Kapitel 30

Als Asher das Firmengebäude betrat, trug er den Morgen noch in sich.
Nicht als Erinnerung, sondern als Zustand.
Wärme lag unter seiner Haut, ein ruhiger Fokus in seinem Inneren. Dieses seltene Gleichgewicht zwischen Wolf und Mensch, das er nur kannte, wenn Skye bei ihm gewesen war. Ihr Duft hing ihm noch in der Kleidung – leise, vertraut, fast tröstlich. Er hatte das Büro mit einem schwachen Lächeln betreten. Eines, das kaum jemand je an ihm sah.
Der Tag würde gut werden, hatte er gedacht.
Der erste Riss kam keine zwanzig Minuten später.
Ronan stand in seiner Tür. Die Schultern angespannt, der Blick wachsam, die Miene ernst. Kein Smalltalk. Kein Zögern.
„Wir müssen reden.“
Asher deutete wortlos auf den Stuhl. Sein Lächeln verblasste, aber die innere Ruhe war noch da.
„Was gibt es?“
Ronan trat ein, schloss die Tür hinter sich und legte ein Tablet auf den Tisch.
„Es geht um Elena Ward.“
Der Name reichte.
Ashers Wolf regte sich augenblicklich. Nicht explosiv – aber scharf. Wach. Aggressiv aufmerksam.
Asher verschränkte die Arme. „Weiter.“
„Ich habe die internen Zugriffe überprüft“, fuhr Ronan fort. „Sie bewegt sich… ungewöhnlich.“
„Inwiefern?“
Ronan sah ihn direkt an. „Sie kennt Abläufe, die sie nicht kennen dürfte. Sicherheitsroutinen. Abteilungen, die für sie gesperrt sind. Räume, die sie nie hätte betreten dürfen.“
Asher spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.
„Ich habe mit dem Mitarbeiter gesprochen, der sie eingestellt hat“, fuhr Ronan fort. „Oder besser gesagt: der glaubt, er hätte sie eingestellt.“
Asher hob langsam den Blick. „Glaubt?“
„Als ich ihn darauf angesprochen habe, wirkte er… verhext, merkwürdig.“, sagte Ronan nüchtern. „Er wusste kaum, wovon ich rede. War verwirrt, inkohärent. Aber er hatte definitiv die Einstellung freigegeben.“
Stille legte sich über den Raum.
„Als ich ihn fragte, warum er deinen Vermerk ignoriert hat“, fuhr Ronan fort, „wurde er völlig konfus. Hat gestottert. Sich widersprochen. Ich habe ihn vorläufig in den Urlaub geschickt. Er wäre mir beinahe zusammengebrochen als ich ihm so viele Fragen gestellt habe, die er nicht beantworten konnte.“
Das letzte Wort traf härter, als Asher erwartet hatte.




