Kapitel 31

Livia lag halb auf der Seite, der Boden kalt und feucht unter ihren Händen. Nasses Laub klebte an ihrer Haut, der Geruch von Erde und Blut hing schwer in der Luft. Die Kälte drang langsam durch ihre Sachen. Das Kleid welches sie trug schützte sie minimal bis gar nicht. Ihr Atem ging stoßweise, flach und unregelmäßig, als hätte ihr Körper noch nicht begriffen, dass sie lebte. Und doch war sie hier. Jeder Herzschlag pochte laut in ihren Ohren, ein dumpfer Rhythmus, der alles andere überlagerte.

Der Schmerz war da. In ihrem Rücken, in den Armen, in der Kehle, wo Mareks Hände sie gewürgt hatten. Aber er trat in den Hintergrund, sobald ihr Blick sich wieder hob.

 

Kael.

Er war gekommen.

Für sie. Er war im letzten Augenblick auf Marek zugestoßen, mit einer Wucht, die den Boden erzittern ließ. Livia hatte nur Bruchstücke wahrgenommen – dunkles Fell, das sich im Lauf verzerrte, eine kraftvolle Bewegung, die wie ein Sturm durch die Lichtung brach.

Kael war ganz Wolf. Ihr Wolf.

Sein Körper wirkte angespannt wie eine Bogensehne, jede Muskelgruppe bereit, jede Bewegung kontrolliert.

Sie nahm am Rande war das Mira ihr einen Mantel umlegte.

Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder komplett auf das geschehene vor ihr.

Kael war schnell, präzise, tödlich – und doch nicht blind vor Wut. Er kämpfte nicht aus blinder Raserei. Er kämpfte mit klarem Instinkt, mit der kühlen Dominanz eines Alphas, der wusste, was er tat.

Marek war ihm ebenbürtig in der Größe. Sein Wolf war mächtig, die Gestalt verzerrt von fremder Magie, von etwas Unnatürlichem. Doch in seiner Haltung lag keine Ruhe. Keine Klarheit. Seine Bewegungen waren hastig, überzogen, von Wut getrieben.

Kael hingegen bewegte sich, als hätte er den Kampf bereits im Kopf entschieden.

Er wich Mareks Angriffen aus, noch bevor sie vollständig ausgeführt waren. Als würde er die Bewegungen lesen, bevor sie geschahen. Mareks Klauen rissen durch die Luft, schnappten ins Leere – und genau in diesen Momenten schlug Kael zu.

Ein Biss in die Flanke.

Ein Schlag mit der Klaue in Mareks Schulter, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Blut färbt den Boden.

Krallen, die sich kurz ins Fell bohrten, nur um sich im nächsten Augenblick wieder zu lösen. Kleine aber sichere Bewegungen die ihn an seine Grenzen bringen sollten. Die Mareks Energie und Ausdauer weiter schröpfen sollten.



Kael blieb nie stehen. Kaum hatte er zugeschlagen, war er schon wieder zurückgesprungen, außerhalb von Mareks Reichweite. Es war ein Spiel aus Nähe und Entzug, aus Angriff und Rückzug. Ein Tanz, den Kael beherrschte – und Marek nicht. Er hatte nicht Kaels Erfahrung wie Liv vermutete.

Ein tiefes, vibrierendes Knurren rollte über die Lichtung, ließ den Boden unter Livias Händen erzittern. Kael drängte Marek Schritt für Schritt zurück.

Livia wollte aufstehen. Wollte zu ihm. Wollte seinen Namen rufen.

Doch Mira war sofort bei ihr, legte einen Arm um ihre Schulter. Spendete ihr mehr Wärme.

„Bleib liegen“, sagte sie bestimmt und kniete sich neben Livia. Ihre Hände waren ruhig, geübt, als sie Livias Schultern fixierte. „Du bist verletzt.“

Livia klammerte sich an Miras Arm, ihre Finger gruben sich in den Stoff ihres Manteld. Ihre Augen blieben auf Kael gerichtet, unfähig, sich abzuwenden.

„Er…“, brachte sie hervor, ihre Stimme brüchig. „Er darf ihn nicht verlieren. Ich will ihn nicht verlieren.“

Mira folgte ihrem Blick. Für einen Moment lag etwas Weiches in ihrem Ausdruck – dann wurde sie wieder sachlich.

„Wird er nicht“, sagte sie ruhig, auch wenn Spannung in ihrer Stimme mitschwang. „Du hast es doch schon gemerkt, oder? Kael ist ihm weit überlegen. Er wird heute Nacht nicht sterben.“

Ein stumpfer Aufschrei ließ Livia zusammenzucken.

Ihr Blick riss sich vom Kampf los, hinüber zum Rand der Lichtung.

Belle.

