Kapitel 1 (Leseprobe)

TAG 1

Freitag, 07. August

KAPITEL 1
– Der Morgen –

Chris:
Früh am Morgen wecken mich die ersten Sonnenstrahlen, die durch das Fenster in mein Zimmer fallen.
Mit einem Lächeln reibe ich mir den Schlaf aus den Augen und schaue auf das Handy: 6:14 Uhr.
Irgendetwas ist heute anders. Ich fühle mich so leicht. Normalerweise würde ich jetzt erst mal noch ein halbes Stündchen im Bett liegen bleiben. Stattdessen stehe ich auf und laufe ins Badezimmer.
Nachdem ich mir die Zähne geputzt und kurz das Gesicht gewaschen habe, gehe ich ohne nachzudenken zurück in mein Zimmer und ziehe mir ein Shirt und eine Trainingshose an. Draußen auf dem Baum schräg links vor dem Fenster sitzt ein Vogel und trällert fröhlich vor sich hin.
Dann verlasse ich das Haus. Draußen beginne ich zu joggen – am Blumenladen vorbei, in dem früher meine Ex-Freundin Jessy gearbeitet hat. Durch die Verglasung kann ich erkennen, dass der Laden noch leer zu sein scheint.
Ich erinnere mich daran, wie ich bei Jessy mal einen Blumenstrauß gekauft habe. Sie dachte, er sei für meine Mutter und hat sich deshalb besonders viel Mühe gegeben. Als Jessy dann am Abend nach Hause kam, habe ich ihr genau diesen Blumenstrauß geschenkt. Ihr Gesichtsausdruck war unbezahlbar: Überraschung, Freude und Verwirrung zugleich.
Und dann mussten wir beide lachen. Bei der Erinnerung fange ich unweigerlich an zu grinsen.
Damals war das Leben noch schön und viel einfacher für mich. Ich war zwar immer schon schüchtern und ängstlich, mit der Zeit ist es allerdings stetig schlimmer geworden. Ich zog mich immer mehr zurück, bis zu dem Punkt, vor etwa vier Jahren, seitdem ich mich fast gar nicht mehr alleine aus dem Haus traue.
Ich jogge Richtung Park und frage mich, was ich hier überhaupt tue. Ein Klingeln ertönt hinter mir. Als ich mich umblicke, sehe ich einen Radfahrer auf mich zukommen. Ich mache Platz, wünsche ihm beim Überholtwerden einen „Guten Morgen“ und erhalte ein „Moin“ zurück.
Im Park angekommen setze ich mich für einen Moment auf eine nahegelegene Bank und beobachte lächelnd die Bäume, Sträucher und Blumen. Das fröhliche Zwitschern der Vögel erfüllt die morgendliche Ruhe, während der Duft von noch leicht feuchtem Gras in der Luft liegt. Vereinzelt kommen Menschen vorbei. Einige schlendern gemütlich, einer wünscht einen guten Morgen, den ich fröhlich erwidere. Eine Fußgängerin ist tief in ihr Handy versunken und nimmt ihre Umgebung kaum wahr. Ein Mann läuft eilig durch den Park und biegt in Richtung Brücke ab. Wahrscheinlich will er die Straßenbahn nicht verpassen.




Da ich Hunger bekomme, stehe ich auf und jogge ebenfalls zur Brücke, überquere sie und laufe weiter an der Kirche entlang zur nächsten Bäckerei. Ohne auch nur einen Moment zu zögern betrete ich den Laden. Mein Blick wandert durch den leeren Verkaufsraum. Ich stelle mich an den Tresen und scanne die Auslage.
Mein Augenmerk fällt auf ein Käsebrötchen, belegt mit Kochschinken, Salat, Tomate, Gurke und ~iggit~ Paprika.

