Kapitel 19 – Das Heiligtum
Kapitel 19 – Das Heiligtum
Aurelie
Ich fühlte mich, als wäre ich in einer anderen Welt. Götter, Menschen, Vampire? Die Abbildung vor mir war eine klare Abbildung der Götter. Unter ihnen jedoch standen vier Menschen, jeder von ihnen mit einem Ring auf dem Kopf, dessen Form mir mehr als vertraut vorkam. Und was mir ganz besonders ins Auge stach: Jeder der Menschen trug den Ring. Und nur den Ring! Keiner trug eine Krone, keiner stand höher als der andere!
Ich wusste nicht, wie lange ich da gestanden hatte. Ich konnte nicht wegschauen, genauso wenig traute ich mich aber, das Bildnis vor mir zu berühren. Als ich den Gang vor diesem Raum betreten hatte, waren die Fackeln aufgeflackert. Es war … als hätte man mich hierhin geführt, es hatte sich eine nach der anderen entzündet, bis ich hier angekommen war. Stehend vor den Göttern, deren Abbilder keineswegs wie bloße Abbilder wirkten.
„Ich bin mir nicht sicher, ob die Götter uns helfen oder auslachen wollen.“
Erschrocken japste ich auf, meine Hand flog zu meinem Herzen. „Cyrus! Oh, Götter.“
Er trat neben mich und sah ebenfalls hinauf zum Bildnis. „Sie wollen uns zweifelsfrei etwas mitteilen, sonst hätten sie dich nicht hierher geführt. Die Frage ist nur, was?“
„Wir befinden uns in einem Heiligtum“, sprach ich leise. „In ihrem Heiligtum.“ Ich traute mich kaum, die Stimme zu erheben. „Wie alt mag das sein?“ Ich drehte mich zu ihm um. „Cyrus.“ Vorsichtig zog ich an seinem Ärmel. „Das hier … das ist … ein Tempel.“ Augenblicklich schoss mir das Blut in den Kopf, beim Gedanken, was wir vorhin noch getan hatten. In diesen heiligen Wänden! Vor Joe! „Scheiße …“, keuchte ich. „Haben wir den Tempel etwa entweiht? Oh, Götter, Cyrus!“ Waren die Götter jetzt wütend?
Cyrus’ Mundwinkel zuckten verdächtig. „Wie kann das, was wir getan haben, einen solchen Ort entweihen, Liebes? Wir haben uns einander hingegeben. Wir haben uns geliebt. Wie könnten die Götter uns deswegen zürnen?“ Er legte lächelnd eine Hand auf meinen runden Bauch. „Sie wollen doch, dass wir Nachwuchs bekommen. Außerdem kennen Sie uns Vampire und unsere Triebe mit Sicherheit. Sie haben uns genau so erschaffen. Wie also können sie zornig sein, wenn wir das tun, wofür sie uns erschaffen haben?“
„Ich bin sicher, sie haben uns nicht deswegen erschaffen!“, protestierte ich nach Luft schnappend. Murrend fügte ich hinzu: „Da denkt jemand mal wieder mit allem außer dem, was zum Denken geschaffen wäre …“ Meiner Worte zum Trotz legte ich meine Hände auf seine auf meinen Bauch und lehnte mich mit dem Rücken vertrauensvoll an ihn an. Niemals würde er mich fallenlassen. Nein, denn selbst in den Tod war er mir schon nachgesprungen. Diesem Mann gehörte mein ganzes Vertrauen. Und die Hälfte meiner Liebe.
„Aber natürlich haben sie uns deswegen erschaffen, Nay.“ Seine Lippen legten sich auf meinen Scheitel. „Wir sind süchtig nach Sex und sie waren es, die uns diese Sucht auferlegt haben. Wenn sie wollten, dass wir es nicht so oft miteinander trieben, würde es sich nicht so gut anfühlen.“
Und schon wieder schoss mir das Blut ins Gesicht, doch bald schon verlor ich mich in Gedanken. Seine Arme hatten sich von hinten um mich geschlungen, und so standen wir da, still und doch nah, so nah, wie es sich vermutlich kein anderes Paar jemals war. Vereint von den Göttern standen wir vor den ihnen. Unseren Göttern. Kreaturen, deren Macht die unsere bei Weitem überstieg.
