Kapitel 23 – BDSM

Kapitel 23 – BDSM

 

Brian verließ das Apartment, nachdem er sich sicher war, dass Evelynn klarkam. Es war der Geburtstag von ihrem Sohn und sie sollte sich nur darauf konzentrieren. Außerdem hatte er genug zu tun. Seine Dealer mit neuen Drogen versorgen, nach seinem Meth-Labor gucken und dann war da noch die Sache mit dem blöden Haus, in dem Eve und Yannis bis vor kurzem gewohnt hatten. Es gab immer noch keine Hinweise auf sein Geld. Einer seiner Leute hatte er gar die alte Wohnung Evelynns beziehen lassen, um die Mieter unauffällig zu bespitzeln. Aber es gab keinerlei Hinweise, wo der Penner das Geld versteckt haben könnte. Wenn Brian ihn noch mal zwischen die Finger kriegen könnte …!

Irgendwann am Nachmittag fand er endlich die Zeit, um den Bestatter anzurufen, der unter der Hand für die Mafia arbeitete. Diskret und unauffällig. Brian holte die Auftragsbestätigung ab, um sie später von Evelynn unterschreiben zu lassen. Damit könnte der Bestatter die Leiche abholen und verbrennen. Wahrscheinlich würde er noch eine zweite dazuwerfen. Aber Brian kümmerte es nicht und Eve brauchte es nicht zu erfahren.

Eine Stunde bevor er sein Underdog öffnete, war er bereits da und nahm die Getränkebestellungen entgegen. Die Kisten mit dem teuren Alkohol schleppte er in das Lager, zwei weitere Kisten brachte er zur Bar, wo Jennifer sie später ausräumen würde. Danach kontrollierte er die Zimmer. Diese waren aufgeräumt, die Betten frisch bezogen und in den Schalen lagen ausreichend Kondome. Zoe kümmerte sich jeden Tag darum und bekam entsprechend mehr Geld. So musste er keine Putzfrau einstellen.

Jennifer kam als Erste an. Sie wohnte, im Gegensatz zu den anderen Mädchen, in einer eigenen Wohnung. Ob sie noch Platz für Evelynn und Yannis hätte? Es wäre am besten, er würde das doppelte Drama-Paket recht bald loswerden. Es war eine scheiß Versuchung, Eve so oft um sich zu haben. Er wollte die Kleine unbedingt nageln und ihm war nicht entgangen, dass sie ihm häufiger auf den Schritt starrte. Oder aber auf seine Lippen. Aber küssen war tabu. Küssen bedeutete, dass Gefühle im Spiel waren und das wollte er nicht. Nie wieder. Erst recht nicht bei einem Flittchen, das für ihn arbeitete. Er brauchte nur harten, guten Sex. Er trieb es häufiger mit Patricia oder Kelly. Die letzte Woche war jedoch keine Zeit dafür gewesen und seit er Travor und Eve zugeguckt hatte, waren seine Eier permanent dick.



„So!“ Jennifer hatte gerade die letzte Flasche eingeräumt und klatschte in die Hände. „Die Kunden können kommen.“

Brian nahm die leeren Kartons und brachte sie nach hinten. Kurz darauf kamen die anderen Mädchen herunter und Brian schloss das Underdog auf. Zeit, um Evelynn abzuholen.

Auf dem Weg fuhr er an einer Tankstelle vorbei und besorgte noch ein paar Lebensmittel. Seit er zwei weitere Mitbewohner bei sich hatte, brauchte er mehr Lebensmittel im Haus. Kurz überlegte er sogar, ob er noch ein Spielzeug für Yannis holen sollte. Aber hätte Evelynn gewollt, dass er ihrem Sohn etwas schenkte, hätte sie ihm von dem Geburtstag erzählt. Also blieb das Spielzeug im Regal und Brian ging weiter zur Kasse.

Wenig später trug er die beiden Tüten in die Wohnung und stellte sie in der Küche ab. Der angeschnittene Kuchen stand auf dem Tisch, zusammen mit fünf kleinen, halb abgebrannten Kerzen. Brian räumte die Einkäufe weg und nahm sich danach ein Stück Kuchen. Sein Blick glitt zur Uhr. Hoffentlich war sie bald fertig und Yannis schlief. Er musste wieder in den Puff. Und Eve musste arbeiten, damit sie ihm Geld einbrachte.