„Guten Morgen, wie kann ich dir helfen?“
Die Frage, gestellt von einer angenehm hellen, weiblichen Stimme lässt mich aufblicken.
Ich schaue in das Gesicht einer hübschen, jungen Frau – lange blonde Haare, große braune Augen, schmale Figur, etwa 1,60 m groß. Auf dem Namensschild steht Lea. Sie lächelt freundlich. Unsere Augen treffen sich. Jetzt müsste ich eigentlich schüchtern auf den Boden schauen, aber zu meiner eigenen Verwunderung stehe ich einfach da und halte den Blick.
„Alles in Ordnung?“, fragt sie.
„Äh, ja Entschuldigung“, kommt aus mir heraus.
Bevor ich weiter reden und meine Bestellung beginnen kann unterbricht sie mich: „Was hat dich denn so sprachlos gemacht?“
Aus ihrem Lächeln wird ein verschmitztes Grinsen.
„Um ehrlich zu sein, du Lea“, sprudelt es aus mir heraus während ich mich über mich selbst wundere.
So eine Aussage vor einer hübschen, fremden Frau traue ich mich normalerweise gar nicht und komischerweise fühle ich mich auch überhaupt nicht unsicher oder ängstlich. Ihr Grinsen wird breiter.
~Ding Dong~ Ein Kunde betritt das Geschäft.
„Ich bin übrigens Chris. Ist ja unfair, wenn ich deinen Namen kenne, du aber meinen nicht“, fahre ich fort.
„Chris also“, sagt sie und fügt ein leises „danke“ hinzu, um dann wieder in normaler Lautstärke zu fragen: „Möchtest du denn auch etwas bestellen oder mich einfach nur weiter angucken?“
Wieder dieses freche provokante Grinsen in ihrem Gesicht.
~Ding Dong~ Der nächste Kunde kommt herein,
„Eigentlich beides, aber da ich die anderen Kunden nicht verärgern will, muss ich mich wohl mit erstem begnügen. Ich hätte gerne zwei Rosinenbrötchen, zwei Käsebrötchen und eins von den Belegten da, aber bitte ohne Paprika“, erwidere ich.
„Du magst also keine Paprika?“, fragt sie interessiert.




„Nein, ich hasse Paprika!“
Die Entschlossenheit in meinen Worten ist deutlich zu hören.
„Echt? Endlich mal jemand, der auch keine Paprika isst. Dachte schon, ich wäre die einzige Person auf der Welt, die das Zeug nicht mag.“
Sie tippt die Bestellung in der Kasse ein.
Zeit für mich, mich mal kurz umzuschauen: Hinter mir stehen eine ältere freundlich wirkende Dame und dahinter ein Mann mit Anzug und Krawatte, welcher ungeduldig auf seine Armbanduhr blickt.
„Guten Morgen“ wünsche ich den beiden.
Die ältere Dame erwidert es mit Fröhlichkeit in ihrer Stimme. Der Herr bringt nur ein mürrisches „Ja ja“ hervor.
Normalerweise hätte mich so eine Antwort den ganzen Tag beschäftigt. Heute zucke ich nur mit den Schultern.
Mit einem Lächeln im Gesicht wende ich mich wieder Lea zu.
„Das macht 8,50 € und eine Nachricht bitte“, sagt sie.
Ich wundere mich und gebe ihr einen 10 €-Schein.
„Passt so, aber was meinst du mit Nachricht?“
„Guck auf die Quittung.“
Mit ernstem Gesichtsausdruck übergibt sie mir den Zettel und die Brötchentüte.

Ich schaue auf den Beleg.
Dort steht eine Handy-Nummer und dazu noch ein Text „wehe du schreibst mir nicht“.
Grinsend blicke ich sie an.
„Vielen Dank und einen schönen Tag dir noch.“
„Bis bald, Chris!“
Mein Herz hämmert. Voller Glücksgefühle verlasse ich die Bäckerei und renne nach Hause. Dort die Treppe hoch, reiße die Wohnungstür auf, dann die Tür meines Zimmers und schmeiße mich verschwitzt und außer Atem aufs Bett. Eilig ziehe ich mein Smartphone aus der Tasche und speichere die Nummer von der Quittung unter dem Namen „Bäckerei-Lea“ ins Handy.
Ein paar Minuten liege ich ungläubig auf dem Bett und versuche das gerade Erlebte zu verarbeiten.
Was für ein verrückter Morgen. Ich war ein komplett anderer Mensch und es hat sich toll angefühlt. So frei, mutig und ohne alles kaputt zu denken.
Ich entscheide mich, erst einmal kalt duschen zu gehen und hoffe, dass das ganze kein Traum ist – und wenn doch: bitte lasse mich nicht aufwachen

