Kapitel 8
Asher sah das Rudelhaus, noch bevor sie den letzten Anstieg hinter sich gebracht hatten.
Stein und Holz ragten massiv vor ihnen auf, alt, stabil, und so vertraut. Sein Zuhause. Der Ort, an dem er Ordnung kannte, Regeln und Kontrolle eingehalten wurde.
Und doch fühlte sich alles falsch an, seit sie neben ihm ging.
Skye. Seine Gefährtin.
Seine Hand lag fest um ihren Oberarm. Nicht brutal, aber unmissverständlich. Er führte sie, ließ ihr keinen Raum, keinen Schritt, der nicht von seiner Präsenz eingerahmt war. Sie sagte seinen Namen nicht. Sagte überhaupt wenig. Doch er hörte jedes flache Einatmen, jede Spannung in ihrem Körper.
Und er roch sie.
Der Duft traf ihn immer wieder wie ein Schlag – warm, erdig, darunter etwas Sanftes, Unerschütterliches. Asher musste die Zähne zusammenbeißen. Sein Körper reagierte, gierig, fordernd. Ein Teil von ihm wollte sie einfach nehmen, sie in sein Zimmer bringen, sie festhalten, sie küssen und verführen bis sie aufhörte, sich ihm zu entziehen. Für ihn war klar gewesen, dass das im Auto kein Fehler gewesen war.
Sie war seine Gefährtin.
Und sie hatte es gewagt, das in Frage zu stellen.
Er hatte ihre Angst gerochen, ihre Verwirrung, und genau das hatte ihn gezwungen, loszulassen. Widerwillig und zornig. Er war steinhart gewesen und hätte es gern zu Ende gebracht. Aber er sagte sich immer wieder, dass sie jetzt hier war. Bei ihm. Und dass sie nicht mehr verschwinden konnte.
Die Eingangstür fiel hinter ihnen ins Schloss.
„Ich möchte Cain sehen“, sagte sie sofort, ihre Stimme hallte durch den Flur.
Asher reagierte nicht. Er zog sie einfach weiter.
„Bitte“, rief sie erneut. „Lass mich Cain sehen.“
Er blieb stehen. Sein Kiefer spannte sich.
„Er ist hier“, sagte er ruhig. Zu ruhig. „In Sicherheit. Mach dir keine Sorgen.“
Sie drehte sich abrupt zu ihm um. Angst, Zorn und Trotz lagen offen in ihrem Blick. Ihren Schmollmund hatte sie nach vorn gestreckt. Dieser lud praktisch zum Küssen, zum erobern ein. Eine Mischung von alldem, die etwas Dunkles in ihm weckte.
„Ich will ihn sehen.“
„Nicht jetzt.“
„Asher—“
„Nicht jetzt“, wiederholte er schärfer.
Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer und bedeutete ihr einzutreten. Der Raum war groß, dunkel, in warmes Licht getaucht. Sein Raum. Sein Geruch. Sein Territorium. Er spürte, wie sie langsamer wurde, als sie die Schwelle überschritt.
„Du bleibst hier“, sagte er.
„Nein.“ Sie drehte sich wieder zu ihm. „Ich will bei meinem Bruder bleiben. Ich will in sein Zimmer.“
„Das wirst du nicht.“
Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. „Du hast kein Recht—“
Asher trat näher. Seine Größe, seine Nähe, seine Präsenz ließen keinen Zweifel. Er hatte hier das sagen.
„Ich habe jedes Recht“, sagte er leise aber dennoch bestimmend. „Du bist in meinem Rudel. Unter meinem Schutz. Und du bist geflohen, bist verletzt wurden, kannst dich jederzeit verschleiern und hast Dinge getan, die ich noch nicht einordnen kann.“
„Ich habe niemandem wehgetan“, fauchte sie.
„Das weiß ich nicht“, erwiderte er – und wusste, dass es eine Lüge war.
Sie sah ihn an. Durchschaute ihn.
