Kapitel 25
Der Wald war zu still.
Cade stand am Rand der abgestorbenen Lichtung, Hände in den Manteltaschen, als Elias und die beiden Späher Connor und Reed sich im Halbkreis um den verendeten Boden positionierten. Schnee fiel leise, aber der Wald nahm ihn nicht auf. Keine Spuren, keine Geräusche, keine Tiere. Es war nicht die Ruhe eines naturbelassenen Winterwaldes — es war Auslöschung.
„Das hier war gestern Nacht noch nicht so,“ murmelte Connor und deutete mit dem Kinn auf die kreisförmige Platte verfärbter Erde. „Wir sind hier vorbei, als wir die Nordgrenze kontrolliert haben. Das war alles normal.“
Cade ging ein paar Schritte näher. Er berührte den Boden nicht — er musste es nicht. Der Geruch allein war genug: Verwesung, aber frisch. Kein Aasgeruch. Kein Blut. Eher als hätte das Leben selbst einfach aufgehört.
Ein Reh lag am Rand der Fläche, saubere Linien, keine Bissspuren, kein Kampf. Die Augen offen, das Fell unversehrt. Nur… tot.
„Wie weit bis zur Grenze?“ fragte Cade ruhig.
„Hundert Meter,“ antwortete Elias. „Also außerhalb unseres Reviers.“
„Noch,“ korrigierte Cade. Und genau dieses Wort ließ selbst Reed leise schlucken.
Elias hockte sich hin, schnupperte, dann schüttelte er den Kopf. „Keine Spur von Dämonenenergie. Keine Spur von Magie. Es riecht… falsch. Aber nicht wie ein Wesen.“
„Kein Raubtier,“ ergänzte Connor. „Nichts jagt hier. Alles stirbt einfach.“
Cade blickte auf den Boden, der sich wie eine Krankheit in die Landschaft gefressen hatte. Die Pflanzen schienen nicht verbrannt — sie waren wie ausgelöscht. Ohne Zwischenstufen. Ohne Verfall.
„Es ist ein Einfluss,“ sagte Cade leise. „Keine Kreatur.“
Elias nickte. „Oder etwas, das getragen wird.“
Reed warf einen dünnen Ast in die Mitte der Fläche. Als er aufkam, klang es dumpf — als wäre der Boden weich, aber nicht matschig. Der Ast blieb liegen, aber auch er wirkte falsch — wie ein Objekt in einer Simulation, nicht in einem Wald.
„Hat jemand irgendwelche Bewegung gesehen?“ fragte Cade.
„Nein,“ sagte Elias. „Keine Wärmequelle, kein Herzschlag, kein Schatten. Wir haben alle Sensoren laufen lassen. Alle Instinkte liefen aif Hochtouren. Nichts.“
„Das ist schlimmer als etwas zu sehen,“ murmelte Connor und trat zurück.
Cade wollte gerade eine Antwort formen, als sein Handy vibrierte. Er sah auf das Display.
Kael.
Timing, dachte Cade. Seltsam — und perfekt.
Er entfernte sich ein paar Schritte vom verendeten Boden und ging an die Grenze der Lichtung, bevor er abhob.
„Kael.“
„Bennett,“ antwortete Kael. Seine Stimme war ruhig, wie immer, aber wach. Nicht Feind, nicht Freund — aber ein Mann, der Verantwortung trug.
„Was gibt’s?“, fragte Cade.
„Ich habe Livia gerade bei mir. Sie hat vorhin mit Belle gesprochen.“ Eine Pause. Dann: „Sie will sie sehen.“
Cade sagte nichts. Sein Wolf war der Erste, der reagierte: Schutz. Nicht Ablehnung. Nicht Abwehr.
Belle brauchte Livia. Er wusste das. Er hatte es gewusst, als er das Telefon auf ihren Nachttisch gelegt hatte. Und etwas besseres hätte nicht passieren können.
„Wann?“ fragte er.
„Heute,“ antwortete Kael. „Oder morgen. Wir sind bereit.“
Cade sah wieder zur verendeten Fläche zurück. Wenn das Ding, was auch immer es war, sich bewegte, dann würde es nicht beim Nachbarrevier bleiben. So etwas drang immer weiter vor, bis es einen Nährboden fand oder alles um sich herum vernichtete.
