Kapitel 19 – Eine kleine Reise
Kapitel 19 – Eine kleine Reise
Aurelie
Immer wieder schweifte mein Blick zu meinem Arbeitstisch. Ich hatte, seit Cyrus spontanerweise beschlossen hatte, mich wieder als Königin einzusetzen, so viel zu tun, dass ich selbst nach drei Wochen noch nicht nach war mit der Arbeit. Gestern war der Tag der Bittsteller. Ich war wieder einmal alleine auf dem Thron gesessen. Natürlich waren die Berater an meiner Seite gewesen, unter anderem auch Irina und Timm, die ich gebeten hatte, mir zur Seite zu stehen – auch wenn Irina noch immer nicht mit mir sprechen konnte.
Cyrus war so kindisch! Wenn er mich schon mit Arbeit überhäufte, die er ganz offensichtlich über Wochen hinweg einfach ignoriert hatte, dann könnte er mir zumindest meine Freundin zurückgeben!
Nachdem die Bittsteller gegangen waren, hatte ich Timm zu mir zitiert und ihm aus der Nase gezogen, was Cyrus eigentlich den ganzen Tag trieb. Und wenn ich wirklich angenommen hatte, dass er selbst auch nur einen Finger gekrümmt hätte, seit er mir seine Arbeit übertragen hatte, hatte ich mich geirrt. Der Mann, mein Mann, den ich seit Wochen nicht mehr gesehen hatte, soff von frühmorgens bis spätabends und füllte seine Blutgefäße mit Alkohol.
Timm hatte mir versichert, er würde sich darum kümmern. Dabei war mir sein besorgter Blick, meine Taille runter, leider nicht entgangen. Ja, ich hatte wieder abgenommen. Nicht so stark wie auch schon, aber dennoch offensichtlich so, dass er es bemerkt hatte. Oder hatte seine Besorgnis vielleicht mehr den dunklen Höhlen unter meinen Augen gegolten? Die, die man trotz Abdeckfarbe, die mir Irina gebracht hatte, ohne Probleme schon von Weitem sah?
„Hörst du mir eigentlich zu?“ Eine Hand wedelte vor meinem Gesicht herum. Langsam glitt mein Blick zu Lyssa zurück.
„J…ja, entschuldige.“ Ich schüttelte den Kopf. „Also eigentlich, nein. Was hast du gesagt?“
„Was hast du da eigentlich im Gesicht?“, fragte sie, das Gesicht verziehend, und strich mir mit dem Finger unter dem Auge durch. Als sie die Farbe auf ihrer Fingerspitze betrachtete, runzelte sie die Stirn. Als sie daran roch, wurde ihr Ausdruck angeekelt. „Das ist es, wonach es hier so riecht?“
„Eh … ja. Das ist ein Mittel, das wohlhabendere Menschen sich unter die Augen schmieren, um so auszusehen, als hätten sie genug geschlafen …“ Eigentlich brauchten Vampire dergleichen nicht. Bei uns brauchte es, durch unsere zweiseitige Ernährung, deutlich mehr als nur eine unruhige Nacht, um so auszusehen. „Und Menschen haben keine so gute Nase …“
„Aber … Schlamm? Das ist ekelhaft.“ Und trotzdem zuckten ihre Mundwinkel belustigt. „Ach, Naya …“ Sie zog mich in eine Umarmung.
Ich atmete erschöpft aus. Als ich das nächste Mal einatmete, sog ich unabdingbar eine Note meines … Nein. Ich verbot mir den Gedanken an ihn. Es war zu schmerzhaft. Ich gönnte es den beiden, mehr als so mancher ahnen konnte, aber es schmerzte. Trotz aller Freude, die ich für sie beide empfand, tat es einfach nur fürchterlich weh, sie zusammen zu sehen! „Es ist alles gut. Ich habe nur …“ Ich seufzte. „Viel zu tun.“ Und bekam dabei nicht die Bohne Unterstützung von dem Saufbold, der sich mein Gemahl nannte. Aber vermutlich war es besser so. Sicher sogar. Kein Mann sollte betrunken ein Land regieren.
Immer wieder führen mich meine Gedanken zu ihm zurück. Was er wohl gerade tat? Obwohl, das war nicht schwer. Vor meinem inneren Auge erschien eine Flasche Schnaps, Rum oder Whisky. Ich wollte gar nicht wissen, wie sein Blut mittlerweile schmeckte. Nein, der Mann war wahrlich kein Gewinn. Ich verfluchte die Götter dafür, dass sie mich mit ihm zusammengebracht hatten.
