Kapitel 27
Belle brauchte ungefähr zehn Minuten, um ihren Puls wieder auf ein normales Level zu bringen.
Nicht wegen irgendeiner Verhandlung. Nicht wegen irgendeines Vertrags.
Wegen eines einzigen Satzes von Cade.
„Du fährst zu Livia.“
Es klang so schlicht. So harmlos. Und gleichzeitig schwang darin etwas mit, das ihr Bauch sofort als falsch markierte – nicht, weil es gelogen war, sondern weil es unvollständig war.
Sie stand mitten im Schlafzimmer, halb angezogen, halb verwirrt, und starrte auf die Reisetasche auf dem Bett. Cade hatte sie aus dem Schrank geholt, ganz selbstverständlich, als wäre das längst beschlossene Sache gewesen.
„Also…“ Belle stemmte die Hände in die Hüften. „Ich fasse zusammen: Ich packe. Du sagst nicht, wie lange. Du erklärst nicht wirklich, warum. Und ich soll einfach vertrauen.“
Cade stand im Türrahmen, Schultern breit, Hände in den Hosentaschen. Er wirkte nicht wie jemand, der etwas durchdrücken wollte – eher wie jemand, der innerlich schon entschieden hatte und nun versuchte, die sanftere Version davon zu verkaufen.
„Du fährst zu Livia,“ wiederholte er ruhig. „Du bleibst bei ihr. Ein paar Tage.“
„Warum?“ fragte Belle.
Er hielt ihrem Blick stand. Keine Ausflucht, kein Spiel, aber auch keine ausführliche Erklärung.
„Weil du dort sicherer bist.“
Das Wort sicherer setzte sich wie ein kalter Stein in ihre Brust.
„Sicherer wovor?“ fragte sie leise.
„Nicht jetzt,“ sagte er.
„Cade.“
„Nicht jetzt.“
Er sagte es ohne Lautstärke, aber mit einer Klarheit, die sie aus dem Gerichtssaal kannte: Dieser Punkt ist nicht verhandelbar.
Belle atmete hörbar ein, dann aus. „Ich hasse das.“
„Ich weiß,“ antwortete er.
„Und du erwartest trotzdem, dass ich mich in dein Auto setze.“
„Ja.“
Sie wollte diskutieren. Wollte Paragrafen zitieren, Bedingungen auflisten, zumindest eine Laufzeit verhandeln. Aber genau in dem Moment streifte ihr Blick das Handy auf dem Nachttisch – das, mit dem sie vor wenigen Stunden mit Livia gesprochen hatte.
Livia, schwanger und lebendig. Livia, die sie als Brautjungfer wollte. Livia, die gesagt hatte „Ich brauche dich“ – und dabei so geklungen hatte, wie Belle sich seit einem Jahr fühlte.
Sie klappte die Tasche auf, stopfte ein paar Jeans, Pullover, Unterwäsche und zwei weiche T-Shirts hinein. Ganz am Ende griff sie sich das Handy, steckte es in die Tasche und zog den Reißverschluss zu.
„Gut,“ murmelte sie. „Dann fahren wir zu Livia.“
Cade nickte nur.
Auf dem Flur stießen sie fast in Nora hinein, die offensichtlich schon länger dort stand – komplett fertig angezogen, mit Mütze, Schal, dicker Jacke und einem Rucksack, der aussah, als hätte sie für zwei Wochen Camping gepackt.
„Oh!“ Nora riss die Hände hoch. „Da seid ihr ja! Ich dachte schon, ich steh hier und rede mit der Tapete.“
Belle blinzelte. „Du… kommst mit?“
Nora nickte eifrig. „Natürlich. Livia ist super. Und ich will sehen, wie sie aussieht – also, so schwanger und glücklich und genervt von Kael, das wird toll.“
Belle warf Cade einen Blick zu. „Du nimmst Nora mit?“
„Elias fährt uns,“ sagte Cade nur. „Und er lässt Nora nicht allein zurück.“
Belle brauchte einen Schlag zu lang, dann schnappte sie sich die Tasche. „Es ist erstaunlich, wie viele Schutzschichten du um Menschen legen kannst.“
„Nur um bestimmte,“ erwiderte er.
