32 Akriels und Indras Gedanken

Akriels Gedanken

Kitary roch nach Schnee, Wind und Ordnung. Ganz anders als die brennenden Steppen an der Front, die er erst vor wenigen Tagen verlassen hatte. Den Himmelsboten hatte er seit Wochen nicht in den Händen gehalten – wer hatte im Feld schon Zeit für die neuesten Skandale aus Iceron? Dass die Wachen der 9. Legion ihn an den Kontrollpunkten erst passieren ließen, nachdem er ihr Schreiben vorgezeigt hatte, machte ihn zwar stutzig – doch die Skepsis wich schnell der Vorfreude.

Akriel blieb einen Moment stehen, als er die äußeren Terrassen erreichte, und ließ den Blick über das vertraut-unvertraute Dorf gleiten. Er war schon hier gewesen, natürlich. Doch diesmal war es anders. Diesmal war er eingeladen worden. Persönlich.

Warum will sie mich sehen?

Der Gedanke hatte ihn seit dem Moment begleitet, in dem er ihren Brief gelesen hatte. Kurz. Klar. Ohne Erklärung. Ganz Indra.

Unwillkürlich huschte ein schiefes Lächeln über sein Gesicht.

Vielleicht, dachte er, hat sie Lust, unsere erste Nacht fortzusetzen.

Der Gedanke war weniger anmaßend, als er vielleicht klang. Diese Nacht hatte sich in ihn eingebrannt – nicht wegen der Lust allein, sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der Indra ihn geführt hatte. Ohne Spielchen. Ohne Zögern. Er war gegangen mit dem Gefühl, etwas Einmaliges erlebt zu haben. Und mit der leisen Wehmut, dass es genau das bleiben würde.

Und doch hatte sie ihm geschrieben.
Das allein bedeutete etwas.

Er meldete sich an, ließ sich von Mariel höchstpersönlich zu Indra führen, folgte den Wegen tiefer in die Halla hinein. Mit jedem Schritt wuchs eine andere Ahnung in ihm. Nicht Angst – eher dieses Ziehen im Magen, wenn etwas Größeres im Raum steht, das man noch nicht benennen kann.

Als er schließlich vor der Tür stand, hinter der Indra wartete, richtete er sich unbewusst auf. Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern aus Respekt.

Er klopfte.

„Herein.“

Ihre Stimme. Ruhig. Unverändert.
Sein Herz machte einen kleinen, unpassenden Sprung.

Indra stand am Fenster, den Rücken halb zu ihm gewandt. Dunkle Schwingen, locker gefaltet. Als sie sich umdrehte, musterte sie ihn offen, ohne Eile. Kein Lächeln. Aber auch keine Distanz.



„Du bist gekommen“, stellte sie fest.

„Natürlich“, antwortete Akriel. „Du hast mich gebeten.“

Ein kurzer Moment verstrich. Etwas Ungesagtes lag zwischen ihnen. Dann sagte sie es. Ohne Umschweife. Ohne Dramaturgie.

„Ich bin schwanger.“

Der Satz traf ihn nicht wie ein Schlag. Eher wie ein plötzlicher Stillstand.

Das Dorf, der Raum, sogar sein Atem schienen für einen Herzschlag zu pausieren.

Schwanger.

Er brauchte einen Moment, um den Gedanken zu sortieren. Die Nacht. Der Abstand. Die Zeit. Es passte. Er wusste es sofort. Und gerade diese Klarheit ließ keinen Raum für Flucht.

Sein Blick ging zu ihr. Suchte keine Schuld, keine Erklärung – nur sie.

„Von mir“, sagte er schließlich leise. Keine Frage.

Indra nickte.

Er atmete aus. Langsam.
Dann, fast überrascht von sich selbst, spürte er… Ruhe.

Nicht Gleichgültigkeit. Nicht Überforderung. Sondern das tiefe, nüchterne Wissen: Das ist real.

„Was willst du?“, fragte er schließlich. Seine Stimme war ruhig, aber nicht hart. „Willst du das Kind allein großziehen? Oder…“ Er zögerte einen Augenblick, ein ehrliches Zögern. „…soll ich an deiner Seite bleiben?“

Er machte einen Schritt näher, nicht aufdringlich, nur präsent.

„Ich stehe zu meiner Verantwortung“, fuhr er fort. „Aber ich werde sie dir nicht aufzwingen. Die Entscheidung liegt ganz bei dir.“

Für einen Moment musterte Indra ihn. Länger als zuvor. Als würde sie abwägen, nicht seine Worte – sondern ob sie ihm glaubte.

Akriel hielt ihrem Blick stand. Nicht, weil er sich stark fühlte. Sondern weil Wegsehen sich falsch angefühlt hätte.

Und irgendwo, tief in ihm, regte sich ein Gedanke, den er nicht ganz einordnen konnte:

Egal, wie sie sich entscheidet – diese Nacht war kein Ende.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indra Gedanken

Kitary war still an diesem Morgen.
Nicht leer – sondern gesammelt.

Indra stand am Fenster und betrachtete die Terrassen unter sich, die klaren Linien aus Stein und Eis, die Ordnung. Ordnung half beim Denken. Und heute musste sie denken, ohne sich von Emotionen treiben zu lassen.

