Kapitel 17 – Einen kleinen Streit mit der Wand
Kapitel 17 – Einen kleinen Streit mit der Wand
Aurelie
Vögel zwitscherten, der Wind wehte durch die Bäume und die ganze Welt schien heile Welt zu spielen. Ich war gerade bei einem Spaziergang den Waldrand entlang, als ich aus der Ferne eine Gestalt auf mich zukommen sah. Es mochte verrückt klingen, doch immer wieder einmal lief ich hier entlang, in der Hoffnung, Kaldor wiederzusehen. In der Hoffnung, er würde zu mir zurückfinden, nachdem Cyrus ihn irgendwo ausgesetzt hatte.
„Majestät?“
Schwer ausatmend drehte ich mein Gesicht dem mir so verhassten Grigoroi zu. „Galdi?“
Kurz bebten seine Nasenflügel, doch das war das Einzige, was seinen Unmut zeigte. „Ich bin hier, um Euch darüber zu unterrichten, dass die Vampirin, die Ihr beherbergt habt, von nun an nicht mehr bei Euch leben wird.“
Augenblicklich hatte er meine Aufmerksamkeit. „Was?“ Oh … stimmt. Die vier Wochen waren um. „Dann … ist sie gegangen?“ Ein Stich der Enttäuschung traf mich beim Gedanken, sie könnte einfach, ohne sich zu verabschieden, gegangen sein, direkt ins Herz.
„Nein. Sie hat ein Zimmer neben ihrem Verlobten bezogen.“
Meine Augenbrauen schossen in die Höhe. „Wie bitte?“
„Seibling, Majestät. Der König hat außerdem angemerkt, dass er Euch heute Abend im Speisesaal zum gemeinsamen Diner erwartet.“
Ich nickte apathisch und entließ ihn. Seibling … Gilead war Lyssas Verlobter? Das konnte nicht sein … Tränen stachen mir in die Augen. Kurzerhand wendeten meine Schritte und ich lief in den Wald hinein. Wo ich in Ruhe und ungestört weinen konnte.
Des Abends waren meine Augen immer noch verquollen. Ich saß vor meinem Frisiertisch und starrte mir entgegen. Kleine, rote Linien durchstreiften das Weiß meiner Augen und zeugten von den Stunden, die ich weinend im Wald verbracht hatte. Dazu kamen die schier endlos dunklen Augenringe, die geschwollenen Augenlider, die geröteten Wangen und meine noch immer zitternden Lippen.
Ich trug das dunkelgrüne Kleid. Ich liebte es. Der Ausschnitt war nicht zu viel und nicht zu wenig. Der Schnitt war schlicht und hatte doch eine unnahbare Eleganz inne. Doch heute konnte ich dem schönen Stück nichts abgewinnen. Auch wenn der Stoff weich auf meiner Haut lag, tröstete er mich nicht. Ich sah schrecklich aus und darüber würde auch ein schönes Kleidungsstück nicht hinwegtäuschen. Aber abgesehen von meinem Aussehen war da viel mehr mein Herz, das brannte.
Sarkastisch lachte ich auf. „Was für eine Ironie“, nuschelte ich. „Mein Herz, das brennt. Mein Herz … Kann mein Herz überhaupt brennen?“ Sollte ich es mal versuchen? Ich richtete mein Gesicht gen Decke. „Wie grausam könnt ihr eigentlich sein, hm? Da finde ich einen Mann, der mich unterstützt und akzeptiert, so wie ich bin. Und ihr nehmt ihn mir.“ Tränen kugelten meine Wangen hinunter.
Meine Hände, die bisher verzweifelt versucht hatten, mein Haar in einer ansehnlichen Frisur zu bändigen, gaben auf und fielen zu meinen Seiten. Wütend stand ich auf, ging unruhig durchs Zimmer und rügte mich dabei selbst. „Nein, stimmt nicht! Er hat nie dir gehört. Er hat immer schon ihr gehört. Er hat sogar einmal gesagt, er wisse, wie es ist, zu lieben. Aber du hast gedacht, sie wäre tot! Aber sie lebt …!“ Wütend stieß ich meine Faust in die Wand vor mir. Als ich sie wieder zurückzog, war die Wand an getroffener Stelle schwarz. Meine Hand konnte ich nicht mehr öffnen und als ich es doch versuchte, schrie ich gepeinigt auf und fiel auf die Knie. Ungläubig erkannte ich, dass ich mir die Finger gebrochen haben musste. Wie stark hatte ich denn bitte zugeschlagen?
