Kapitel 20 – Die Rache der Göttin
Kapitel 20 – Die Rache der Göttin
Cyrus
Die ganze Nacht hatten wir in diesem Heiligtum verbracht. Nur mit Mühe hatte sich Nayara dazu überreden lassen, die Suche nach Antworten vorerst aufzugeben, etwas zu essen und sich schlafen zu legen. Selbst jetzt, wo sie eigentlich todmüde sein musste, lag ihre Stirn in Falten und ich hörte förmlich, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete.
Ich seufzte. „Versuch zu schlafen, Liebes.“
Nayara antwortete nicht, sondern kuschelte sich noch enger an mich. Instinktiv legte ich meinen Arm noch etwas fester um sie. Das gleichmäßige Schlagen vom Herzen unseres Kindes lullte mich ein. Meine Augen wurden schwer und meine Gedanken drifteten ab.
Kurz darauf war ich jedoch schon wieder hellwach, denn Nayara drehte sich herum und schob meinen Arm weg. Wahrscheinlich lag er ungünstig oder wurde zu schwer … unbequem … oder wegen des Kindes … Wieder dämmerte ich nur kurz weg, da spürte ich, dass sie Nayara neben mir hinsetzte. Innerlich stöhnte ich auf. „Nay. Du musst schlafen!“
„Ja, ich gehe mich nur kurz erleichtern, alles gut, schlaf weiter“, flüsterte sie. Ihr Herz machte einen Hüpfer. Müde verdrehte ich die Augen. Sie log mich immer noch an. Nay stand auf und tapste aus unserem Zimmer.
Ich wartete einige Augenblicke. Genug Zeit für Nayara, um zurückzukehren. Aber es blieb still. Brummend stand ich auf und folgte ihr auf den Flur hinaus. Unzählige Fackeln beleuchteten den Gang. Seit wir den mysteriösen Raum betreten hatten, erleuchteten sie den Komplex. Zumindest, wenn Nay in der Nähe war. Und eben diese Fackeln zeigten mir, dass sie zurückgegangen war. Ins Heiligtum.
Wie erwartet, stand Nayara vor dem größten Podest, das nicht höher als eine Stufe war. Aber groß genug, um einen ausgewachsenen Drachen darauf erscheinen zu lassen. Vermutlich.
Der Geruch von Blut stieg mir in die Nase. Sofort eilte ich auf Nayara zu, die mit dem Rücken zu mir stand und mich noch gar nicht bemerkt hatte. „Was tust du da?“, knurrte ich, als ich sah, dass sie sich mit einem Messer in die Hand geschnitten hatte. „Bist du verrückt geworden?“ Gerade als ich Nayara von der Plattform wegziehen wollte, flackerte die Luft. Mir wurde schwindelig. Für einen Moment, glaubte ich, ohnmächtig zu werden. Die Atmosphäre im Raum hatte sich verändert. Es fühlte sich kühl, erdrückend und doch … erhaben an. Mein Blick fiel auf die Plattform. Und da stand er. Oder sie. Ignis-Robur, die Göttin des Feuers. Sie war immer noch so klein wie ein Hund. Ihr Schwanz schnellte von rechts nach links und wieder zurück. Ihre Augen leuchteten rot; aus ihren Nüstern trat Rauch.
Wäre Ignis-Robur größer gewesen, hätte mir der Anblick sicherlich Angst gemacht. Wahrscheinlich hätte ich mich sogar eingepinkelt, denn die Göttin sah verdammt wütend aus. Aber sie war so klein! So … niedlich! Das Podest war viel zu groß für sie, wodurch sie noch kleiner und süßer wirkte. Ein kleiner, putziger und überaus wütender Kindsdrache.
Ihre roten Augen fielen auf mich und ich schluckte schwer. Sofort korrigierte ich meine Gedanken. Ein erhabener, majestätischer, wütender … heranwachsender Drache.
