Kapitel 31

Skye spürte es, noch bevor sie das Gebäude wirklich wahrnahm.
Die Firma lag ruhig vor ihnen – Glas, Stahl, klare Linien. Modern. Kontrolliert. Ein Ort, der Ordnung versprach. Sicherheit. Sie war nur ein einziges Mal hier gewesen, damals, als sie Marek geholfen hatte. Schon damals hatte ihr alles an diesem Ort zu glatt gewirkt, zu sauber, zu perfekt.
Jetzt zog sich etwas in ihr zusammen.
Es war kein konkreter Gedanke. Kein Bild.
Es war ein körperliches Wissen. Als hätte jemand einen kalten Finger langsam entlang ihrer Wirbelsäule gezogen.
„Alles gut?“, fragte Livia, als sie aus dem Wagen stiegen.
Skye nickte automatisch. Zu schnell. Zu glatt.
„Ja“, log sie.
Mira sah sie einen Moment länger an. Ihre Augen blieben an Skyes Gesicht hängen, an der Spannung in ihrem Kiefer, an der Art, wie sie die Schultern leicht hochgezogen hielt. Doch sie sagte nichts. Sie hatte gelernt, dass Skye schwieg, wenn die Angst bereits zu groß war.
Im Inneren der Firma war es hell. Zu hell.
Stimmen hallten gedämpft durch die Flure, das leise Surren von Technik lag in der Luft. Menschen gingen zielgerichtet an ihnen vorbei. Wölfe in menschlicher Gestalt. Alles wirkte geschäftig, funktional, geordnet.
„Asher ist im zweiten Stock“, sagte Livia und deutete den Gang entlang. „Rechts, dann links. Sein Büro ist nicht zu übersehen.“
Skye folgte ihnen. Ihre Hände waren eiskalt. Ihr Herz schlug viel zu laut. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie tiefer in etwas hineingehen, das sie längst hätte meiden müssen.
Dann sah sie sie.
Es war nur ein Augenblick.
Eine Frau, die aus einem Büro trat. Dunkles Haar, perfekt geschnittene Kleidung, ein professionelles Lächeln. Für jeden anderen war sie einfach eine neue Angestellte. Unauffällig. Angepasst.
Für Skye war sie ein Schlag in die Magengrube.
Schwarze Hexe.
Und nicht nur irgendeine.
Es war, als würde ihr Körper sich erinnern, noch bevor ihr Verstand es tat. Diese Aura. Diese falsche Ruhe. Diese Dunkelheit, die nicht laut war, sondern dicht. Schwer. Wie abgestandener Rauch in einem geschlossenen Raum.
Das war einst ihre beste Freundin gewesen.
Ein Teil von Skyes Vergangenheit, den sie tief vergraben hatte. Jemand, der einmal genauso rein gewesen war wie sie selbst. Damals. Bevor sich ihre Seele verfärbt hatte. Bevor Macht wichtiger geworden war als Menschlichkeit.




