Kapitel 28

Kael stand noch neben Livia, als ihn der Mindlink traf.

Kael.

Ashers Stimme schnitt scharf durch seine Gedanken. Ohne Vorwarnung.

Jetzt. Es ist dringend. Wir haben einen Gast.

Der Wolf in ihm reagierte augenblicklich mit Wachsamkeit, diese spannte sich durch seinen Körper, ein inneres Aufrichten, als hätte jemand an einer unsichtbaren Leine gezogen. Kael zwang sich jedoch, äußerlich ruhig zu bleiben. Niemand um sie herum durfte etwas bemerken.

Sein Blick glitt instinktiv zu Livia.

Er wollte sie in diesem Moment eigentlich nicht allein lassen.

Sie lachte gerade leise über etwas, das Belle gesagt hatte, ihr Gesicht offen und entspannt. Doch dann, als hätte sie etwas gespürt, sah sie zu ihm auf. Ihre Stirn legte sich leicht in Falten, ein feines Zeichen von Unsicherheit, das ihm nicht entging, legte sich über ihr Gesicht.

Kael beugte sich zu ihr hinab. Seine Stimme war ruhig, bewusst weich gehalten, fast einlullend – eine Tonlage, die beruhigen sollte.

„Ich muss kurz weg“, sagte er leise.

Er warf einen kurzen Blick zu Belle. Sie war eine Außenstehende. Er durfte in ihrer Gegenwart keine Andeutungen machen.

„Geschäftliches.“

Livia sah ihn an. „Jetzt?“

„Ich bin gleich wieder da“, sagte er zuversichtlich und legte kurz die Hand an ihre Taille. Für jeden anderen mochte es wie eine beiläufige Berührung wirken. Für ihn war es ein stilles Versprechen. Ein Versprechen das er sie niemals alleine lassen würde. Und ein Zeichen seines Besitzanspruches.

„Bleib hier bei Belle.“

Sie nickte, auch wenn ihr Blick ihm noch einen Moment folgte, als er sich von ihr löste. Kael spürte den leichten Widerstand in sich, als er sich abwandte, doch Asher zog bereits an ihm – nicht physisch, sondern über den Mindlink.

Er folgte dem inneren Zug durch einen seitlichen Gang, weg vom Lärm des Festsaals, hinein in einen ruhigeren Bürobereich.

Mira wartete dort bereits.

Und Asher.

Und noch jemand.

Caden Bennett.

Livias Chef.

Kael blieb einen Herzschlag lang stehen.

Warum war er hier?

Dann traf es ihn.

Der Geruch.

Nicht menschlich. Eindeutig nicht. Ein Wolf.

Kaels Körper reagierte sofort, Spannung baute sich auf, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Bennett war kein gewöhnlicher Wolf. Die Präsenz, die von ihm ausging, war kontrolliert und kraftvoll.



Ein Alpha.

Das war neu.

Livias Chef wirkte alles andere als festlich. Seine Haltung war angespannt, sein Blick hart, und kaum hatte Kael den Raum betreten, legte sich eine spürbare Schwere in die Luft. Aggressivität und ungeduld strahlten spürbar von Ihm aus.

 

„Wir müssen reden“, sagte Bennett ohne Umschweife. Keine Einleitung, Hallo oder eine Vorstellung. „Und ich bin nicht hier, um Höflichkeiten auszutauschen.“

Er schnaubte wütend aus, ein deutlich nicht-menschlicher Laut, den er sofort wieder unter Kontrolle brachte.

Kael verschränkte ruhig die Arme. Seine Stimme blieb kühl. „Dann kommen wir direkt zur Sache.“

Bennett trat einen Schritt näher. „Ich habe Ihre Rede gehört“, begann er scharf. „Jedes Wort.“ Er musste sie auf die Aussage beziehen in dem er mitteilte das er Liv zu heiraten gedenke.

Dann verzog sich sein Mund zu einem humorlosen Lächeln.

„Ihre Verlobte“, fuhr er fort, „liefert mir seit Tagen keinerlei verwertbare Fortschritte zur Fusion. Keine Zahlen. Keine Entscheidungen.“ Kael spannte sich an, wollte gerade antworten eine Antwort geben, als Bennett innehielt.

Er zog scharf Luft ein.

Nicht menschlich. Er schnubberte in der Luft.

Sein Blick hob sich abrupt, fixierte Kael.

„Sie haben sich verpaart“, sagte er. Das war eine Feststellung und keine Frage. „Und jetzt klauen Sie mir auch noch meine wertvollste Angestellte.“

Kael wusste genau, was Bennett meinte. Er war ein Alpha. Er kannte die Auswirkungen einer Paarung. Die Bindung. Die Verschiebung von Prioritäten. Aber Kael sah es nicht ein sich zu entschuldigen.