Gilead hingegen war ein Hauptgewinn. „Euch geht es gut, oder? Ihr seid glücklich?“ Tief atmete ich ihren Geruch ein und versuchte, mich damit zu beruhigen. „Ungeachtet dessen, dass du spielen musst, das meiste nicht mehr zu wissen?“
Lyssa lachte auf, seufzte dann aber tief. „Der König hat diese riesige Lüge darüber, wie er mich gefunden hat, erzählt … und als er weg war, hat Gilead mich lange einfach nur angestarrt.“ Ihre Mundwinkel zuckten wieder. „Dann wollte er wissen, ob dem König eigentlich bewusst ist, was für eine unglaublich schlechte Lügnerin ich bin.“ Lyssa seufzte tief und strich sich die Haare zurück. „Ich habe Gilead gesagt, dass es Dinge gibt, über die ich nicht reden darf. Und ihn gebeten, nicht nachzufragen, was die letzten zweihundert Jahre passiert ist. Das respektiert er. Denn so können wir endlich zusammen sein.“ Obwohl sie lächelte, bildeten sich Tränen in ihren Augen.
Sofort nahm ich ihr Gesicht zwischen meine Hände. „Hei, was ist los?“ Eine Träne kugelte ihre Wange hinunter und ich wischte sie mit dem Daumen weg.
„Ich kann mit ihm nicht darüber reden, was passiert ist. Nicht über mein Mädchen. Über Fenna und die anderen.“
Ich nickte langsam. Meine Hände ließ ich von ihrem Gesicht zu ihren Händen gleiten. „Es tut mir leid, dass ich sie umgebracht habe. Das war gewiss nicht meine Absicht.“ Zwar hatten mich die toten Gesichter noch eine Weile in meinen Träumen verfolgt, aber so richtig, bewusst schuldig, fühlte ich mich dennoch nicht. Wenn es nach meinem Unterbewusstsein ging, so hatten sie versucht, mir meinen Verbundenen zu nehmen, und das rechtfertigte ihren Tod. Dass dem nicht wirklich so war, war mir theoretisch zwar bewusst …
Lyssa lehnte ihre Stirn auf meine Schulter. „Gilead wird noch hier bleiben, bis Sharifa ihre Reife durchlebt hat. Er hat es aktuell nicht eilig, sie zu verheiraten. Aber er braucht eine Aufgabe. Eine Anstellung. Irgendwas, womit er seinen Namen wieder reinwaschen kann.“ Sie seufzte tief.
Ich schreckte auf. „Götter, das habe ich ja ganz vergessen!“ Ich grinste und nahm ihren Kopf wieder in meine Hände, sodass ich ihr in die Augen sehen konnte. „Bei der nächsten Ratssitzung werde ich ihn sofort für unschuldig erklären. Er hat seine Treue mittlerweile mehr als einmal bewiesen.“ Nachdenklich legte ich meine Stirn in Falten. „Aber ich kann ihm die Titel nicht zurückgeben. Denn dann müsste ich ihm auch das Gold der Familie auszahlen und … naja, das ist gerade so ziemlich alles, was wir haben.“
„Gilead meinte, das Gold sei ihm gar nicht so wichtig. Nun, aktuell werden wir vom Schloss versorgt. Also wohl von dem Gold, das die Krone seiner Familie nahm.“ Lyssa zuckte mit den Schultern. „Und ich will nur da sein, wo er ist. Aber genug von mir. Wie geht es dir?“
Was Gilead anbelangte, musste ich mir etwas überlegen. Ich konnte ihn nämlich nicht im Schloss wohnen lassen, wenn er weder unter Beobachtung stand, noch sonst etwas hier zu tun hatte. Und Sharifa würde hier bleiben müssen, denn sie war offiziell gesehen mein Mündel, auch wenn ich nicht sehr viel mit ihr zu tun hatte. Aber dass Lyss sich so sehr an Gilead klammerte, überraschte mich doch.
„Willst du deine Eltern denn gar nicht wieder sehen? Raus in die Welt und sehen, was dir die letzten Jahrhunderte verwehrt geblieben ist?“
„Wieso? Mein Platz ist an der Seite meines Zukünftigen. Natürlich vermisse ich meine Eltern. Gilead hilft mir, ihnen einen Brief zu schreiben. Aber es ist so viel geschehen und doch irgendwie nichts, weil ich angeblich nichts mehr weiß. Das … das macht es kompliziert.“ Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Ich habe doch endlich, was ich so sehr vermissen misst habe! Was interessiert mich die Welt? Bälle? Zusammenkünfte? Es wird jetzt sein, wie vor zweihundert Jahren schon. Nichts, was mich jemals interessiert hätte.“
Ich nickte bloß. Sie hatte ja recht. Ein zu Hause war kein Ort. Es waren Personen. Mein zu Hause befand sich teils im Osten, teils direkt vor mir und zu meinem Bedauern im Zimmer nebenan. Auch wenn ich diesen Teil davon am liebsten entfernt hätte.
