjäger leistet ihr auf dem staubigen Untergrund Gesellschaft. Dank der Sonne bietet der Platz eine angenehme Wärme. Ganz nah setzt sich Milan an sie, sodass sich ihre Körper berühren, woraufhin sie ihn nachdenklich betrachtet. Zwar sind sich die beiden näher gekommen und doch ist Milan jemand, der erst kürzlich in ihr Leben getreten ist. Dennoch respektiert sie seinen eisernen Willen. Wenn sich Milan etwas in den Kopf setzt, dann geht er aufs Ganze.
„Steht jetzt fest, dass ich ein Medium bin?“
Milan seufzt laut, als wolle er diese Unterhaltung nicht führen.
„Höchst wahrscheinlich!“, meldet sich Mia zickig.
„Wir können es mit Gewissheit nicht sagen. Aber es macht den Anschein“, wispert ihr Partner nachdenklich.
„Ach, Milan! Schalte deinen Kopf ein! Sie ist keine Hexe und verflucht ist sie auch nicht. Was soll sie denn bitte sonst sein? Ein Medium passt sehr gut.“
„Lassen wir Justin dies beurteilen.“
„Du weißt, was Justin sagen wird!“
Milan blickt genervt auf und funkelt seine Fee mahnend an, woraufhin Mia beleidigt davonfliegt.
„Mit deiner Fee hast du sicherlich schon die ganze Welt bereist oder?“, wechselt Skyla bewusst das Thema.
„Nein, nicht ganz. Den einen oder anderen Ort zeige ich dir auch noch, dann werde ich sicherlich genauso staunen, wie du es tust. Lass uns doch gemeinsam die Welt bereisen, Skyla.“
Seine Finger gleiten ganz beiläufig in ihre Fingerlücken. Ohne einen Funken von Nervosität, als sei die körperliche Nähe zu einem anderen Menschen etwas ganz Normales. Für Skyla hingegen noch immer befremdlich. Der einzige Mensch, der ihr bislang so nah war, ist niemand anderes als Lukas. Aber auch nur, weil die beiden Freunde wie Geschwister zusammen aufgewachsen sind und Lukas viel Zeit bei ihr Zuhause verbrachte, während sein Vater sich auf Geschäftsreisen befand. Das Händchenhalten mit Lukas fühlt sich jedoch mehr familiär an. Eine Schutzmaßnahme, um nicht verloren zu gehen. Die Berührung bei Milan hingegen überfordern ihren Kopf und ihren Körper. Skyla empfand noch nie solch eine Nervosität bei Hautkontakt. Sie teilte nie den Wunsch nach mehr. Aber Milans lässt sie Achterbahn fahren. Ihr Herz schlägt laut und wild. Bis in den Hals und Blut rauscht in ihren Ohren, sodass es ihr schwer fällt, ihre Gedanken zu sortieren und ein vernünftiges Gespräch zu führen.
„Kann mich ein Dämon ebenfalls überall hinbringen?“
Wie vermutet zittert ihre Stimme. Alles nur, weil er sie berührt. Mit solch eine Gelassenheit, aber einem Blick, der ihr Herz zum Schmelzen bringt. Er lächelt wissend und beugt sich sogar nach vorne, sodass sie mahnend die geballte Faust hebt und ihm somit rät, besser professionell zu bleiben. Denn
der Gedanke, per Dämon zu reisen wäre schon praktisch und vor allem zeitsparend.
„Jeder Schutzgeist hat unterschiedliche Fähigkeiten. Bevor du einen Begleiter an dich bindest, solltest du in Erfahrung bringen, was das magische Wesen überhaupt alles kann. Du kannst fürs Erste auch nur eine Probezeit in Betracht ziehen. Die Verträge sind sehr flexibel.“
Eine unschätzbare Information, die Skyla wachrüttelt.