Kaels Kiefer spannte sich an. „Ja. Und?“ gab er leicht provokativ von sich.

Bennetts Ausdruck verdüsterte sich weiter. Dann holte er einmal tief Luft. Es sah so aus als wollte er sich beruhigen. „Dann erklärt das zumindest einen Teil ihrer Ablenkung.“

„Sie sind nicht nur deswegen hier“, sagte Mira ruhig und trat einen Schritt vor, lenkte die Aufmerksamkeit bewusst von der eskalierenden Alpha-Energie weg. Zwei Alphas im selben war nie gut. Die Dominanz die von Ihnen ausging brachte immer eine Menge Unruhe mit sich.

Bennett nickte knapp. „Vor etwa einer Woche wurde bei NovaTech eingebrochen.“



Kaels Fokus war sofort vollständig bei ihm.

„Die internen Datenbanken wurden kopiert“, fuhr Bennett fort. „Personalakten. Hintergrunddaten. Einfach alles. Eine Datei fehlt vollständig.“

Ein dumpfer Druck legte sich auf Kaels Brust.

„Livias Akte“, sagte er leise.

„Ja“, bestätigte Bennett. „Wir haben es erst vor einem Tag festgestellt.“

Asher fluchte leise.

„Beim Einbruch kam ein Wachmann ums Leben“, sagte Bennett weiter. Seine Stimme wurde härter. „Er hat sich gewehrt. Dabei hat er dem Täter ein Stück Kleidung abgerissen.“

Stille legte sich über den Raum.

„Aber gegen so jemanden hatte er keine Chance“, fuhr Bennett fort. „Wir konnten den Täter auf einer unserer Überwachungskameras sehen. Eindeutig nicht menschlich.“

Kaels Hände ballten sich zu Fäusten.

„Ich wusste von Livias Vergangenheit“, sagte Bennett weiter. „Also bin ich ihr gefolgt. Nicht aus Misstrauen. Aus Sorge.“

Er griff in seine Jacke und zog ein Stück Stoff hervor. Zerrissen und Dunkel. Ein unangenehmer Geruch ging davon aus. Irgendwie verdorben.

„Die Duftspur führte ebenfalls hierher.“

Der Geruch war verblasst. Aber ein Hauch war geblieben. Fremd und Falsch.

Mira trat näher, schloss die Augen. Auch ohne inneren Wolf waren ihre Sinne außergewöhnlich geschärft.

„Der Geruch…“, sagte sie langsam. „Der ist mir bekannt.“

Kael sah sie scharf an.

„Von Belles Ex“, fuhr Mira fort. „Dieser unangenehme Unterton. Als würde jemand Menschliches imitieren, ohne es wirklich zu sein. Der Geruch kam nicht direkt von ihm – aber er haftete an ihm. Als hätte der Besitzer dieses Geruchs ihn vor Kurzem aufgesucht.“

Bennett nickte und zog sein Smartphone hervor. „Wir haben das Überwachungsvideo.“

Er startete es.

Das Bild war körnig. Ein Mann bewegte sich durch den Raum. Dann drehte er den Kopf. Für einen flüchtigen Moment leuchteten seine Augen silbern auf.

Vielleicht hätte man es für eine Lichtreflexion halten können.

Wenn da nicht dieses Flackern gewesen wäre. Als würde sich etwas hinter seinem Gesicht bewegen.

Asher riss den Kopf hoch. „Ein Gestaltwandler.“

„Ja“, bestätigte Mira. „Kein Wolf.“

Kaels Herz schlug schwer.

Ein Feind, der Gesichter wechselte und Nähe suchte. Vertrauen missbrauchte.



„Ich denke“, sagte Bennett ruhig, „dass Livias Ex ein Gestaltwandler ist. Und dass er nie aufgehört hat, nach ihr zu suchen.“

Kaels Blick schoss instinktiv zurück in Richtung Saal.

Zu Livia.

Ich muss zu ihr.

Er machte einen Schritt-

Da heulte die Sirene auf.

Der Feueralarm.

Kael roch nichts. Kein Rauch. Kein Feuer.

Rotes Licht flackerte an den Decken. Stimmen wurden laut und panisch. Menschen begannen sich zu bewegen, Richtung Ausgang, Richtung vermeintliche Sicherheit.

Kael stürmte aus dem Büro.

Und tief in seinem Inneren, durch das Paarungsband, spürte er es.

Etwas war nicht in Ordnung mit Livia.

Der Wolf riss die Kontrolle an sich.

Und Kael ließ ihn.

 

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