Kapitel 28
Cade stand am hohen Fenster des Nebenbüros im Berganwesen von Kaels Rudel und blickte hinaus. Die gegenüberliegenden Berghänge waren unter schwerem Schnee begraben; der Wald lag still und reglos, wie in angehaltenem Atem. Winter konnte täuschen. Diese Stille war nicht friedlich. Nicht jetzt. Nicht, wenn man wusste, dass etwas darin lauerte, das dort nicht hingehörte.
Kael saß halb auf einer alten Kommode, als wäre es sein persönlicher Thron. Arme verschränkt, Haltung entspannt, aber nur an der Oberfläche. Seine goldenen Augen ruhten auf Cade, aufmerksam wie bei jedem Gespräch, das zwischen zwei Alphas stattfand.
„Du willst, dass ich auf Belle aufpasse,“ sagte Kael, ohne Umwege. Er stellte keine Fragen, er stellte einen Sachverhalt fest.
„Ja,“ erwiderte Cade genauso direkt.
Kael nickte knapp. „Weil etwas im Wald ist.“
„Richtig.“
„Und du weißt nicht, was es ist.“
„Noch nicht.“
Kael musterte ihn einen Augenblick länger. Wölfe hatten eine besondere Art zu schweigen — nicht aus Unsicherheit, sondern aus Einschätzung. Als Kael schließlich sprach, war seine Stimme sachlich, beinahe wissenschaftlich.
„In deinem Wald sterben Pflanzen und Tiere ohne äußere Verletzung. Kein Biss, kein Fraß, keine Abwehrspuren. Und du sagtest, es gibt keine Wärmeabdrücke, keine Spuren, keine Geräusche.“ Er lehnte sich minimal nach hinten. „Das ist kein Tier. Und schon gar kein Raubtier.“
Cade nickte. „Es ist falsch.“
Kael neigte den Kopf. „Wenn du sagst, es ist falsch, dann ist es falsch. Unsere Sinne interpretieren anders, aber falsch erkennen wir alle.“
Auf Cade wirkte das wie eine Bestätigung, kein Kompliment.
Er fuhr nüchtern fort: „Es bewegt sich Richtung Revier.“
„Und Belle soll nicht da sein, wenn es ankommt,“ schloss Kael korrekt.
„Ja.“
Kael stieß leise Luft aus — kein Seufzen, eher ein kontrolliertes Umschalten im Kopf.
„Gut. Livia wird an ihr kleben. Der Vorteil daran, dass sie sich lieben, und der Nachteil zugleich.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Belle ist bei uns sicher. Du kümmerst dich um deinen Wald.“
Bevor Cade antworten konnte, öffnete sich die Bürotür. Ein großer Mann mit dunklen Haaren betrat den Raum — muskulös, ruhig und mit dieser unerschütterlichen Gelassenheit, die nur Betas hatten. Seine Anwesenheit veränderte die Raumspannung subtil, als würde eine zweite Verteidigungslinie aktiv.
„Alpha,“ sagte der Mann knapp, an Kael adressiert.
„Asher,“ begrüßte Kael ebenfalls knapp. Er hob jedoch eine Augenbraue, als hinter Asher eine schlanke junge Frau eintrat.
Sie war kaum jünger als Belle, mit kupferroten Locken, hellen, klaren Augen und einer Präsenz, die gleichzeitig leise und enorm war. Sie bewegte sich wie jemand, der niemandem im Raum etwas schuldig war – und wusste, wie gefährlich sie sein konnte, ohne es zu zeigen. Ihre Magie war nicht sichtbar, aber spürbar – wie ein Druckwechsel im Raum kurz vor einem Sturm.
Kael stellte vor: „Cade Bennett — das ist Asher, mein Beta. Und das—“ er nickte in Richtung der Frau „—ist Skye. Seine Gefährtin.“
Cade blinzelte einmal. Nicht überrascht, sondern einordnend.
„Gefährtin,“ wiederholte er ruhig.
Es war kein Echo, sondern eine Aussage, die ihre Bedeutung trug. Wölfe brauchten keine Erklärung — eine Gefährtin war keine Freundin, kein Zeitvertreib, keine lockere Bindung. Sie war Schicksal, biochemische Wahrheit und Bindung. Das Duftfeld bestätigte es: Asher roch nach Skye, und Skye trug eine Mischung aus Wolfsenergie und Magie in der Aura, die sich nicht verbergen ließ.
Asher machte einen halben Schritt vor sie, instinktiv, minimal, aber klar territorial. Cade registrierte es und wertete es.
