23 Balthasar und die Unmöglichkeit der Schwangerschaft

Balthasar und die Unmöglichkeit der Schwangerschaft
Datum: 13.05.04-I-II
Balthasar saß in seinem Arbeitszimmer in den Stollen tief unter den Encaster Peaks über seine Unterlagen gebeugt, um die Dienstpläne zu koordinieren, als es klopfte. Er schaute auf und ein genervtes “Herrein!” sorgte dafür, dass die Tür sich öffnete: Indra trat ein, gefolgt von sieben Dämoninnen. Skeptisch zog er eine Augenbraue hoch und schaute seine ursprüngliche Schwester an. “Wird das ein Antrag auf einen Häkelclub? Von mir aus, solange ihr eure Arbeit macht und ich neue Handschuhe bekomme…” meinte er und blickte wieder auf seine Unterlagen. Doch Indra blieb. Sie atmete tief durch – und dann lies sie die Bombe platzen: “Nein, Balthasar – ich melde acht Dämoninnen, inklusive mir, als schwanger. Was sollen wir jetzt tun?“
Nun hatte sie Balthasars volle Aufmerksamkeit. Er blickte auf, sah die Frauen an – und diese starrten zurück. Nervosität und Unsicherheit auf der einen Seite traf auf… das gleiche auf der anderen Seite. Gemischt mit einer guten Portion Unglaube. “Indra…” knurrte der Principales nach einigen Momenten der Stille. “Der Tag der Scherze ist längst vorbei. Ich darf dich daran erinnern: Im Allgemeinen werden Dämonen rekrutiert und ausgebildet – nicht geboren. Es gibt derzeit nur einen bekannten Fall von einem geborenen Schatten – gut, bald 2! Aber grundsätzlich: Niemals kann ein Schatten Leben empfangen und – soweit ich weiß – im allgemeinen auch nicht schenken!” Doch Indra schüttelte den Kopf. “Es ist kein Scherz, Balthasar. Und auch kein Streich. Wenn du mir nicht glaubst – sieh nach! Ich erlaube es dir!”
Balthasar stutzte. Es nachsehen? Natürlich, das mentale Netzwerk ergab diese Möglichkeit, doch so tief in die Aura eines anderen Engels einzudringen, war eigentlich untersagt. Nicht durch ein Gesetz, aber die Moral verbot es. Und so überraschend es auch erschien: An diese Moral hielt er sich. Doch andererseits: Wenn seine Hochoffizierin solch etwas auf den Tisch brachte und ausdrücklich erlaubte, dann war die Sachlage doch anders. Also lehnte der erste aller Schatten sich zurück und schloss die Augen, um sich in diesen mentalen Verbund der Engel zu vertiefen, in dem jeder Engel als Stern erschien – und jeder Dämon als ein sehr viel dunklerer Stern. Und kurz darauf riss er die Augen wieder auf. “Das – das kann nicht sein… Du hast Recht, Indra – da ist etwas… Anders… Fremd… aber vorhanden… Das – das ist unmöglich!” stieß er aus – was Indra zum Lachen brachte. “Unmöglich? Bist du es nicht, der seit 100 Millionen Jahren predigt, dass NICHTS unmöglich sei?!”, sprach sie spöttisch und Balthasar seufzte resigniert, doch fand bald darauf seine Fassung wieder. “Gut, dann empfangt eure Befehle: In Ermangelung eigener Regeln für diesen Fall befolgen wir einfach die Protokolle der übrigen Legionen! Das heißt: Ihr geht in die 9. Legion!” – “Ähm, Balthasar? Wir sind im Initium…” – “Ich sagte: In die 9.! Nicht ins Initium! Packt eure Sachen, ihr geht nach Kitary! Dort wird man sich eurer Annehmen und sich um euch kümmern! Wir können das hier nicht leisten und das wisst ihr! Uriel ist auch da, weswegen man derzeit eh alle neugierigen Touristen fernhält!”, erklang seine schneidende Stimme, die keinen Widerspruch duldete.
