Kapitel 10 – Verfolgungsjagd

Kapitel 10 – Verfolgungsjagd

 

Brian hatte den unliebsamen Gast aus dem Club geworfen und vor der Tür noch mal ordentlich ausgeholt. Obwohl seine Faust schmerzte, bereute er den Schlag nicht, denn sein Gegenüber spuckte Blut und machte sich daran, eilig den Ort zu verlassen. Sollte er wiederkommen, würde er sich erneut eine Abreibung holen.

Mit einem zufriedenen Grinsen ging Brian zurück. Er massierte seine rechte Hand, klopfte an die Tür zum Konferenzraum und öffnete kurz darauf. Allerdings kam er nicht dazu, einzutreten, denn plötzlich schoss jemand Zierliches auf ihn zu und rannte ihm direkt in die Arme. Schwarze, lange Haare verdeckten halb ihr Gesicht, was die blitzende Angst in ihren Augen jedoch nicht zu verbergen mochte.

„Huch …“, entfuhr es Brian. Er wollte gerade Platz machen, damit Devil den Raum verlassen konnte, da fing er das Kopfschütteln seitens Fabrizio und eine eindeutige Geste Nishs ein, der sich den Zeigefinger über die Kehle zog. Brians Blick ging wieder zu der Kleinen, die verzweifelt versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen. „Was habe ich verpasst?“, hakte Brian nach. Sollte er das Mädchen wirklich umbringen? Nishs Geste war zwar eindeutig gewesen, aber…

„Entsorge sie. Zeugen können wir nicht gebrauchen“, erklärte Fabrizio stumpf.

Brian nickte stumpf und packte die Kleine grob am Arm. „Natürlich.“ Schade eigentlich. Sie war gut gewesen und hätte sich bestimmt gut in seinem Puff gemacht. Aber Zeugen konnte man in diesen Kreisen nicht gebrauchen, da hatte Fabrizio recht.

Mit einer Hand zog Brian Devil in den Flur, mit der anderen Hand schloss er die Tür wieder. Ohne ein Wort zog er sie den Flur entlang und musterte sie kurz. Ihr Gesicht war blass, sofern er das unter dem verschmierten Makeup erkennen konnte. Da sie völlig unter Schock stand, wehrte sie sich noch nicht einmal. Vor den Umkleiden blieb er stehen. „Du hast zwei Minuten. Sag ihnen, du hast gekündigt und haust ab. Zieh dich an, schnapp dir deine Sachen und komm wieder her.“

Evelynn verschwand in der Garderobe. Wider ihrer Hoffnung war da aber niemand. Keine Arabella, die sie hätte bitten können, sich um Yannis zu kümmern, sollte ihr… sollte ihr etwas passieren. Und das würde es, wenn sie wieder zu diesem Kerl in den Club trat. Aber das durfte nicht sein! Sie konnte Yannis nicht alleinlassen! Das konnte es doch nicht mit ihrem Leben gewesen sein!



Evelynn holte ihre Tasche aus dem Schließfach, zog sich hastig ihren Mantel über und blieb sonst in Unterwäsche. Für Kleidung hatte sie später Zeit. Vielleicht. Aber die Schuhe mussten weg!

Ihr Atem ging schnell und ihr Herz pochte in ihren Ohren. Kaum war sie in ihre bereits auseinanderfallenden Halbschuhe geschlüpft, rannte sie über den Bühnenausgang hinaus in den Clubraum. Es wäre nur ein kleiner Vorsprung, aber vom Eingang der Umkleide aus konnte man die Bühne nicht sehen.

Miranda sah sie mit überrascht aufgerissenen Augen an, als Evelynn ihren Auftritt unterbrach. Doch Evelynn hastete weiter, ohne sich noch einmal umzusehen, ohne zurückzublicken.