„Sag mal …“ Unauffällig versuchte ich anzusprechen, was mich schon länger belastete. „Wie lange Pausen zwischen dem Monatsblut sind am Anfang eigentlich normal?“
„Oh, ich weiß nicht mehr so genau. Ich glaube, als ich das erste Mal meine Blutung bekommen habe, dauerte es ungefähr ein halbes Jahr, bis ich sie das nächste Mal bekommen habe. Aber danach kam sie regelmäßig. Vielleicht mal eine Woche später als sonst. Oder sie fiel mal einen ganzen Monat aus.“
„Also nach dem zweiten Mal relativ regelmäßig …“, murmelte ich leise und versank in Gedanken. Meine letzte Blutung war, wenn ich richtig mitgezählt hatte, jetzt schon viereinhalb Monate her. Es war die Zweite gewesen. Dann müsste das doch jetzt eigentlich regelmäßig sein?!
Der Nachmittag zog vorbei, doch meine Laune blieb nachdenklich. Lyssa war bereits vor Stunden wieder gegangen. Es war schön, dass sie sich vor Gilead nicht verstellen musste. Vermutlich hatte er aber schon eine Ahnung davon, wo sie gewesen war. Immerhin hatte ich ihm, so meinte ich, einst vom Harem erzählt.
Ich seufzte. Mein Blick war auf die Dokumente vor mir gerichtet, aber ich konnte keine Konzentration dafür aufbringen. Schließlich stand ich auf und stellte mich in meinem Gemach seitlich vor den Ganzkörperspiegel. Sanft strich ich mit meiner linken Hand über meinen Bauch. Wäre es wirklich möglich? Aber wann? Wie?
Mein Bauch war komplett flach. Die kleine Wölbung an meinem unteren Bauch, die ich direkt nach meiner Reife noch gehabt hatte, war weg. Ich hatte mir damals wohl ein kleines Polster angefressen. Oder es hatte irgendeinen anderen Grund, wieso ich dort plötzlich etwas runder gewesen war. Aber jetzt, wo ich wieder weniger aß, als ich es eigentlich sollte, war mein Bauch vollkommen flach. Eigentlich eher nach innen gedellt.
Kopfschüttelnd ging ich zurück an meinen Schreibtisch. „Das würde man doch noch gar nicht sehen …“, brummte ich. Schwangerschaften … sah man bei Vampiren erst nach etwas mehr als einem Jahr. Also nach dem ersten Drittel der Schwangerschaft.
Motivationslos griff ich nach dem nächsten Brief, öffnete ihn und las. Ein Bittstellungsgesuch. Es handelte sich um eine Streiterei, welchem Nachbar die Tränke mitten auf dem Feld gehörte, auf dem ihrer beider Tiere grasten. Stöhnend ließ ich meinen Kopf auf die Tischfläche klatschen. Ich hatte verdammt nochmal Besseres zu tun als … so etwas!
Noch immer wusste ich nicht, welche Aufgabe ich Gilead zuordnen sollte. Und wenn ich ehrlich war, dann musste ich mit ihm reden. Diese Situation klären. Es würde mich überraschen, hätte er noch nicht gemerkt, dass ich ihm aus dem Weg ging.
Noch einmal schlug ich meinen Kopf stöhnend auf die Schreiboberfläche. Einfach, weil es so schön befriedigend war. Vielleicht schlief dabei sogar der Teil meines Gehirns ein, welcher fürs Denken zuständig war.
Für den nächsten Tag hatte ich eine Ratssitzung einberufen. Gilead hatte ich auch eingeladen – der König war anstandshalber informiert. Wobei ich bezweifelte, dass er den Diener heute aussprechen ließ. Vielleicht sollte ich Targes wieder um Schwertkampftraining bitten? Cyrus würde es wohl kaum stören. Den störte sowieso kaum mehr etwas.
Sehr zu meiner Überraschung war jedoch Cyrus schon da, als ich eintrat. Er zog mir sogar den Stuhl heraus. Auch stank er nicht nach Alkohol, und wenn … dann nur ganz leicht.
Sein Blick ging zu Gilead, danach sah er mich auffordernd an.