Indra nickte, die übrigen Dämoninnen salutierten. “Zu Befehl, Principales!”, kam es von ihnen wie aus einem Munde. Es klang Erleichterung mit, als wären sie froh darüber, nicht selbst die Verantwortung tragen zu müssen – dass ihnen die Last abgenommen würde und sie sich in die erfahrenen Hände der Heiler des Dorfes, welches ein Teil ihrer Lebensart geworden war, begeben durften. Als täte es ihnen gut, das Balthasar das war, was er seit 100 Millionen Jahren war: Ein Fels in der Brandung, ein ruhiger Punkt im Sturm, der seinen Kindern seit so langer Zeit schon den notwendigen Halt gab.
Doch kaum hatten die Mädels sein Büro verlassen, sprang er aus seinem Stuhl auf die Füße und begann, auf und ab zu laufen. “Verdammter Mist!” war sicherlich noch der harmloseste Ausdruck, der in diesem Moment zischend seinen Mund verließ. Doch plötzlich blieb er stehen – und sein Gesicht hellte sich eine Nuance auf. Er wusste wo er hin musste: Zu dem einzigen, den er jemals nah an sich herangelassen hatte. Er machte einen Schritt vorwärts, als die Schatten sich umhüllten und schon im nächsten Moment lag das Büro still und verlassen dar.
Schockwellen im Büro des Erzkardinals
Datum: 13.05.04-I-II
Es war einer dieser seltenen Momente der Ruhe. Ich genoss das feine Aroma meines Tees und ließ den Blick über mein fensterloses Büro in der Kathedrale schweifen. Hier, umgeben von dicken Mauern und dem sanften Schein der Ewigen Lichter, fühlte sich die Welt meist geordnet an. Doch dann brach die Realität mit der Wucht eines Erdbebens auf.
Die Luft in der Mitte des Raumes riss auf. Schwärze und Kälte quollen hervor, und im nächsten Moment landete Balthasar mit einem wütenden Fluchen mitten auf meinem Teppich. Er wirkte, als stünde er unter Strom, seine Augen blitzten vor einer unbändigen, fast wilden Unruhe.
„Gabriel!“, herrschte er mich an, noch bevor er richtig stand. „Wir haben ein Problem. Ein massives Problem, das es so nicht geben dürfte!“
Mein Herz machte einen Satz. Ich stellte die Tasse mit zitternden Fingern ab. Wenn Balthasar so auftrat, brannte die Welt an ihren Rändern. Mein erster Gedanke war sofort bei meiner Schwester.
„Ist etwas mit Uriel?“, fragte ich hastig, während ich bereits aufsprang. „Ist etwas mit der Schwangerschaft?“
Balthasar schnaubte – eine Geste, die irgendwo zwischen Ungeduld und einer seltsamen Erleichterung lag. „Nein, damit ist nach meinem Wissen alles in Ordnung. Aber ich habe gerade acht schwangere Dämoninnen in der Legion!“
Ich erstarrte. Die Worte brauchten Sekunden, um durch den Filter meines theologischen und biologischen Wissens zu dringen. „Aber… das ist unmöglich…“, stammelte ich. Mein Verstand weigerte sich, das Offensichtliche zu akzeptieren. Dämonen empfangen kein Leben. Das war eine universelle Konstante. Bis heute.
Balthasar trat einen Schritt auf mich zu, seine Stimme wurde lauter, fast schneidend. „Ich sagte ja, wir haben ein Problem, das es nicht geben dürfte! Ein massives, biologisch unmögliches Problem! Hörst du mir überhaupt zu?!“
Sein Zorn war ein Schutzschild gegen die eigene Verunsicherung. Ich atmete tief durch. Panik war jetzt das Letzte, was wir gebrauchen konnten. Ich musste wieder der Erzkardinal sein, der Fels in der Brandung.
„Ich höre dich, Balthasar“, sagte ich, meine Stimme nun kontrollierter.