„Das ist eine Lüge“, sagte sie ruhig. „Und das weißt du.“
Er schwieg. Gab ihr diesen kleinen Sieg.
„Lass mich zu Cain“, sagte sie erneut. Leiser diesmal. Der Blick gesenkt. Fast bittend.
Etwas zog sich schmerzhaft in Asher zusammen. Schuldgefühle vielleicht. Er verdrängte es.
„Er ist in einem Gästezimmer“, sagte er schließlich. „Bewacht und versorgt. Außerdem ist er Unversehrt.“
„Ich will ihn sehen.“
„Später.“
Sie schüttelte den Kopf. „Du sperrst mich ein.“
„Nein.“ Sein Blick war fest. „Ich halte dich fest. Das ist ein Unterschied.“
Sie erstarrte.
„Was meinst du damit?“ Asher würgte sie ab.
„Ich muss zu meinem Alpha“, fuhr er über ihre Frage hinfort. „Du bleibst hier. Du ruhst dich aus. Du verschwindest nicht. Und du legst keine neue Verschleierung über dich.“
„Und wenn ich es doch tue?“ zischte sie ihn zornig an.
Seine Augen verfinsterten sich.
„Dann wirst du erleben, wie es ist, wenn ich wirklich wütend werde.“
Stille.
Er ging zur Tür, zögerte kurz.
„Mach es uns nicht schwerer, als es ohnehin ist“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
Dann schloss er die Tür hinter sich. Drehte den Schlüssel und sperrte sie in seinem Reich ein.
Kaels Büro empfing ihn mit gedämpftem Licht und Stille. Asher trat ein, ohne anzuklopfen, ließ sich schwer auf den Stuhl vor dem Schreibtisch fallen.
Kael hob eine Braue und wartete. Dann holte Asher tief Luft.
Er erzählte was sich zugetragen hatte.
Kael hörte schweigend zu.
„Sie ist keine unmittelbare Bedrohung“, sagte Kael schließlich. „Keine Angriffsmagie die sie auf sich gewirkt hat. Keine Eskalation die ausgeartet ist.“
„Das heißt nicht, dass sie harmlos ist“, entgegnete Asher hart. „Sie hat geholfen Marek geholfen und außerdem ist Sie geflohen. Vor mir. Ihre Verschleierung ist perfekter als alles, was ich je gerochen habe.“ Kael runzelte die Stirn.
„Und dennoch lebt unsere Luna“, erwiderte Kael ruhig. „Sie hat Livia geholfen.“
Asher schwieg. Er wusste das. Konnte sich das aber nicht eingestehen. Dann das hieße das er keinen Grund hatte sie gefangen zu halten.
„Livia möchte die Geschwister sehen“, fuhr Kael fort.
„Noch nicht.“
„Asher.“
„Noch nicht“, wiederholte er. „Nicht bevor ich sicher bin.“
„Sicher wobei?“
„Dass sie bleibt. Dass sie nicht flieht. Dass sie niemandem schadet.“ Ein kurzes Zögern. „Und dass sie mir nicht entgleitet und wieder einfach verschwindet.“
Kael musterte ihn lange. Dann nickte er langsam.
„Vorläufig.“
„Das reicht fürs erste.“
Asher wandte sich ab.
Auf dem Weg zurück wusste er eines mit brutaler Klarheit:
Skye war im Rudelhaus.
In seinem Zimmer.
Unter seinem Dach. In seinem Bett und bald würde sie seinen Namen in genau diesem Bett schreien.
Und selbst wenn er der schlechteste Gefährte für eine Hexe war –
er würde sie nicht gehen lassen.
Dann spürte er es.
Ihre Präsenz verblasste.
Die Verschleierung legte sich erneut über sie.
Ein tiefes Knurren stieg aus seiner Brust.
Das, dachte Asher kalt,
würde sie bereuen.





































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