Kapitel 21 – Erblindet
Kapitel 21 – Erblindet
Aurelie
Es war nicht so, als wäre ich mir Dunkelheit nicht gewohnt. Es war nicht so, als fürchtete ich mich vor ihr. So war es nie gewesen. Doch … da hatte es immer Licht gegeben, wenn ich die Gänge verlassen hatte. Da war immer irgendwo ein Strahl, ein Schein, eine Hoffnung gewesen. Manchmal musste man nur die Augen öffnen und man erhaschte den schwachen Schein eines Sternes, selbst in tiefster Nacht. Doch heute … wachte ich ohne Schein auf. Ohne Licht, ohne Hoffnungsschimmer am Horizont.
Blind tastete ich meine Augen ab. Hatte ich mich geirrt? Hatte ich sie einfach noch immer geschlossen? Nein … sie waren auf …
Ein leises Wimmern überkam mich. Der Gedanke, für immer in Dunkelheit gesperrt zu sein, erschütterte mich innerlich mehr, als ich zugeben mochte. Mehr, als ich jemals gedacht hätte. Ich hatte mich in der Dunkelheit stets wohlgefühlt. Heute änderte sich das.
Unsicher tastete ich mir den Weg aus Cyrus’ warmen, beschützenden Armen. Er war müde. Ich hatte ihn die letzte Nacht – oder viel eher Tag – nicht schlafen lassen. Nicht nach der Entdeckung des Heiligtums. Nicht, nachdem mir die Idee gekommen war, man könnte die Götter mit unserem Blut rufen. Und es hatte funktioniert …
Auf Knien kroch ich in Richtung Vorhang. Oder zumindest dahin, wo ich ihn vermutete. Unverhofft stieß ich gegen unseren Wascheimer. Innerlich schlug ich mir gegen die Stirn. Aber gut, man konnte schließlich auch in die komplett falsche Richtung kriechen. Also hundertachtzig Grad kehrt. Auf einmal landete meine Hand auf Haut. Sie gab nach, Cyrus keuchte, seine Bauchmuskeln spannten sich an.
„Oh…“, hauchte ich leise. „Mist.“ Ich hatte ihn eigentlich schlafen lassen wollen. Jetzt war er wach.
„Nay“, brummte er verschlafen. „Was tust du da?“
Ich zögerte. „Das … Licht suchen?“ Ich wollte raus. Unter den freien Himmel. Entweder Mond und Sterne oder aber die Sonne, es war mir gleich! Ich wollte Licht sehen!
„Hast du überhaupt geschlafen?“ Er gähnte laut und versuchte, mich an sich zu ziehen. „Die Kerze ist ausgegangen. Ich hole später eine neue.“
„Die dumme Kerze ist mir gleich!“, zischte ich und schlängelte mich aus seinem Griff, um weiter voranzukommen. Kaum war ich seinen müden Armen entkommen, stellte ich mich auf und tastete mich aus dem Raum. Ich spürte den Vorhang in den Fingern und suchte nach Ruhe in mir. Die ersten Wochen war es hier drinnen immerzu dunkel gewesen. Anfangs hatten wir noch nicht einmal Kerzen gehabt! Und ich war es gewohnt, mich in der Dunkelheit zurechtzufinden, also wieso fühlte ich mich nur so getrieben?
Meine rechte Hand ließ ich der Wand entlang schleifen, während ich nur vorsichtig einen Schritt nach dem anderen tat. Es war gespenstisch still. Was mich jedoch weitaus mehr beunruhigte, war, dass ich das Zischen der Fackeln ganz genau vernommen hatte. Ich aber noch immer in Dunkelheit schwebte. Das getriebene Gefühl in mir verstärkte sich, beschleunigte meine Schritte.
„Ist alles in Ordnung?“, sprach eine Stimme, nur wenige Meter hinter mir. Joe.
Ich hielt inne. „Vielleicht?“ Ich seufzte. „Nein …“ Ich senkte den Kopf und schüttelte ihn. Es machte mich fertig. Ich konnte mich noch nicht einmal schämen, vor ihm zu stehen. Wie er mich das letzte Mal gesehen hatte, von Wollust getrieben, Cyrus’ Befehlen ergeben, das war nicht, wie er seine Königin sehen sollte. Vermutlich sähe er mich von nun an mit vollkommen anderen Augen. Aber ich konnte mich nicht darum sorgen, denn ich hatte das ganz üble Gefühl, mit mir stimmte etwas nicht.
