Kapitel 26
Belle fand Cade im oberen Wohnbereich, genau vor dem Fenster, als wäre er Teil des Rahmens. Das Licht fiel seitlich über seine Schultern und zeichnete harte Linien in sein Profil. Er hörte sie, noch bevor sie den Teppich berührte – natürlich hörte er sie. Wölfe überhörten nie etwas.
„Wir fahren gleich los,“ sagte er, ohne sich umzudrehen.
Belle blieb stehen. Ihr Herz machte eine kurze, nervöse Bewegung, die nichts mit Angst zu tun hatte – eher mit Überraschung.
„Wohin?“ fragte sie vorsichtig.
Cade wandte sich um, langsam, kontrolliert. Sein Blick war konzentriert, aber nicht finster. Kein Alarm, kein Streit. Das irritierte sie fast mehr als alles andere.
„Zu Kael und Livia,“ sagte er. „Du kannst sie heute sehen.“
Einen Moment lang starrte Belle ihn nur an. Nicht, weil sie nicht verstanden hatte, sondern weil es zu viel Bedeutung in zu wenigen Worten gab.
„Heute…?“ fragte sie, langsam, als würde sie abtasten, ob sie sich verhört hatte.
„In ein paar Stunden,“ präzisierte Cade. „Pack, was du brauchst. Es wird kein kurzer Besuch.“
Belle blinzelte. „Wie lang ist denn ‘kein kurzer’ Besuch? Einen Tag? Zwei? Eine Woche? Ein Monat?“
Cade hielt ihren Blick ohne Flackern. „Ein paar Tage.“
Belle schloss den Mund wieder. Und öffnete ihn erneut. „Du willst mich… gehen lassen? Zu Livia? Jetzt? Ohne Diskussion?“
„Ja.“
Es war kein Zögern in diesem „Ja“. Keine Bedingung, kein Nachsatz. Und genau das machte sie skeptisch.
Sie verschränkte die Arme. „Normalerweise erklärst du mir Dinge. Oder du teilst mir Befehle mit. Jetzt… hörst du dich an, als würdest du mich zum Wellnessurlaub schicken.“
Ein Schatten von Belustigung zog über seine Augen. „Das ist kein Wellnessurlaub.“
„Und was ist es dann?“
„Etwas, das dir gut tut,“ sagte er ruhig. „Du wolltest Livia sehen. Du brauchst sie.“
Belle öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber eine Stimme in ihr schlug gleichzeitig Alarm und Hoffnung. Livia sehen. Livia festhalten. Livia hören. Livia wirklich, tatsächlich lebendig vor sich haben. Und gleichzeitig in diese Realität zurückfinden, die sie vor einem Jahr verloren hatte.
Sie atmete tief ein. „Warum jetzt? So plötzlich?“
„Weil es möglich ist,“ sagte er. „Und möglich heißt bei mir sofort.“
Das war keine Erklärung – oder eine, die zu kurz war. Aber die Art, wie er es sagte, war nicht aggressiv. Eher wie jemand, der einen Plan bereits fertig gefaltet im Kopf hatte.
„Du kommst mit,“ sagte Belle schließlich, nachdem sie ihn lange angesehen hatte – eine Mischung aus Forderung und Prüfung in der Stimme.
„Ja,“ bestätigte Cade ruhig. „Aber ich komme nicht allein.“
Belle zog eine Augenbraue hoch. „Oh? Ist das so eine Art… Eskorte?“
„Nenn es, wie du willst,“ antwortete er. Es klang nicht abwehrend, eher wie eine nüchterne Feststellung. „Elias fährt. Und Nora kommt ebenfalls mit.“
Belle brauchte eine kurze Sekunde, bis sie das sortiert hatte. Erstaunlich, wie beiläufig er das sagte – als sei es selbstverständlich, dass man eine Gefährtin nicht ohne Beta und… Nora transportierte.
„Nora?“ wiederholte sie schließlich. „Warum?“
Cade antwortete mit einer Gelassenheit, die ihn oft noch schwerer zu durchschauen machte: „Weil es praktischer ist.“
Das war keine richtige Antwort, aber auch keine falsche. Und Belle kannte ihn inzwischen gut genug, um zu merken, wann er eine Diskussion begrenzen wollte.
Dann schob sich eine zweite Erkenntnis in ihren Kopf. Eine, die ihr Bauchgefühl zusammenzog.
