Hitzefrei

Hitzefrei

Eigentlich wollen sich Paul und Rudolf gerade auf den Weg zur Schule machen, als das Gartentürchen mit einem ordentlichen Schwung auffliegt und ein mehr als gut gelaunter kleiner Junge hindurch springt und ihnen aus voller Kehle entgegen jubelt: „Juuuuhuuuuu Hitzefrei! Ich hab´ hitzefrei!!!! Hiiiiiiitzeeeeefreiiiiiiii! Piiiiiiiinkyyyyyyy, Pauuuuuul, Ruuuuudolf ich hab´ hitzefrei!!!!!“

Rosa steht auf der Terrasse und klatscht sich vor Freude auf ihre bunt geblümte Schürze, als sie ihren Buben so munter und fidel auf sie zu rennen sieht.

Sie blickt schmunzelnd auf das rostige Coca-Cola-Thermometer, welches an einem Pfosten der Terrasse hängt und liest laut vor: „32 Grad! Und es ist noch nicht einmal mittags! Mein Bub, das ist wahrlich ein guter Grund für eine Hitze frei! Wie soll den so ein kleines Kinderhirn bei den Temperaturen noch g´scheids was lernen können? Das scheint mir absolut unmöglich und ich denke, heute wird es Zeit für eine ordentliche Abkühlung, oder was meinst du?“ „Also Pinky!“, der Bub stemmt seine Arme in die Hüfte, läuft puderrot an, lacht munter und spricht eloquent, „du meinst doch nicht wirklich, dass ICH ein kleines Kinderhirn habe? Natürlich, … da gebe ich dir ausnahmslos Recht, … nimmt die Rechenleistung meines äußerst komplexen Bordcomputers bei so einer Wärme durchaus ab, aber ich weiß natürlich immer noch WAS in so einer heißen Situation angemessen und richtig ist!“

Dann reißt sich der kleine Junge in Windeseile seine Sommerkleidung bis auf die Unterhose vom Leib, nimmt ordentlich Anlauf und springt mit einem großen Platscher in den Schwimmteich!

Und Rudolf lässt sich auch nicht lumpen und hüpft in ordentlicher Jagdhundemanier hinterher!

In Sekundenschnelle gleicht der sonst so ruhige Teich nun einer tosenden See!

Wasserfontänen spritzen in die Luft, lautes Juchzen und vergnügtes Bellen beschallt den ganzen Hof. Die Seerosen schwingen munter wie die Schiffschaukeln auf der Kirchweih hin und her, Flick und Flack jagen mit kapriziösen Luftsprüngen die dicken Wassertropfen, sogar die Goldfische springen vor lauter Freude über den Besuch, wie junge Delfine aus dem Wasser und auch die Entchen legen sich auf den Rücken und planschen mit ihren Watschelfüßen eifrig mit!



Auch Paul hüpft wie ein kleiner Flummi auf und ab und Rosa hält sich vor Lachen schon ihren Bauch!

Was ist das für ein großer Spaß!

So viel Leben und Freude haben dieser Teich und seine Bewohner schon lange nicht mehr erlebt!

Ganz sanft nimmt Pauls Sonnenstrahl Rosa an die Hand, öffnet magisch die Haustür und führt sie zielstrebig zunächst durch den Flur, dann die hölzerne Treppe hinauf bis hin zu ihrem alten Kleiderschrank. Nun muss Rosa schmunzeln, …

sie weiß, was ihr Paul ihr damit sagen möchte!

Rosa zieht ihre Sommerkleidung und die Schürze aus und legt sie ordentlich auf ihr Bett. Dann öffnet sie den Schrank, wühlt ein wenig umher und holt kurze Zeit später einen Badeanzug samt Bademütze hervor.

Wie lange mag es her sein, als sie diesen Badeanzug das letzte Mal getragen hat?

Jahre?

Nein, Jahrzehnte!

Zart lächelnd schlüpft Rosa in ihren Badeanzug, setzt die Bademütze auf, rückt alles noch ordentlich zurecht und macht sich auf den Weg zum Teich.

„Ja, Pinky! Du siehst ja ganz wunderbar aus! Wie eine wunderschöne blühende Blumenwiese! Komm, spring rein, die Seerosen freuen sich über deine Gesellschaft!“, jodelt prustend der kleine Junge aus dem Wasser heraus.

Und als Rosa ihr Spiegelbild im Teich sieht und dann an sich herunterblickt, muss auch sie herzlich lachen, denn sie sieht wirklich wie eine wunderschöne blühende Blumenwiese aus!

Ihr Badeanzug stammt aus den wilden 70er-Jahren und ist übersäht mit vielen großen bunten aufgedruckten Blumen und auch ihre altersgleiche Bademütze zieren aufgenähte Stoffblumen in allen Farben und Größen!

„Jetzt dürfen bloß die immer hungrigen Schafe nicht kommen!“, denkt Rosa laut und dann macht sie etwas, was sie eigentlich noch nie getan hat!

Sie geht einige Meter zurück, nimmt ordentlich Anlauf und springt, … wie ein junges Mädchen, … mit einem großen Satz direkt in den Teich!

Paul schlägt Saltos, ihr Junge jubelt und kreischt und Rudolf jault vor Begeisterung in den höchsten Tönen! „Pinky, du bist wirklich sensationell!“, jubelt ihr Bub und klatscht vor Freude wild aufs Wasser.

Eine lange und ganz wundervolle Weile schwimmen, planschen, spritzen und toben sie gemeinsam noch im Teich, bis Rudolf auf einmal seine Ohren spitzt und auch Rosa das zarte Klingeln wahrnimmt. „Oh mein Bub, jetzt wird es gleich lustig! Guck mal zum Gartentor!“, ruft Rosa ihrem Jungen munter zu, als dieser nun auch die leisen Glöckchen hört.