Es dauerte noch ganze zehn Minuten, bis Evelynn aus dem Büro geschlichen kam und vorsichtig hinter sich die Tür schloss. Yannis war eingeschlafen. Brian jetzt, nach ihrem Zusammenbruch heute Morgen, gegenüberzustehen, brachte Scham über sie. Wie sollte sie ihm entgegentreten? Etwas dazu sagen? Oder den Zusammenbruch ignorieren. So tun, als hätte sie nie seine Nähe gesucht? „Hallo, Brian.“

„Bist du fertig?“ Er stopfte sich das letzte Stück der schokoreichen Sünde in den Mund. Den Teller räumte er in die Spülmaschine. Danach wischte er sich – hoffentlich – alle Krümel vom Mund.

Sie nickte. „Wir können gehen.“

 

Auf dem Weg zurück in den Puff, die Lichter der Stadt zogen blitzartig an den Scheiben vorbei, sprach brian ruhig: „Du musst gleich noch etwas unterschreiben. Dann wird dein Bruder morgen abgeholt und verbrannt. Kostet mich keine hundert Bucks.“

Und schon wieder war sie ihm zu Dank verpflichtet. Evelynn nickte. „Danke. Ist nicht selbstverständlich.“ Kurz wurde es im Auto still. Doch Evelynn hatte eine Frage, und sie lag ihr auf der Zunge. „Brian …?



„Hm?“

„Du zahlst mich pro Kunde. Aber wenn ein Kunde besonders lange bleibt, zahlt er doch mehr, als wenn er nur kurz da ist?“

„Ich vermiete stundenweise. Wenn ein Kunde schneller fertig ist, ist es sein Pech. Dauert es länger, muss er mehr zahlen, natürlich.“ Er schielte zur Seite, dankbar darum, dass das Thema Tod und Beerdigung so schnell abgehakt war.

„Wenn ich also einen Kunden dazu bringe, länger zu bleiben, zählt er als zwei?“

„Nein. Er zahlt bei einer weiteren Stunde nur fünfzig Prozent mehr. Bei einer halben Stunde sind es nur fünfundzwanzig Prozent mehr. Glaub mir, Kleine, das fällt nicht ins Gewicht.“

„Also kann ich die Typen auch schnell loswerden.“ Aka rausekeln, aber das würde sie ihm nicht ins Gesicht sagen.

„Alles unter einer halben Stunde ist mies. Die Kunden wollen was geboten haben. Aber wenn du nach vierzig Minuten fertig bist, ist alles fein für mich.“ Er lenkte auf den Parkplatz und schaltete den Motor aus. „Aber wenn Kunden sich beschweren, gibt’s Ärger, klar?“

„Ja, ja …“

 

Im Büro ließ Brian Eve das Dokument unterschreiben, damit das Bestattungsinstitut die Leiche aus dem Krankenhaus abholen konnte. Schnell und unkompliziert. Danach schickte er Evelynn raus, damit sie sich umziehen und die Kunden bedienen konnte. Er selbst kümmerte sich um den ganzen organisatorischen Kram. Zu allem Überfluss hatte Nish ihm geschrieben, dass er ihn sehen wollte. Dort hatte er sich die letzte Woche ziemlich rar gemacht und sich mehr um seine Geschäfte gekümmert. Er konnte Nish nicht ständig in den Arsch kriechen. Aber wenn Nish mit ihm reden wollte, musste er dem nachkommen. Heute war es allerdings zu spät, weshalb er das Treffen auf den morgigen Abend verschob.

Nach über zwei Stunden verließ Brian das Büro und ging nach vorne. Ein Kunde saß auf der Couch und ließ sich von Eve und Zoe bespaßen, die an ihm rumfummelten. Evelynn leckte sich über die Lippen. „So ein stattlicher Mann“, sagte sie, doch für Brian war ihre widersprüchliche Körpersprache offensichtlich.

Ihm war sofort klar, dass sie heute noch keinen Kunden gehabt hatte. Und der Kerl, neben dem sie saß, war schon ein paar Mal hier gewesen. Er würde Zoe nehmen, wenn Eve sich nicht ordentlich ins Zeug legte. „Eve, komm her.“ Er winkte die Kleine zu sich und ging zum Bock. Ein kleiner, gepolsterter Turnbock, dem die Füße gekürzt worden waren. Im vorderen Bereich war ein Stabvibrator, oder auch Zauberstab genannt, eingelassen. Keiner zum Einführen, sondern einer mit dicker, runder Oberfläche, der je nach Stufe mal mehr, mal weniger vibrierte.



Evelynn folgte Brian irritiert. Das Ding hatte sie natürlich jeden Tag gesehen, aber bisher nie in Nutzung. Entsprechend unbeholfen war sie, als Brian ihr bedeutete, sich daraufzusetzen. Sie musste recht weit nach vorn rutschen. Für ihre Füße gab es Halterungen, die sie breitbeinig auf dem Gerät sitzen ließen. Das Leder fühlte sich auf ihrer Haut kühl an.

