Kapitel 6
Asher erinnerte sich an den Moment im Büro mit einer Klarheit, die ihn wütend machte.
Livs Stimme war ruhig gewesen, fast bittend. Sie hatte gesagt, man solle die Hexe gehen lassen. Dass sie gezwungen worden sei. Dass es genug Blut gegeben habe.
Und er hatte nur ein Wort hervorgebracht.
„Niemals.“
Er hatte Kaels Büro verlassen, bevor jemand ihm hätte widersprechen können. Die Tür war hinter ihm ins Schloss gefallen, härter als nötig. Seitdem arbeitete es in ihm. Der Wolf lief unruhig unter seiner Haut, kratzte an alten Wunden, an Erinnerungen, die er seit Jahren tief vergraben hielt. Hexen. Immer Hexen. Lügen, Schleier, Manipulation. Und jetzt war sie wieder verschwunden.
Natürlich war sie das.
Asher stieg in den Wagen, ließ den Motor an und fuhr los, ohne wirklich ein Ziel zu haben. Nur weg. Raus aus dem Rudelhaus, raus aus den Blicken, raus aus der Stimme der Luna, die etwas in ihm berührt hatte, das er nicht anfassen wollte. Er ließ das Fenster herunter, obwohl die Nacht kalt war. Er brauchte Luft. Und er brauchte einen Geruch.
„Langsam“, sagte eine ruhige Stimme neben ihm.
Der Omega, den Kael ihm mitgegeben hatte, saß auf dem Beifahrersitz. Niko. Jung, ein eher schmaler Typ – und genau deshalb wirksam. Omegas trugen eine seltsame Ruhe in sich, die auf andere überging, ob man wollte oder nicht. Schon jetzt bemerkte er die beruhigende Wirkung die der junge auf ihn hatte. Asher hatte allerdings widersprechen wollen. Jetzt war er insgeheim dankbar.
„Ich fahre“, knurrte Asher. „Du hältst mir nur den Kopf frei.“
Niko nickte. „Mach ich.“
Sie durchkämmten Straßen, Nebenstraßen, Viertel, die sie zuvor ausgelassen hatten. Asher roch Abgase, Menschen, Angst, Reste von Magie – nichts. Minuten vergingen. Dann eine Stunde. Der Zorn wich langsam einer dumpfen Frustration.
Gerade als Asher die Schultern anspannte, um aufzugeben, traf es ihn.
Vanille.
Warm. Erdnah. Und darunter Schmerz. Aber vor allem Sein.
„Ich rieche sie.“, sagte er scharf.
Asher trat instinktiv auf die Bremse. Der Wagen kam abrupt zum Stehen, Reifen quietschten leise. „Hier?“
Asher antwortete nicht. Er hatte das Fahrzeug bereits an den Rand gelent
Kt und war bereits ausgestiegen, sog die Luft ein, tiefer diesmal. Jetzt war da mehr. Nicht nur der Duft – ein Ziehen. Ein Sog. Als würde etwas in seiner Brust aufgehen und ihn vorwärts zerren. Als würde ihn etwas rufen.
Sein Blick hob sich. Zu einem Fenster im zweiten Stock eines unscheinbaren Gebäudes. Ein Motel.
Und da war sie.
Für einen Moment vergaß er zu atmen.
Ihre Haare waren wirr, unordentlich, als hätte sie sich durch Schlaf oder Flucht gekämpft. Oder mit einem Liebhaber sich im Bett vergnügt. Nein, daran durfte er jetzt nicht denken. Sie hatte ein eher rundliches Gesicht, blasse Haut, eine kleine Stupsnase. Und dieser Mund – weich, voll, zum Küssen gemacht aber jetzt angespannt vor Angst. Sie sah nicht stark aus. Nicht gefährlich. Aber für sein Seelenheil war es ihn. Nur das es schon seit dem Moment kein Zurück mehr gab, seit er sie gerochen hatte. Weder für sie, noch für ihn.
Ein tiefes, unbewusstes Knurren vibrierte in seiner Brust. Erregung raste durch seine Vehnen.
Ihre Augen weiteten sich, als sie ihn erkannte. Furcht. Und Fluchtinstinkt. Er sah es, noch bevor sie sich bewegte. Sein Lächeln, das er ihr schenkte, war zu langsam, zu scharf. Wölfisch.
Sie wich zurück. Verschwand im Inneren.
Asher wandte sich an Niko, der inzwischen ebenfalls ausgestiegen war. „Ich gehe rein. Du gehst nach hinten. Sie wird versuchen zu fliehen.“
Niko zögerte nicht.
