Kapitel 32
Asher stand wie erstarrt im Büro.
Der Raum fühlte sich plötzlich zu eng an, als hätte sich die Luft verdichtet. Jeder Atemzug war mühsam. Sein Schädel pochte dumpf, als würde etwas von innen dagegen drücken, ein Nachhall, der nicht verschwinden wollte. Er presste die Handflächen an die Schläfen und schloss kurz die Augen, doch das half nicht. Bilder drängten sich auf – ungeordnet, scharf, unerbittlich.
Skyes Gesicht.
Ihre Panik.
Ihre Stimme.
Und dann seine eigenen Worte.
Kalt. Grausam. Endgültig.
„Was habe ich getan…“, murmelte er heiser.
Es fühlte sich an, als hätte ein Schleier auf ihm gelegen. Kein vollständiger Bann, kein klarer Zauber, den man greifen und benennen konnte. Eher etwas Subtiles, Heimtückisches. Etwas, das seine Wut genährt hatte, seine Angst verstärkt, seine Kontrolle untergraben. Jetzt, da der Ausbruch vorbei war, blieb nur das Brennen der Erkenntnis zurück.
Er sah sich taumelnd im Raum um. Kael war noch da gewesen. Ronan auch. Livia hatte Skye hereingebracht. Er erinnerte sich an Livias Blick – fassungslos, verletzt, wütend. Dann daran, wie sie sich langsam, fast unheimlich ruhig, auf ihn zu bewegt hatte.
Er hatte gerade noch Zeit gehabt, ihre Augen zu sehen – blanke Wut, vermischt mit Entsetzen –, da klatschte ihre Hand gegen seine Wange.
Ein scharfes, lautes Geräusch.
Asher taumelte einen Schritt zurück, völlig überrumpelt. Für einen Herzschlag lang verstand er nicht einmal, was passiert war. Seine Wange brannte, heiß und pulsierend, doch der Schmerz war nichts im Vergleich zu dem, was sich in seiner Brust zusammenzog. Die Ohrfeige hatte etwas in ihm gelöst. Wie ein Riss im Nebel. Als wäre etwas zerbrochen, das ihn bis eben noch gefangen gehalten hatte.
„Reiß. Dich. Zusammen!“, fauchte Livia. „Was zum Teufel stimmt nicht mit dir?!“
Er öffnete den Mund. Schließen. Öffnete ihn wieder.
„Ich…“, begann er, brach ab. Sein Blick flackerte. „Skye…“
„Ist weinend aus deinem Büro gerannt“, schnitt Livia ihm das Wort ab. „Und wenn du auch nur eine Sekunde länger hier stehen bleibst, schwöre ich dir—“
Weiter kam sie nicht.
Asher war bereits an ihr vorbei.
Er rannte.
Durch den Flur, vorbei an schockierten Gesichtern, an erstarrten Angestellten, die abrupt verstummten, als er an ihnen vorbeistürmte. Sein Herz hämmerte, der Wolf in ihm brüllte, jetzt vollständig wach, jetzt endlich klar.
Gefährtin.
Gefahr.
Die automatische Tür öffnete sich.
Draußen.
Er sah es noch.
Das Portal, das sich schloss. Die Luft war verzerrt gewesen, als würde sie sich zusammenziehen. Schwarze Silhouetten. Skyes Gestalt, die sich im letzten Moment noch gewehrt hatte, die sich umgedreht hatte. Er hatte ihren Mund sich bewegen sehen. Hatte gewusst, dass sie seinen Namen rief.
„SKYE!“
Sein Schrei kam zu spät.
Das Portal kollabierte lautlos. Kein Knall, kein Licht. Nur Leere.
Asher blieb stehen, keuchend, unfähig, sich zu bewegen. Etwas in ihm riss auf. Roh. Schmerzhaft. Er spürte es sofort – die Verbindung. Sie war weg. Gekappt. Nicht schwächer, nicht gedämpft. Weg.
Dann nahm er eine Bewegung wahr.
Ein Mann kniete einige Meter entfernt auf dem Asphalt und hielt Mira in den Armen. Fremd. Groß. Blasse Haut. Dunkle Kleidung. Und ein Geruch, der nicht hierher gehörte.
Vampir.
Ashers Muskeln spannten sich augenblicklich an. Instinkt. Abwehr. Was machte ein Blutsauger in Kaels Gebiet?
Bevor er reagieren konnte, traten weitere Gestalten aus dem Gebäude hinter ihm. Kael. Livia. Ronan.
