Kapitel 29

Der Feueralarm trieb sie gemeinsam mit den anderen Gästen nach draußen. Sirenen schnitten durch die Nacht, Stimmen hallten durcheinander, panisch und ungeordnet. Die Kälte kroch unter Livias Kleidung und ließ sie frösteln. Belle hielt ihre Hand fest umschlossen – zu fest. Der Griff war angespannt, beinahe schmerzhaft, während sie Livia fortzog, weg vom Gebäude, weg vom Licht.

„Belle“, sagte Livia atemlos und stolperte hinter ihr her. „Wir sollten hierbleiben. Kael—“

„Komm weiter“, unterbrach Belle sie scharf. „Hier ist es zu voll.“

Der Ton ließ Livia innehalten. Etwas stimmte nicht.

Sie bogen von den beleuchteten Wegen ab. Der Boden wurde uneben, die Geräusche des Festes verblassten, bis nur noch vereinzelte Stimmen in der Ferne zu hören waren. Mit jedem Schritt wuchs Livias Unbehagen.

„Belle, ich möchte nicht so weit weg“, sagte sie und versuchte stehen zu bleiben.

Belle reagierte nicht. Sie lief weiter, hastig, fast gehetzt. Ihre Finger schlossen sich noch fester um Livias Handgelenk, nun eindeutig brutal.

„Belle, hör auf“, sagte Livia lauter, die Stimme von Angst durchzogen.

Abrupt blieb Belle stehen.

Sie ließ Livias Handgelenk nicht los, sondern drehte sich langsam zu ihr um. In diesem Moment verzerrte sich ihr Gesicht. Nicht plötzlich, sondern schleichend – als würde etwas darunter nach oben drängen, etwas Fremdes, Unpassendes. Livia hatte keine Zeit, zu begreifen, was geschah. Ein harter Ruck riss sie nach vorn.

Dann wurde alles schwarz.

Sie kam zu sich durch Geräusche.

Schläge.

Dumpf. Wieder und wieder. Ein unterdrücktes Wimmern.

Als Livia die Augen öffnete, brauchte sie einen Moment, um das Bild vor sich einzuordnen. Sie lag auf dem Boden. Ihre Handgelenke waren gefesselt, der Körper schwer und benommen. Vor ihr stand Belle – oder das, was wie Belle aussah – und schlug mit wütender Präzision auf eine andere Frau ein.

„Es ist deine Schuld!“, schrie sie. „Deine verdammte Schuld!“

Die Frau lag am Boden, ein dunkler Umhang halb von ihrem Körper gerissen. Sie versuchte, sich aufzurichten, taumelte und fiel wieder.

„Deine Magie ist wertlos“, fauchte Belle weiter. „Ich hätte dich und das Balg schon vor Monaten töten sollen. Damals, als ich euch gefunden habe. Ich hätte euch nie vor dem Hexenzirkel schützen dürfen.“



Die Frau richtete sich erneut auf, der Blick trotzig, erschöpft. „Es ist nicht meine Schuld“, keuchte sie. „Ich habe deine Präsenz verborgen. Alles, was du wolltest.“

Dann traf ihr Blick Livia.

Für einen kurzen Moment huschte er zu Livias Bauch. Erkenntnis flackerte darin auf – erschreckend klar – bevor sie den Blick wieder auf Belle richtete.

„Sie will dich nicht“, sagte die Frau ruhig, fast nüchtern. „Sie ist mit einem Lykaner verpaart. Selbst ich kann keine Liebe erzwingen.“

In diesem Moment brach die Illusion.

Belles Gesicht flackerte, verzerrte sich, zog sich neu zusammen. Die Gestalt holte noch einmal aus und schlug die Frau mit solcher Wucht, dass sie rückwärts zu Boden stürzte.

Dann richtete sich der Blick auf Livia.

Und Marek sah sie an.

Sein Lächeln war verzückt, beinahe zärtlich. „Liv“, sagte er weich. „Endlich. Wir sind wieder zusammen.“

Eiskälte kroch über Livias Haut.

„Lass mich gehen“, sagte sie heiser und zog an den Fesseln. Sie gaben keinen Millimeter nach. „Was soll das hier? Lass mich endlich in Ruhe.“

Er runzelte die Stirn, als hätte sie etwas Unlogisches gesagt. „Warum bist du so wütend? Das ist doch nicht meine Schuld.“

„Nicht deine Schuld?“, flüsterte sie ungläubig.