Indessen wurde Brian auf einen Tumult im Clubraum aufmerksam. Überraschte und genervte Rufe buhten jemanden aus. Er öffnete die Tür zur Umkleide und fluchte unterdrückt. Natürlich fehlte von der Kleinen jede Spur und dem Lärm nach zu urteilen, war sie über die Bühne hinausgerannt. Das würde Nish überhaupt nicht gefallen. Verfluchte Scheiße! Trotzdem musste Brian jetzt ruhig bleiben. Anstatt durch den Flur in den Club zu gehen, steuerte er auf den Hinterausgang zu, kramte seinen Autoschlüssel heraus und saß kurz darauf hinter dem Steuer. Die Kleine konnte nur durch den Haupteingang gerannt sein. Was bedeutete, dass sie zwar einen kleinen Vorsprung hatte, er sie mit dem Auto aber leicht einholen konnte.

Während er auf die Hauptstraße fuhr, sah er nach rechts und links. Zuerst sah er nichts. Aber dann fiel ihm der Mann auf, der sich offenbar über etwas aufregte. Oder über jemanden? Zum Beispiel eine Person, die weglief und ihn dabei anrempelte?

Brian setzte den Blinker nach links und bog in die Straße ein. Mit seinen Augen scannte er die Umgebung, untersuchte den Bürgersteig, aber auch die Querstraßen und Gassen. In einer der dunklen Nebengassen sah er schließlich gerade noch eine schmale, stolpernde Silhouette verschwinden.

Gemütlich bog Brian ab. Für einen kurzen Moment schaltete das Fernlicht ein. Rechts von ihm. Sie rannte auf ein Haus zu. Nein, seitlich dran vorbei. Der Fahrer des schwarzen SUV fluchte leise, denn die Kleine lief zwischen zwei Häusern hindurch. Die Gasse war zu eng für sein Auto. „Fuck!“



Warum musste sie es ihm unnötig schwer machen? Er parkte das Auto, stieg aus und schloss es ab. Danach rannte er ihr in die Gasse hinterher, direkt zwischen den beiden Häusern hindurch. Zu Fuß würde sie ihm nicht entkommen. Er wäre nur wesentlich angepisster, wenn er sie endlich hätte!

„Shit!“ Diese Schlampe war schnell. Immer wieder schaffte sie es, um eine weitere Ecke zu verschwinden, kaum bekam er sie wieder zu Gesicht. Sie machte nicht die typischen Anfängerfehler. Sie sah nicht zurück. Hielt nicht inne, obwohl man ihren röchelnden Atem noch zwei Gassen weiter hören konnte.

„Äh!“

Brian bog um die nächste Ecke, sein Atem ging schwer. Und da lag sie. Am nassen Gassenboden, Hände und Gesicht in eine dreckige Pfütze getaucht. Das gelbe Licht der Straßenlaterne über ihr flackerte unheilverkündend und verpasste dem Bild den Stempel eines vorhersehbaren Horrorstreifens.

Brian packte sie an der Jacke – oder war das ein Mantel? – und zog sie auf die Beine. Mit einer Hand griff er sofort ihren rechten Arm und zerrte sie zu sich herum. „Ganz doofe Idee!“, keuchte er.

„Lass mich!“, schrie sie, die Stimme keuchend und vor Tränen erstickt. „Du darfst mich nicht töten! Ich darf noch nicht sterben!“ Panik schnitt ihr die Luft ab.

Aber er musste es tun … Befehl war Befehl. Allerdings nicht hier. Sie standen direkt unter einer Straßenlaterne und wahrscheinlich beobachtete sie bereits jemand. „Mir egal“, knurrte er stumpf. Wider seines Schwures, den er einst vor sich selbst geleistet hatte, würde er einer Frau das Leben nehmen. Aber diese Frau … Vielleicht wäre es ihr sogar ein Gnadenstoß, ein Grund, dieses erbärmliche Leben zu beenden. Und doch wünschte er sich kurz, sie wäre entkommen und hätte sich nie wieder hier blicken lassen. „Komm mit“, presste er unnötigerweise zwischen den Zähnen hervor und zerrte sie den ganzen, beschissenen Weg zurück zum Auto.