Ich wandte mich meinem massiven Aktenschrank zu. Mit einer Präzision, die nur aus jahrerlanger Verwaltung der göttlichen Ordnung rühren konnte, griff ich nach den Registern der 9. Legion. Balthasar stand immer noch wie unter Strom hinter mir, das Knistern seiner dunklen Aura war fast physisch greifbar. Ich ignorierte sein ungeduldiges Schnauben und zog ein Bündel schwerer, in Leder gebundener Mappen heraus. Als ich mich umdrehte, drückte ich sie ihm direkt gegen die Brust.
„Was ist das?“, knurrte er und sah auf die Papiere hinab.
„Struktur, Balthasar. Etwas, das du in der Legion schätzt“, sagte ich ruhig. „Du hast sie bereits nach Kitary geschickt, nehme ich an. Aber du hast den bürokratischen Teil vergessen. Das hier sind Bewerbungsmappen für Paten.“
Er starrte mich an, die Stirn tief in Falten gelegt. „Paten? Gabriel, meine Leute sind Kriegerinnen. Sie gehören in die Stollen, nicht in… was auch immer das hier ist.“
„Nicht mehr“, unterbrach ich ihn sanft, aber bestimmt. „Sobald eine Dämonin das Licht eines neuen Sterns in sich trägt, greifen die Gesetze von Iceron. Du hast sie zur 9. Legion abkommandiert – das bedeutet, sie unterliegen nun meinem Protokoll. Das Initium ist der einzige Ort, der für das Austragen dieser Kinder vorgesehen ist.“
Ich schlug die oberste Mappe auf. „Diese Engel hier sind ‚Neunte‘. Jede deiner acht Dämoninnen wird sich einen Paten oder eine Patin aussuchen müssen. Sie werden Hilfe brauchen, Balthasar. Sie wissen zwar theoretisch um die Geburtsvorbereitung, aber sie haben es noch nie erlebt. Und die Zeremonie Initium vitae erfordert Vorbereitung.“
Balthasar überflog die Akten. Ich sah, wie sein Verstand – der Verstand eines Generals – begann, die neuen Informationen zu ordnen. Das Chaos in seinem Blick wich einer grimmigen Akzeptanz.
„Sie sind bereits auf dem Weg nach Kitary“, sagte er schließlich leiser. „Ich habe es befohlen.“
„Gut“, antwortete ich und spürte, wie sich der Knoten in meiner Brust ein wenig lockerte. „Dann sorge dafür, dass sie diese Bewerbungen lesen. Wir können das biologisch Unmögliche nicht rückgängig machen, Balthasar. Aber wir können dafür sorgen, dass diese Kinder mit der Würde empfangen werden, die jedem Leben im Initium zusteht.“
Balthasar sah auf – sein Blick war wieder der des Generals. Kühl, berechnend, schützend. „Bleibt die Frage der Öffentlichkeit. Geheimhaltung oder Bekanntmachung? Du weißt, dass ich deinen Rat schätze.“
Ich überlegte kurz, während ich meinen kalten Tee betrachtete. „Kein Versteckspiel mehr, Balthasar. Ich würde es bekannt machen.“
Er nickte knapp, nahm die Mappen fest unter den Arm und verschwand so plötzlich, wie er gekommen war, in einem Wirbel aus Schatten. Zurück blieb nur der scharfe Duft von Ozon.
Ich setzte mich langsam wieder hin. Acht Dämoninnen. Und Uriel. Das Initium würde nie wieder dasselbe sein.
Ein Wunder im sicheren Hafen
Ort: Aratons Büro in Kitary
Datum: 13.05.04-I-II
Mariel blickte von den Unterlagen, die sie für Araton sortiert hatte, auf, als die schwere Tür aufschwang. Sie erwartete eine weitere logistische Herausforderung der Zwillinge, doch stattdessen traten acht Dämoninnen ein. An ihrer Spitze: Indra.
Mariel spürte sofort, wie ihr Herz einen freudigen Sprung machte. Seit Indras Rettung aus der Leere und ihrer Genesung in Kitary verband die beiden ein unsichtbares Band aus tiefem Respekt. Doch heute wirkte Indra anders. Da war kein Fieber mehr und keine Wunde der Leere, aber in ihren Augen lag eine Mischung aus Trotz und einer fast kindlichen Ratlosigkeit.