Und Belle?
Belle war keine Wölfin, keine Hexe, kein Dämon. Sie war Mensch. Mit seinem Kind im Bauch.
Und Menschen waren verletzlich gegen das, was man nicht sehen konnte.
„Sie ist hier nicht sicher,“ sagte Cade leise.
Kael schwieg einen Moment. Bei ihm bedeutete das Nachdenken, nicht Unverständnis.
„Was genau meinst du?“ fragte er schließlich.
Cade war kein Mann, der dramatisierte. Also sagte er einfach die Wahrheit:
„Etwas kommt. Es macht keine Geräusche, keine Spuren, keine Energie. Es tötet Pflanzen und Tiere ohne Kontakt. Wir stehen am Rand einer Zone, die gestern nicht da war.“
„Verstanden,“ sagte Kael sofort. Keine Fragen. Keine Zweifel. Kein Versuch, das Unbekannte zu romantisieren.
Cade fuhr fort: „Ich möchte Belle zu euch bringen. Dann gehe ich zurück und finde heraus, ob es sich ausbreitet.“
Kael atmete aus. Nicht angespannt — erleichtert. „Das ist klug.“
„Ich brauche einen sicheren Ort für sie,“ sagte Cade. „Mit jemandem, den sie kennt. Und der sie beschützt.“
„Ich lasse niemanden an sie ran,“ versprach Kael. „Und Livia wird ihr den Kopf zurechtrücken.“
Cade erlaubte sich ein winziges, dunkles Lächeln. Livia war klein, menschlich, und dennoch die einzige Frau, die er kannte, die einem Alpha durchs Revier folgen konnte, ohne zu blinzeln.
„Wie lange?“ fragte Kael noch.
„Bis ich weiß, was wir jagen,“ antwortete Cade. „Oder was uns jagt.“
Kael nickte hörbar über das Telefon. „Wo treffen wir uns?“
„Ich bringe sie in euer Haus,“ sagte Cade. „Nicht neutraler Boden. Ich will sie dort lassen, wo die Grenze kontrolliert ist.“
Kael akzeptierte das sofort. „Gut. Wir bereiten alles vor. Sag ihr… nichts, was ihr Angst macht.“
„Ich weiß,“ sagte Cade. Das hätte er sowieso nicht getan.
Als er auflegte, steckte er das Telefon weg und kehrte zu seinen Männern zurück.
Elias sah ihn an. „Kael?“
„Ich bringe Belle zu ihnen,“ bestätigte Cade.
Reed hob die Brauen. „Damit sie sicher ist?“
„Damit ich frei bin,“ korrigierte Cade. „Ich kann dieses Ding nicht jagen, wenn ich mich um sie sorgen muss.“
Connor stieß die Luft aus. „Livia wird sich freuen. Belle auch.“
Cade sagte nichts dazu.
Aber es war wahr — und er wusste es.
Elias blickte auf die abgestorbene Fläche. „Was jetzt?“
„Wir markieren die Ausdehnung,“ sagte Cade. „Wenn sie wächst, will ich Zahlen. Wenn sie wandert, will ich eine Richtung.“ Auch wenn er wusste, dass es sich in Richtung seines Reviers bewegte. Er brauchte dennoch Sicherheit
Er wandte sich ab. Sein Mantel strich über den Schnee, der unter seinen Stiefeln knisterte.
„Und Belle?“ fragte Elias noch.
Cade hielt einen Moment inne, dann antwortete er, ohne sich umzudrehen:
„Belle packt heute. Ich fahre sie vor Sonnenuntergang.“
Keine Diskussion. Keine Alternative.
Connor und Reed tauschten Blicke. Sie wussten, was dieser Ton bedeutete: Das war nicht nur ein Alpha-Befehl. Das war der Schutz einer Gefährtin.
Und ein Alpha, der schützt, war gefährlicher als einer, der jagt. Und er würde dieses Wesen jagen, vernichten und seine Familie beschützen.
































Kommentare