Kapitel 11 – Verhandlungen um ein Überleben

Kapitel 11 – Verhandlungen um ein Überleben

 

Sie fuhren in eine Tiefgarage. Eveynn wurde ganz bang. Hier? Hier wollte er sie umbringen? Konnte er das nicht wenigstens an der frischen Luft tun? Musste der letzte Geruch, den sie in der Nase hatte, denn unbedingt der von Abgasen und abgestandener Pisse sein? Andererseits … wäre der Geruch, der sie umgäbe, kaum das Letzte, woran sie denken würde.

Sie hatte ihm ihr Portemonnaie aus der Hand gerissen und an sich genommen. Jetzt strichen ihre Finger immer wieder zitternd über Yannis‘ Foto. Über sein grinsendes Gesicht. Wie er reagieren würde, wenn ihm jemand sagte, seine Mutter wäre gegangen? Er würde denken, sie hätte ihn nicht mehr lieb gehabt. Würde denken, sie hätte ihn deshalb verlassen. Und dann? Käme er zu ihren Eltern? Würden sie ihn auf der Türschwelle ebenfalls abweisen, so wie sie damals?

Evelynn schniefte. Schnell wischte sie sich die nächste Träne, die zu fallen drohte, aus dem Auge und sah sich um. In der Tiefgarage war das Licht angegangen. Brian parkte, doch er regte sich nicht. Wieso regte er sich nicht? War er nicht ganz scharf darauf, sie endlich um die Ecke zu bringen? Nein, vermutlich würde er sich erst noch an ihr vergnügen. Oder war er einer derjenigen, die das erst danach machten? Die Freude an leblosem Fleisch hatten? Schon wieder schauderte ihr. Dieser Mann, über den sie nichts wusste, außer dass sein Interesse an ihrem Sohn zu groß war, machte ihr Angst.

Ihre Hand ging wieder zur Tür. Er sagte nichts und er regte sich nicht. Also nahm sie das Steuer in die Hand. Sie wollte nicht noch länger warten. „Na dann.“ Sie versuchte, die Tür zu öffnen, doch diese war verschlossen, und Evelynn schnaubte. „Gut, dann hier drin?“ Zum Ende hin wurde ihre Stimme dünn und tränenerstickt. Sie wollte keine Schwäche zeigen und doch weinte sie und konnte kaum noch ein verständliches Wort hervorbringen. „Wie wirst du es machen? Eine Kugel? Ein Messer?“

Brian regte sich nicht und Evelynn machte das Warten schier wahnsinnig. Sie schlug zu. Verpasste ihm mit der flachen Hand eine Backpfeife. „Na los!“, brüllte sie. „Steh deinen Mann und töte m…!“ Das letzte Wort ging in einem bitterlichen Schluchzen unter.



Brian raufte sich die Haare und schlug einmal kräftig gegen das Lenkrad. Dann drehte er sich zu Evelynn um und musterte ihr verheultes Gesicht. „Ich mach dir ein Deal. Du arbeitest für mich und dafür darfst du leben. Allerdings musst du bei mir bleiben. Vielleicht finde ich irgendwann einen anderen Ort, an dem ich dich verstecken kann …“ Der Auftrag war, sie zum Schweigen zu bringen. Und das tat er hiermit. Obwohl er wusste, dass es ihm selbst den Kopf kosten könnte.

Evelynn zuckte zusammen. „Ich soll für dich arbeiten?“ Was sollte das für eine Arbeit sein? Was wollte er von ihr? Ihr von Angst zerfressenes Herz sagte ihr, sie sollte einfach zustimmen. Aber eine leise Stimme mahnte sie zur Vorsicht.