…

Nachdem ich die Dusche wieder verlassen, mich abgetrocknet und umgezogen habe, klopfe ich aufgeregt an der Zimmertür meines Mitbewohners und besten Kumpels Rainer.
„Hast du Hunger, Rainer? Ich muss dir was erzählen!“




„Joa, gib mir fünf Minuten“, hallt es von der anderen Seite der Tür.
Als Rainer in der Küche auftaucht, sprudelt es nur so aus mir heraus. Er legt sein Brötchen zur Seite und schaut mich ungläubig an.
„Warte mal Junge … Nicht so schnell … Du warst joggen? Alleine? Und im Park?“
„Ja, hab ich doch grade erzählt und ich hab die Handynummer von dieser Lea bekommen.“
„WTF“
…

Schweigend essen wir die restlichen Brötchen.
„Boah Junge …“, sagt er plötzlich, „hätte ich nicht gedacht, dass du so mutig bei Frauen sein kannst.“
„Ich auch nicht“, antworte ich mit breitem Grinsen im Gesicht.
Anerkennend klopft Rainer mir auf die Schulter. Kurz darauf verabschiedet er sich um zur Arbeit zu fahren.
Ich mache es mir im Wohnzimmer auf der Couch gemütlich und hole mein Smartphone raus. Einen Moment lang überlege ich und öffne dann WhatsApp um „Bäckerei-Lea“ in den Kontakten zu suchen.

Chris – 08:43
Hey. Ich wollte nicht so lange auf Schulden sitzen,
deshalb hier deine Nachricht. Hoffe, du hast einen
angenehmen Tag. Der sprachlose Chris 😉

Ich tippe auf „Senden“.
Zwei Haken. Die Nummer existiert also zumindest schon mal. Ich muss lächeln, lege das Handy zur Seite und überlege, was ich heute noch so unternehmen könnte – fühle mich nämlich voller Tatendrang.
Nach kurzer Zeit beschließe ich, später einzukaufen und Rainer zu überreden, sich mit mir im Fitnessstudio anzumelden.


Lea:
6:45 Uhr.
Gerade herrscht in der Bäckerei gähnende Leere.
Ist bestimmt die Ruhe vor dem Sturm, denke ich müde – immerhin bin ich seit halb vier wach.
Heute muss ich den Laden ganz alleine schmeißen, da meine Kollegin sich kurzfristig krank gemeldet hat. Naja, bis 13 Uhr werde ich wohl durchhalten und danach habe ich zwei Tage frei. Ich gehe nach hinten um ein paar belegte Brötchen vorzubereiten, bevor gleich der Ansturm beginnt.
~Ding Dong~ Die Klingel der Eingangstür ertönt.
Muss wohl jemand die Filiale betreten haben.
Schnell schmiere ich die Brötchen noch fertig und gehe anschließend an die Bedientheke.
Vor mir steht ein junger Mann, Anfang dreißig vielleicht. Sehr schlank, kurze hellbraune Haare und nur wenig größer als ich. Er scheint mich noch nicht bemerkt zu haben. Kein Wunder, so wie er das belegte