„Die vier Vampire“, sprach ich irgendwann leise. Es war offensichtlich, dass es Vampire waren. Die Abbildungen erinnerten auf gewisse Weise an eine Krönung, oder einen offiziellen Auftritt. Jeder von ihnen hatte seine Fänge gut sichtbar präsentiert. „Sie sehen alle gleich aus. Alle tragen sie eine Krone. Alle stehen sie auf der gleichen Höhe.“
„Ja, die Kronen ähneln denen, die wir tief unten im Schloss im Reliquienraum gefunden haben. Da hat aber die Vierte gefehlt.“ Cyrus rieb seine Nasenspitze an meiner Schläfe und brummte leise. „Aurillia hat dir eine, nach einer Zeichnung von Emili, geschmiedet. Meinst du, es gab früher vier Könige? Und die Götter zeigen uns dies, weil sie haben wollen, was früher mal war?“
Ich runzelte die Stirn. „Möglich, auch wenn ich ihre Beweggründe nicht verstehe. Sie leben nicht irdisch, soweit wir wissen.“ Ich nagte auf meiner Unterlippe herum. „Dass es vier gleichberechtigte Könige gibt, wäre rein theoretisch nur logisch. Wieso sollte meine Familie vorherrschen? Das gibt so gesehen noch nicht einmal Sinn.“ War der Drache, das Feuer, das mächtigste Element? Vielleicht im Kampf … aber jeder der Götter hatte seine Daseinsberechtigung, jeder von ihnen wurde gleich stark verehrt. Nur das Geschlecht der Ignis-Robur, wir Vampire, meine Familie, ließ sich als Könige verehren.
„Ich habe von Anfang an eine stärkere Teilhabe an der Regierung gewollt. Für alle Fürsten. Aber uns alle auf den Rang eines Königs zu heben, kam mir nicht in den Sinn. Ich wollte dir Fürstentümer näher an das Goldene Reich bringen und es nicht weiter separieren.“ Cyrus schnaubte leise. „Würde es das Land nicht noch weiter spalten, wenn es vier Könige gäbe?“
Ich nickte zu den Reliefs. „Die hier sehen mir nicht gespalten aus.“
„Vier Königreiche würden uns auseinanderreißen.“ Er seufzte tief. „Aber wenn es das ist, was die Götter wollen … was sie von Anfang an wollten, dann sollten wir es wohl umsetzen.“ Cyrus machte einen Schritt zurück und drehte sich dabei im Kreis. „Dir ist klar, dass das bedeutet, dass deine Familie irgendwann vor hunderten oder tausenden Jahren den anderen Königen die Krone nahm? Einer deiner Vorfahren muss die anderen Königreiche erobert und zu Fürstentümern degradiert haben.“
Ich nickte langsam. „Das ist mir klar. Das war es mir, kaum habe ich diesen Raum betreten. Es ist … doch nur logisch …“
„Also ist dass das Ziel. Trennen, anstatt zu vereinen.“ Cyrus brummte unzufrieden.
Ich schüttelte den Kopf. „Das denke ich nicht. Sieh sie dir an. Sie alle sind in einem Tempel, einem Raum, auf einer Wand. Haben einheitliche Kronen, einheitliche Gewänder und, und das ist wohl das offensichtlichste, sie hatten ganz offensichtlich einen gemeinsamen Treffpunkt.“ Nachdenklich trommelten meine Finger auf meinem Bauch herum. „Wenn ich richtig liege, haben wir uns, vom Schloss aus gesehen, in Richtung Westen bewegt. Was, wenn es das Goldene Reich damals nicht gegeben hat? Wenn der Drache über den Westen, die Berge, geherrscht hat? Dann wäre dies hier geografisch gesehen doch so ziemlich die Mitte, oder nicht?“
„Das Goldene Reich ist besonders fruchtbar …“ Cyrus sah sich die Bilder an den Wänden an und ging zum Mittelpunkt des Raumes. „Was, wenn damals jeder einen Teil vom Goldenen Reich besass? Wenn die Grenzen damals anders lagen?“ Sein Blick fiel auf den Boden. „Oder wenn es gar keine Grenzen gab? Warum hat nur das Goldene Reich einen richtigen Namen? Warum sind die Fürstentümer nach den Himmelsrichtungen benannt?“
Ich fasste mir an den Kopf. Meine Schläfen pochten. So viel Warum, Wenn, und Weshalb. Ein leiser, schnaubender Ton verließ meine Kehle. „Gut …“ Ich fuhr mir mit der Hand durchs Gesicht. „Wenn also alles einmal eins gewesen ist, dann hat das Geschlecht der Ignis-Robur das durch seine Gier zerstört, wenn ich das richtig sehe. Auch die versteckte Kammer, die sich verräterischerweise gerade in unserem Schloss finden lässt, spricht dafür. Und die Kronen der Fürstentümer darin. Aber wieso weiß niemand davon? Müsste Kretos so etwas nicht sehen? Oder vielleicht Emili …?“