„Dein Körper gehört mir, dein Leben gehört dir. Deal?“ Brian betrachtete sie eindringlich. Sicherlich würde sie sich genieren und betteln. Keine Frau nahm diesen Job mit Freuden an. Es waren immer Mädchen wie sie, die aus irgendeinem Grund aus der Bahn geraten waren. Und es gab immer einen Mann, der das für sich ausnutzte, sobald er solch ein Mädchen in die Finger bekam. „Was den Jungen angeht, müssen wir uns noch einig werden.“ Damit hätte er einen Trumpf in der Hinterhand. Ein Mittel, um sie zu erpressen, sollte es nötig sein. Immerhin wusste er, wo sie wohnte, und damit auch, wo der Kleine war.

Evelynn zischte auf. „Über meinen Jungen wird nicht diskutiert. Er lebt bei mir und er wird nicht für dich arbeiten! Du fasst ihn mit deinen perversen Händen nicht an, nicht einmal mit der Pinzette!“ Sie schnaufte schwer. Mutterinstinkte waren nun einmal nicht zu kontrollieren, wenn sie erst ausgebrochen waren. Ihr Blick glitt nach vorne. „Und was das Geschäft angeht, so arbeite ich nur mir Kondom. Außerdem bezahlst du mir die Pille.“ So sehr sie Yannis auch liebte, noch ein Kind konnte sie sich bei Gott nicht leisten. „Und was meine Freier mir zahlen geht ausschließlich an mich, abzüglich der Raummiete. Diese wird gemäß der Immobilienpreise im Viertel, in dem dein Puff liegt, festgelegt. Für was ich mich verkaufe, lege ich fest, und welche Freier ich annehme, ebenso.“ Das waren ihre Bedingungen. Für eine Arbeit, die sie nie wieder hatte machen wollen.

Brians Mundwinkel zuckten belustigt. Er hatte gedacht, sie würde wieder heulen und betteln, ihren Körper nicht verkaufen zu müssen. Stattdessen willigte sie ein und stellte – bis auf die Verhütung – geradezu unsinnige Forderungen. Aber diese Forderungen ließen tief blicken. Entweder kannte sie das System schon oder jemand hatte ihr einige schmutzige Details genannt.



Er lachte auf, damit ihr klar wurde, wie lächerlich ihre Worte waren. „Keine Pille. Die wird gerne mal vergessen oder wieder ausgekotzt, weil zu viel Alkohol oder Drogen konsumiert werden. Meine Mädchen bekommen alle drei Monate die Spritze. Und Kondompflicht ist in Ordnung. Ich will ja nicht, dass du dich mit ’nem Tripper oder schlimmer noch, HIV infizierst.“

„Keine Drogen in meiner oder Yannis’ Nähe.“

Diese Verhandlung versprach interessant zu werden. Brian öffnete die Zentralverriegelung und stieg mitsamt ihrer Handtasche aus. „Reden wir in meiner Wohnung darüber. Und mach bloß keine dummen Sachen mehr. Ich weiß, wo du wohnst, und ich kann sofort jemanden zu der Bruchbude schicken und den Kleinen wegbringen lassen. Also keine Zicken mehr, klar?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, machte sich Brian auf den Weg zum Fahrstuhl. Hinter sich hörte er, wie die arme Autotür mit einem lauten Knall zugeschlagen wurde. Innerlich zuckte er zusammen. Sein armes Auto …

Evelynn startete keinen erneuten Fluchtversuch. Sowieso hatte sich das Tor zur Garage bereits wieder geschlossen und sie hatte keinen Schlüssel. Allerdings dachte sie nicht daran, Brian zu folgen. „Ich sagte, Yannis steht nicht zur Diskussion. Droh mir noch einmal mit ihm und jeder Deal ist vom Tisch.“ Dann konnte er sie genauso gut gleich töten. Wenn Yannis für ihre Fehler als Sündenbock herhalten müsste, dann starb sie lieber gleich und übergab ihn in die Obhut des Staats.