Nay starrte sie wie vom Donner gerührt an. „Es hat wirklich funktioniert!“, hauchte sie fassungslos, doch von der einschüchternden Aura schien sie noch nicht einmal Kenntnis genommen zu haben. „Wieso sind wir hier? Hast du uns hierhergeführt? Haben alle vier Herrscher einst gemeinsam geherrscht?“ Die Fragen sprudelten nur so aus ihr hervor, wobei sie leicht … ja nur ein wenig … anmaßend klang. Im Angesicht dessen, dass die Göttin offensichtlich nicht wirklich freiwillig hier erschienen war, sich Nay dafür nicht entschuldigt hatte, und auch nicht auf die Knie gesunken war, um ihre Göttin gebührend zu begrüßen und ehren.
Aber auch ich konnte mich kaum regen. Auf die Knie zu sinken, erschien mir unmöglich. Ich stand da wie erstarrt. Mit dem einen Unterschied, dass ich es nicht mal geschafft hätte, etwas zu sagen.
Stattdessen erfüllte die Stimme von Ignis-Robur den Raum. Obwohl sie nicht sprach, ihr Mund sich nicht bewegte und ihr Gesicht wirkte, wie versteinert – hallte ihre wohlklingende, leicht verzerrte Stimme von den Wänden wider.
„Was wagst du dir?! Ich habe dir dieses Leben geschenkt, damit du es liebst, nicht, damit du es umbringst und mit ihm in den Tod stürzt!“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war nur allzu deutlich.
Nayara zuckte bei der Wut in der Stimme der Göttin erschrocken zusammen. Ihre Hände fuhren zu ihrem Bauch. „Das war keine Absicht“, erklärte sie kleinlaut.
Ignis-Robur schnaubte. Noch mehr Rauch stieg aus ihren Nüstern. „Du bist dir selbst dein größtes Problem. Deine Gedanken, deine Zweifel und dein Selbstmitleid. Wir haben aus gutem Grund die Verbindung zu Ora-Fides ermöglicht und dir diesen Mann gegeben.“
Nays Kopf rauschte hoch. „Ihr ihn mir?“ Die Zweifel in ihrer Stimme waren laut und deutlich. „Wäre das so gewesen, hättest du damit für deinen eigenen Untergang gesorgt!“ Ihre Stimme wurde schneidend. „Für so dumm halte ich dich aber nicht, Ignis-Robur. Nein, hättest du eine Wahl gehabt, dann hättest du Cyrus zu Asche verkohlt, ehe er die Chance gehabt hätte, dein ganzes Geschlecht zu lynchen, so durchtrieben es auch war! Aber dazu warst du nicht in der Lage! Denn du brauchtest mich! Mich, um dich selbst zu retten! Und jetzt mich, um deine Zukunft zu retten, denn dein Leben ist an meines gebunden! Und das …“ Nay schnaufte schwer. „Das macht dich verletzlich. Und das wiederum wütend! Ich habe Fragen. Und ich will Antworten, Drache!“
Ich glaubte meinen Ohren kaum. Sie hatte Ignis-Robur jetzt aber nicht gerade einen Rüffel verpasst? War diese Frau denn völlig von Sinnen?!
Ignis-Robur schien zu wachsen, obschon sie auf diesem Podest immer noch winzig wirkte. „Ich bin eine Göttin! Ich werde ewig leben. Mich gab es schon, bevor diese Welt erblühte, und mich wird es auch noch geben, wenn diese Welt stirbt! Ich bin nicht verletzlich, sondern du bist es, Kind meines Blutes.“ Immer mehr Rauch stieg aus Ignis-Roburs Nüstern empor, sodass meine Augen anfingen zu brennen und der stechende Geruch mich husten ließ. Wenn das so weiterging, würde der Drache alsbald das ganze Gebäude zerstören!
Ich wollte Nayara packen und weglaufen, aber noch immer war ich unfähig, mich zu bewegen. Hilflos musste ich dabei zusehen, wie der Rauch in diesem Raum immer dichter wurde. Weder Nayara noch Ignis-Robur konnte ich sehen. Aber nach einer Weile verschwand die drückende Präsenz und es war, als fiele eine schwere Last von mir ab. Haltlos stürzte ich zu Boden und hustete stark. Der Rauch machte es mir fast unmöglich, zu atmen.