Er zuckte mit den Schultern. „Alle anderen haben dich gegen mich aufgehetzt. Sie haben dich mir weggenommen.“

Die Frau am Boden lachte plötzlich hysterisch. „Du hast sie fast totgeschlagen“, schrie sie. „Du hast sie zerstört. Lass uns gehen.“

Marek sah sie emotionslos an. „Ihr habt mich provoziert. Das macht ihr immer.“

Livia starrte ihn an. „Warum Belle? Warum ihr Gesicht?“

Er seufzte, als müsste er ihr etwas Selbstverständliches erklären. „Weil sie nie gut genug für dich war. Ich habe dich gewarnt. Du hast nicht auf mich gehört. Sie habe ich ebenfalls gewarnt.“

Sein Blick wurde kalt. „Also habe ich dafür gesorgt, dass ihr Leben auseinanderfällt. Ich habe als ihre Stiefschwester ihren Freund verführt. Habe Zwietracht in ihre Familie gesät. Bis nur noch Chaos blieb.“

Livia wurde übel.

„Ich hätte sie töten können“, fuhr er ruhig fort. „Aber sie war nützlich. Ich wusste, dass sie mich irgendwann zu dir führen würde. Also musste sie leben. Damit ich ihre Gestalt annehmen konnte. Ihren Charakter.“



Livia schluckte schwer. „Warum ich? Warum hast du mich verfolgt?“

Er lächelte sanft. Krank. „Weil du du bist. Ich liebe dich.“

Livia lachte hysterisch auf. „Du weißt nicht, was Liebe ist.“

Er trat näher.

Erst jetzt nahm sie ihre Umgebung wirklich wahr. Durch ein hohes Fenster erkannte sie den Wald. Ein altes, verlassenes Haus. Dunkel. Abgelegen. In einer Ecke lag die echte Belle, bewusstlos, übersät mit blauen Flecken.

Die Frau mit dem Umhang begann zu schluchzen. „Es tut mir leid. Ich hatte keine Wahl. Er hält mein Kind gefangen.“

Livia verstand.

Marek war nicht nur besessen. Er war gefährlich.

Sein Blick folgte ihrem. „Bis heute habe ich sie noch gebraucht“, sagte er leise.

Die Drohung hing unausgesprochen in der Luft.

Ich muss ihn ablenken, dachte Livia.

„Warum hast du es so weit getrieben?“, fragte sie ruhig. „Warum hast du mich ins Krankenhaus gebracht?“

„Das wird nie wieder passieren, mein Schatz“, sagte er beschwichtigend und kam näher.

Livia kroch rückwärts, bis sie gegen ein morsches Tischbein stieß. Langsam richtete sie sich auf und rieb die Fesseln an der Tischkante.

„Du hast unser Baby getötet“, flüsterte sie.

Marek erstarrte. „Was? Das ist unmöglich.“

Die Fesseln gaben nach.

Hinter ihm sah Livia, wie die Hexe einen Lichtstrahl gen Himmel schickte.

Dann kehrte Mareks Blick zurück – voller Hass.

„Du hast es wegmachen lassen“, zischte er und stürzte sich auf sie.

Er würgte sie, raubte ihr den Atem. Die Hexe griff ein, zog an ihm. Er schlug sie weg. Sie fiel und stieß sich am, Blut welches von ihrem Kopf heruntertropfte, sie stand wieder auf.

„Misch dich nicht ein“, brüllte er. „Als Nächstes töte ich dich und das Kind.“

Livia tastete blind über den Tisch, griff einen Teller und schlug ihn gegen seinen Kopf. Er ließ los. Wirkte leicht benommen. Das hielt aber nicht lange.

Ein Wolfsheulen erklang in der Ferne.

Marek erstarrte, schaute durch die Fensterscheibe hinaus in den Wald.. Seine Finger wurden zu Krallen. „Wenn ich dich nicht haben kann, soll er dich auch nicht haben.“

„Renn“, schrie die Hexe.

„Er ist bald da. Der Ümhüllungszauber hat schon vor Stunden nachgelassen.“





Markt dreht sich zu ihr um.

„Du Miststück. Ich werde euch alle töten.“

Livia rannte. Sie hatte keine Zeit mehr zu verlieren.

Durch die Tür. In die Nacht. Immer Richtung Paarungsband. Vorher ist ihr das nicht aufgefallen. Da fühlte sie sich abgeschottet. Weit entfernt von Kael. Doch jetzt sang es in ihren Venen. Trieb sie schneller voran. Fast fa.

Sie spürte ihn näher kommen.

Doch dann krachte etwas mit ungeheurer Wucht in sie hinein und riss sie zu Boden.

Marek stand über ihr. Ein Monster in Menschengestalt.

Bereit zu töten.

 

 

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