Die echte Belle kam taumelnd aus dem Schatten der Bäume. Aus Richtung der Hütte, ihr Gesicht war aschfahl, die Augen weit aufgerissen vor Angst. Blaue Flecken zeichneten sich auf ihrer Haut ab, ihr Gang war unsicher. Holprig.

„Liv“, keuchte sie. „Bitte… wir müssen hier weg. Hier sind Monster.“

Livia schluckte hart. Sie versuchte, sich aufzurichten, wollte zu ihr, doch Bewegung kam neben ihr auf.

Caden.

Ihr Chef.

Für einen Moment passte nichts zusammen. Caden hier, mitten im Wald, in dieser Nacht. Dann erinnerte sie sich vage an das Telefonat, an die Worte seiner Assistentin. Er wollte sich selbst überzeugen, dass es Ihr gut geht.

Sie sah, wie Belle ins Straucheln geriet. Livia spannte sich an, doch bevor sie reagieren konnte, war Caden da. Er fing Belle auf, zog sie fest an seine Brust.



Und dann – schnurrte er?

Ein tiefes, beruhigendes Geräusch, das nicht menschlich war.

„Schht“, sagte er ruhig, während Belle in seinen Armen zitterte. „Ich bin bei dir. Alles wird gut. Ich beschütze dich.“

Livia schloss kurz die Augen, atmete tief durch. Hatte ich etwas verpasst?

Dann erinnerte sie sich wieder.

„Die Hexe“, sagte sie hastig. „Sie ist noch im Haus. Wir müssen ihr helfen.“

„Wer?“, fragte Asher scharf.

„Die Hexe.“

Asher und Mira spannten sich an. Asher drehte den Kopf langsam zu ihr, sein Gesicht verhärtete sich.

„Hexen sind immer ein Problem“, murmelte er, abwesend und doch überzeugt.

„Nein“, sagte Livia klar und sah ihn direkt an. Trotz ihrer Verletzungen war ihre Stimme fest. „Nicht diese.“

Asher öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Livia ließ ihm keine Gelegenheit.

„Sie wurde erpresst“, fuhr sie fort. „Sie hatte keine Wahl. Er hat sie geschlagen. Ich hab es gesehen und gehört.“

Ein kurzes Zögern.

Dann wurde Ashers Blick wieder hart. „Das möchte sie dich glauben lassen. Hexen sind manipulativ. “

Caden trat einen Schritt näher. Belle lag noch immer in seinen Armen. Er musterte Livia aufmerksam, prüfend – dann nickte er knapp in Ashers Richtung.

„Er holt sie.“

Asher fuhr herum. Schnappte. „Seit wann bist du mein Alpha?“

Caden begegnete seinem Blick ruhig. „Bin ich nicht. Aber sie ist deine Luna. Und sie hat dir einen Befehl gegeben.“ Er nickte kurz zu Liv.

Asher knirschte mit den Zähnen. Einen Moment lang schien es, als würde er widersprechen. Dann verneigte er sich minimal.

„Wie du willst, Luna.“

Das Wort traf Livia unerwartet. Es hatte Gewicht. Verantwortung. Und etwas Endgültiges.

Asher wandte sich ab und machte sich auf den Weg zum Haus.

Belle regte sich in Cadens Armen. „Lass mich runter“, protestierte sie schwach. „Ich will zu Liv.“

Caden knurrte leise. „Du bist verletzt. Ich lasse dich jetzt nicht laufen.“

Mira und Livia tauschten einen kurzen Blick. Fragen lagen darin, Unsicherheit.

„Ihr braucht meine Hilfe hier nicht mehr“, sagte Caden schließlich ruhig. „Ich bringe sie in Sicherheit. In ein Hotel. Wir sehen uns.“

Livia wollte widersprechen, wollte sagen, dass Belle hierbleiben sollte – doch Mira legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte kaum merklich den Kopf.



Livia hörte Belle protestieren, rufen, dass sie nicht weg wolle. Doch Caden war unerbittlich. Mit langen Schritten verschwand er zwischen den Bäumen.

Ein wütendes Brüllen riss Livias Aufmerksamkeit zurück.

Kael hatte Marek inzwischen vollständig zu Boden gedrängt. Blut färbte das Fell des Gestaltwandlers dunkel, sickerte in den Boden. Marek versuchte ein letztes Mal, sich aufzurichten – doch Kael riss ihn zurück, presste ihn mit unnachgiebiger Kraft nieder.

Kaels Haupt senkte sich über Mareks Kehle.

Ein tiefes, endgültiges Knurren.

Dann … Stille.

Kael stand über ihm. Unerschütterlich. Sein Maul war mit Blut beschmiert, sein Atem ging schwer.

Livia spürte es im selben Moment.

Das Band.

Klar. Stark und Ruhig.

Er hatte gewonnen.

Für sie. Livia fühlte wie ihr Herz sich weiter für Ihnen Wolf öffnete.

 

 

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