Sie wusste, dass Akriel unterwegs war. Sie hatte den Zeitpunkt bewusst gewählt, den Ort ebenso. Kein neutraler Boden. Kein Zufall. Kitary war ihr neues Zuhause. Wenn sie ihm diese Wahrheit sagte, dann hier.



Du bist nicht der Typ, der davonläuft, dachte sie.
Aber Gewissheit war etwas anderes als Hoffnung.

Als es klopfte, drehte sie sich nicht sofort um.

„Herein.“

Sie hörte seine Schritte, spürte seine Präsenz, noch bevor sie ihn ansah. Jünger, ja. Weniger abgeklärt. Aber nicht schwach. Das hatte sie damals schon gewusst – in jener Nacht, in der sie ihn geführt hatte, ohne ihn zu brechen.

Jetzt wandte sie sich ihm zu.

Er sah gut aus. Lebendig. Wach. Und für einen flüchtigen Moment fragte sie sich, ob er wohl dasselbe dachte wie sie: Warum bin ich hier?

„Du bist gekommen“, sagte sie. Eine Feststellung, kein Test.

„Natürlich“, antwortete er. „Du hast mich gebeten.“

Gut. Kein Zögern. Kein Ausweichen.
Sie verlor keine Zeit.

„Ich bin schwanger.“

Der Satz stand zwischen ihnen wie ein Pfeiler. Schwer. Unbeweglich.

Indra beobachtete ihn genau. Seine Atmung. Seine Augen. Den Moment, in dem das Gewicht der Worte einsickerte. Sie hatte Männer gesehen, die in diesem Augenblick laut geworden wären. Oder kalt. Oder leer.

Akriel wurde still.

Das ist gut, dachte sie. Stille bedeutet, dass er denkt.

„Von mir“, sagte er schließlich.

Kein Zweifel. Kein Drama.
Sie nickte.

Und dann geschah etwas, das sie nicht erwartet hatte.

Keine Verteidigung. Kein Rückzug.
Stattdessen Ruhe.

Er fragte nicht warum. Er fragte nicht: Wie konntest du. Er fragte nur:

„Was willst du?“

Indra spannte sich innerlich an. Nicht, weil die Frage falsch war – sondern weil sie ehrlich war.

Er trat einen Schritt näher, ohne sie zu bedrängen. Präsent. Wachsam. Respektvoll.

„Willst du das Kind allein großziehen“, fuhr er fort, „oder soll ich an deiner Seite bleiben?“

Soll ich an deiner Seite bleiben.

Nicht muss. Nicht darf.
Soll.

Indra spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste. Kein weiches Gefühl. Eher ein inneres Nicken.

„Ich stehe zu meiner Verantwortung“, sagte er. „Aber ich werde sie dir nicht aufzwingen. Die Entscheidung liegt ganz bei dir.“

Sie musterte ihn lange. Länger, als es höflich gewesen wäre. Aber Höflichkeit war hier nebensächlich. Sie wollte wissen, ob seine Worte Substanz hatten.

Er wich ihrem Blick nicht aus.



Du bist jünger als ich, dachte sie. Aber nicht unreif.

„Ich habe dich nicht hergerufen, um dir eine Rolle aufzuzwingen“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig, fest. „Ich wollte, dass du es weißt. Dass du die Wahl hast.“

Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Eine kleine, fast unbewusste Geste.

„Was ich will“, fuhr sie fort, „ist kein Versprechen aus Pflicht. Kein Bleiben aus Schuld.“

Ihr Blick ruhte auf ihm.

„Wenn du bleibst, dann weil du es willst. Und wenn du gehst, dann wissend, dass du nicht verstoßen wurdest.“

Ein Hauch von Stille legte sich zwischen sie. Keine Leere. Raum.

Indra wusste in diesem Moment:
Egal, wie diese Entscheidung ausfallen würde – sie hatte richtig gehandelt.

Und vielleicht, nur vielleicht, war diese Nacht vor Monaten nicht nur ein Ausbruch gewesen.
Sondern ein Anfang, der sich Zeit gelassen hatte.

Akriel überlegte kurz, dann schmunzelte er. Es war kein leichtfertiges Grinsen, sondern ein Ausdruck von ruhiger Entschlossenheit, den sie an ihm so schätzte.

„Dann bleibe ich“, sagte er.
„Und wir schauen, was daraus wird. Gehen kann ich später immer noch – falls es gewünscht ist.“

Indra atmete hörbar aus. Zum ersten Mal seit Tagen ließ sie die Anspannung los.
Ein schmales Lächeln huschte über ihre Lippen.

„Gut“, sagte sie. „Wenn das deine Entscheidung ist, werde ich sie akzeptieren.“
Sie musterte ihn schräg.
„Ich hoffe, du bist dir bewusst, worauf du dich einlässt. Soweit ich informiert bin, können schwangere Frauen recht anstrengend werden.“

Akriel lachte leise.
„Ein Fünfter nimmt jede Herausforderung an“, erwiderte er.
„Und ich weiß, wie man dient.“

Er trat einen halben Schritt näher, respektvoll, nicht fordernd.
„Ich werde deine Hand halten. Dir helfen, so gut ich kann.“
Ein kurzes Innehalten – dann, mit einem vertrauten Unterton:
„Herrin.“

Indra schmunzelte und nickte.
„Dann soll es so sein.“

Und für einen flüchtigen Moment fühlte es sich an, als hätte das Schicksal nicht zugeschlagen – sondern angeklopft.

 

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