Kapitel 2 – Brians Vergangenheit
Kapitel 2 – Brians Vergangenheit
Drei Tage später parkte Evelynn ihr schrottplatzreifes Occasion-Motorrad vor einem Einfamilienhaus in den Suburbs südwestlich des Bosten Children’s Hospitals. Jedes Haus sah aus wie das nächste. Weiße Fassade, ein gepflegter Garten …
„Hier wohnt also Bea …“ Ein schönes, kleines Haus mit Garten. So hatte sie sich das Leben dieser Frau auch in etwa vorgestellt. Vermutlich war sie die Schönheitskönigin in der Oberschule gewesen, verlobt und mittlerweile verheiratet mit dem ehemaligen Footballstar, und Mutter von zwei Kindern. „Das ist ja wie im Film …“, murmelte Evelynn gedankenverloren, als sie am wolkenweißen Gartenzaun entlangging, um zum Törchen und damit auf das Grundstück zu gelangen.
Evelynn hob die Hand, um zu klingeln, da riss Bea bereits die Tür auf, das Gesicht strahlend, und zog sie in eine feste Umarmung. „Hallihallo Eve! Hier“, sie drückte der überforderten Evelynn ihr Champagnerglas in die Hand, „runter damit! Du bist zu spät! Mein Mann schläft zwar mit den Kindern heute bei seinen Eltern, aber die sind morgen doch schon zurück!“ Bea kicherte so sehr, dass es nur einen Schluss zuließ, und Evelynn lachte ungläubig.
„Hast du dir etwa schon die Kante gegeben?“
Hastig schüttelte Bea den Kopf. „Aber nicht doch! Wir bleiben doch anständig, wenn wir schon einmal alle zusammenkommen können, keine Nachtdienst hat und unsere Männer und Kinder nicht da sind!“
Evelynn drehte das Glas unbehaglich in der Hand herum. Sie hatte, seit sie wieder bei ihren Eltern wohnte, keinen Tropfen getrunken. Das war gegen ihre Abmachung – auch wenn Evelynn nie alkoholsüchtig gewesen war. Andererseits hatte sie so eine Befürchtung, dass zahlreiche Fragen aufkämen, wenn sie das Trinken offensichtlich verwehrte. Also würde sie das Glas wohl einfach bis zum Ende des Abends in der Hand behalten.
„Komm rein, komm rein! Wir glühen etwas vor und bestellen danach!“ Bea zog Evelynn in das Wohnzimmer, wo drei Frauen saßen, von denen Evelynn jedoch alle kannte. Bis auf zwei.
Unbeholfen hob Evelynn die Hand und ließ ihre Augen langsam über die angetrunkenen Frauen gleiten. „Hi.“
Bea deutete zur Couch. „Elvira kennst du ja schon. In der Mitte sitzt Maria, meine Nachbarin. Und rechts ist Amber, ihr Sohn und meine Tochter gehen in dieselbe Klasse.“ Bea grinste Evelynn breit an. „Und das hier ist Evelynn. Unsere einzige Singlemama.“
Evelynn riss die Augen auf. „Amber?!“ Amber. Sie nahm die Frau genauer unter die Lupe, die unwahrscheinliche Hoffnung hegend, dass sie sich geirrt hatte. Aber nein. Diese Frau sah Brians Schwester, die sie vor fünf Jahren kennengelernt hatte, verdammt ähnlich.
Amber schien ebenfalls irritiert und gab ein nachdenkliches „Ah“ von sich. Dann wurde ihr klar, wer die Frau mit den schwarzen, lockigen Haaren war. „Oh! Welch Zufall! Wir haben uns mal kurz gesehen, als mein Bruder dich zu mir gebracht hat, nicht wahr?“
Bea setzte sich auf die Couch und grinste bis über beide Ohren. „Wie witzig! Ihr kennt euch?“
„Ja …, flüchtig. Wie … geht es deinem Bruder? Was machst du hier? Du lebst doch in einer ganz anderen Gegend?“
„Wir sind vor zwei Jahren hierhergezogen. Ich wohne nur drei Straßen weiter. Mit den Zwillingen wurde uns das alte Haus dann doch etwas zu klein.“ Ambers Blick schweifte über die anderen Frauen. „Mein Bruder. Naja, reden wir jetzt besser nicht über ihn.“
Also lebte das Drecksschwein noch. „Aber natürlich.“
„Mooooment!“ Elvira hatte die Faust erhoben und die roten Wangen aufgeplustert. „Du“, sie zeigte auf Evelynn, „und dein Bruder“, ihr Finger glitt zu Amber, „ihr habt es doch getan! Ist Yannis von ihm?!“
Eilig beeilte sich Evelynn, den Kopf zu schütteln. „Nein, nein, ganz sicher nicht!“
Amber zuckte mit den Schultern. „Mein Bruder hat Evelynn vor … fünf Jahren kennengelernt. Da war ich noch mit den Zwillingen schwanger. Aber wie jede Frau ist sie gegangen. Ist auch gut so.“
Maria verzog das Gesicht. „Ja, ehrlich. Brian ist ein Arsch, wenn ich das so offen sagen darf!“
Selbst Bea seufzte schwer und nickte zustimmend.
„Naja. Er war nicht immer so“, murmelte Amber protestierend, beließ es aber dabei.
