Kapitel 35
Asher saß nicht mehr.
Seit Stunden schon nicht.
Er stand am Fenster seines Büros, die Hände zu Fäusten geballt, die Schultern angespannt, den Blick auf die Stadt gerichtet, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Draußen war es längst dunkel. Die Sonne war vor Stunden untergegangen, und mit ihr hatte sich auch etwas in ihm verändert. Das Licht der Straßenlaternen wirkte kalt, fremd. Zu viel Zeit war vergangen. Viel zu viel Zeit, seit Skye verschwunden war.
Der Raum hinter ihm war abgeschlossen. Verriegelt. Nicht aus Angst vor der Außenwelt, sondern aus dem verzweifelten Versuch heraus, Ordnung in das Chaos zu bringen. Um denken zu können. Um Pläne zu schmieden. Um Kontrolle zu behalten. Und doch drehte sich alles im Kreis.
Kael stand nahe dem Tisch, die Arme fest vor der Brust verschränkt, das Kinn angespannt, der Blick hart. Er wirkte ruhig, aber Asher kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass diese Ruhe trügerisch war. Livia lehnte am Regal, lief immer wieder ein paar Schritte hin und her, die Finger ineinander verschränkt, als müsste sie sich zwingen, nicht loszuschreien. Ronan hatte mehrere Karten auf dem Tisch ausgebreitet, markierte Orte, mögliche Übergänge, Fluchtpunkte, alte Berichte über Kultbewegungen. Strategien. Logik. Ordnung.
Alles sinnvoll.
Alles unzureichend.
Und dann war da noch der Vampir.
Er saß auf der Couch, lässig zurückgelehnt, ein Bein über das andere geschlagen, als wäre er nicht der Fremdkörper in einem Raum voller angespanntem Raubtierinstinkt. Seine Präsenz war ruhig, zu ruhig. Dunkle Augen beobachteten alles, entgingen keinem Detail. Er wirkte weder nervös noch bedroht. Eher so, als würde er warten.
Mira saß so weit wie möglich von ihm entfernt. Auf einem Stuhl nahe der Tür, die Beine eng an den Körper gezogen, die Hände im Schoß verschränkt. Ihr Blick war konsequent auf den Boden gerichtet. Seit fast einer Stunde hatte sie kaum ein Wort gesagt. Und sie vermied jeden Blickkontakt – mit dem Vampir, mit Kael, mit Asher.
Asher bemerkte es erst spät.
Er hatte den Vampir gedanklich ausgeblendet, ihn zu einem späteren Problem erklärt. Etwas, das man klären konnte, wenn Skye wieder da war. Doch als eine weitere Stunde verstrich und der Fremde keinerlei Anstalten machte zu gehen, drehte Asher sich langsam um.
„Du bist immer noch hier“, sagte er rau.
Der Vampir hob den Blick, ein schiefes, beinahe amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Ja.“
„Warum?“, knurrte Kael, bevor Asher weitersprechen konnte.
Der Vampir richtete sich ein wenig auf. Seine Haltung blieb entspannt, doch etwas in seinem Blick wurde ernst. „Weil ihr sie sonst nicht rechtzeitig findet.“
Stille legte sich über den Raum.
Asher trat einen Schritt näher. „Erklär dich.“
Der Vampir sah ihn nicht an. Sein Blick ging direkt zu Mira.
„Ich kann euch helfen“, sagte er schließlich ruhig. „Aber nur, wenn sie mit mir kommt.“
Miras Kopf ruckte hoch. „Was?“ Ihre Stimme war scharf, panisch.
„Kommt nicht infrage“, sagte Kael sofort, ohne zu zögern. „Ganz sicher nicht.“
Der Vampir verzog keine Miene. „Dann verschwendet ihr Zeit.“
„Du verlangst viel“, sagte Ronan kühl.
„Ich verlange nichts“, entgegnete der Vampir ruhig. „Ich stelle eine Bedingung.“
Asher spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Wut. Misstrauen. Aber darüber lag etwas anderes. Etwas Schwereres. Verzweiflung. Skye war seit Stunden fort. Jede Minute konnte den Unterschied bedeuten zwischen Leben und Tod.
Er sah Mira an.
Und sie sah ihn an.
Zum ersten Mal seit sie zurückgekommen war, hob sie den Blick vollständig. Ihre Augen waren gerötet, müde, aber klar. Sie sah Ashers Gesicht – und erkannte darin etwas, das sie nicht ignorieren konnte.
Verlustangst.
„Ich gehe mit ihm“, sagte sie leise.
Kael fuhr herum. „Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch“, erwiderte Mira ruhig.
„Mira“, begann Livia unsicher.
„Nein“, sagte Kael scharf. „Auf keinen Fall. Du bleibst hier.“
Mira stand auf. Ihre Hände zitterten leicht, doch ihre Stimme blieb fest. „Du kannst mir das nicht verbieten.“
Kael lachte hart auf. „Ich bin dein Alpha. Und dein Bruder.“
„Und ich bin seine Frau.“
Der Satz traf den Raum wie ein Donnerschlag.