Anfangs verschwendete sie ihre Energie noch damit, sich zu wehren. Dann wurde sie ruhiger. Sie hatten das Auto fast erreicht, da sprach sie: „D…du kannst mich auch loslassen. Ich kann allein laufen.“

„Vergiss es. Du versuchst nur wieder, die Biege zu machen.“ Schon von Weitem drückte er einen der Knöpfe auf seinem Autoschlüssel, um die Türen zu öffnen. „Einfach ätzend, dass ich für Nish ständig die Drecksarbeit machen muss. Warum auch immer er dich loswerden will …“



Evelynn rasten die Gedanken nur so durch den Kopf. Was hatten die Männer alles gesagt? Die meiste Zeit hatte sie doch gar nicht zugehört! „S…sie meinten, du wärst sicher noch Jungfrau!“ Oh … das hätte sie besser nicht laut gesagt. „U…und … äh … das der Boss … seine Frau … kein Blut sehen mag!“

„Jungfrau? Pff… Ich hab ’nen eigenen Puff! Was für Spinner.“ Brian öffnete die Beifahrertür und schob die Kleine auf den Sitz. „Anschnallen!“

Evelynn zögerte. Sobald er sich auf den Weg ums Auto machte, könnte sie es noch einmal versuchen. Das war sie Yannis verdammt nochmal schuldig! Dass sie für ihr Leben kämpfte! Nicht zu schnell aufgab!

Brav setzte sie sich hin und zog mit zittrig-klammen Fingern und Blick auf Brian die Tür zu. Noch einen Moment blieb er stehen und starrte die durch die Fensterscheibe an. Dann drehte er sich weg, begann, ums Auto herumzugehen. Evelynn hielt den Türöffner fest in der Hand. Sobald er auf der anderen Seite war…

Klick.

Brian ging zur Fahrerseite und sah schmunzelnd durch das Fenster. Dann öffnete er das Auto wieder und stieg ein. Eine Hand legte er ans Lenkrad, mit der anderen Hand verriegelte er die Türen von innen. Alle, außer seiner eigenen. Die Kleine würde nicht einmal das Fenster öffnen können. Wieder blickte er zu der jungen Stripperin und drehte sich dabei halb auf dem Sitz. Aus unerklärlichen Gründen wollte er noch nicht losfahren. Dabei wusste er selbst, dass es besser wäre, es schnell hinter sich zu bringen.

Ihre Hand hatte sich um den Türgriff geklammert. Sie war mit Schlamm und Dreck bespritzt. Sowohl die Hand als auch ihr Gesicht. Sie hatte nicht einmal versucht, ihn zu entfernen. Ihre schwarzen Locken hingen ihr ungezähmt und wild im Gesicht. Nackte, helle Haut blitzte unter dem offenen Mantel hindurch. Kaum hatte sich Brians Blick gesenkt, ließ sie die Tür los und hielt sich beschämt den Mantel zu. Er hob den Blick und musste sich korrigieren. Da war keine Scham, da war regelrechter Hass, der in ihren Augen aufblitzte.

„Lass mich gehen.“ Jedes einzelne Wort betonte sie einzeln. „Brian. Ich habe nichts mitbekommen. Ich habe nicht einmal wirklich zugehört. Das tun wir Mädchen nie, wenn wir bei irgendwelchen Treffen bedienen.“ Trotz ihres Versuchs, stark zu wirken, zitterte sie. Ihre Lippen bebten und ihre Zähne klapperten.



„Du hast Namen aufgeschnappt. Das reicht völlig.“ Clever, die Kleine. Ihn beim Namen zu nennen und so zu versuchen, Nähe zu schaffen. „Übrigens ist die Tür zu. Ich hab die Verriegelung umbauen lassen. Also versuch es gar nicht erst.“ Brian steckte den Autoschlüssel in die Hosentasche, trat auf die Bremse und startete den Motor. Dann schaltete er auf D und fuhr los.