Käsebrötchen anstarrt.
„Guten Morgen, wie kann ich dir helfen?“, frage ich.
Bei uns gehört es zur Firmenphilosophie, die Kunden zu duzen.
Der Mann blickt mich an und strahlt über beide Ohren. Ihn umgibt eine Aura der Fröhlichkeit, die ansteckend ist und mir unweigerlich gute Laune bereitet. Lächelnd schaue ich ihm in seine blauen Augen und er schaut ebenfalls lächelnd und schweigend zurück.
Mein Bauch beginnt zu kribbeln und ich habe keine Ahnung warum. Dieses Gefühl hatte ich seit Jahren nicht mehr. Es fühlt sich ungewohnt an. Fremd. Und gleichzeitig wunderschön.
Bevor ich gleich gar kein Wort mehr hervorbringe, frage ich schnell, ob alles in Ordnung bei ihm ist. Diese Frage kommt mir im nächsten Augenblick total überflüssig vor, offensichtlich geht es ihm ja gut.
Zu meiner Überraschung entschuldigt der Herr sich bei mir für sein Schweigen. Doch es ist nicht das, was er sagt, sondern vor allem seine Stimme und die Art wie er redet, die mich aus der Rolle der Verkäuferin ausbrechen lässt und mich dazu bringt, ihn unbeholfen, aber frech anzuflirten: „Was hat dich denn so sprachlos gemacht?“
Am liebsten würde ich im Boden versinken. Warum habe ich das gerade gesagt?
„Um ehrlich zu sein, du Lea“, antwortet der Mann mit seiner sanften Stimme doch tatsächlich und sorgt damit dafür, dass meine Knie weich werden.
Ich stütze mich möglichst unauffällig mit einer Hand an der Theke ab.
„Ich bin übrigens Chris“, offenbart er mir.
„Chris also“, antworte ich und kann gerade noch ein leises „danke“ hinzufügen, bevor meine Stimme wegbricht.
Um wieder die Oberhand zu gewinnen, räuspere ich mich und bemühe mich nun laut und deutlich zu sprechen: „Möchtest du denn auch etwas bestellen oder mich einfach nur weiter angucken?“
Nachdem ich die Frage gestellt habe, kommt mir meine plumpe Art ziemlich peinlich vor und ich hoffe, dass Chris mich jetzt nicht irgendwie komisch oder im schlimmsten Fall vielleicht sogar arrogant findet. Zu meinem Glück, antwortet er allerdings genauso frech und schamlos, dass er mich gerne weiter angucken würde, aber die anderen Kunden nicht verärgern möchte.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir nicht mehr alleine sind und hinter Chris zwei weitere Kunden stehen.




Ich versuche mich wieder professionell zu verhalten und nehme seine Bestellung entgegen. Dass er, genau wie ich, keine Paprika mag, macht ihn mir noch sympathischer. Als ich seine Brötchen in die Tüte packe und die Quittung ausdrucke, dreht er sich zu den anderen Kunden und ich denke mir »Jetzt oder nie«.
Schnell schreibe ich meine Handynummer auf den Bon und um sicherzugehen, dass er sich auch ja meldet, kritzle ich ihm spontan noch eine Drohung mit auf den Zettel: „Wehe du schreibst mir nicht.“
Chris wendet seinen Blick wieder mir zu und ich nehme noch ein letztes Mal all meinen Mut zusammen: „Das macht 8,50 € und eine Nachricht bitte.“
Er gibt mir 10 € und nimmt die Brötchen Tüte.
„Passt so, aber was meinst du mit Nachricht?“, fragt er verwirrt.
„Guck auf die Quittung“, antworte ich und versuche ernst zu wirken.
Er liest, grinst mich an und wünscht mir noch einen schönen Tag.
Hoffentlich hält er mich jetzt nicht für komplett verrückt. Immerhin habe ich seit Jahren nicht mehr geflirtet – nicht mehr, seit der Sachemit meinem Ex…

 8:44 Uhr:
Aus dem Vorbereitungsraum ertönt der Benachrichtigungston meines Handys. Scheint, als hätte mir jemand eine Nachricht geschickt. Ich kann aber leider grade nicht nachschauen, weil in der Bäckerei zu viel los ist und ich, wie bereits erwähnt, heute komplett alleine arbeite. Wahrscheinlich war es meine beste Freundin, die mal wieder Langeweile hat.


Tagebucheintrag

Chris – 8:45 Uhr:

Heute Morgen hätte ich noch gedacht, das Verrückteste wäre,
alleine joggen zu gehen.
Jetzt sitze ich hier auf unserer Couch und warte auf eine Nachricht von einer Frau, die mir ihre Handynummer auf einen Kassenbon

geschrieben hat.
Was ist bitte mit meinem Leben passiert?

Vor ein paar Stunden hätte ich mich vermutlich nicht einmal getraut, sie anzusehen. Heute habe ich mit ihr geflirtet, ihre Nummer
bekommen und ihr als Erster geschrieben.
Ich hoffe wirklich, dass sie antwortet.

Und wenn das alles nur ein Traum ist, lass mich nicht aufwachen.

Du möchtest wissen, wie es mit Chris und Lea weitergeht? ❤️

Dann begleite die beiden auf ihrer Reise voller Mut, Liebe und unerwarteter Gefühle!

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