„Schon klar, er war auch mal ein Kind. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass er als Erwachsener je auch nur eine anständige Tat vollbracht hat.“
Amber verzog das Gesicht und für einen Moment sah es sogar fast so aus, als würde sie gegen Tränen ankämpfen. „Hat er. Ist aber verdammt lang her.“
„Hm.“ Ein guter Mensch hätte sich jetzt bei Amber entschuldigt. Nur konnte sich Evelynn noch sehr gut daran erinnern, wie sie von ihr als Nutte bezeichnet worden war. „Muss es wohl.“
Amber zuckte mit den Schultern und schwieg. Und somit war das Thema vom Tisch und Bea holte einen Stapel Karten. „Okay, Ladys! Spielen wir eine Runde, dann bestellen wir was!“
Aus einer Runde Poker wurden drei, bevor sie etwas beim Italiener bestellten. Amber schlich sich raus auf die Veranda, um etwas frische Luft zu schnappen und die Nachrichten an ihrem Handy zu checken. Ihr Mann hatte ihr Fotos von Parker und den Zwillingen Abby und Amy geschickt.
Aus einem mulmigen Gefühl heraus, stand Evelynn leise auf und schlich sich ebenfalls heraus. Da saß sie. Brians Schwester. „Ist er auch umgezogen? Ist er hier in der Nähe?“
Amber sah vom Handy auf. „Nein. Er hat mittlerweile eine Villa in Jamaica Plain. Kommt nur einmal im Jahr zu Weihnachten her. Seit ich die Zwillinge habe, meidet er mich wie die Pest.“
Evelynn lachte zynisch auf. „Dabei ist er die Krankheit. Aber es ist besser so. In den Kreisen, in denen er verkehrt, willst du nicht bekannt sein.“
„Er war nicht immer so, Evelynn. Ich liebe meinen Bruder, wirklich. Und ich wünschte, er wäre nie so tief in diese kriminellen Dinge hereingerutscht. Was er erlebt hat … Ich glaube, es ist einfach unwiderruflich etwas in ihm kaputtgegangen.“
Evelynn runzelte die Stirn und lehnte sich steif an die Hauswand. „Was meinst du?“ Was konnte einen Mann so kaputtmachen? Misshandlung in der Kindheit? Ermordete Eltern?
Sie seufzte tief und steckte das Handy weg. Dann sah sie zurück zum Haus, in dem Bea, Maria und Elvira über etwas lachten. „Brian hat jung geheiratet. Er war zwanzig, sie zwei Jahre jünger. Maddy und Brian waren toll, sie kannten sich schon von der Schule.“ Amber drehte an ihrem Ehering. „Vier Jahre später war sie schwanger. Das …“ Sie holte tief Luft. „Maddison wollte ein Mobile aufhängen. Sie ist gestürzt. Dabei hat sich die Plazenta gelöst. Wenn sie den Krankenwagen gerufen hätte und nicht Brian …“
„Deshalb hat er mich also am Leben gelassen …“, murmelte Evelynn leise.
Amber schüttelte sich. „Ich würde das selbst meinem schlimmsten Feind nicht wünschen. Maddison war bereits tot, als er sie in die Notaufnahme getragen hat. Das … Es hat ihn kaputtgemacht. Seine Frau und seine Tochter … Olivia wäre jetzt zwölf Jahre alt.“
Das erklärte, wieso er Yannis nichts hatte antun können. Wieso er ihm nicht die Mutter hatte nehmen können. Und es war absolut schrecklich. „Deshalb ist er so abgerutscht?“
„Ja, Brian ertränkte seinen Kummer im Alkohol. Und dann kamen noch die Kosten für die Beerdigung. Da hat er Nish kennengelernt und ab da habe ich ihn manchmal nicht mehr wiedererkannt.“
Fast wäre Evelynn ein Lachen entschlüpft, als sie das mit der Beerdigung hörte. Hatte er ihr deshalb angeboten, das für sie zu erledigen? „Vom Ehemann und angehenden Vater zum Zuhälter, Vergewaltiger und Mörder. Kaum zu glauben“, murmelte Evelynn leise.
Amber hing ihren eigenen Gedanken nach und starrte auf einen unbestimmten Punkt. „Ich frage mich manchmal, was wohl wäre, wenn ich damals nicht so ablehnend reagiert hätte. Brian mochte dich und den Kurzen.“
„Tat er nicht. Er hat uns nur wegen Yannis leben lassen. Mit der Vergangenheit hat ihm mein Sohn sicher leid getan.“ Wie kam sie darauf, dass Brian sie gemocht haben könnte? „Er hat vielleicht gemocht, mich auf die Palme zu treiben.“ Die Nacht, in der sie ihn besprungen hatte, schien ihm auch ganz gut gefallen zu haben … „Aber ich war für ihn nur eine seiner Nutten, die er zur Arbeit in seinem Puff gezwungen hat. Damit hattest du schon recht.“ Evelynn stieß sich von der Wand ab. „Aber ich möchte betonen, dass ich dieser Arbeit nie freiwillig nachgegangen bin.“
Amber verzog das Gesicht. „Tut mir leid. Ich wusste damals nur, dass Brian oft mit seinen … Mädchen abhängt. Ich habe vorschnell geurteilt.“ Amber seufzt leise. „Brian hatte nach dir gesucht, weißt du.“
Die Tür ging auf und Bea trat hinaus zu den beiden Frauen. „Das Essen ist gleich da! Kommt, wir decken schnell den Tisch.“
Evelynn klappte der Kiefer auf. Er hatte … nach ihr gesucht?
































































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