Brian befestigte die Gurte an ihren Füßen und fesselte sie dadurch an den Bock. Kurz überlegte er, auch ihre Hände zu fesseln. Er selbst liebte es, wenn er die volle Kontrolle hatte. Aber der Gast könnte ja immer noch entscheiden. Nur kurz vergewisserte er sich, dass sie an der richtigen Stelle saß, dann schaltete er den Vibrator auf geringste Stufe und beobachtete ihre Reaktion.

Kaum wurde Evelynn klar, worauf sie da saß, versuchte sie wieder loszukommen, ihre Wangen brennend heiß. Sie warf Brian einen Blick zu, der nur selbstzufrieden grinste, und versuchte nach Möglichkeit, von dem vibrierenden Teil wegzurutschen. Doch ihre Beine waren penibel festgebunden.

Brian gab dem Gast die Fernbedienung für den Vibrator, der diese mit einem Funkeln in den Augen entgegennahm und direkt auf drei von zehn stellte. „Viel Spaß“, wünschte Brian und setzte sich dazu, um Evelynn zuzusehen. Es interessierte ihn brennend, wie sie auf dem Bock abging. Patricia hatte es mal auf sieben Orgasmen gebracht und war bisher ungeschlagen.

Evelynns Gesicht war in Rekordzeit heißgelaufen. Mit den Händen hatte sie sich vorne abgestützt, um etwas Druck von ihrer Klit zu nehmen, während der Zauberstab sie gründlich massierte. Für eine Fotze, die sich das nicht gewohnt war, war Stufe drei hart. Und das spiegelte sich in ihrem angespannten Körper, dem Schweiß, der sich langsam auf ihrer erhitzten Haut bildete, und dem verbissenen Gesichtsausdruck wider. Sie wollte ihre Lust nicht zeigen, nicht wie sie in all ihrer Natürlichkeit war. Orgasmen vorzuspielen war ein Geschäft und es war ein gutes Geschäft. Die Männer bemerkten allzu oft nichts davon, in der Hitze des Gefechts. Doch eine Frau so erregt zu sehen, ungefaket und ehrlich, dieses vergnügen fiel den wenigsten Männern in die Hände.

Evelynn stöhnte leise. Versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.



Der Gast war fasziniert von dem Anblick. Er zog sein Portemonnaie heraus, warf einen Zehner in die Büchse und erhöhte um eine weitere Stufe. Nur Brian gefiel die Vorführung nicht. Am liebsten hätte er Evelynn die Hände am Rücken festgebunden und sie ganz nach seinen Wünschen behandelt. Aber dafür gab es zu wenige Zuschauer. Also stand er wieder auf und ging nach hinten. Der Gast würde selbst entscheiden, wann er Evelynn als fickreif betrachtete, und sie nach oben – oder nach unten ziehen. Während er nach hinten ging, kam ihm Patricia entgegen. Perfekt. Er nahm sie direkt mit und bedeutete ihr, sich auf den Schreibtisch zu setzen. Er hatte es bitter nötig.

 

Evelynn lernte in dieser Nacht indessen das Untergeschoss kennen. Verwirrt war sie dem Kunden, der sie eine halbe Stunde auf dem Bock hatte leiden lassen, die Treppe hinab gefolgt. Ihre Beine trugen sie kaum mehr und zwischen ihren Beinen war es mehr als nur feucht – doch beides war ihrem heutigen Freier durchweg recht. Denn er mochte es, seine Weiber sowohl bedürftig als auch hoffnungslos ausgeliefert zu sehen. Zoe kannte er und sie machte es gut. Das Frischfleisch war anfangs fürchterlich steif gewesen, doch jetzt … der unverfälschte Ausdruck der Lust auf ihrem Gesicht hatte ihm gefallen. Das, erst leise, dann immer lauter gewordene Flehen, sie endlich kommen zu lassen. Aber er mochte es nicht, wenn sie ihren Spaß hatten. Er war nun mal Sadist, aber immerhin stand er dazu.

Griffsicher hatte er das Mädchen an das aufgestellte Andreaskreuz geschnallt. Jetzt betrachtete er sie wohlwollend. Der Vibrator hatte sie lockerer gemacht und in eine Welt aus Lust und Hormonen katapultiert. Sie hatte diesen verträumten Ausdruck im Gesicht, der geradezu danach schrie, endlich kommen zu wollen. Jetzt konnte man was mit ihr anfangen, ja.