Sie hätte gerne gefragt, ob sie das als Kompliment auffassen sollte. Sie ließ es.
Draußen vor der Haustür stand der SUV, Motor aus, aber schon vorbereitet. Elias lehnte an der Fahrertür, Mantel geschlossen, Blick aufmerksam. Als sie näherkamen, richtete er sich auf und nahm ihr ohne Kommentar die Tasche ab.
„Ich verstaue das,“ sagte er.
„Danke,“ murmelte Belle. „Wenigstens einer hier mit Manieren.“
„Er hat seine von mir,“ meinte Elias trocken und ging nach hinten.
Nora hüpfte praktisch zum Auto. „Ich sitze hinten bei Belle.“
„Das war nie in Frage gestellt,“ sagte Cade und öffnete die Beifahrertür – für sich.
Belle blieb kurz stehen. „Ich dachte, du fährst.“
„Heute nicht.“
Sie schüttelte den Kopf, stieg hinten ein und ließ sich in den Sitz fallen. Nora pflanzte sich neben sie, schnallte sich an und drehte sich sofort zu ihr um.
„Bist du aufgeregt?“ fragte sie.
„Ich bin Anwältin,“ antwortete Belle. „Ich bin nie aufgeregt. Ich bin lediglich… informiert.“
Nora grinste. „Du bist nervös.“
„Du bist sehr beobachtend.“
„Das liegt am Rudel.“
Elias stieg ein, startete den Motor. Cade setzte sich nach vorn, drehte sich für einen Moment halb nach hinten und ließ seinen Blick über Belle gleiten – kurz prüfend, kurz besitzergreifend, dann wieder nach vorn.
Der Wagen rollte los.
Eine Weile sprachen alle nicht viel. Die Landschaft zog vorbei – verschneite Bäume, gefrorene Felder, Straßen, die immer leerer wurden. Belle starrte aus dem Fenster und versuchte, den Knoten in ihrem Bauch zu ignorieren.
Nach zehn Minuten reichte es ihr.
„Also,“ sagte sie ruhig. „Wir tun mal so, als wäre ich nicht nur jemand, den du von A nach B schiebst. Willst du mir irgendetwas sagen, das über ‘Du bist sicherer dort’ hinausgeht?“
Cade sah nicht nach hinten, aber sie spürte, wie seine Aufmerksamkeit zu ihr schwenkte.
„Nicht alles, was ich weiß, musst du wissen,“ sagte er.
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist eine ehrliche.“
Sie presste die Lippen zusammen. „Ich frage anders: Geht von dem, was du weißt, eine Gefahr für mich aus, wenn ich im Rudelhaus bleibe?“
Er schwieg einen Moment. Kein Zögern, eher ein sorgfältiges Abwägen.
„Ja,“ sagte er schließlich. „Möglicherweise.“
Belle spürte, wie ihr Herz kurz schneller schlug. „Möglicherweise ist ein Wort, das ich hasse.“
„Ich weiß.“
„Und du erläuterst nicht, was diese mögliche Gefahr ist.“
„Noch nicht.“
„Weil…?“
„Weil ich erst sicher sein will, womit wir es zu tun haben, bevor ich dir Angst mache, ohne dass du etwas tun kannst.“
Sie hätte gern widersprochen.
Hätte gern gesagt, dass sie erwachsen war, Gefahren aushalten konnte, verflucht noch mal ein Jahr Folter durchgestanden hatte. Doch etwas an seiner Formulierung… war ehrlich. Und rücksichtsvoll. Und genau das machte sie weich, was sie noch mehr störte.
„Ich vertraue dir,“ sagte sie schließlich leise. „Aber ich mag es nicht.“
„Das ist in Ordnung,“ sagte Cade.