Ich räusperte mich, zugegebenermaßen irritiert von seiner Anwesenheit. „Ich habe heute Gilead Seibling eingeladen. Vergangene Handlungen haben mir gezeigt, dass seine Treue unumstritten ist. Er ist frei von jedem Verdacht, gegen das Königshaus zu interagieren oder dieses Bestreben zu hegen. Entsprechend ist er ein freier Mann und wird nicht mehr überwacht. Außerdem darf er das Schloss verlassen, sei es denn sein Wunsch.“
Gilead erhob sich. „Majestät …“ Er stockte und sah mich mit einer Mischung aus Schmerz und Überraschung an. „Danke“, brachte er hervor und setzte sich wieder. Sein Blick wanderte zum König, der zustimmend nickte. „Aber …“, fing Gilead an. „Warum jetzt?“
„Weil Ihre Majestät und ich verreisen werden“, entgegnete Cyrus, als habe er von meinen Plänen bezüglich Gilead gewusst.
„Wie bitte?“ Ruckartig drehte ich mich zu meinem Gemahl und schaute direkt in eben diese Augen, die ich seit meinem Eintreten in den Beratungssaal versucht hatte zu meiden.
„Meine Cousine benötigt umgehend Hilfe. Wir reisen daher heute noch ab. Die Kutschen werden gerade beladen. Wenn wir also schnell zum nächsten Punkt kommen könnten?“
Ich kniff die Augen zusammen. „Das besprechen wir später“, entschied ich und wandte mich wieder dem Rat zu. „Ich wollte Seibling des Weiteren anbieten, das Amt seines Vaters zu übernehmen. Vorerst inoffiziell.“ Mein Blick suchte Gileads, der noch immer irgendwie verletzt schien. „Und außerdem, solltet Ihr das wollten, Seibling, dann würde ich Euch gerne zum Verantwortlichen für Vorhaben, welche Bildung und Wissen betreffen, machen. Für Mensch und Vampir. Kinder müssen rechnen und schreiben lernen, wenn wir unser Land voranbringen wollen.“
Gileads Augen wurden größer, aber er nickte knapp. „Ja. Sehr gerne sogar. Ich … äh, ich werde ein paar Pläne ausarbeiten und vorzeigen, sobald Ihre Majestäten wieder zurück sind.“
„Einverstanden“, entgegnete der König und wandte sich dann nach links an seine beiden Berater. „Helft Seibling bitte, wenn er darum bittet. Im Übrigen möchte ich euch beiden während meiner Abwesenheit das Zepter überlassen. Zusammen mit den Ministern werdet Ihr weiter machen, als wären meine Gattin und ich zugegen.“
„Ob wir gehen, klären wir noch!“, zischte ich, denn das mit Darleen war eine Ausrede. Niemals hätte sie ihn eingeladen, wo sie doch meine Freundinnen vor ihm versteckt hielt. „Und sollten wir gehen, haben wir fünf Leute im Rat. Also wird durch Abstimmungen regiert.“ Ich stand auf und packte Cyrus am Arm. „Ihr entschuldigt uns kurz? Macht ruhig schon weiter.“
Cyrus verließ mit mir den Saal durch eine schmale Nebentür, mit der wir direkt in einen kleinen Besprechungsraum kamen. Er zog mich mit hindurch und schloss die Tür direkt hinter mir wieder. „Hör auf, so ein Drama zu machen, Nay. Wie wirkt das denn jetzt?“
„Ja, das wollte ich dich auch fragen!“ Genervt hob ich meine Hände. „Wie wirkt das denn? Der König säuft sich wochenlang voll und lässt mich alles machen, nur um mich dann mit Lügenmärchen über einen Notfall im Osten und einer völlig ungeplanten, hirnrissigen Reise zu überrumpeln?“ Das erste Mal überhaupt glitt mein Blick an seinem Körper hoch und runter. Er sah nicht gut aus. „Cyrus, du bist krank. Und abgemagert. Du musst dich auskurieren.“ Ich konnte nicht anders. Ich machte mir Sorgen.
„Du siehst selbst nicht besser aus! Aber nach dieser Reise wird es uns beiden besser gehen.“ Er straffte sich. „Ich erkläre dir alles unterwegs.“
„Was? Und wo willst du überhaupt hin?“
„Wände haben Ohren, Nay. Ich berichte dir alles, wenn wir in der Kutsche sind.“ Ohne ein weiteres Wort öffnete er wieder die Tür zum Ratssaal. „Entschuldigt die Unterbrechung. Fahren wir bitte fort.“
























































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