„Nay!“, rief ich. Dankbar darum, dass ich endlich meine Stimme wiedergefunden hatte. „Nay! Wo bist du?“
Irgendwo vor mir wimmerte es leise. „Cyrus? Was ist passiert?“
„Ich weiß es nicht. Aber wir müssen hier raus“, krächzte ich. Anhand der Stimme wusste ich, dass sie immer noch neben mir stehen musste. Ich ging auf sie zu, packte sie und zog sie in Richtung Ausgang, oder zumindest in die Richtung, wo ich den Ausgang glaubte. „Hoffentlich ist nur hier der Rauch so dick!“
„J…ja, das hoffe ich auch. O…oder die Fackeln sind aus.“ Ihre Stimme klang zittrig. Unsicher stolperte sie neben mir her. Vorsichtig tastete ich mich vor, bis ich den Durchgang fand. Kurz darauf standen wir im Flur. Die Fackeln entflammten. Wie lange waren wir hier gewesen? Doch höchstens zehn Minuten …?
Schweigend gingen wir den Weg zurück. Wobei ich ein wenig verwundert über Nays festen Griff um meinen Arm war. Vermutlich ging ihr das Gespräch nahe. Hoffentlich. Nie hätte sie so mit Ignis-Robur reden dürfen! Nie!
„Wie konntest du nur so heftig mit ihr schimpfen, Nay? Sie war es nicht, die dich in Kretos’ Schloss auf die Brüstung hat steigen lassen!“ Ich war völlig durcheinander. Zurück in unserem Schlafzimmer, atmete ich das erste Mal tief durch. Die Müdigkeit war komplett von mir gefallen.
„Ich weiß. Aber ich fühle mich von ihr ausgenutzt.“ Leer starrte sie in meine Richtung, jedoch an meinem Kopf vorbei, das Gesicht ausdruckslos. Ihre Hände fuhren sorgsam über ihren Bauch. „Weißt du …, es fühlt sich nicht gerade schön an, zu wissen, dass ich nur schwanger bin, weil die Göttin es so wollte. Aus Eigennutz. Aus purem Eigennutz. Es war kein Geschenk. Das Leben in mir ist lediglich ihre Lebensversicherung. Und ich fühle mich schlecht deswegen. Ausgenutzt. Nicht, wie wenn wir … das ist etwas anderes.“ Errötend senkte sie den Blick, doch schon nach kurzem sah sie wieder hoch. „Cyrus, wieso ist es immer noch dunkel? Wieso sind die Fackeln nicht mehr angegangen? Hat sie mir die Kräfte wieder genommen?“
Ich schwieg auf ihre Fragen hin. Denn das zuvor Gesagte hing mir noch bitter nach. Ihre Schwangerschaft hing damit zusammen, dass ich ihre Verwandten abgeschlachtet hatte. Sogar die Kinder. Ich war schuld, nicht Ignis-Robur, die auf diese Weise nur für ihr Überleben sorgte. Es wäre nicht nötig gewesen, wenn ich nicht …
Erst jetzt wurde mir bewusst, was Nayara gefragt hatte. Mein Kopf schoss hoch. „Doch. Die Fackeln waren an. Wir stehen in unserem Zimmer.“ Behutsam trat ich vor sie, nahm ihr Gesicht in beide Hände und sah ihr in diese wunderschönen, bernsteinfarbenen Augen. Doch sie schaute nicht zurück. Erwiderte den Blick nicht. Stattdessen zuckten ihre Iriden wild umher, als wären sie auf der Suche nach etwas Greifbarem.
„Schaust du mich an?“ Ihre Stimme zitterte, so wie auch ihre Hände, die sich zu meinen an ihren Wangen herantasteten. Mehrere Male blinzelte sie irritiert.
„Ja, natürlich“, flüsterte ich leise. Im schwachen Schein der Kerze musterte ich ihre Augen. „Vielleicht sind deine Augen noch gereizt von dem Rauch. Komm, wir spülen sie aus.“ Behutsam führte ich sie zur Liegestätte, damit sie sich dort setzen konnte. Sie so hilflos zu sehen, schmerzte enorm.































































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