Und so sollte ihre Folter beginnen. Mit gespreizten Armen und Beinen konnte Evelynn nichts weiter tun, als über sich ergehen zu lassen, was der Mann mit Nippelklemmen, Federn, Wachs, Eis und sonstigen Dingen, die sie nicht einmal mehr zu benennen wusste, mit ihr anstellte, einführte oder sonst irgendwie anwendete. Sie hörte sich flehen, doch sie bekam nie, worum sie bat. Als er sie schließlich von dem Kreuz schnallte, musste er sie auffangen. Und als er sie daraufhin in das Bett warf, ihren Arsch nach hinten an seine Lenden zog, und in sie zu stoßen begann, kamen Flashbacks auf, die sie zu müde war, um sie zu verdrängen. Das Gehirn benebelt und die Löcher benutzt. So hatte sie sich schon früher gefühlt. Sie schloss die Augen.



Als Brian nach seinem kleinen Stelldichein mit Patricia auf den Kameras nach Evelynn sah, schmunzelte er, als er sie ans Andreaskreuz genagelt vorfand, und schloss das Fenster mit den Kameras wieder. Er war kein Spanner. Die Kameras waren bloß da, um seine Mädchen zu schützen. Doch als er Stunden später aufbrechen wollte, und von Evelynn keine Spur zu finden war, wurde er stutzig.

„Jenn?“ Sollte er vielleicht nochmals auf den Kameras schauen, wo sie abgeblieben war? Er hatte ja damit gerechnet, sie hier bei den anderen Mädchen vorzufinden.

Jennifer war gerade dabei, die letzten Kühlschränke wieder mit Getränken aufzufüllen. „Ja, Chef?“

„Wo ist Eve?“

Jennifer kniff den Mund zusammen und wandte sich wieder dem Kühlschrank zu. „Raum sechs.“

Sechs war unten. Im Sechs war sie mit dem Kunden gewesen. Er runzelte die Stirn. „Der Kunde ist doch aber sicher nicht mehr hier?“

Jennifer schüttelte den Kopf und seufzte. „Sie schläft. Ich habe sie zugedeckt …“

Na, da musste sie aber voll auf ihre Kosten gekommen sein, wenn sie so erschöpft gewesen war, dass sie sogar einschlief. Er ging runter in die Sechs, trat ans Bett und setzte sich auf die Bettkante, wobei er leicht an der Bettdecke zog. „Aufwachen, Schneewittchen.“

Evelynn zuckte zusammen. Im Schlaf hatte sie sich in Embryostellung zusammengekauert. „Ich will nicht mehr…!“, hörte Brian sie verzweifelt murmeln.

„Komm, genug für heute. Ab nach Hause.“ Er stand auf und machte ihr Platz, doch Evelynn regte sich nicht. Brian war sich noch nicht einmal sicher, ob sie wirklich wach war, oder sich eher in einem Halbschlaf befand. Evelynn wimmerte leise und Brian seufzte schwer. „Alles gut. Das ist ein ganz normaler Sub-Drop. Manche Idioten halten einfach nichts von After Care …“ Da würde er noch ein ernstes Wort mit dem Kunden reden. Das gehörte einfach dazu. Früher zu gehen, nur weil die Zeit voll war, war scheiße.

Er ging wieder zum Bett, wickelte Evelynn in die Decke ein und hob sie hoch. Dabei achtete er darauf, dass ihr Kopf an seiner Brust ruhte. Bewusst langsam ging er die Treppe hoch, doch anstatt in die Umkleiden zu gehen, damit sie sich umziehen konnte, ging er in sein Büro, setzte sich in den Drehstuhl und platzierte Evelynn auf seinem Schoß. „Willst du darüber reden?“



Evelynn hatte irgendwann auf dem Weg die Treppe hoch die Augen geöffnet, starrte seitdem aber größtenteils teilnahmslos vor sich hin. Nur langsam teilten sich ihre trockenen Lippen, und als sie versuchte, etwas zu sagen, versagte ihr die Stimme. Sie versuchte es noch einmal. „Was … war das? Da unten …“ Folterkeller, schrie es in ihrem Kopf. In diesem Puff gab es Folterkeller.