Er wandte sich an Asher. „Als ich dich damals im Wald gesehen habe, während du Livia vor Marek verteidigt hast und Kael gegen ihn kämpfte, hätte ich schwören können, dass du nicht gebunden warst.“
„War er auch nicht,“ sagte Skye ruhig, bevor Asher etwas sagen konnte. „Das ist… neu.“
Kael übernahm: „Skye war eine Weile unterwegs. Nicht freiwillig.“
Skye verschränkte die Arme — weder defensiv noch überheblich — eher wie jemand, der genau weiß, wann man einen Fakt setzen muss.
„Ich war die unwillige Gehilfin von Marek,“ sagte sie geradeheraus. „Er hat mich erpresst. Ich war eine Hexe, die er brauchte, um an Livia ranzukommen. Er wollte sie und nur sie.“
Cade reagierte nicht sichtbar, aber sein Wolf horchte auf. Er erinnerte sich an Mareks Besessenheit von Livia — nicht romantisch, sondern zielorientiert, krankhaft, territorial.
Kael fügte knapp hinzu: „Marek war besessen. Ich habe ihn getötet. Punkt.“
Asher legte Skye eine Hand in den Rücken – schützend, aber ohne Mitleid.
Kael zuckte mit einer Schulter. „War ein beschissener Winter.“
Cade nickte knapp. „Und jetzt seid ihr Gefährten.“
Asher sagte ruhig: „Ja.“
Skye fügte hinzu: „Und ich bin hier, um zu helfen.“
Cade hob eine Braue. „Inwiefern?“
„Ich bin eine Hexe,“ erklärte Skye. „Wenn in deinem Wald etwas existiert, das Leben entzieht, Pflanzen und Tiere tötet, ohne sie zu berühren, dann ist das selten rein biologisch. Ich kann untersuchen, worum es sich handelt.“
„Mein Beta begleitet sie,“ ergänzte Kael. „Er lässt seine Gefährtin nicht alleine.“
Cade nickte langsam. „Ich hätte nicht gedacht, dass du eine Hexe in deinem Rudel aufnimmst.“
„Weiße Hexe,“ korrigierte Skye knapp. „Du weißt, was das bedeutet.“
Cade wusste es. Weiße Hexen galten als ausgestorben, zumindest als Bündnispartner. Dass Kael eine hatte — und dass diese Gefährtin seines Betas war — war strategisch gesehen ein massiver Vorteil.
Kael lächelte ironisch. Aber doch mit einem Unterton der sagte, dass sie zu ihnen gehörte, zu seinem Rudel. Vollständig akzeptiert. „Es schadet nie, eine Hexe im Rudel zu haben, die nicht mit dunklen Zirkeln oder Dämonen kuschelt.“
Skye rollte mit den Augen. „Sehr charmant, Alpha.“
Cade brachte das Gespräch zurück auf die Spur: „Ich brauche zwei Dinge. Wachsamkeit. Und Zeit.“
„Du bekommst beides,“ bestätigte Kael.
Asher trat näher und sagte: „Wenn in deinem Wald etwas unnatürliches wuchert, dann wollen wir es wissen.“
Skye nickte. „Ich sage nicht, dass ich sofort weiß, was es ist. Aber ich kann Dinge aufspüren, die ihr nicht riechen oder hören könnt.“
Kael fragte direkt: „Kannst du dir vorstellen, was das sein könnte?“
Skye dachte kurz. „Noch nicht. Alles, was Leben entzieht, hinterlässt Spuren — energetische, magische oder strukturelle. Ich möchte es sehen. Und dann reden wir weiter.“
Cade stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte. Ruhig. Kontrolliert. „Gut. Ihr haltet euer Revier wachsam. Ich untersuche den Wald. Belle bleibt bei euch.“
Kael grinste schmal. „Der einfachste Teil dieses Treffens.“
Skye hob eine Hand. „Wenn ich es finde, bringe ich euch zu ihm. Oder—“ sie sah zu Asher „—ich warte, bis die Wölfe da sind und lasse sie beißen.“
Asher stellte sich wieder etwas vor sie — instinktiv, schützend. „Den Rest übernehmen wir.“
Skye lächelte dünn. „Oder ich brenne es zuerst ab.“
Kael schnaufte. „Ihr seht: Wir sind vorbereitet.“
Cade nickte. Nicht, weil er beruhigt war — sondern weil das für den Moment genug war.
Für den Moment.


































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