Evelynn starrte ihn ungläubig an. Er hatte sie nicht erkannt. Das erkannte sie erst jetzt. „Vielleicht ist es besser so …“, hörte sie sich leise flüstern. Ihr Kampfeswille war einem bitteren Realismus gewichen. Er war stärker. Schneller. Konnte zuschlagen und hatte keine Skrupel. Besser also, er wusste nicht, wer sie war. Schon in der Bibliothek hatte ihr sein aufdringliches Gefrage über Yannis nicht gefallen. Ihr Blick glitt zu ihm rüber, wie er sie da in aller Ruhe, mit jeder verstreichenden Sekunde, näher an ihren Tod heranbrachte. War er einer, der es gern mit kleinen Jungen trieb? War es das, was er in seinem Bordell so anbot? Ihr schauderte beim Gedanken, sein übermäßiges Interesse an Yannis könnte daran gelegen haben.

„Wo ist deine Handtasche?“ Er sah kurz zu ihr rüber und konzentrierte sich danach wieder auf die Straße. Im Kopf ging er ein paar Orte durch, um sie unbemerkt loszuwerden. Aber wenn er ehrlich war, wollte er das Unvermeidbare eigentlich nur hinauszögern. Die Kleine war viel zu hübsch, um tot am Straßenrand zu enden.

„In der Gasse“, flüsterte sie leise und blickte apathisch auf die Lichter, die am Auto vorbeizogen und durch die Tränen in ihren Augen in die Länge gezogen wurden. Yannis … Irgendwann überwand sie sich und fragte: „Ist mir zumindest noch ein Anruf gestattet?“

Ach, fuck …! Schon als sie eingestiegen war, hatte er sich gewundert. Er brauchte die Handtasche. Es wäre scheiße, würde die Tasche an einem komplett anderen Ort gefunden werden als die Leiche! „Fuck!“ Brian setzte den Blinker, machte kehrt und fuhr wieder zurück. Zum Glück kannte er sich hier in der Ecke gut aus.

Erst, als sie fast da waren, sah er wieder zu ihr rüber. „Wen willst du anrufen?“

Evelynn schielte zu ihm rüber. „Meinen Bruder. Er ist stark behindert und sorgt sich immer enorm, wenn ich zu spät komme. Ich muss ihm sagen, dass etwas dazwischengekommen ist. Dass ich eine längere Reise mache.“ Wahrscheinlich würde sie wirklich schon bald wieder mit ihrem Bruder reden können. Und das, wo er noch nicht einmal unter der Erde lag.



Brian brummte bloß. Warum hatte er eigentlich gefragt? Wahrscheinlich war die Kleine die einzige Person, die sich um ihn kümmerte, und ohne ihre Hilfe würde er selbst irgendwann abnippeln. Warum sonst sollte sie so einem Job nachgehen?

Brian parkte direkt in der Straße, in der er sie aufgegabelt hatte, schnallte sich ab und stieg. Erst war die Handtasche nicht zu sehen und er befürchtete schon, jemand hätte sie gefunden und mitgenommen, da entdeckte er etwas Funkelndes ein paar Meter weiter am Straßenrand. Kurz darauf stieg er mit dem hässlichen Teil wieder ein. Brummend warf er einen Blick hinein und holte ihr Portemonnaie heraus. Ein Wunder, dass es noch in der billigen Handtasche war. Vermutlich war bei ihr aber auch nichts zu holen.

„Lass das!“ Die Hände der Kleinen schossen über die Mittelkonsole und packten das Portemonnaie. Angespannt zischte sie: „Da ist kein Geld drin, falls du das suchst!“

„Als ob du Geld hättest“, meinte Brian abschätzig und blickte zu ihren Klamotten. Da er längere Arme hatte, hielt er das Portemonnaie einfach außerhalb ihrer Reichweite und kramte nach dem erstbesten Ausweis, den er fand. „Also Miss …“ Er starrte auf den Namen und glaubte einen Moment, im falschen Film zu sein. Evelynn Brook? Die Kleine mit dem Jungen? Die aus dem Supermarkt? Der Bibliothek?

Brian klappte das Portemonnaie weiter auseinander. Ein kleines Foto steckte hinten im transparenten Fächlein. Und zeigte den kleinen, aufgeweckten Jungen, der frech in die Kamera grinste und dabei eine Grimasse schnitt.

Fuck …!

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