„So kann ich immerhin diesem Abendessen entgehen“, murmelte ich traurig. Die beiden jetzt zusammen zu sehen wäre ein nur noch größerer Schmerz. Außerdem taugte mein Aussehen so gar nicht dazu.
Versuchte ich, vor meinen Problemen zu flüchten? Absolut. Denn solange ich die beiden nicht zusammen sah … wäre es vielleicht einfach nicht wahr. Jetzt musste ich mich nur noch für heute Abend entschuldigen und gut war. Aber am besten ganz knapp, erst kurz vor dem Abendessen – was in etwa in zehn Minuten beginnen dürfte. So käme Cyrus nicht auf die Idee, mich doch noch hinzuschleifen. Am Ende wollte er mich noch füttern.
Die Schmerzen in meiner Hand brachten mich zischend in die Gegenwart zurück. Schnell huschte ich ins Wohnzimmer und zog an der Dienerglocke, die ich tatsächlich noch nicht einmal genutzt hatte. Dafür hatte ich immer meine Zofen gehabt. Und wenn nicht die, dann waren Lyss‘ Aufpasser hier gewesen. Ohne sie alle waren meine Gemächer plötzlich erdrückend still und leer.
Den Diener informierte ich, ich fühle mich nicht gut, er solle den König beim Aufdecken darüber in Kenntnis setzen und mich entschuldigen. Der Diener wurde bleich.
„Er wird dir schon nichts tun. Wir beide haben nichts gegen Menschen.“ Ich winkte den Diener weg und murmelte, während ich die Tür zu meinen Gemächern wieder zuzog: „Meine Güte, wann lernen sie es endlich?“ Wir hatten ihnen nie etwas getan.
Ich schnappte mir ein Buch und setzte mich ins Wohnzimmer auf das Sofa. Bald jedoch merkte ich, dass Lesen nur mit der linken Hand deutlich schwerer war als erwartet. Dennoch ließ ich mich davon nicht abhalten. Hinzu kamen die Schmerzen in meiner rechten Hand. Manchmal waren sie schwächer, manchmal stärker. Und immer wieder wollte ich die Hand versehentlich benutzen, was nur zu weiteren Schmerzen führte.
Gerade war es besonders schlimm – ich hatte mir die Hand am Buchrücken gestoßen – da wurde die Tür zu meinen Gemächern unangekündigt grob aufgestoßen. Erschrocken fuhr ich hoch.
Cyrus betrat mein Wohnzimmer, war in wenigen Schritten bei mir und riss mir das Buch aus der Hand. „Was soll das?“, zischte er aufgebracht. „Ich kann ja verstehen, dass du keine Lust hast, mich zu sehen. Aber zumindest Lyssa solltest du den Gefallen tun!“ Bevor ich reagieren konnte, packte er mein rechtes Handgelenk und zog mich auf die Beine.
„Au! Lass los, du tust mir weh!“ Naja, eigentlich hatte ich mir selbst wehgetan … Nur blieb eben auch ein Handgelenk nicht ganz verschont, wenn man seine Faust voller Wucht gegen eine steinharte Wand schlug.
Cyrus ließ mich sofort los und machte sogar einen Schritt zurück. „So fest habe ich dich gar nicht gepackt.“ Sein Blick fiel auf meine Hand und ich hörte ihn nach Luft schnappen. „Was ist passiert? Das sieht aus, als hättest du dir mindestens einen Finger gebrochen!“
„Ich glaube ja, es waren eher vier“, brummte ich und warf selbst einen Blick auf meine Hand. Blau, Gelb, Violett … es sah fast aus, als versuchte meine Haut, einen Regenbogen nachzuahmen. Einen sehr hässlichen Regenbogen.
Er seufzte tief. „Setz dich an den Tisch und streck die Hand aus. Leg sie flach auf den Tisch.“ Anstatt zu warten, ob ich seiner Aufforderung nachkam, ging er einfach in mein Badezimmer und kam kurz darauf mit mehreren Tüchern zurück.