Stille breitete sich aus. Dick. Ungläubig.
„Was?“, brachte Livia hervor.
Kael starrte Mira an, als hätte sie ihm gerade den Boden unter den Füßen weggezogen. „Das… ist nicht witzig.“
„Ich mache keine Witze“, sagte Mira.
Alle Blicke richteten sich nun auf sie. Selbst der Vampir – ihr Mann – wirkte für einen Moment amüsiert.
Mira atmete tief durch. „Als ich Belle gesucht und gefunden hatte… war ich erschöpft. Ich wollte einen Tag raus. Abschalten. Ich bin sonst immer hier, bei euch. Ich wollte einfach Abwechslung.“ Sie schluckte. „Ich bin in Las Vegas gelandet. In einem Casino.“
Der Vampir hob eine Augenbraue.
„Ich habe zu viel getrunken“, fuhr Mira fort. „Er war da. Wir haben geredet. Getanzt. Gelacht.“ Sie verzog den Mund schief. „Und geheiratet.“
Kael öffnete den Mund. Schloß ihn wieder.
„Ihr habt—“, begann Livia.
„Ja“, sagte Mira trocken. „Und am nächsten Morgen habe ich Panik bekommen und bin abgehauen.“
Der Vampir lächelte schief. „Ohne mir ihre Nummer zu geben.“
„Du bist ein Vampir“, brachte Kael schließlich hervor, als müsse er sich selbst daran erinnern.
„Und sie ist meine Frau“, entgegnete der Vampir gelassen.
Asher rieb sich über das Gesicht. Das war absurd. Lächerlich. Und vollkommen nebensächlich.
„Du hast gesagt, du kannst helfen“, sagte er hart. „Wie.“
Der Vampir sah ihn an. Sein Blick war plötzlich scharf, fokussiert. „Ich beherrsche den Schattensprung. Ich kann mich von Schatten zu Schatten bewegen. Nicht innerhalb eines Raumes – über große Distanzen.“
Ronan hob den Kopf. „Das kann kaum jemand.“
„Ich kann es“, sagte er ruhig. „Und es reicht mir, wenn ich etwas von ihr habe, das mich auf ihre Signatur ausrichtet.“
Asher trat näher. „Du kannst Skye finden.“
„Ja.“
„Sofort?“
„Ja.“
Ein Zittern ging durch Asher. Hoffnung. Brutal und scharf.
„Dann tun wir es“, sagte er. „Wir stellen das Rudel zusammen. Jetzt.“
„Mit Gewalt?“, fragte Kael.
Asher sah ihn an. Seine Augen waren dunkel, entschlossen. „Bitte, Kael. Sie ist meine Gefährtin. Notfalls gehe ich allein.“
Kael stieß hart die Luft aus. „Du bist mein Beta. Und deine Gefährtin wurde entführt. Das geht uns alle etwas an.“
Der Vampir erhob sich. „Wenn ihr mehr Leute braucht, sollten wir in euer Rudelgebiet.“
Noch ehe jemand widersprechen konnte, dehnte sich der Schatten im Raum aus. Er kroch über Wände, Boden und Decke, verschluckte Licht und Konturen. Ein Augenblick der Desorientierung – und dann standen sie mitten im Rudelhaus.
Mitten unter sprachlosen, schockierten Rudelmitgliedern.
Cain stand da, den Mund offen, die Augen weit aufgerissen.
Kael trat vor und erklärte die Situation. Kurz. Klar. Ohne Beschönigungen.
Während das Rudel sich sammelte, während Befehle gegeben, Waffen verteilt, Magieblocker vorbereitet wurden, konnte Asher nur eines tun: im Büro auf und ab gehen. Jeder Schritt ein Schlag gegen seine Nerven.
Die Tür öffnete sich leise.
Cain stand im Rahmen. Zu still für sein Alter. Zu ernst.
„Wann geht es los?“, fragte er leise.
Asher ging sofort zu ihm, kniete sich hin, legte die Hände an seine Schultern. „Noch nicht“, sagte er ehrlich. „Aber wir holen sie bald zurück. Das verspreche ich dir. Wir müssen vorbereitet sein.“
Cain nickte. Tränen standen ihm in den Augen. „Bitte. Rette sie.“
Asher zog ihn kurz an sich. „Ich bringe sie nach Hause. Egal was es kostet.“
Und während das Rudel sich formierte, während der Schatten des Krieges sich über alles legte, wusste Asher eines mit erschreckender Klarheit:
Das hier war kein Rettungseinsatz mehr.
Er würde jeden Feind der sich ihm in den Weg stellt vernichten.





































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