„Indra!“, sagte Mariel warm und stand sofort auf. „Wie geht es dir? Du wirkst… aufgewühlt.“
Indra trat vor, ihre dunklen Flügel zuckten nervös. Die anderen sieben Dämoninnen blieben im Hintergrund, fast so, als suchten sie Schutz bei der Ursprünglichen. „Mariel… der Principales hat uns geschickt. Es gibt eine Veränderung. Eine, für die es in unseren Handbüchern keine Befehle gibt.“
Mariel umrundete den Schreibtisch, trat auf Indra zu und legte ihr – wie damals am Krankenbett – sanft eine Hand auf den Oberarm. „Was ist passiert? Hat Balthasar euch wieder zu viel zugemutet?“
Indra schüttelte den Kopf und sah Mariel direkt in die Augen. „Nein. Es geht um uns. Wir acht… Mariel, wir sind schwanger. Ich bin schwanger.“
Mariel hielt den Atem an. Die Stille im Raum war absolut. Sie erinnerte sich an Indras Ankunft – blutend, dem Tod nah, zweifelnd, ob Engel und Dämonen jemals Frieden finden könnten. Und nun das. Ein neues Leben, das genau aus diesem Frieden entstanden war.
„Schwanger…“, flüsterte Mariel. Ein langsames, strahlendes Lächeln verbreitete sich auf ihrem Gesicht, und ihre Augen begannen vor Freude zu glänzen. „Indra… das ist das schönste Wunder, von dem ich je gehört habe.“
Indra schnaubte leise, eine Abwehrreaktion, die Mariel nur zu gut kannte. „Schön? Es ist unmöglich, Mariel. Wir sind Dämonen. Wir funktionieren so nicht. Der Principales ist außer sich, er hat uns sofort hierher befohlen und uns diese Mappen gegeben.“ Sie hielt das Lederbündel von Gabriel fest umklammert.
Mariel lachte leise und nahm Indra sanft das Bündel ab. „Das klingt irgendwie nach Balthasar. Er flüchtet sich in Befehle, aber das ist okay für einen Anführer.
Aber du weißt, wo du hier bist, Indra.“ Mariel sah in die Runde der anderen Frauen und winkte sie näher. „Ihr seid in Kitary. Ihr seid bei mir. Und hier bedeutet ’schwanger‘ nicht, dass ihr ein Problem seid. Es bedeutet, dass ihr Schutz und Liebe verdient. Und ich möchte hinzufügen: Euch sieben kenne ich, seit ihr noch Dämönchen wart und Trost unter meinen Flügeln gesucht habt.“
Mariel führte Indra zu einem der weichen Sessel. „Setz dich. Sofort. Ich werde Araton sagen, dass er den Tee vorbereiten soll – den guten mit den Bergkräutern, den du nach deiner Heilung so mochtest. Und dann werden wir diese Mappen gemeinsam durchgehen.“
„Der Principales sagt, wir brauchen Paten“, murmelte eine der jüngeren Dämoninnen unsicher.
„Und ihr werdet die besten bekommen“, versprach Mariel fest. Sie kniete sich kurz vor Indra nieder, genau wie sie es getan hatte, als Indra noch im Sterben lag. „Erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe, als du aufgewacht bist? Dass du hier sicher bist? Das gilt jetzt doppelt. Wir werden für dich und das kleine Licht in dir sorgen. Kitary wird eure Wiege sein, nicht euer Exil.“
Indra sah auf Mariels Hände und dann in das vertraute, gütige Gesicht der Priesterin. Die harte Maske der Ursprünglichen bröckelte für einen Moment. „Ich dachte, die Leere wäre mein Ende gewesen“, flüsterte sie heiser. „Und jetzt… das.“
„Das ist das Leben, Indra“, sagte Mariel zärtlich. „Es findet immer einen Weg, besonders dort, wo man es am wenigsten erwartet. Willkommen zu Hause – diesmal wirklich.“
































































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