Und schon geht das alte Gartentor auf und eine lustige Schar an gut drei Dutzend fröhlich meckernden und wild hüpfenden Schafen drängt sich so schnell wie möglich hindurch.

„Roooooosa! Rooooosa! Wir sind wieder daaaaaaa! Wo bist du denn?“, trällert es weit hinter den Schafen durch den Garten.

Und die beiden Schäferinnen Anni und Franzi trauen ihren Augen nicht, als sie ihre Rosa, Rudolf und noch einen kleinen Jungen putzmunter und quicksfidel inmitten des Schwimmteichs vorfinden.

Seit vielen Jahren besuchen die jungen Frauen zwei Mal im Jahr die betagte Rosa und ihren grauen Rudolf auf dem Hof, aber so eine ganz wunderbare ausgelassene Stimmung haben sie hier noch nie erleben dürfen!

„Ja, Rosa, was ist denn heute bei euch los? Das ist ja sagenhaft! Wir wussten gar nicht, dass du einen Enkel hast?“, ruft Anni. 

Rosa und ihr Bub sehen sich an und müssen grinsen.

„Warte, wir kommen zu Euch!“, ergänzt nun Franzi den Satz ihrer Schwester.

Und schon ziehen die beiden Frauen flink ihre schweren Wanderschuhe und die Socken aus, legen ihre Rucksäcke zur Seite und springen mit ihren kurzen Sommerklamotten frech zu ihnen in den Teich!

Selbst ein paar der spitzbübischen Schafe stehen schon bis zum Bauch im Wasser und blicken verstohlen und mit schleckenden Mündern auf Rosas leckere Blumenpracht.

Nachdem alle ihre Abkühlung genossen haben, schwimmt Rosa ans Ufer, klettert heraus, legt ihre Bademütze auf einen Stein und ruft: „Ich mache uns einen guten Kaffee und ein paar Kekse habe ich auch noch! Rudolf, hol´ du doch schon mal die Decke!“

Als sie mit einem Tablett voller Köstlichkeiten wieder in den Garten kommt, will Rosa erst laut schimpfen, aber der Anblick ist zu köstlich und sie muss einfach nur herzhaft lachen!

Auf der bunten Häkeldecke liegen nun nicht nur Rudolf, Anni, Franzi und ihr Bub, sondern auch ganz heimlich und unbemerkt das freche Schaf Siglinde!

Paul versucht zwar mit seinem Sonnenstrahl das wollige Wesen von ihrem Vorhaben abzuhalten, aber Siglinde hat sich dennoch Rosas Bademütze geschnappt und kaute gerade genüsslich auf den Stoffblumen herum.

Nur durch eine gute Portion Kekse gelingt es dann Rosa Siglinde davon zu überzeugen, den Rest der Bademütze auszuspucken und sich vielleicht doch lieber zu den anderen Schafen auf die Wiese zu legen.



Und dann erzählt Rosa natürlich erneut von ihrem lustigen Erlebnis mit dem gefundenen Schaf, welches während der Autofahrt die Häkeldecke auf der Rücksitzbank ihres Opels erst vollgeköttelt und dann gefressen hat.

Ihr Bub muss lachen und meint: „Pinky, ich glaub Siglinde ist ein Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel von deinem alten Opel-Schaf!“

„Oh, ja, das könnte wirklich sein! Siglindes Mutter, ihre Großmutter und auch Urgroßmutter haben ja schon bei uns gelebt! Und wie gut einem doch ein Enkel tun, sieht man ja bei euch zwei grad ganz wunderbar!“, antwortete Franzi mit einem feuchten Strahlen in den Augen.

Eine Zeit lang reden die vier noch gemütlich über Gott und die Welt und genießen ihren herrlichen Tag. Dann pfeifen die jungen Frauen ihre Schafe zusammen und ziehen fröhlich winkend und erneut mit einem zarten Klingeln der Glöckchen weiter.

Rosa, Paul, Rudolf, die Katzen und der Junge bleiben noch eine Weile auf ihrer Decke liegen und beobachten still die kleinen Wölkchen am Himmel.

„Die beiden wissen aber auch nichts von Opa, oder?“, fragt der Junge irgendwann und Rosa zwinkert nur keck und schüttelt sanft den Kopf.

„Und deine Mutter? Weiß sie von uns?“, fragt Rosa nach einer kurzen Pause zurück.

„Nein, … sie weiß nur eure Namen und denkt, ihr seid Freunde in meinem Alter. Alles andere könnte ich ihr auch gar nicht erklären, … sie würde sofort meinen, das meine blühende Phantasie wieder mit mir durchgehe und mir überhaupt nicht mehr zuhören … Pinky, diese Magie können, … glaube ich, … doch nur wir spüren!“, antwortet der kleine Junge sanft, drückt Pinky einen feuchten Schmatz auf ihre Wange und springt dann nochmals laut jubelnd in den Teich.

Und Pauls Sonnenstrahl küsst seine Rosa liebevoll auf ihre andere Wange.

Was für ein großes und einmaliges Glück dürfen sie alle hier genießen?

Einfach wunderbar, … einfach magisch!

Rosas Augen werden feucht … vor Glück!

Kurz bevor die alte Standuhr auch heute zum siebzehnten Mal schlägt, macht sich ihr Bub wieder auf den Nachhauseweg. Treu begleiten ihn Rudolf und Paul auch an diesem Tag bis zum Waldrand.

„Und Opa, nicht vergessen! Morgen um 9.45 Uhr im ersten Stock in meinem Klassenzimmer, okay? Und nix der Pinky verraten!“, erinnert der Junge Paul, winkt noch einmal und geht dann fröhlich hüpfend die Straße entlang zu seinem Haus.



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