Kapitel 29
Skye saß zwischen Livia und Mira am großen Küchentisch des Rudelhauses.
Vor ihr stand eine Tasse Tee, die längst kalt geworden war. Sie hatte sie seit Minuten nicht angerührt. Ihre Finger lagen um den Rand geschlungen, als müsste sie sich an etwas Festem festhalten, um nicht abzurutschen. Die Küche war hell, das Licht des späten Vormittags fiel durch die großen Fenster und legte sich weich auf Holz und Stein. Aus dem Flur drangen gedämpfte Schritte, irgendwo lachte jemand leise. Das Rudelhaus funktionierte. Lebte. Atmete Normalität.
Und doch fühlte sich in Skye alles angespannt an, als würde sie unter der Oberfläche jeden Moment reißen.
Miras Blick war der erste, der an ihr hängen blieb. Sie musterte Skye nicht offen, aber aufmerksam. Zu aufmerksam, um Zufall zu sein.
„Okay“, sagte Mira schließlich ruhig, aber ohne jede Beiläufigkeit. „Entweder du hast dich mit einem Rudel junger Wölfe geprügelt – oder du erzählst uns jetzt, was passiert ist.“
Skye blinzelte. „Was meinst du?“
Livia verdrehte die Augen und beugte sich vor, die Unterarme auf den Tisch gestützt. „Skye“, sagte sie und tippte sich mit dem Finger an den eigenen Hals. „Du hast blaue Flecken. Mehrere. Und nicht gerade gut versteckt.“
Skye griff instinktiv an ihr Dekolleté. An die Stelle, die sie beim Anziehen am Morgen bewusst mit einem Schal verdeckt hatte. Zu spät, wie sich nun zeigte. Die Wärme schoss ihr ins Gesicht, erst prickelnd, dann brennend.
„Das ist nichts“, murmelte sie.
Mira hob eine Augenbraue. „Nichts sieht anders aus.“
Skye atmete tief ein. Und wieder aus. Doch ihr Kopf war längst nicht mehr hier. Bilder drängten sich nach vorne, ungebeten und viel zu klar.
Asher, wie er sie im Morgengrauen geweckt hatte. Leise, aber bestimmt. Kein Zögern. Wie er ihre Hand genommen hatte, ohne viele Worte, sie aus dem Bett und in Richtung Bad geführt hatte. Das gedämpfte Licht. Das Rauschen des Wassers. Seine Nähe, überwältigend und fordernd. Er war rauer gewesen an diesem Morgen. Ungeduldiger. Ungezähmter. Küsse und Bisse an ihrem Hals, an ihrer Haut, Spuren, die er ohne Zögern hinterlassen hatte. Sie erinnerte sich an die Kühle der Fliesen, an seine Kraft, an dieses Gefühl, völlig gehalten und zugleich überwältigt zu sein. Zu intensiv, um es einfach abzutun. Zu echt, um es zu leugnen.
Sie schluckte.
„Es war… einvernehmlich“, sagte sie leise, fast defensiv, als müsste sie sich rechtfertigen. „Ich bin nicht verletzt.“
„Das hat auch niemand behauptet“, sagte Livia sanfter, als Skye erwartet hatte. „Aber du bist verändert.“
Mira nickte zustimmend. „Und nicht nur körperlich.“
Das traf.
Skye spürte, wie ihre Schultern ein Stück absanken. Als würde etwas nachgeben, das sie viel zu lange angespannt gehalten hatte. Ein innerer Riss, den sie jahrelang zusammengepresst hatte, bis sie selbst vergessen hatte, wie viel Kraft das gekostet hatte.
„Ich habe Angst“, sagte sie plötzlich.
Die Worte waren draußen, bevor sie sie zurückhalten konnte. Sie konnte nicht mehr schweigen.
Livia und Mira tauschten einen Blick. Keinen alarmierten. Keinen panischen. Sondern einen entschlossenen, ruhigen Blick von Frauen, die zuhören konnten, ohne sofort zu urteilen.
„Wovor?“, fragte Mira ruhig.
Skye schüttelte den Kopf. „Nicht… vor euch.“ Sie zögerte, suchte nach Worten, die sie jahrelang vermieden hatte. „Vor dem, was ich bin. Und vor dem, was hinter mir her ist.“
Stille legte sich über den Tisch. Schwer, aber nicht feindlich.
„Skye“, sagte Livia vorsichtig. „Du darfst das aussprechen.“
Skye schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, glänzten sie feucht.