„Eine Session, nichts weiter. Ich werde Jenn sagen, dass du für die unteren Zimmer noch nicht so weit bist.“ Brian streichelte ihr übers Haar, dann griff er nach der Flasche Wasser auf dem Tisch und hielt sie Evelynn an die Lippen. „Gefällt nicht jeder Frau.“

Evelynn spitzte die Lippen und begann langsam zu trinken. Schluck für Schluck rann ihr das Wasser die ausgetrocknete Kehle hinab. Als sie wieder davon abließ, schnappte sie leise fiepend nach Luft. Brian stellte die Flasche wieder auf den Tisch. Evelynn presste sich auf der verzweifelten Suche nach Wärme noch ein bisschen näher an Brians Brust. Ihr war fürchterlich kalt. „Du hast einen Folterkeller.“

Brian lachte leise. „Ein paar BDSM Zimmer, nichts weiter. Gibt ein paar Kunden, die stehen drauf. Im Underdog ist alles möglich.“

„Hat sich nicht nach Sex sondern nach Vergewaltigung angefühlt. Das mag ich nicht.“ Unwohl schmiegte sie sich noch enger an ihn.

„Dann musst du da auch nicht mehr runter. Gibt auch in den oberen Zimmern Geld.“ Brian spürte, dass sie zitterte, und strich mit beiden Armen über ihren zierlichen Körper. Plötzlich erregte ein Schniefen seine Aufmerksamkeit. Innerlich fluchte er. War heute der Tag der weinenden Evelynns? Stumm seufzte er. Vermutlich war heute alles zu viel für sie gewesen. Die Nachricht, ihr Bruder wäre beerdigungsbereit, der Schock, wie sie das Bezahlen sollte, Yannis Geburtstag, bei dem sie irgendwie gute Miene zum bösen Spiel hatte machen müssen, und dann noch ein Kunde, der sich Dom schimpfte, aber nichts von After Care verstand. Evelynn klammerte sich schluchzend an Brian und hasste sich im selben Moment schon wieder dafür. Aber sie fühlte sich einsam. Allein. In ihrem Innern war es furchtbar leer, so sehr, dass es schon schmerzte. Sie konnte nicht anders, als zu weinen und sich an der einzigen Person festzuklammern, die sie hielt. Wieso nur fühlte sie sich so einsam? Woher? Wieso war sie so furchtbar traurig? Erneut schluchzte sie herzzerreißend auf, schlang dieses Mal ihre Arme um Brians Hals und versteckte ihr Gesicht in seiner Halsbeuge. Er durfte sie nicht alleinlassen. Wenn sie ihn nicht mehr hätte … hätte sie niemanden mehr! Dann wäre sie wieder ganz allein mit ihrem Jungen, der doch mehr für sie sorgte, als sie für ihn! Das durfte sie ihm aber nicht zumuten! Was wenn das Jugendamt davon Wind bekäme? Dann nähmen sie ihr Yannis weg!



Brian spannte seinen Rücken an, in dem sie ihre Fingernägel krallte. „Willst du mir bewusst wehtun oder willst du dich nur festhalten?“ Vorsichtig strich er ihr übers Haar.

Augenblicklich zuckten die krallenden Nägel aus seiner Haut. „Tut mir leid“, flüsterte sie leise. „Tut mir leid. Wollte ich nicht.“ Sie atmete tief ein. Augenblicklich entspannte sich ihr Körper ein wenig. Sie mochte sein Rasierwasser, Parfum, Deodorant, oder was auch immer es war, das sie so beruhigte. Der Folterkeller hatte sie müde gemacht. Immer wieder hatte der Mann sie an die Grenze getrieben und dann wieder fallen lassen. „Es war so gemein“, hauchte sie, und hörte sich dabei irgendwie gekränkt an. Gestern schon. Heute nochmal. Wieso waren die Männer hier nur so gemein?

„Hm…“ Brian brummte leise und konnte sich ein Grinsen nur leidlich verkneifen. „Ich steh drauf. Aber ich kümmere mich danach auch anständig um die Mädchen.“ Er setzte sie etwas zurecht und verlagerte ihr Gewicht. „Willst du nach Hause? Oder noch etwas hierbleiben?“

„Männer gucken nur auf ihr eigenes Vergnügen.“ Sie seufzte tief. „Da ist Trevor vermutlich die Ausnahme.“

Brian wollte gerade etwas darauf erwidern, als sein Handy klingelte. Erneut verlagerte er das Gewicht von Evelyn auf seinem Schoß und griff nach dem Smartphone, um das Gespräch entgegenzunehmen. „Ja?“

„Hey, Boss?“

„Rick?“

„Weißt du eigentlich, wer der Kerl ist, den das Bestattungsinstitut abholen sollte?“

Brian runzelte die Stirn. Er hatte Rick das Dokument mitgegeben, damit dieser es dem Bestattungsinstitut brachte. „Spann mich nicht auf die Folter.“

„Unser kleiner Dieb. Emanuel.“

Brian klappte die Kinnlade runter. „Was?“

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