„Und du gehst… nicht die ganze Zeit mit?“ fragte sie langsam.
Cades Blick blieb ruhig, fast zu ruhig. „Nein.“
Belle atmete einmal durch und stellte sich mit verschränkten Armen ihm gegenüber. „Das heißt… du bringst mich zu Livia. Und danach fährst du wieder weg.“
„Richtig.“
Kein Flackern, kein Zögern, keine Entschuldigung. Als wäre das die logische Konsequenz für irgendetwas, das sie nicht sehen durfte.
„Warum?“ fragte sie.
„Weil es nötig ist.“
Belle lachte leise – kein Humor, eher eine scharfe Linie. „Das ist keine Erklärung, Cade.“
Er hielt ihrem Blick stand. „Es ist die einzige, die du jetzt bekommst.“
Sie öffnete den Mund – bereit zu widersprechen, zu hinterfragen, zu kämpfen –, aber dann fiel ihr auf, wie ernst seine Haltung war. Kein Ärger, kein Beschwichtigen. Nur klare Zweckmäßigkeit.
Sie schloss den Mund wieder.
Zwei Sekunden.
Drei.
„Gut,“ sagte sie schließlich und hob das Kinn minimal. „Ich packe. Aber nur, weil ich Livia sehen will. Nicht, weil du es anordnest.“
Cades Augen wurden weich, in genau dieser Weise, die gefährlicher war als jeder Befehl.
„Ich weiß,“ sagte er leise. „Genau deshalb.“
Belle drehte sich um und ging Richtung Treppe, blieb nach zwei Schritten jedoch stehen und sah über die Schulter.
„Übrigens,“ sagte sie, „ich würde trotzdem gerne irgendwann wissen, warum du so plötzlich bereit bist, mich gehen zu lassen.“
Er antwortete ohne den Hauch eines Lächelns: „Weil es die richtige Zeit ist.“
Das war wieder keine Erklärung – zumindest keine für Menschen.
Aber Belle akzeptierte sie.
Für den Moment.
Belle sah ihn lange an. Minuten vielleicht. Es war einer dieser Blicke, die nicht mit Worten liefen, sondern mit Messern und Fragen und unsichtbaren Fäden.
Und dann sagte sie:
„Gut. Ich packe.“
Cade nickte. Kein Triumph, keine Überlegenheit. Nur Bestätigung.
Belle drehte sich um, machte zehn Schritte Richtung Treppe, blieb stehen und wandte sich noch einmal um.
„Nur damit das klar ist,“ sagte sie ruhig. „Ich stimme zu, weil ich Livia sehen will. Nicht, weil du mir sagst, dass ich soll.“
Cades Augen wurden weich in dieser gefährlichen, völlig ungeschützten Art, die er nie bewusst zeigte.
„Ich weiß,“ sagte er. „Genau deshalb.“
Belle verschwand nach oben.
Sie warf Kleidung in eine Tasche, schneller als sie gedacht hatte. Dann blieb sie einen Moment sitzen, den Blick auf den Stapel gerichtet, der ihr Leben für „ein paar Tage“ darstellen sollte.
Sie war skeptisch. Natürlich war sie das.
Cade war nicht der Typ Mann — oder Wolf — der einfach sagte: „Geh ruhig, hab Spaß“ und dann zufrieden Tee trank.
Wenn er etwas tat, tat er es, weil es notwendig war.
Aber er sagte nichts über Bedrohung, nichts über Gefahr, nichts über Grund. Das machte es paradox leichter und schwerer zugleich.
Sie dachte an Livia.
An die Wärme in Livias Stimme.
Den Druck im Herzen löste sich ein bisschen.
Ja, sie brauchte das.
Als sie wieder nach unten kam, war alles bereit: Cade zog sich Handschuhe über, Elias stand bereits im Mantel an der Tür, Nora hüpfte vor Aufregung leicht auf den Füßen.
Belle sah sie alle an und dachte:
Das ist kein Zufall. Das ist Planung.
Sie sagte nichts mehr.
Sie griff ihre Tasche, zog den Reißverschluss hoch und sagte nur:
„Legen wir los.“
Cade öffnete die Haustür.
Der Schnee draußen fiel leise wie Staub.
Und während sie hinaustrat, wusste Belle eines mit absoluter Klarheit:
Sie ging — aber sie war nicht frei.
Und trotzdem fühlte es sich so an.

























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