Mit einem Knopfdruck leuchteten die Lichter von Brians Wagen auf. Ein ‚Pling‘ verkündete die Ankunft des Fahrstuhls. Brian ging hinein. Er wählte die 12. Etage aus und sah abwartend zu Evelynn. „Dir ist aber schon klar, dass er ebenso in meiner Gewalt sein wird, wie du es bist?“ Die Fahrstuhltüren wollten wieder zugehen, da drückte Brian den Knopf, damit sie offen blieben. „Und jetzt komm, damit wir den Rest klären können. Dafür brauche ich unbedingt einen Drink.“

Evelynn biss sich die Lippe blutig, ehe sie sich höchst widerstrebend zu ihm in den Lift begab. Die Türen schlossen sich und mit ihnen ihre Hoffnung, irgendwann ein besseres Leben führen zu können. Abendschule. Eine richtige Arbeit. Ihre ganzen Pläne … für die Tonne.



„Ich will das aber nicht“, flüsterte sie; ihre Hände umklammerten das Geländer vor dem Spiegel, während sie apathisch in Richtung Fahrstuhltür starrte.

„Ich hab auch genug anderen Kram, um den ich mich kümmern muss. Es wäre so viel einfacher, dich abzuknallen und irgendwo zu entsorgen …“ Warum tat er es also nicht? Wirklich nur, weil er sich einmal geschworen hatte, niemals einer Frau Blut an Händen zu haben? So ein Ehrenkodex war doch eigentlich längst überholt. Warum hielt er also noch daran fest?

Der Fahrstuhl stoppte in der 12. Etage und Brian stieg aus. „Komm.“ Der Bewegungsmelder ließ das Licht im Gang aufflackern, während Brian sich nach links zu seiner Wohnungstür wandte.

Evelynn fiel erst jetzt auf, dass er ihre Tasche hielt. Blut tropfte von ihrer Lippe, auf der sie schon wieder herumkaute. Da war ihr Handy drin. In ihrer Tasche war ihr Handy! Sie wollte Yannis’ Stimme hören!

Sie folgte ihm. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Als sie die Wohnung betraten, erwartete sie ein offenes Wohnkonzept. Küche und Wohnzimmer waren eins; das Loft lichtdurchflutet. Sowas hätte sie sich selbst nach jahrelangem Sparen nicht leisten können. Entsprechend minderwertig fühlte sie sich in ihrem dreckigen, abgetragenen Mantel, den Schuhen, die sich schon von ihren Sohlen trennten – der Grund, wieso Brian sie hatte schnappen können – und dem billigen, verschmierten Makeup. Ein leises Wow entkam ihr, während sie sich einmal um sich selbst drehte und die helle Einrichtung bewunderte. Eine Reihe an eingebauten Deckenlichtern erhellte die großräumige Wohnung.

Brian, der an der Tür gewartet hatte, bis sie eingetreten war, schloss diese von innen ab und steckte den Schlüssel wieder in seine Hosentasche. Er ging zu der großen Kochinsel, stellte die Handtasche darauf ab und öffnete den Pizzakarton – sein gestriges Abendmahl. Es waren noch zwei Stücke darin. Salami, Peperoni und doppelt Käse. Er nahm eines davon und biss herzhaft hinein. Erst dann sah er wieder zu Evelynn, die sich mit offenem Mund in seiner Bude umsah. Dabei war seine Wohnung nichts Besonderes. Bis auf den großen Curved-TV, der ihn eine Menge Geld gekostet hatte. Inklusive Dolby-Surround-Stereo-Anlage und Spielekonsolen. Nur hatte er für Letzteres kaum noch Zeit.



„Nun“, Brian schob Evelynn den Pizzakarton mit dem letzten Stück hin, „willst du erst telefonieren und dann das Geschäftliche besprechen oder andersrum?“

Ihr Blick fand den seinen. „Denkst du, ich würde meinen Sohn ohne triftigen Grund aus dem Bett holen?“

„Dann lass ihn schlafen und ruf morgen früh an.“ Augenrollend faltete Brian das Stück zusammen und schob sich den Rest in den Mund. Danach ging er zum Wandschrank, holte ein Glas heraus und füllte es mit Scotch, den er in einem Zug hinunterkippte. Sein Blick fixierte Evelynn. Sie nervte ihn jetzt schon tierisch. Hoffentlich war sie den Scheiß überhaupt wert. Er bezweifelte es mit jeder Minute mehr.

