Kapitel 14
Asher saß im Büro seines Alphas und starrte an die gegenüberliegende Wand, während ein leises, gereiztes Fluchen über seine Lippen kam.
Verdammt.
Er konnte ihren Duft immer noch riechen.
Warm. Lebendig. Verwirrend – und doch auf eine beängstigende Weise vertraut. Skye. Er hatte sie zurück in sein Zimmer gebracht. In sein Bett. Nicht irgendwohin, nicht in ein neutrales Gästezimmer. Sondern dorthin, wo sein Geruch, seine Präsenz, sein Anspruch am stärksten waren.
Und er hatte sie geküsst.
Zu lange. Zu intensiv. Als hätte er sich selbst beweisen müssen, dass sie real war. Dass sie nicht wieder verschwinden würde, sobald er den Blick abwandte.
Dann hatte er sich losgerissen.
War Kael gefolgt.
Nicht, weil er musste – sondern weil er es wollte. Weil er jemanden brauchte, der ihn bremste, bevor er etwas tat, das er nicht mehr zurücknehmen konnte.
Jetzt saß er hier, die Ellbogen auf den Oberschenkeln abgestützt, die Hände fest ineinander verschränkt, als müsste er sich selbst zusammenhalten. Sein Körper war angespannt, jede Faser auf Alarm. Nicht wegen einer Bedrohung von außen. Sondern wegen der einen, die nun unter seinem Dach war.
Kael lehnte an seinem Schreibtisch und beobachtete ihn mit diesem ruhigen, durchdringenden Blick, der Asher schon seit Jahren durchschaute. Dieser Blick, der keine Ausreden akzeptierte.
„Du solltest froh sein, dass ich euch unterbrochen habe“, sagte Kael schließlich trocken.
Der Tonfall war sachlich. Beinahe belehrend. Wie ein Lehrer, der seinem Schüler erklärt, warum dieser gerade haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt war.
Asher schnaubte leise. Ein Knurren hatte ihm auf der Zunge gelegen, war aber gerade noch rechtzeitig unterdrückt worden. Vor seinem Alpha riss man sich zusammen. Immer.
„Du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen“, fuhr Kael fort, „dass du es für eine gute Idee gehalten hättest, deine Gefährtin zum ersten Mal in der Küche zu verführen. An einem Ort, an dem jedes Rudelmitglied jederzeit hätte hereinkommen können.“
Asher knirschte mit den Zähnen.
Nein.
Natürlich nicht.
Und genau deshalb war er Kael dankbar gewesen – auch wenn er das niemals laut aussprechen würde. Die Unterbrechung hatte ihn gerettet. Vor sich selbst.
„Ich habe mich nicht im Griff gehabt“, murmelte Asher schließlich. Seine Stimme war rau. „In ihrer Nähe…“ Er brach ab, schüttelte den Kopf, als könnte er die Bilder abschütteln. „Bei dir und Livia sah das immer so einfach aus.“
Kael hob eine Braue. „Weil Livia nicht vor mir geflohen ist.“ Ein kurzer Moment des Zögerns. Dann fügte er hinzu: „Und weil deine Gefährtin sogar den Drang hatte, sich vor dir zu verschleiern.“
Der Satz traf ihn wie ein Schlag.
Asher spannte sich sichtbar an. Seine Schultern wurden hart. „Nenn sie nicht so.“
„Wie?“, fragte Kael ruhig, doch seine Stirn legte sich in Falten.
„Hexe.“ Das Wort schmeckte bitter. Abscheulich. „Sie heißt Skye.“
Kael musterte ihn lange. Dann nickte er langsam. „Das eine schließt das andere nicht aus.“
Asher wandte den Blick ab. Er wusste es. Und genau das machte es so unerträglich.
„Du darfst nicht vergessen, wer sie ist“, fuhr Kael fort. „Und du musst akzeptieren, was sie ist. Nicht irgendwann. Jetzt.“
Asher schloss kurz die Augen.
Er hatte es verdrängt. Seit dem Moment, in dem er sie gefunden hatte. Seit dem ersten Atemzug, mit dem er ihren Duft erkannt hatte. Seine Gefährtin. Seine Skye.
Nicht die Hexe.
Aber sie war beides.
„Ich will einen Neustart“, sagte Asher leise. „Mit ihr.“
„Dann hör auf, sie wie eine Gefangene zu behandeln“, erwiderte Kael ruhig.
Asher zuckte kaum merklich zusammen.
„Das Armband“, fügte Kael hinzu. „Ich habe es gesehen.“
Asher ballte die Fäuste. „Ich musste sicher sein.“
„Oder du wolltest Kontrolle.“
Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
Asher atmete tief ein. Vielleicht wollte er beides. Schutz – und Macht. Sicherheit – und Gewissheit.
„Es gibt so vieles, was ich nicht weiß“, sagte er schließlich. Seine Stimme war jetzt leiser. Ehrlicher. „Sie ist geflohen. Nicht nur vor mir.“ Er schluckte. „Und sie will nicht darüber reden.“
Kael sagte nichts.
„Ich will wissen, wie weit sie gegangen ist“, fuhr Asher fort. Sein Blick wurde dunkel. „Ich muss es wissen.“
Kael runzelte die Stirn. „Was meinst du?“
Asher sah ihn an. Sein Blick war hart. Wachsam. „Du weißt genau, was ich meine. Hexen verändern sich. Je mehr dunkle Taten sie begehen, desto mehr verändert sich ihre Seele.“ Seine Stimme senkte sich. „Es beginnt klein. Worte, die manipulieren. Lügen. Kleine Diebstähle. Menschen gegeneinander ausspielen. Und irgendwann—“
„Mord“, beendete Kael ruhig.
Asher nickte. „Ich muss wissen, wie befleckt ihre Magie ist.“ Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. „Was, wenn sie jemanden getötet hat? Was, wenn sie nicht flieht, weil sie Opfer ist – sondern weil sie Vergeltung fürchtet?“
Kael trat näher. „Du sprichst von ihr, als wäre sie ein Risiko.“
„Sie ist eines“, entgegnete Asher hart. „Jede Hexe ist es.“
„Denkst du das auch von Skye?“, fragte Kael ruhig.
Asher schluckte.
Er wusste es nicht. Sein mangelndes Vertrauen, stand im krassen Gegensatz zu seinem Wunsch mit ihr einen Neuanfang zu starten.
Und genau das machte ihm Angst.
Weiße Hexen konnten fallen. Schwarze hatten sie einst ausgerottet – nicht nur aus Machtgier, sondern aus Abscheu vor dieser Reinheit. Und manchmal… wechselte selbst das Licht die Seite. Und sie musste mit ihm reden. Aber er hatte sich auch beim ersten Mal geirrt. Sie floh nicht vor ihm weil sie ihn hätte erkennen müssen, sondern weil sie es nicht tat. Da hatte er sich auch schon geirrt. Er hoffte das er sich jetzt auch irrte.
„Ich will sie beschützen“, sagte Asher leise. „Zur Not auch vor sich selbst.“
„Dann fang an, ihr zu vertrauen“, erwiderte Kael.
Asher lachte leise. Bitter. „Das ist leichter gesagt als getan.“
Doch tief in sich wusste er:
Er musste sie zu der seinen machen. Dann würde sie nicht mehr fliehen. Nicht mehr fliehen wollen.



































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