Skye blieb abrupt stehen.
Ihr Atem stockte. Ihr Blick verhakte sich an dem Gesicht der Frau. Für einen Herzschlag lang sahen sie sich an.
Die Frau lächelte.
Nicht freundlich.
Nicht überrascht.
Erkennend.
Höhnisch.
Ein Lächeln, das sagte: Ich habe dich gefunden.
Panik explodierte in Skye.
Bevor ihr Verstand eingreifen konnte, bevor sie auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, zog sie ihre Magie hoch. Reflexartig. Instinktiv. Wie ein Schutzschild, das sie tausendmal benutzt hatte, um zu überleben.
Die Verschleierung legte sich um sie.
Nicht sauber. Nicht kontrolliert. Aber da.
„Skye?“ Livias Stimme klang plötzlich weit weg. „Was ist los?“
Mira legte ihr eine Hand an den Arm. „Du bist kreidebleich.“
Skye bebte am ganzen Körper. Ihre Lippen bewegten sich, doch ihre Stimme wollte ihr nicht gehorchen.
„Sie…“, brachte sie hervor. „Hier ist eine…“
Die Frau mit dem dunklen Haar hatte sich bereits abgewandt. Sie ging den Flur hinunter, ruhig, zielstrebig. Als hätte sie genau das gesehen, was sie sehen wollte.
Sie holt Verstärkung, wusste Skye.
Sie hatte sie gesehen. Gespürt. Erkannt.
„Wir müssen zu Asher“, sagte Skye plötzlich. Ihre Stimme war schrill vor Angst. „Jetzt. Bitte.“
Livia zögerte keinen Moment. „Okay. Komm.“
Sie führten sie weiter, schneller jetzt. Skye spürte kaum noch den Boden unter ihren Füßen. Alles in ihr schrie nach Flucht. Nach Unsichtbarkeit. Nach Weglaufen.
Aber ein Gedanke hielt sie aufrecht.
Asher.
Er würde sie beschützen.
Er musste.
Sein Büro lag am Ende des Flurs. Die Tür war geschlossen.
Livia klopfte nicht. Sie öffnete sie einfach.
„Asher—“
Skye trat einen Schritt vor, öffnete den Mund – und alles brach gleichzeitig aus ihr heraus.
„Da ist eine schwarze Hexe hier, ich habe solche Angst, sie—“
„Was hast du getan?“
Ashers Stimme schnitt durch den Raum wie eine Klinge.
Er war aufgestanden. Sein Blick lag nicht auf ihrem Gesicht. Er lag auf der Magie um sie herum. Auf der Verschleierung.
„Nimm das runter“, sagte er scharf.
Skye erstarrte. „Asher, ich—“
„Ich habe dir gesagt, du sollst es nicht tun“, fuhr er fort. Seine Stimme wurde lauter. Härter. „Du hast mir versprochen—“
„Ich hatte keine Wahl!“, schrie sie. „Sie ist hier. Eine schwarze Hexe. Sie hat mich angesehen—“




„Genug.“
Er hörte ihr nicht zu. Sein Blick ging durch sie hindurch.
„Du hast mein Vertrauen gebrochen“, sagte er kalt. „Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte dir nie trauen dürfen. Du bist eine Hexe. Und ihr lügt. Immer.“
Die Worte trafen sie wie Schläge.
„Asher!“, sagte Livia scharf. „Das ist unfair—“
„Haltet euch da raus“, knurrte er.
Skye sah ihn an. Suchte verzweifelt nach dem Mann von letzter Nacht. Nach Wärme. Nach Halt.
Sie fand nichts.
Etwas in ihr brach endgültig.
Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie sich umdrehte und rannte.
Durch den Flur. Vorbei an Schreibtischen. An Menschen, die aufblickten. Die starrten.
Scham brannte. Angst schnürte ihr die Kehle zu.
„Skye!“, rief Mira.
Skye hörte nicht auf.
Die automatische Tür öffnete sich. Kalte Luft schlug ihr entgegen.
Draußen.
Der Parkplatz lag fast leer. Der Himmel war grau, schwer, als würde er auf sie drücken.
Dann sah sie sie.
Drei. Vier Gestalten, die sich aus dem Nichts heraus formten. Die Luft um sie herum verzerrte sich, als würde die Realität selbst weichen.
Schwarze Hexen.
„Da bist du ja“, sagte eine mit singender Stimme. „Wir haben dich lange gesucht.“
Skye wich zurück, prallte gegen ein Auto.
„Lasst mich in Ruhe.“
Mira kam aus dem Gebäude gerannt. „Skye!“
Eine Hand hob sich.
Unsichtbare Macht schleuderte Mira durch die Luft. Sie prallte hart auf den Asphalt und blieb liegen.
„Mira!“, schrie Skye.
„Zu spät“, flüsterte eine andere Hexe.
Ein Portal riss auf.
Skye spürte, wie Macht nach ihr griff. Dunkel. Kalt. Unerbittlich. Raum und Zeit verzerrten sich. Sie sah die Stadt, in die sie gezogen wurde – hohe, verfallene Gebäude, schmale Gassen, schwarze Runen an den Wänden. Eine alte Stadt. Vergessen. Verdorben. Ein Ort, an dem Magie in den Steinen steckte und Schreie verhallten, ohne je gehört zu werden.
„Asher!“, schrie sie.
Dann verschlang das Portal sie.
Und die Welt brach weg.

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