Ich versuchte indessen, seiner Aufforderung nachzukommen. Doch jeder einzelne meiner Finger war noch gekrümmt … „Verflucht“, zischte ich ungehalten durch meine Zähne hindurch, als ich versuchte, den ersten Finger geradezubiegen. Augenblicklich sammelten sich Tränen in meinen Augen und schwemmten über.
„Ich muss das richten, Nay. Ansonsten wachsen die Knochen falsch zusammen und die Hand bleibt für immer so.“ Cyrus setzte sich mir gegenüber und legte die Tücher neben meine Hand auf den Tisch. „Das wird wehtun. Sehr sogar. Möchtest du auf etwas draufbeißen?“
„Bietest du mir dein Handgelenk an, oder was?“, entgegnete ich angefressen, schüttelte aber gleichzeitig den Kopf und griff nach einer der Kuscheldecken beim Sofa. Diese stopfte ich mir in den Mund, dann deutete ich ihm, anzufangen.
„Du wirst anschließend etwas Blut trinken müssen.“ Er sah mich kurz an, dann nahm er sehr vorsichtig meine Hand, drehte sie leicht und tastete den kleinen Finger ab. Schon allein diese Bewegung schmerzte so heftig, dass ich fest in die Decke biss. „Nay, du musst jetzt stillhalten. Aber das wird wieder.“
Verbissen nickte ich und brummte dazu durch die Decke. Er sollte endlich anfangen und es nicht hinauszögern. Es war immerhin nicht so, als wäre mir Schmerz fremd.
Cyrus nickte ebenfalls, dann zog er an meinem kleinen Finger; mit Daumen und Zeigefinger drückte er gegen meine Fingerknochen. Ich spürte förmlich, wie die Knochen aneinandergedrückt und wieder in Position gebracht wurden.
Gepeinigt schrie ich auf. Mein Kopf hatte sich vor Anspannung in den Nacken gelegt und meine Fänge hatten sich in die Kuscheldecke gebohrt. Nachdem mein Schrei verklungen war, keuchte ich schwer. Mein Kopf war nach vorn auf mein Brustbein gesunken. Allerdings gönnte Cyrus mir keine Pause. Er umwickelte den Finger mehrmals mit einem Tuch. So eng, dass der Finger darin heftig pochte. Danach zog er am nächsten Finger, schob wieder die Knochen zurecht und wickelte das Tuch nun um beide Finger.
Und so ging es weiter, bis wir alle vier Finger durch hatten. Er zog, ich schrie mir die Seele aus dem Leib und er band die Finger eng aneinander. Am Ende ließ ich meinen Kopf auf den Tisch knallen, sodass ich nachher sicher noch eine Beule davontragen würde. Mit viel zu schnellem, beinahe hechelndem Atem lag ich halb da und spürte noch immer Tränen meine Wangen hinunterrinnen.
„Willst du mir erzählen, was passiert ist?“
Müde hob ich meine linke Hand und zog mir die Decke aus dem Mund. Anschließend pulte ich mir noch die Stofffasern von den Fängen. Ich ließ mir mit meiner Antwort Zeit. Schließlich meinte ich schlicht: „Ich war wütend. Hatte einen kleinen Streit mit der Wand.“ Ich atmete einige Male durch. „Die Wand hat gewonnen.“
„Offensichtlich.“ Auf einmal hielt er mir sein Handgelenk unter die Nase. „Trink.“
Müde griff ich mit der linken Hand nach seinem Handgelenk, führte meinen Mund hin und biss zu. Nach nur einem kurzen Schluck ließ ich schon wieder von ihm ab und verzog angeekelt das Gesicht. „Ich habe genug, danke.“ Alkohol. Das war also seine Art, den Schmerz, den die emotionale Entfernung zwischen uns auslöste, zu betäuben.
„Ich sage das Abendessen ab.“ Cyrus erhob sich und ging ohne ein weiteres Wort.
„Du solltest …“, sie essen lassen, hatte ich sagen wollen, aber da war die Tür schon wieder ins Schloss gefallen. Ich seufzte, doch hatte keine Energie mehr, mich aufzuregen. Den Kopf auf den Tisch gebettet, schlief ich noch im Sitzen ein.




















































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