„Ihr seid so anders … Was ist passiert? Hat er Euch wehgetan?“ Seine Stimme näherte sich. Ich konnte seine Schritte hören. Kurz darauf legte sich eine Hand auf meinen linken Arm. „Kann ich Euch helfen?“
Unter der plötzlichen Berührung zuckte ich zusammen. Ich hatte sie nicht kommen sehen … wie auch? „K…könnt Ihr mich hinausführen?“ Ich möchte nach draußen.“ Meine Stimme war schwach, ängstlich. Nicht so, wie sie sein müsste, nicht so, wie ich auftreten müsste!
„Ja, natürlich. Folgt mir.“ Die Hand entfernte sich, ebenso seine Schritte.
„Nein! Joe …“ Unsicher streckte ich meine Hand nach ihm aus, hielt den Blick jedoch gesenkt. „Ich meinte … führen.“
„Majestät, ich…“ Er brach ab und ergriff meine Hand. So, dass meine Hand auf seiner lag und ich sie ihm jederzeit wieder entziehen könnte. „Ich habe mich gar nicht entschuldigt, für das, was in dem Dorf passiert ist. Das hätte ich nie tun dürfen. Es war unverzeihlich, und dennoch hoffe ich, dass Ihr es mir irgendwann verzeihen könnt. Es tut mir aufrichtig leid. Ich habe Grenzen überschritten, die ich nie überschreiten hätte wagen dürfen.“
Dankbar hielt ich mich an ihm fest. Er setzte sich in Bewegung, indessen sprach ich leise: „Dafür braucht Ihr Euch nicht zu entschuldigen Joe. Ihr habt auf mich aufgepasst, wie es Eure Aufgabe ist. Und was Cyrus Euch danach abverlangt hat …“ Unsicher senkte sich mein Kopf noch ein Stückchen. „Ich meine, es ist auch meine Schuld. Ich hätte Euch nicht beißen dürfen. Das letzte Mal ist der Vampir daran gestorben. Und was dann … also, was Ihr dann sehen musstet, äh …“
„Durfte“, entgegnete er. „Was ich sehen durfte. Das ist das richtige Wort, Majestät.“ Beim nächsten Schritt spürte ich frische Luft an meinen Wangen. „Und der Biss war das Beste, was ich je erlebt habe. Ich war noch nie so lange hart und zugleich zu gelähmt, um das Problem zu lösen.“ Ein raues, dunkles Lachen erklang neben mir.
„Dann … freut es mich, dass … ich zu dieser Erfahrung beitragen konnte.“ Götter, es war gleich, was er sagte. Ich konnte ihm nie wieder unter die Augen treten. Doch mein Schamgefühl war das Letzte, was mich gerade interessierte. „Joe? Haben wir Tag oder Nacht?“ Mein Kopf drehte sich, suchte, meine Augen zuckten wild herum. Aber es war und blieb dunkel. Mindestens Sterne hätte man sehen müssen. Irgendetwas …
„Es ist mitten am Tag, Majestät. Warum fragt Ihr das? Ihr steht doch gerade mitten in die Sonne!“
„Ach so“, murmelte ich leise. Daher das Kribbeln auf meiner Haut. Noch einmal tastete ich nach meinen Augen, obwohl ich ganz genau wusste, dass sie offenstanden. Aber nur vielleicht waren sie ja doch noch geschlossen. Meine Hände widerlegten meine Hoffnung. Ich seufzte tief, dann schluchzte ich leise auf, die Hände vor mein Gesicht pressend.
„Majestät … Was ist passiert?“ Joes Stimme klang ernsthaft besorgt und schockiert zugleich. „Bei den Göttern… Seid Ihr erblindet? Wann? Wo…von?“
Ich schluchzte, ich hatte Angst, doch gleichzeitig war da brodelnde Wut. Ich konnte mich nicht zurückhalten, genauso wenig wie ich es im Heiligtum bei der Göttin gekonnt hatte. „Ignis-Robur, dieser unreife, trotzige, kleinwüchsige Drache ist in seiner verdammten Trotzphase!“, rief ich aus, schniefend, traurig, weinend, wütend. Leiser fügte ich hinzu: „Ich habe ihr eventuell die Meinung gegeigt. Das verträgt ein unreifes, hochnäsiges Ding wie sie nicht.“ Was ich wiederum nicht verstehen konnte, war, wieso sie mich mit einer dermaßen gefährlichen Strafe strafte. Was sollte ich tun, wenn wir angegriffen wurden? Die Hände in die Luft strecken und um Gnade flehen? Blind ein Schwert schwingen und direkt in das des Feindes laufen? Das Leben der Göttin war unwiderruflich an das meiner Blutlinie gebunden, das wusste ich. Oder … vermutete ich es nur? Aber ich war mir sicher …
„Kleinwüchsiger Drache in seiner Trotzphase?“ Joe klang teils belustigt, teils entsetzt. Wohl entsetzt darüber, wie ich über die Göttin sprach. Was er mit seinen nächsten Worten bestätigte: „Majestät, das ist Gotteslästerung! Ihr könnt die Göttin doch nicht als unreif und hochnäsig bezeichnen!“
„Aber sie ist ja gerade erst geschlüpft!“, presste ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Und drei Mal dürft Ihr raten, wer sie ausgebrütet hat!“ Dankbar sollte sie sein, verdammt!
Joe war ruhig geworden. Ich hörte seine Atmung, die ein wenig schneller ging. Seinen Herzschlag, der etwas aufgeregter klopfte. „Ihr habt die Göttin gesehen? Vielleicht wurdet Ihr deshalb geblendet …“
Ich schnaubte leise. „Nein Joe. Ich habe sie gestern schon das zweite Mal gesehen. Eigentlich habe ich alle davon schon einmal gesehen. Cyrus auch. Und wir waren nie geblendet. Sie ist einfach nur eingeschnappt. Und Gotteslästerung wäre es nur, wenn es eine Lüge wäre.“ Da ich mich absolut nicht orientieren konnte, also auch nicht wusste, wo der umgefallene Baumstamm war, auf den wir uns manchmal setzten, ließ ich mich einfach auf den Boden im Schneidersitz nieder. „Als wäre es nicht schon Strafe genug, dass mein Bauch immer dicker und meine Brüste immer schwerer werden! Oh!“ Ich lachte auf. „Wusstet Ihr, dass das Kind auch von ihr ist? Also … nicht direkt, aber sie hat dafür gesorgt, dass ich es empfange. Ich fühle mich wie eine verdammte Schachfigur, die sie hin und her schiebt, wie es ihr gerade beliebt!“
„Das … Ich habe nie auch nur geahnt, dass die Götter sich dazu herablassen, uns aufzusuchen. Geschweige denn, mit uns zu reden.“ Er klang ungläubig und dennoch tief berührt. „Aber was Ihr der Göttin an den Kopf geworfen habt, war dennoch beleidigend. Ob es nun stimmt oder nicht …“
Eingeschnappt hielt ich den Mund. Schön, wenn alle auf ihrer Seite waren. Mich machten ihre Spiele wahnsinnig. Es hieß, ihr Stern fiele auf die Erde und zerstörte sie, sollte mein Geschlecht aussterben. Das würde doch auch bedeuten, die Göttin sterbe, oder nicht? Hatte ich in einem Fehlglauben gehandelt? Aber wieso sonst sollte sie mir diese Schwangerschaft aufbürden, wenn nicht, um sich das eigene Leben zu sichern? Es machte keinen Sinn! Eine Schwangerschaft in meinem Alter war keine Gnade, kein Geschenk, es war eine verdammte Bürde! Ich war selbst kaum erwachsen! Selbstverständlich liebte ich das Leben, das in mir heranwuchs, auch wenn ich es manchmal, in seinen aktiven Tretphasen, verfluchte. Doch ich würde es annehmen, mein Kind, meine Zukunft. Es würde mich die nächsten hundert Jahre beschäftigt halten, so viel war sicher. Und trotzdem war es nicht … meine Entscheidung gewesen. Kein anderer Vampir wurde so früh guter Hoffnung.
„Kann ich Euch etwas bringen? Habt Ihr Hunger oder Durst?“ Joe schien sich neben mich gesetzt zu haben, denn seine Stimme war direkt neben mir. „Wollt Ihr allein sein oder möchtet Ihr Gesellschaft?“
„Du kannst mich allein lassen. Ich werde … einfach hier sitzen, denke ich.“ Was denn auch sonst? Ich sah nichts. Und die Umgebung war mir bei Weitem nicht vertraut genug.
„Soll ich jemanden holen, der Euch statt meiner Gesellschaft leistet?“ Joe war wohl aufgestanden. Er klopfte sich die Kleidung ab.
Stumm schüttelte ich den Kopf. „Nein, schon gut. Lasst Cyrus bitte schlafen.“
Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren. Irgendwann war die Sonne untergegangen, dessen war ich mir sicher, denn die Wärme auf meiner Haut verflüchtigte sich rasch. Es war bereits der eine oder andere an mir vorbeigelaufen … Ich hatte mich in irgendeine Ecke verkrochen, in der man mich offenbar nicht sofort sah. Ansonsten wäre ich bereits öfters gefragt worden, ob es mir gut ginge. Ging es nicht.
Ich fühlte mich auf unangenehme Art und Weise leer. Das Licht fehlte mir, ich wollte wieder sehen können. Meine Wut auf die Göttin wurde zusehends zu Verzweiflung. Dabei hatte ich jedes Recht …! Jedes Recht darauf, wütend auf sie zu sein!
Zwischendurch hatte ich leise mit mir selbst geredet, geweint oder geschluchzt. Es fühlte sich einsam an, nichts zu sehen. Es war bedrückend. Niemand hatte mich zum Abendessen abgeholt, oder war noch einmal nach mir sehen gekommen. Cyrus schlief bestimmt immer noch, und wenn Joe wusste, was gut für ihn war, hatte er den Mund über meine Blindheit gehalten. Einmal versuchte ich, meine Kräfte zu nutzen. Fehlanzeige – aber das war zu erwarten gewesen.
Meine Gedanken hatten mich verschlungen. Vielleicht war ich gegen die Hauswand gelehnt auch eingeschlafen, auf jeden Fall schreckte ich hoch. Das Knacken unter jemandes Schuhsohlen. Ein Zweig war gebrochen. Blätter raschelten.
Ich spannte mich an und schlang die Arme noch stärker um meine angewinkelten Beine. Vermutlich nur einer von uns, der sich erleichtern musste, versuchte ich mir einzureden. Nur einer von uns …
Waren die Geräusche aus dem Inneren gekommen? Ich wusste es nicht. Es war so still, nur das Rascheln unter vorsichtig abgesetzten Füßen war zu hören. Wer auch immer sich so bewegte, suchte nicht nur einen Ort, um sich zu erleichtern.
Hatte man unser Versteck entdeckt? Seit Monaten weilten wir hier! Kamen nicht vorwärts mit unseren Plänen, lebten vor uns hin und versuchten uns dabei vorzumachen, wir machten Fortschritte. Aber das war eine Lüge. Noch immer wussten wir nicht, wer uns vom Thron gestoßen hatte. Noch immer wussten wir nicht, wer uns jagte. Und ich hatte Angst.
Wieso war ich nicht wieder nach drinnen gegangen? Hatte mich nicht in Cyrus’ sichere Arme geflüchtet?! Weil ich die Sterne sehen wollte? Ein schnaubender Laut entkam mir, bei Erkennen meiner eigenen Dummheit. Ich sah sowieso nichts! Aber das war jetzt nicht weiter wichtig. Denn die Schritte hatten abrupt innegehalten. Und jetzt … Zittrig atmete ich aus, so leise wie nur möglich. Jetzt kamen die Schritte genau auf mich zu.
„Wer ist da?“, fragte eine kräftige Stimme, die noch immer in der Lage war, jeden einzuschüchtern. Graf Demos Targes. „Du hast hier nichts…!“ Er stockte, nun offenbar nah genug, um mich sehen zu können. Falls er mich überhaupt sehen konnte. Vielleicht verdeckten Wolken den Mond und die Sterne. „Majestät“, murmelte er und seine Stimme wurde sanft. „Hier seid Ihr. Aber warum hier draußen?“
Ich starrte nur weiter leer vor mich hin. Was brachte es mir, wenn ich zu ihm aufblickte? „Ich weiß nicht“, hauchte ich tonlos.
„Gilead hat gekocht. Es ist gut geworden. Ich glaube, es gibt nichts, das er nicht kann.“ Schritte näherten sich. „Soll ich Euch eine Schüssel bringen? Und eine Decke?“
„Was wolltet ihr hier, Demos?“ Ich ging nicht auf seine Angebote ein. Zu sehr beschäftigte mich, wieso er so vorsichtig gegangen war. Als ob er nicht gewollt hätte, dass ihn jemand hörte. „Ihr habt nicht mit mir gerechnet, also sagt, was wolltet Ihr hier?“ Ich hob den Kopf, suchte seinen Blick, doch mir war klar, dass meiner leer an ihm vorbeiging.
Der alte Vampir seufzte tief. „Ich werde gehen, Majestät. Es gibt hier nichts für mich zu tun. Es gibt keinen Grund, zu bleiben. Ich gehöre hier nicht hin.“
Zitternd stieß ich die Luft aus. „Dann lasst … Ihr uns im Stich? Mich?“ Tränen stachen mir in die Augen und mein Atem beschleunigte sich.
„Ich habe mein ganzes Leben dem Königshaus gedient. Immer kam die Familie der Ignis-Robur an erster Stelle für mich. Immer. Aber jetzt nicht mehr. Ich will sie nicht verlieren.“ Seine Stimme begann zu zittern. Der Graf atmete tief ein, um seiner Stimme wieder Festigkeit zu geben. „Also ja, ich lasse Euch im Stich. Euch, Euren Gatten und dieses Königreich.“





























































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