„Verstanden.“
Asher betrat das Gebäude durch den Vordereingang. Er ging langsam, bewusst ruhig. Nicht aus Vorsicht – sondern weil er wusste, dass sie keine wirkliche Chance mehr hatte. Flucht bedeutete Zeitgewinn, nicht Freiheit.
Die Frau an der Rezeption sah auf, musterte ihn einen Moment zu lange und lächelte dann. Asher kannte diesen Blick. Er wusste genau, wie er wirkte – und er nutzte es ohne Zögern.
„Guten Abend“, sagte er freundlich. „Ich suche jemanden. Zweiter Stock. Eine Frau. Meine Freundin. Ich hole sie für unser Date ab.“
Die Frau errötete leicht und nannte ihm bereitwillig die Zimmernummer.
Vor der Tür hielt Asher inne. Lauschte.
Schritte.
Ein Fenster.
Metallisches Knarren.
Natürlich.
Er klopfte einmal. Höflich. Geduldig.
Keine Antwort.
„Mach auf“, sagte er ruhig. Nicht laut. Aber eindeutig.
Stille.
Asher trat einen Schritt zurück – und schlug zu. Das Schloss gab nach, Holz splitterte, die Tür flog auf. Der Geruch traf ihn sofort, wie ein Schlag in die Brust.
Seine Gefährtin.
Überall. So intensiv, dass ihm für einen gefährlichen Moment schwindelig wurde. Er hätte sich am liebsten einfach fallen lassen, den Boden unter sich gespürt und nichts anderes getan, als diesen Duft einzuatmen, ihn in sich aufzunehmen, ihn zu behalten.
Dann roch er noch etwas anderes.
Männlich.
Nur ein Hauch, tief unter ihrem Duft verborgen – aber genug.
Asher erstarrte.
Seine Kiefer mahlten.
Jemand hatte sie berührt.
Der Gedanke ließ Zorn durch ihn schießen, heiß und unkontrolliert. Sie sollte besser keinen Liebhaber haben. Nicht jetzt. Nicht jemals.
Er stürmte zum Fenster.
Unten, im Schatten der Gasse, sah er sie. Und neben ihr –
Ein Kind.
Sein Zorn explodierte vollständig. Das war genauso schlimm. Jemand hatte sie berührt. Jemand hatte ein Kind mit ihr. Und dieser Jemand war nicht er.
Asher sprang.
Er landete hart, aber kontrolliert, direkt vor ihnen. Niko hatte sie bereits gestellt. Das Kind schrie auf, trat instinktiv zurück. Skye stellte sich sofort vor ihn, schützend, ohne nachzudenken.
Asher fletschte die Zähne.
Niko sah ihn verwirrt an, spürte die Wellen aus Zorn, die von Asher ausgingen, und versuchte unbewusst, mit seiner Omega-Präsenz gegenzusteuern. Es half – gerade genug, damit Asher tief einatmete und nicht sofort die Kontrolle verlor.
Dann flackerte die Verschleierung auf.
Und ihr Duft verschwand.
Asher spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Das durfte sie nicht. Er brauchte diesen Geruch. Er brauchte sie greifbar.
„Gib sie mir“, befahl er zornig. „Die Frau ist meine.“
Niko zögerte. Schüttelte leicht den Kopf.
„Ich halte das gerade für keine gute Idee.“
Asher ließ seinen Zorn offen durchscheinen. Die Luft spannte sich. Skye zuckte zusammen.
„Nein“, sagte sie heftig. „Bitte nicht.“
Asher trat näher. Seine Stimme war ruhig – zu ruhig.
„Nimm die Verschleierung runter.“
„Nein.“
Das Kind ballte die Fäuste. „Lass uns in Ruhe!“
Asher lachte leise, ohne jede Wärme.
„Das hättet ihr euch überlegen sollen, bevor ihr euch mit unserem Rudel angelegt habt.“
Skye sah ihn an. Ihre Stimme zitterte, aber sie hielt stand.
„Ich wurde erpresst.“
Asher neigte langsam den Kopf. Sein Lächeln war kalt.
„Das erklärst du im Rudelhaus.“
Er gab Niko ein erneutes Zeichen.
Diesmal gehorchte er.
Als Asher ihre Haut berührte, weich und warm, musste er all seine Kontrolle aufbieten, um nicht zu reagieren. Um nicht das Bedürfnis zu verspüren, sie fest an sich zu ziehen, sie einzuatmen, sie festzuhalten.
Aber noch nicht.
Zuerst musste er eine Frage klären.
Wo war der Vater dieses Kindes?
Und warum hatte er es gewagt, etwas zu berühren, das ihm gehörte.







































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