Kael blieb abrupt stehen, als er Mira sah. „Livia“, sagte er scharf. „Zu mir.“
Doch Livia hatte nur Augen für ihre Freundin. Kael ging weiter, direkt auf den Fremden zu.
„Lass sie los“, forderte er.
Der Vampir hob den Kopf, seine Augen blitzten. „Wenn du näher kommst, breche ich dir die Knochen.“
Kael trat dennoch einen Schritt vor. Seine Stimme war ruhig, aber gefährlich. „Lass meine Schwester los.“
Der Vampir runzelte die Stirn. „Deine… Schwester?“ Er sah zwischen Kael und Mira hin und her. „Ich dachte—“
„Falsch gedacht“, knurrte Kael.
Die Spannung wich augenblicklich aus dem Körper des Vampirs. Seine Schultern sanken. „Dann… dann entschuldige ich mich.“ Sein Griff lockerte sich vorsichtig.
Mira regte sich. Stöhnte leise. „Du lässt mich jetzt runter“, murmelte sie benommen.
Der Vampir starrte sie an, als hätte er gerade ein Wunder gesehen. „Ich habe dich endlich wiedergefunden“, sagte er rau. „Warum sollte ich dich loslassen?“
Mira öffnete die Augen halb. „Weil du mich erdrückst, du Idiot.“
Kael blinzelte. Livia starrte. Ronan hob eine Braue.
„Ihr kennt euch“, stellte Kael fest.
„Offensichtlich“, murmelte Livia.
Asher trat einen Schritt vor. Seine Stimme war rau, ungeduldig, verzweifelt. „Das ist gerade völlig egal. Meine Gefährtin wurde entführt.“
Der Vampir sah zu ihm auf.
Lange.
Dann veränderte sich sein Blick. Seine Stirn legte sich in Falten. „Irgendetwas stimmt mit dir nicht.“
Asher erstarrte. „Was?“
Der Vampir stand langsam auf, ließ Mira widerwillig los und musterte Asher mit einem Ausdruck, der plötzlich nüchtern, fast fachlich wirkte. „Hattest du Kontakt zu dunkler Magie?“
Asher wollte widersprechen. Wollte den Gedanken von sich stoßen. Skye ist nicht dunkel. Doch noch während er den Mund öffnete, traf ihn die Erkenntnis mit voller Wucht.
Die Praktikantin.
Sein Schweigen genügte.
„Da ist etwas“, fuhr der Vampir fort. „Eine dunkle Nachwirkung. Wie ein Echo.“
Asher fuhr sich über das Gesicht. „Deshalb… deshalb habe ich—“
„So reagiert“, beendete Ronan den Satz ruhig. „Ja.“
Ronan trat näher. „Wie sicher bist du dir?“
„Sehr“, antwortete der Vampir ohne Zögern. „Ich spüre so etwas. Es ist schwach, aber vorhanden. Angstverstärkung. Aggressionsschub. Keine vollständige Kontrolle – aber genug, um jemanden kippen zu lassen.“
Livia schloss die Augen. „Diese verdammte Hexe.“
Der Vampir verzog den Mund. „Nicht nur sie.“ Er sah sich um, schnupperte leicht. „Dieses ganze Gebäude stinkt nach Hexenküche.“
Asher hob den Kopf. „Was meinst du?“
„Ich meine“, sagte der Vampir und deutete mit einer knappen Bewegung auf die Fassade, „dass hier gearbeitet wurde. Runen. Verstärker. Ihr solltet das als Wölfe wahrnehmen.“
Ronan fluchte leise. „Das erklärt einiges. Aber warum wurde nichts bemerkt?“
„Weil es geplant war“, sagte Kael hart.
Asher schluckte. „Sie hat mich beim Einstellungsgespräch merkwürdig angesehen. Sie muss Skye gespürt haben. Deshalb war sie immer dort, wo sie nicht sein sollte. Sie hat ihre Magie verteilt.“
„Um Emotionen hochzutreiben“, ergänzte Ronan.
Asher schloss die Augen.
Skye.
Ihre Tränen.
Sein Verrat.
Die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht.
„Sie wollten, dass ich sie wegstoße“, sagte er leise. „Sie wollten, dass sie allein ist.“
Der Vampir nickte langsam. „Und jetzt haben sie, was sie wollten.“
Stille legte sich über den Parkplatz. Schwer. Erwartungsvoll.
Dann ballte Asher die Fäuste.
„Dann holen wir sie zurück.“
Kein Zweifel. Keine Zögerlichkeit mehr.
Der Schleier war gefallen.
Und er wollte seine Gefährtin zurück.




































Kommentare