„Hexe?“, fragte er leise.
Ronan nickte knapp. „So sah es aus. Und wenn ich ehrlich bin: eine verdammt gute. Wir haben sie weder gerochen noch gespürt.“
Asher lehnte sich zurück.
Die Wärme des Morgens begann zu bröckeln.
In seinem Inneren verschoben sich Dinge. Schutzinstinkt und Misstrauen. Nur wen wollte er schützen und wen misstrauen. Alte Muster, die er jahrelang tief vergraben hatte. Bilder drängten sich auf – ein anderes Gesicht, ein anderes Lächeln, viele Jahre zuvor. Eine Stimme, die süß gewesen war. Und falsch.
Hexe. Er nannte Ihren Namen nie.
Unwillkürlich dachte er an den Alptraum vom Morgen. An das Lachen. An das Ritual. An das Blut.
Er war so voller Wut und Frust gewesen, dass er Skye nicht einmal zärtlich hatte berühren können. Er hatte an Ihren Hals gesaugt und kleine Bisser hinterlassen. Jetzt kroch genau diese Spannung wieder in ihm hoch. Kalt und Dunkel.
„Und?“, fragte er ruhig. Zu ruhig.
„Ich habe ihre Akte erneut geprüft“, sagte Ronan. „Es gibt Lücken. Keine offensichtlichen. Aber genug, um Fragen aufzuwerfen.“
Asher schloss kurz die Augen.
Skye.
Er öffnete sie wieder. „Beobachte sie weiter“, sagte er fest. „Aber sei diskret. Keine offenen Maßnahmen. Wir warten, bis sie das Gebäude verlässt. Ich will keine Unruhe. Vor allem nicht unter den Menschen.“
Ronan nickte. „Verstanden.“
Er zögerte. „Es gibt noch etwas.“
Asher hob den Blick. Sein Wolf spannte sich an.
„Ich glaube“, sagte Ronan langsam, „dass sie nach etwas sucht. Oder nach jemandem. Ich bin mir aber nicht sicher.“
Das traf ihn unerwartet hart.
Sie suchte. Und benutzte offen Hexerei.
In seiner Abteilung.
In seinem zu Hause. In seinem Rudel.
Und in Skyes Nähe.
Oder schlimmer noch: wegen Skye.
Der Gedanke schoss ihm brutal durch den Kopf:
Was, wenn sie zusammenarbeiten?
Er erstickte ihn sofort. Zu schnell. Zu heftig.
Nein. Beruhige dich.
Skye war anders. Er wusste das. Fühlte es. Sie war nicht verdorben. Nicht verloren.
Und doch – Vertrauen war etwas, das er sich mühsam zurückerarbeitet hatte. Und Hexen… diese eine für ihn namenlose Hexe… hatte es ihm einst zerstört.
Der Vormittag wurde zu einem schleichenden Abstieg.
Jede neue Information nährte sein Misstrauen. Kleine Abweichungen wurden von ihm sofort bemerkt. Zufällige Begegnungen. Blicke, die zu lange dauerten, vor allen wenn sie Ihn, Asher anschaute. Elena Ward bewegte sich sicherer, als sie sollte. Zu ruhig. Zu präsent.




Sie hatte versucht, Personalakten einzusehen. Informationen über höherrangige Mitarbeiter zu sammeln. Und jedes Mal, wenn jemand darauf angesprochen wurde, wusste dieser von nichts.
Sie wurden verhext. Mit Gedächtnismagie.
Vor seiner Nase.
Und Asher konnte nichts tun. Nicht offen. Nicht, solange er keinen Beweis hatte. Nicht, solange sie so subtil vorging und dabei Menschen kontrollierte, ohne Spuren zu hinterlassen.
Der Wolf in ihm war längst wach. Suchte nach einer Bedrohung. Wollte handeln. Wollte irgendwo seinen Frust ablassen.
Doch darunter lag etwas anderes.
Angst.
Nicht um sich selbst.
Um Skye. Um seine Familie.
Wenn sie ihr etwas antut…
Der Gedanke blieb unfertig. Er reichte.
Als Ronan schließlich sagte:
„Skye ist heute mit Livia und Mira im Haus.“
war Ashers Geduld am Ende.
Was, wenn er sich geirrt hatte?
Was, wenn er eine Bedrohung direkt in sein Zuhause gelassen hatte?
Er stand auf, ging zum Fenster und atmete tief durch.
Reiß dich zusammen, sagte er sich.
Du darfst sie nicht verlieren, nur weil alte Gespenster wieder auftauchen. Sie war Skye, sie war nicht Sie. Asher wiederholte dies mehrmals in seinen Kopf, wollte Gewissheit und Klarheit
Doch dann spürte er es.
Die Verschleierung.
Wie ein kalter Film, der sich über seine Wahrnehmung legte. Subtil. Aber unverkennbar. Sein Wolf knurrte tief in seiner Brust.
Skye.
Sie war weg.
Nein.
Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht sie.
Als sie sein Büro betrat, war Asher bereits auf Kampf eingestellt.
Die Angst, der Frust, das alte Trauma – alles explodierte in einem einzigen Moment.
Und das war sein Fehler.
Denn noch bevor sie sprechen konnte, hatte er reagiert.
Nicht als Gefährte.
Nicht als Mann.
Sondern als jemand, der einst verraten worden war.
Und während sie kopflos weglief, begriff Asher zu spät, was er getan hatte.
Er hatte womöglich gerade die Liebe seines Lebens vertrieben.

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