„Verstehe. Und was kann der Bär?“
In Gedanken ruft Skyla den Kampf gegen das besessene Ding auf. Der Dämon scheint agil, flink und schnell zu wirken. Eine kleine Nahkampfmaschine mit mehr Power hinter den Fäusten, als sie bei einem Kuscheltier vermutet.
Aber Milan schüttelt entschuldigend den Kopf. „Er schweigt uns an und will nur mit dir reden.“
Und doch haben die beiden eine kleine Kostprobe von dem Plüschbären kennen gelernt. Es ist nicht viel und vor allem nicht gerade überzeugend. Skyla könnte sich einfach nicht vorstellen, mit diesem Dämon zusammenarbeiten.
„Verstehe.“
Ein Blick zu Milan zeigt, dass ihn etwas beschäftigt. Allein seine traurige Miene weckt ihre Neugierde, also schenkt sie ihm ein offenes Ohr.
„Sag mal, Skyla, das mag zwar etwas merkwürdig klingen. Aber gab es in deiner Vergangenheit Dinge, die du einfach nicht erklären konntest? Du hast ja nun einige Einblicke in der Magie erhalten und doch konntest du mit dem Thema besser umgehen als manch anderer. Deshalb frage ich mich, ob du einige Erinnerungen verdrängt hast. Mia hat es bereits angesprochen. Sie glaubt, du bist ein Medium. Konntest du vielleicht in kurzen Abschnitten in die Zukunft blicken, mit Leuten reden, die niemand anderer sehen konnte, oder vielleicht Gegenstände in Bewegung setzen?“
„Nichts dergleichen“, versichert sie ihm und wird auf Mia aufmerksam, die vor ihnen in der Luft schwebt.
„Na endlich, du wirst einsichtig, Milan“, freut sich die kleine Fee.
Aber Milan ignoriert ihr Kommentar und stellt stattdessen die nächste Frage: „Was fühlst du, wenn du nach einem Geist greifst?“
Verwundert blickt Skyla auf ihre Hände. „Was soll ich schon dabei fühlen?“
„Verstehe. Du lernst deine Kräfte also erst jetzt kennen. Gut, dass ich nun in dein Leben getreten bin. Was die Leute auch sagen, du bist kein Freak. Nur weil du Fähigkeiten besitzt, die sie nicht haben, bist du kein Monster.“
Er ignoriert das Räuspern von Mia.
„Und dennoch rate ich dir, greife nicht einfach nach den Geistern, wenn es sich vermeiden lässt. Irgendwann wirst du ihre Emotionen spüren können. Mit der Zeit kann dich das echt umhauen. Wenn du dich von den Emotionen zu sehr mitreißen lässt, kann dich das negativ beeinflussen. Sobald du merkst, dass du ungewöhnlich aggressiv wirst, brauchst du dringend Hilfe von einer Hexe. Es kann sogar passieren, dass du mit fremden Erinnerungen konfrontiert wirst. Zuerst lernst du die glücklichen Momente kennen und dann wird es immer schlimmer“, berichtet er ihr.
„Woher weißt du davon?“, interessiert es Skyla.
Dafür, dass er keine Ahnung von Mias Portalen hat und Geister zu seinen Stärken gehören sollten, macht sie das einfach stutzig. Milan greift nach einem Stein und nimmt diesen in die Hand, zuerst scheint er zu überlegen, diesen zu werfen. Doch dann entscheidet er sich dagegen und fixiert das Objekt mit seinen Augen.
„Es gab da ein kleines Mädchen, das unter den Erinnerungen der Geister gelitten hat. Ihre Fähigkeit war bereits sehr fortgeschritten, als ich ihr begegnet bin. Ihr Name war Nicole und sie war gerade mal neun Jahre alt. Ein Alter, wo sie mit solchen Sorgen nicht geplagt sein sollte. Von außen wirkte es, als ginge sie mit dem Thema besser um, als die anderen, die von solch einem Fluch geplagt werden. Aber ich habe mich geirrt.“



















































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