„Schwarze Hexen“, sagte sie leise. „Nicht irgendein Zirkel. Sondern organisierte. Brutale.“ Ihre Stimme zitterte kaum merklich. „Sie jagen Hexen. Sie sammeln sie. Und sie töten sie für einen uralten Dämon.“
Mira erstarrte kaum sichtbar. „Warum dich?“
Skye lachte kurz, ohne jede Wärme. „Weil wir rein sind. Weil meine Familie weiße Hexen waren.“ Ihre Stimme brach. „Wir waren einmal ein großer Zirkel. Dann begann ein Teil mit schwarzer Magie. Sie wurden manipuliert. Verführt von einem Dämon, der ihnen Macht versprach.“ Sie atmete zittrig aus. „Der andere Teil widerstand. Und floh. Meine Eltern. Cain. Ich.“
Livia hielt den Atem an.
„Sie jagten uns“, fuhr Skye fort. „Töteten alle, die sie fanden. Bis nur noch Cain und ich übrig blieben. Der Dämon versucht, in diese Welt zu kommen. Dafür braucht er Magie. Je reiner, desto besser.“
„Skye…“, begann Livia leise.
„Ich habe mich jahrelang versteckt“, unterbrach Skye sie. „Verschleiert. Still. Unauffällig. Immer auf der Flucht.“ Ihre Finger krallten sich um die Tasse. „Und jetzt bin ich hier. Sichtbar. Mit ihm.“ Ihre Stimme wurde brüchig. „Und ich habe Angst, dass sie mich finden. Dass sie uns finden.“
„Uns?“, hakte Mira ruhig nach.
Skye nickte kaum merklich. „Asher. Cain. Das Rudel.“
Livia lehnte sich zurück und atmete einmal tief durch. „Du kannst das nicht allein tragen.“
„Ich weiß“, flüsterte Skye. „Aber ich kann es ihm nicht sagen.“
„Warum nicht?“, fragte Mira.
Skye sah sie an, die Angst offen in ihrem Blick. „Weil er kämpfen würde. Weil er sie jagen würde. Und weil sie gefährlich sind.“ Ihre Stimme bebte. „Ich will nicht, dass ihm etwas passiert, nur weil ich geblieben bin.“
Livia stand auf, umrundete den Tisch und legte Skye eine Hand auf die Schulter. Fest. Erdend.
„Asher ist nicht schwach“, sagte sie ruhig. „Und das Rudel auch nicht. Und du bist nicht schuld.“
„So fühlt es sich aber an“, flüsterte Skye.
Mira nickte langsam. „Angst macht logisch blind.“
Skye sah von einer zur anderen. „Was, wenn sie irgendwann hier stehen?“
Livia beugte sich zu ihr hinunter und zwang sie sanft, aufzusehen. „Dann ist das Rudel vorbereitet. Aber nur, wenn wir wissen, wovon wir sprechen.“
„Du musst mit ihm reden“, ergänzte Mira. „Wenn du willst, kommen wir mit. Du bist nicht allein.“
Skye schüttelte den Kopf. „Er wird mich anders sehen.“
„Nein“, sagte Livia entschieden. „Er wird dich ernster nehmen.“
Tränen liefen Skye lautlos über die Wangen.
„Geh zu ihm“, sagte Mira leise. „Ins Büro. Sag ihm, dass du Angst hast. Nicht alles. Noch nicht. Aber dass da etwas ist.“
Skye atmete zittrig aus. „Und wenn er fragt?“
Livia lächelte schief. „Dann sagst du die Wahrheit. Stück für Stück.“
Skye wischte sich über die Augen und stand langsam auf. Ihre Beine fühlten sich schwer an, aber nicht mehr haltlos.
„Ich habe solche Angst“, sagte sie leise.
Livia zog sie kurz in eine Umarmung. „Mut fühlt sich oft genauso an.“
Skye nickte.
Gemeinsam machten sich die Frauen auf den Weg. Die Fahrt in die Stadt verlief ruhig, getragen von einem angenehmen Schweigen. Skye saß am Fenster, der Himmel draußen war grau und schwer. Und während die Landschaft vorbeizog, hatte sie das Gefühl, als würde dieser Himmel ihr Inneres spiegeln.
Dunkel. Bedrohlich. Und doch nicht ganz ohne Hoffnung.












































Kommentare