„Nein, Kretos hat nur eine grobe Ahnung von der Zukunft und das auch nur sehr vage.“ Cyrus hob die Schultern, ging zu dem Bildnis des Ora-Fides und legte seine rechte Hand oberhalb der sichtbaren Nüstern ab. „Was Emili alles kann und weiß, wird uns wohl für immer ein Rätsel bleiben. Ebenso, was genau die Götter von uns wollen. Vermutlich sind Aufzeichnungen aus dieser Zeit zu Staub zerfallen.“
Ganz sicher sogar, dachte ich für mich. „Also wissen wir nicht, was damals war“, stellte ich nüchtern fest und ließ meinen Blick wieder durch den Raum schweifen. An den Platten, plattformähnlich aussehend, blieb er haften. „Ich frage mich ja …“ Zögerlich ging ich darauf zu. „Die sind doch in etwa so groß, wie die Götter es sein müssten, nicht?“
„Nun, bei Ignis-Robur bin ich mir nicht sicher. In diesem Gebäude wäre sie gefangen gewesen. Die anderen hätten sich hier noch bewegen können, aber ganz sicher kein Drache.“ Auch Cyrus wandte sich den Podesten zu. Sein Augenmerk lag auf jenem, das vor dem Abbild des Ora-Fides stand. „Glaubst du, damals regierten die Könige im Einklang mit den Göttern?“
„Ich denke, sie könnten sie sogar angerufen haben. Vielleicht sogar … beschworen? Oder vielleicht hatten sie jemanden, der das für sie konnte. So was … wie eine Tuatha?“
„Aber warum wissen wir dann heute nichts mehr über die Tuatha?“ Cyrus ging vor dem Sockel in die Hocke und tastete die Erhöhung ab. „Ich glaube nicht, dass es eine Beschwörung braucht. Nicht bei Göttern. Sie sehen und spüren es, wenn wir sie brauchen. Und nur sie werden entscheiden, ob sie uns mit ihrer Anwesenheit beehren. Wir können vielleicht um ihr Erscheinen bitten, es aber nicht verlangen.“
Systematisch begannen wir, den Raum abzusuchen. Doch auch nach stundenlangem Suchen waren wir zu keinen weiteren Erkenntnissen gekommen. Die Zeichnungen an den Wänden waren größtenteils verblasst oder verschwunden, die in Stein gehauenen Muster sagten uns nichts, sollten sie denn überhaupt eine Bedeutung haben. Das Einzige, was wir mit Sicherheit sagen konnten, war, dass wir uns hier in einem Heiligtum befanden. Der Größe einiger Räume nach zu urteilen, ein Treffpunkt für die früheren vier Könige. Vielleicht … ja nur vielleicht war dies hier sogar ihr Schloss gewesen? Der Ort, von dem aus sie zusammen regiert hatten?
Ich war gerade dabei, nachdenklich die Stirn gerunzelt, ein weiteres Relief zu betrachten, als sich plötzlich Arme um meinen Körper schlangen. „Nay?“
„Hm?“, machte ich konzentriert.
„Wir suchen seit Stunden.“
„Mhm.“
„Und dein Magenknurren dürfte mittlerweile bis ins Dorf zu hören sein. Du hast noch nicht einmal zu Abend gegessen und es ist wahrscheinlich schon morgen.“
„Aber wir wissen noch immer nicht…“
„Und du denkst, nur weil wir unermüdlich weitersuchen, finden wir plötzlich die Antwort? Wir kennen doch mittlerweile wirklich jeden Zentimeter dieses Raumes.“
Ich brummte unzufrieden. „Aber wir wissen immer noch nichts!“
„Und das wird sich auf diese Weise auch nicht ändern.“
Mit zusammengekniffenen Augen sah ich zu ihm auf uns starrte ihn eine Weile an. Schließlich seufzte ich und senkte den Kopf. „Na gut.“
Cyrus legte eine Hand unter mein Kinn und brachte mich so dazu, meinen Kopf wieder zu heben. Ein Lächeln erhellte sein Gesicht. „Du wirst sehen, ein wenig Abstand wird uns guttun und neue Ideen werden kommen. Aber nur, wenn du dafür Platz machst in deinem süßen Köpfchen.“ Er küsste meine Nasenspitze und legte danach seine Stirn an meine.
„Mh …“ Zufrieden schloss ich meine Augen. Genau so. Genau so sollte es sein. Wir drei zusammen und die Welt verblasst.































































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