Nora meldete sich vorsichtig: „Livia wird sich freuen, dich zu sehen.“
Belle atmete einmal tief aus. „Das hoffe ich.“
Elias warf ihr im Rückspiegel einen kurzen Blick zu. „Sie hat öfter nach dir gefragt.“
Belle sah auf. „Sie hat… was?“
„Cade hat sie abgeblockt,“ warf Nora ein, bevor jemand sie stoppen konnte. „Also nur so ein bisschen. Also nicht böse. Nur… geplant. Alpha-mäßig.“
„Nora,“ sagte Cade warnend.
„Ja, schon gut,“ murmelte sie und zog den Reißverschluss ihres Pullis höher. „Ich sag ja schon nichts mehr.“
Aber der Satz hing im Raum.
Sie hat öfter nach dir gefragt.
Belle schaute auf ihre Hände in ihrem Schoß. „Natürlich hat er nichts gesagt,“ murmelte sie. „Warum auch einfach machen, wenn man alles verkomplizieren kann.“
„Ich wollte, dass du stark genug bist, bevor du sie siehst,“ sagte Cade ruhig.
„Mental oder körperlich?“ fragte sie.
„Beides. Außerdem wollte ich das was zwischen uns ist, erst festigen.“
Sie wusste nicht, ob sie das als Kompliment oder als Kontrolle einstufen sollte.
Der Rest der Fahrt verlief in intermittierendem Schweigen. Manchmal stellte Nora belanglose Fragen ‚ob Belle lieber Tee oder Kaffee mochte‘, ‚ob sie früher Weihnachten gefeiert hatte‘, ‚welches Lieblingsessen sie hatte‘, manchmal antwortete Belle knapp, manchmal gar nicht. Elias fuhr, als sei er Teil des Autos – ruhig, vorausschauend, souverän.
Je länger sie unterwegs waren, desto ursprünglicher wurde die Landschaft. Der Wald änderte Charakter: tiefer, älter, dichter. Häuser wurden seltener, Straßen schmaler.
„Wir sind gleich da,“ sagte Elias nach einer Weile.
Belle richtete sich auf und sah nach vorn.
Ein Haus tauchte aus den Bäumen auf – groß, aber nicht protzig. Holz, Stein, breite Veranda, warmes Licht in den Fenstern. Rauch aus einem Schornstein. Der Schnee auf dem Dach war unberührt. Es sah… bewohnt aus. Nicht wie ein Hotel. Wie ein Zuhause.
Noch bevor der Wagen ganz zum Stillstand kam, öffnete sich die Haustür.
Eine Gestalt trat hinaus.
Lange, dunkle Haare. Mantel offen, ein Schal halb um den Hals, die eine Hand an einem deutlich sichtbaren Bauch.
Livia.
Der SUV kam zum Stehen, und in dem Moment, in dem Elias die Handbremse anzog, riss Belle ihren Gurt los.
„Warte,“ setzte Cade an.
Aber sie war schon in Bewegung.
Die Autotür flog auf, kalte Luft strömte hinein, und Belle sprang praktisch hinaus. Der Schnee unter ihren Schuhen knirschte, die Kälte biss in die Wangen, ihre Lunge protestierte, doch das war alles weit weg.
Livia war die Veranda hinuntergerannt, soweit es ihr Bauch zuließ. Der letzte Schritt war eher ein tapsiger Sprung.
„BELLE!“
Sie prallten ineinander.
Livia schlang die Arme um sie, so fest es ihr Zustand zuließ, und Belle hielt zurück – halb aus Angst, dem Baby in ihrem Bauch weh zu tun, halb, weil ihre eigenen Beine kurz weich wurden.
„Du bist da,“ keuchte Livia. „Du bist wirklich da. Ich dachte – ich wusste – aber trotzdem, ich…“
Ihre Stimme brach. Nicht dramatisch, eher zitternd.
Belle vergrub für einen Moment das Gesicht an ihrer Schulter. Der Geruch war vertraut: Shampoo, Parfum, ein Hauch Vanille, die warme Note, die sie immer an Zuhause erinnert hatte.