„Dann rufe ich ihn nicht an, sondern nehme ihn in die Arme. Wie jeden Morgen!“

Brian füllte das Glas erneut und ging auf Evelynn zu. „Damit eins klar ist, Schneewittchen, du wirst künftig tun, was ich will und wann ich es will. Wenn ich dir jemanden anschleppe, dann wirst du hübsch die Beine für ihn breitmachen. Wenn er deinen Mund ficken will, wirst du brav sein. Wenn er deinen Arsch ficken will, wirst du brav sein. Wenn er dich fisten will, wirst du brav sein. Du bekommst fünf Prozent am Abend. Bei zwei Männern sind es zehn. Also komm bloß nicht auf die Idee, nach einem Kerl zu behaupten, du wärst wundgevögelt worden.“ Er stellte das Glas beiseite und ging weiter auf sie zu.

Evelynn verschränkte die Arme vor der Brust. „Damit wärst du nicht nur schlimmer als jeder Zuhälter, nein, du würdest mich und Yannis auch noch zum Tode durch Hunger verurteilen! Vielleicht sterben wir aber auch an einer Erkältung, die wir uns auf der Straße holen …?“ Herausfordernd hob sie das Kinn. „Und dann mache ich sicher nicht für jeden verdammten Arsch meine Beine breit und denke ja nicht, ich hätte auch nur einen eurer schlaffen Lümmel heute in den Mund genommen, hätte mir Giovanni nicht was in den Drink getan!“ Sie blickte an ihm herunter und verzog angewidert das Gesicht. „Schon gar nicht deinen!“

„Du kannst nicht auf der Straße schlafen, Flittchen. Du wirst bis auf Weiteres bei mir wohnen.“ Schließlich musste er sie erst mal verstecken und das ging in seiner Bude am besten. „Deinen Kleinen können wir morgen früh abholen. Dann kannst du gleich die Koffer packen.“ Nachdenklich rieb sich Brian über den Dreitagebart und musterte Evelynn, die nun direkt vor ihm stand. „Und wenn du mich oder einen der Kunden jemals schlägst, hast du eine Kugel im Kopf, ist das klar?!“



Schnaubend machte Evelynn kehrt und entfernte sich ein Stück von dem arroganten Arsch. „Ich fürchte, selbst die Miete für die Inneneinrichtung übersteigt mein Budget. Mein Zuhälter, der sich einen Scheiß für meine Meinung interessiert, zahlt mir dafür nicht genug. Genauso beschissen die Unterhaltskosten und der Job an und für sich. Er meint, er kann frei über mich verfügen …“ Sie hob die Hand und machte einen auf nachdenklich. „Denkt ich würde mich nicht wehren, wenn mir einer frech oder gar gewalttätig kommt? Hm … Ich schätze … nein. Ich schätze, die Wohnung kann ich mir nicht leisten. Und an dem Job bin ich unter diesen Bedingungen auch nicht interessiert.“ Sie drehte sich um, stellte sich direkt vor ihn und legte ihre Hände um seine Hüfte, um sie abzutasten. Ihr Herz flatterte wild. Was wenn sie mit ihrer Vermutung falsch lag? Nun … dann war sie tot. „Wo ist sie?“

Brian packte Evelynn am Hals. Er drückte nicht fest zu, aber genug, um ein deutliches Zeichen zu setzen. „Dein Zuhälter steht direkt vor dir! Und denk bloß nicht, ich vermiete dir meine Wohnung. Du kannst auf der Couch pennen. Wenn ich hier bin, machst du dich unsichtbar, verstanden?!“

Evelynn keuchte, aber sie keuchte ein Nein. „Ich habe gesagt …, ich lehne ab. Also … wo ist sie? Deine Knarre? Oder würgst du deine Opfer … lieber zu Tode?“

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare