Kapitel 22 – Verrat
Kapitel 22 – Verrat
Cyrus
Leise Stimmen drangen zu mir durch. Joe, vermutlich, und noch jemand. Unwichtig für den Moment. Sie waren zu weit weg. Etwas anderes fehlte. Daher streckte ich den Arm aus, aber das Lager neben mir war leer. Nayara musste aufgestanden sein. Ihr Herzschlag fehlte und der ihres Kindes. Unseres Kindes.
Nur langsam öffnete ich die Augen und setzte mich anschließend auf. Die Kerze musste ausgegangen sein. Aber draußen im Flur brannten noch die Fackeln, wie ich schwach durch den Vorhang erkennen konnte. Ich stand auf, wusch mich kurz und zog mich anschließend an. Danach folgte ich den Stimmen. Die Männer hatten Knollen und Pilze gesammelt und bereiteten eine Mahlzeit zu.
Wie lange hatte ich geschlafen? Hunger verspürte ich zumindest keinen, daher ging ich nach draußen, in den Hof. Schon bevor ich ihn erreichte, hörte ich die vertraute Stimme von Nayara. „Dann lasst … Ihr uns im Stich? Mich?“ Sie klang tief traurig und enttäuscht.
„Ich habe mein ganzes Leben dem Königshaus gedient. Immer kam die Familie der Ignis-Robur an erster Stelle für mich. Immer. Aber jetzt nicht mehr. Ich will sie nicht verlieren.“ Seine Stimme begann zu zittern. Der Sprecher war Graf Targes, das hörte ich klar heraus. Aber er würde uns doch niemals … „Also ja, ich lasse Euch im Stich. Euch, Euren Gatten und dieses Königreich.“
Ich war verwirrt. Wen wollte er nicht verlieren? Was hatte ich verpasst? Um nicht weiter zu lauschen, trat ich hinaus in den Hof. Nayara saß auf dem Boden und sah zu Graf Targes hinauf. Nun, zumindest fast. Sah sie an ihm vorbei? War da noch jemand? Nein, ich konnte niemanden entdecken.
Räuspernd trat ich näher und sah noch einmal in die Richtung, in die Nayara blickte, erst dann wandte ich mich an Graf Targes. „Wen wollt Ihr nicht verlieren?“
Der Graf wandte den Blick ertappt mir zu. Fast unmerklich neigte er den Kopf zu einer Verbeugung. „Ich kann … nicht mehr hier bleiben, Majestäten. Bitte, akzeptiert das.“
„Warum? Was ist geschehen, Graf?“ Ich musterte ihn etwas genauer. Die hängenden Schultern, die leicht nach vorn gebeugte Körperhaltung … Er sah verletzlich aus. Die Autorität und Erhabenheit, die er sonst immer ausstrahlte, waren fort.
Kopfschüttelnd stieß er leise die Luft aus. Dann sagte er etwas, so leise und den Kopf dabei gesenkt, dass ich meinte, mich mit Sicherheit verhört zu haben. Doch Nay spannte sie an.
Ich schluckte. „Wie bitte?“
„Ich war es“, erklärte er lauter und sah zu mir auf, dann zu Nay hinunter. „Ich bin der Verräter.“ Ich hörte ihn schlucken. „Und ich kann mit dieser Schuld nicht leben.“
Mein Blick wanderte zu Nayara, dann sah ich wieder zu dem Grafen. „Warum?“ Am liebsten hätte ich mehr Fragen gestellt. Ihn gefragt, was passiert sein musste, dass er die ewig lange Treue nun mit den Füßen trat. Was war geschehen, dass er sich von der Krone abwandte? War es unsere Schuld?
Wenn es denn noch möglich war, sank seine Haltung noch weiter zusammen und, so wahr ich hier stand, ich hörte ihn leise schluchzen. Graf Targes, den unbezwingbaren Anführer der Heerscharen des Goldenen Reiches. In lange vergangenen Kriegszeiten hatte er sich diesen Namen verdient.
„Sie haben…“ Mit zitternden Händen tastete er nach seiner Hosentasche, steckte die Hand hinein und holte …
Ich runzelte die Stirn. Auf einmal stank es grausig nach Verwesung. Im schwachen Mondlicht konnte ich drei kleine Gegenstände in seiner Hand ausmachen.
Targes’ Lippen bebten. Er brachte kein weiteres Wort mehr über die Lippen. Stattdessen schluchzte er auf. Es brach mir das Herz, den alten Mann so gebrochen zu sehen. Und noch deutlich mehr berührte es Nay.
Zittrig atmete sie ein, nur um dann mit erstickter Stimme zu fragen: „Was riecht hier so, Demos?“ Sich mit den Händen an der Mauer hinter ihr abstützend, zog sie sich hoch, hielt den Blick aber immerzu konzentriert zu Boden gerichtet. „Was …?“
Ich sah mir die Dinge in Targes‘ Hand genauer an. Die Länge, die Form … Aber letzten Endes war es ihr Geruch. „Es sind Finger“, brachte ich mühsam hervor. „Bitte erklärt Euch, Graf Targes. Helft uns, zu verstehen.“
Die Stimme gebrochen, stammelte er: „I…ich habe eine Frau.“ Er schluckte hörbar. „Eine Tochter.“ Dieses Mal unterbrach ihn ein zittriges Schniefen. „Und eine Enkeltochter.“ Laut aufschluchzend vergrub er das Gesicht in einem Arm, während die Finger in der Hand des anderen Arms zu Boden zu fallen drohten. Als wären sie ihm die ganze Welt wert, schloss sich seine Hand vorsichtig darum und er verstaute sie wieder in seiner Tasche. „Die ersten kamen ein halbes Jahr vor Eurer Rückkehr.“ Er senkte den Arm und sah reumütig zu mir hin. „Ich habe gebetet, Ihr bleibt fern. Habe gebetet, Ihr kämet nie zurück und würdet niemals Zeugen der Verheerung meines Verrats. Es … eine Entschuldigung könnte meinen Verrat niemals wieder gutmachen. Dafür gibt es nur eine Strafe, aber Majestäten verwehrten sie mir.“ Er schniefte leise, hob jedoch den Blick und sah mir ernst entgegen. „Und Majestäten hatten recht. Ich muss zumindest versuchen, sie zu retten. Entweder sterbe ich bei dem Versuch, oder ich habe Erfolg und werde mich später für meinen Verrat verantworten.“ Er beugte das Haupt. „Spätestens jetzt wird es Euch nach meinem Tod dürsten. Durch mein Tun kamt ihr beide, sowie unser aller Thronfolger in Lebensgefahr und ich trage diese Schuld. Aber bitte erlaubt mir vor meiner Hinrichtung, meine Familie aus ihren Fängen zu befreien.“ Er ließ sich auf beide Knie fallen, was selbst für meine verhältnismäßig jungen Knochen schmerzhaft aussah. Den Kopf hielt er in Demut gesenkt. „Ich flehe Euch an!“, krächzte er, die Stimme rau und gebrochen.
Irgendwann im Laufe seines Geständnisses hatte sich Nayara die Hand vor den Mund geschlagen, welche sie jetzt zitternd wieder senkte. „Demos“, hauchte sie ergriffen. „Nein …“ Sie war nicht im Geringsten wütend. Stattdessen streckte sie die Arme aus und machte unsicher einen Schritt auf den alten Vampir zu, wobei sie ihre Füße unnötig weit hochzog. Und kaum hatte sich der alte Vampir versehen, hatte er eine emotionale Schwangere um den Hals hängen, die ihm das Oberteil vollweinte.
„Wer hat Euch erpresst, Graf Targes? Wer hat Euch das angetan?“ Ich blieb äußerlich ruhig, berechnend und kühl. Innerlich brodelte ich vor Wut. Nicht auf Graf Targes, sondern auf die Männer, die seiner Familie das angetan hatten, was wohl offensichtlich war. Wenn es denn ihre Finger waren.
Schwach schüttelte er den Kopf; seine Arme legten sich nur sehr zögerlich und reichlich unbeholfen um meiner Gemahlin Körper. „Ich weiß es nicht. Ich habe versucht, es herauszufinden, versucht, gegen sie zu agieren, Euch zu warnen …“ Er schluckte. „Sie müssen Wind davon bekommen haben. Am nächsten Morgen hatte ich die nächsten drei Finger in der Hand. Das war … ein Beweis. Dass sie noch leben.“ Geschlagen senkte er den Blick. „Dass sie mich noch immer in der Hand haben.“
„Wie habt Ihr mit Ihnen kommuniziert? Was genau waren Ihre Forderungen?“
„Die Kommunikation erfolgte über Briefe. Persönlich überbracht, aber immer von Menschen nahe noch dem Kindesalter. Arbeitssuchenden, die solch einen Auftrag für wenige Münzen erfüllt haben werden.“ Kurz schwieg er still. „Ihre Forderungen waren, unter anderem, Vampire, die sie benannten, in die Stadt- oder Palastwache aufzunehmen. Ich sollte Stillschweigen bewahren. Durch mein Zutun fiel es ihnen leicht, jeden meiner Schritte zu überwachen.“
Ein ausgeklügeltes System. „Und habt Ihr jemals in Erwägung gezogen, dass sie die Finger von Menschen abgetrennt haben könnten?“
Seine Hände verkrampften sich um Nays Rücken. „Bei der ersten … Lieferung …waren ihre Eheringe dabei. Jeder einzelne.“
„Das bedeutet nur, dass die Entführer die Frauen in ihrer Gewalt haben. Ich weiß, es muss enorm schwer sein, in solch einer Situation noch rational zu denken.“ Behutsam legte ich eine Hand auf seine Schulter. „Aber Ihr müsst stark bleiben, Targes. Das seid Ihr Eurer Familie schuldig. Denn wir brauchen Eure Hilfe, um sie zu retten.“
Der alte Vampir spannte sich an. „Ihr wollt mir helfen?“ Mehr als alles andere klang er fassungslos. „Aber…!“
Nayara löste sich leicht von ihm und schüttelte den Kopf. „Kein Aber Demos. Eure Familie ist Teil unseres Volkes. Ihre Entführung war unser Versagen. Nicht Eures.“
Ich reichte Graf Targes eine Hand. „Nennt uns die Namen der Männer, die Ihr in der Palastwache und der Stadtwache untergebracht habt. Gebt uns eine möglichst detaillierte Beschreibung der Menschen, die Euch die Briefe überbracht haben. Dann werden wir diese Leute beschatten und die Menschen befragen. Spuren lassen sich zurückverfolgen, Graf. Und wir werden sie finden.“
Der Unglaube war ihm deutlich vom Gesicht abzulesen. Und doch begann er zu sprechen, manchmal stirnrunzelnd, manchmal frei heraus. Zum Ende hin ermahnte er uns noch, dass er selbst nicht untätig gewesen sei, seine Schritte jedoch bald schon zu gut überwacht worden wären, als dass er noch groß hätte agieren können.
„Danke, Graf. Bitte geht zu den anderen und esst mit ihnen. Sprecht über die Männer, die in der Wache arbeiten, und gebt ihnen genaue Beschreibungen von den Menschen. Dann reden wir später über unsere Möglichkeiten und wie wir vorgehen werden.“
Graf Targes ließ sich von mir aufhelfen und ging wieder hinein, zu den anderen. Es schien, als habe er endlich ein Ziel vor Augen und damit neuen Lebenswillen gefunden. Selbst, wenn er sich erst noch der bitteren Wahrheit stellen und auch den anderen von seinem Verrat berichten musste. Es würde ein langer und schwieriger Weg werden.
Ich wandte mich Nayara zu und reichte auch ihr eine Hand. Auch wenn ich das ungute Gefühl hatte, sie würde diese Hand nicht wahrnehmen. „Möchtest du mir auch etwas sagen, Nay?“
Stirnrunzelnd blickte sie zu mir auf. Direkt an meiner Hand vorbei. Ihr Blick endete irgendwo zwischen den Bäumen hinter mir. „Was denn?“
„Sag mir, was los ist, Nay. Du solltest mittlerweile wissen, wie sehr ich es hasse, wenn ich dir alle Informationen aus der Nase ziehen muss. Und, dass ich am Ende sowieso immer alles erfahre.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und widerstand dem Wunsch, mit einer Hand vor ihren Augen zu wedeln. Es war zu dunkel, als dass ich die Bewegungen ihrer Augen hätte sehen können.
Ihr Kopf senkte sich traurig. „Ich will dir nichts vorenthalten, Cyrus. Ich weiß nicht, was du meinst. Was willst du mir nicht aus der Nase ziehen müssen? Dass Targes mir wirklich wichtig ist? Das sieht jeder mit Augen im Kopf. Er war mir eine starke Stütze, als du damals auf der Jagd nach Ashur warst.“ Wackelig kam sie auf die Beine. Völlig orientierungslos.
„Ja, jeder mit Augen im Kopf. Und was ist mit deinen Augen? Wann wolltest du mir davon erzählen?“
Stirnrunzelnd sah sie zu mir hin. Oder zumindest in meine Richtung. „Wieso erzählen? Du warst dabei, als es passiert ist.“ Die Füße unnötig weit hebend, stakste sie auf mich zu, bis sie mit ihren ausgestreckten Händen meine Brust berührte und ihren Körper daraufhin an meinen schmiegte. Ihre Hände tasteten weiter, erreichten meine Schultern, meinen Hals, dann steckte sie mir einen Finger in die Nase – das war der Moment, in dem ich nicht mehr wusste, ob ich lachen oder weinen sollte – und fand schließlich mit beiden Händen meine Wangen. Eine süße Schamesröte hatte sich in ihrem Gesicht breitgemacht. „Toll, jetzt traue ich mich nicht mehr, dich zu küssen. Am Ende lecke ich noch deine Nase ab“, schmollte die leise.
Ich beugte meinen Kopf zu ihr herab und gab ihr einen sanften Kuss auf den Scheitel. „Also hat Ignis-Robur dir das Augenlicht genommen?“ Nach allem, was Nayara dem Drachen an den Kopf geworfen hatte, war das eine geringe Strafe. Aktuell hatte ich das Gefühl, Nayara war der größere Trotzkopf. „Dann kann sie es dir auch zurückgeben.“
Ihr Kinn senkte sich. Leise brummte sie: „Ja, wahrscheinlich schon.“ Sie löste sich von mir und bewegte sich schwerfällig, eine Hand vor sich ausgestreckt, die andere auf ihrem Bauch ruhend, von mir weg in Richtung Wald. „Aber wieso sollte sie“, hörte ich sie leise murmeln.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen bei dem Anblick meiner hilflosen Gattin. Es tat weh, sie so zu sehen. Sie war fast schon niedergeschlagener als Graf Targes. Und ein weiterer Punkt lag mir schwer im Magen. Sie war hilflos und noch dazu schwanger. Wie hatte Ignis-Robur nur so grausam sein können und einer Schwangeren die Sicht nehmen können? Noch dazu in unserer prekären Lage? Das war unverantwortlich! Ganz gleich, was Nay getan oder gesagt hatte.
„Nay“, stieß ich irgendwann seufzend aus, weil Nayara in die falsche Richtung ging. Sofort schloss ich zu ihr auf, nahm ihre Hand in meine und zog sie vorsichtig zurück. Die andere Hand legte ich an ihre Hüfte, um sie zu führen. „Hier entlang. Gehen wir hinein und essen etwas.“ Auch dabei würde ich ihr helfen müssen. Ich musste ihr von nun an bei allem helfen. Und Nayara war sicher zu stolz, sich helfen zu lassen. Oder zu beleidigt und wütend. Sie entstammte definitiv dem Geschlecht der Ignis-Robur, das ließ sich nicht leugnen.



























































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