„Hi, Liv,“ murmelte sie. „Du siehst… noch nicht dick aus.“
Livia lachte prustend, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. „Ich bin nich ganz früh, du unhöfliche Ziege.“
Belle lachte mit. Und irgendetwas in ihr, das seit Monaten wie ein Knoten gewesen war, löste sich ganz langsam.
„Ich hab dich vermisst,“ sagte Livia leise. „So sehr.“
„Ich dich auch,“ antwortete Belle, und diesmal brannte es ihr in den Augen.
Sie lösten sich ein Stück, gerade so weit, dass Belle Livia richtig ansehen konnte. Das Gesicht war weicher, die Augen müder, aber da war diese absurd starke Lebendigkeit, die kein Trauma und kein Mann ihr jemals hatte nehmen können.
„Du siehst gut aus,“ sagte Belle.
„Ich sehe aus wie ein Kugelfisch mit Haaren,“ widersprach Livia. „Aber danke.“
Belle grinste.
Hinter ihr hörte sie Schritte auf dem Schnee. Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, wer da war: Cade – schwer, ruhig, kontrolliert. Elias, leiser. Nora, hüpfend.
„Lass mich raten,“ sagte Livia mit einem Seitenblick an Belles Schulter vorbei. „Der Wolf ist mitgekommen.“
„Leider ja,“ murmelte Belle. „Kontrolle und so.“
Livia sah über Belle hinweg und grinste Cade offen an. „Danke, dass du sie gebracht hast.“
Cade nickte nur. „Bitte.“
Das Wort klang bei ihm selten und ungewohnt. Aber nicht ironisch.
Belle schielte zu ihm rüber. Er stand einige Meter entfernt, machte keine Anstalten, sich dazwischenzuschieben. Seine Haltung war wachsam, aber nicht angespannt. Elias neben ihm, Hände in den Taschen. Nora hinter ihnen, die Livia ansah, als wäre sie eine Königin.
„Bist du Kael?“ fragte Belle schließlich in die Richtung eines Mannes, der in der Tür stehen geblieben war.
Breite Schultern, dunkles Haar, Präsenz, die sich nicht verstecken ließ.
Er nickte knapp. „Ja. Du musst Belle sein.“
„Kommt hinein,“ sagte sie.
Er musterte sie kurz, nicht abschätzend, eher prüfend. Dann wandte er sich an Cade. „Wir reden später.“
„Ja,“ antwortete Cade.
Belle spürte es – die andere Spannung, die nichts mit ihr zu tun hatte. Zwei Alphas, zwei Reviere, zwei Männer, die etwas wussten, was sie nicht wusste.
Sie schob es zur Seite.
Livia hakte sich bei ihr unter. „Komm rein. Wenn ich noch eine Sekunde hier draußen stehe, friert mir das Kind ein.“
„Das ist biologisch nicht korrekt,“ murmelte Belle.
„Halt die Klappe und komm rein.“
Belle ließ sich ziehen.
Beim Hineingehen warf sie einen letzten Blick über die Schulter – zu Cade. Ihre Blicke trafen sich kurz.
Da war Sorge. Da war Besitz. Da war etwas, das verdächtig nach einem Versprechen aussah.
Sie hob das Kinn ein wenig, als wollte sie sagen: Ich gehe. Aber ich komme zurück.
Er nickte kaum sichtbar, als würde er antworten: Ich lasse dich gehen. Aber ich hole dich wieder.
Dann schloss sich hinter ihr die Tür, und zum ersten Mal seit einem Jahr stand sie mit Livia in einem Haus, das nach Wärme, Essen, Kaffee und einem neuen Leben roch.
Und trotz aller Fragen, trotz aller Bedrohungen, von denen sie nichts wusste, dachte Belle für einen Moment:
Ich bin nicht mehr allein.
































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