Kapitel 37 – Die Fürstin des Südens
Kapitel 37 – Die Fürstin des Südens
Aurelie
„Göttin, gib mir deine Kraft, leih mir deine Macht, ich flehe noch ein letztes Mal,
Lass mich nicht im Stich, ich, die ich an dich glaube, mir deiner Existenz sicher bin,
Göttin, lass mein Kind nicht seines sein, gib mir die Macht, uns zu befreien,
Nur ein letztes Mal, ich flehe demütigst, zeig mir den Weg hinaus ins Licht,
Lass mich nicht fallen, hilf mir wieder auf, ehrfürchtig sehe ich heut zu dir auf.
Vergib mir meine Schuld, verzeih mir meine Ungeduld, hab Erbarmen, und wenn nur dem Kinde wegen.“
Der Hohepriester war gegangen. Vor Stunden, oder Tagen? Ich hatte eine Ewigkeit dagesessen und gebetet. Mittlerweile lag ich, denn Erschöpfung hatte meinen Willen, zu sitzen, übertrumpft. Der Hunger fraß mir ein Loch in den Magen.
Die Tür öffnete sich knarzend. Schritte kamen die Treppe herunter und ein Tablett wurde neben der Zelle abgestellt. Ich roch Blut. Gebratenes Fleisch, Gewürze und Gemüse. Müde hob ich meinen Kopf und blinzelte. Schwaches Licht schien durch die offene Tür und peinigte meine Augen. Der Mann beachtete mich nicht weiter und ging wieder. Zurück blieb nur grenzenlose Dunkelheit.
Ich aß. Wenn ich wieder zu essen bekam, mussten zwei Tage vergangen sein, so hatte es der Hohepriester angekündigt. Nach dem Mal lehnte ich mich an die Eisenstangen und betete, flehte weiter, bis mein Mund staubtrocken und meine Kehle rau waren. „Hilf mir …“, flüsterte ich immer und immer wieder. Was konnte ich noch anderes tun, als beten und die Göttin um Gnade anzuflehen? So grausam sie auch sein mochte, sie war meine einzige Chance. Stolz hatte ich längst keinen mehr, es gab nichts mehr, was man mir noch hätte nehmen können, außer mein Leben. Mein Kind. Und meine Liebe.
Tage zogen ins Land. Immer wieder wurde ich geblendet. Mehr als je zuvor war ich verwirrt. Wieso konnte ich geblendet werden, wenn ich doch blind war? Konnte ich wieder sehen? Vielleicht … Schatten, Silhouetten? Hatte die Göttin mich erhört? Und wenn ja, mit welchem Ziel? Sie war niemand, der anderen uneigennützig einen Gefallen erwies.
Der Verdacht festigte sich mit jedem Tag mehr. Wo ich anfangs ausschließlich Licht und Dunkelheit sehen konnte, wurden Konturen langsam schärfer und die Bewegungen der Männer, die mir das Essen brachten, klarer, deutlicher. Ich blinzelte. War hier Licht im Raum? Das musste es eigentlich. Als die Fürstin hier gewesen war, hatte sie mich gesehen. Sie war fähig gewesen, mich zu sehen. Also gab es im Raum hier Licht!
Weitere Tage zogen ins Land. Der Prozess war langwierig und anstrengend. Die helle Flut, die jeweils mit dem Öffnen der Tür hier hineingespült wurde, ließ meine Augen brennen und meinen Kopf vor Überforderung pochen. All die Tage hindurch, seit meiner Gefangenschaft, und mittlerweile seit mehr als zwei Jahren begleitete mich zudem der aufgeregte Herzschlag meines Kindes. Das Leben unter meinem Herzen war eine Konstante, die mir Kraft verlieh. Außerdem wurde mir wärmer. Es vergingen Wochen, bis ich bemerkte, dass mir nicht mehr kalt war. Hatte ich sonst die ganze Zeit immerzu gefroren, wärmte mich nun mein Innerstes, schützend vor der kalten Umgebung.
Und als all diese Erkenntnisse über mich hereinbrachen, brach ich auf dem Boden zusammen und lobte das augenlichtraubende Miststück in den Himmel.
Mein Verhalten hatte scheinbar Aufmerksamkeit auf sich gezogen, denn wenig später stand der Hohepriester vor mir, ein hässliches Grinsen im Gesicht. Ein Grinsen, welches ich sehen konnte, wenn auch noch verschwommen.
„Du fühlst dich offensichtlich wohl, so wie du lächelst.“ Er ging neben dem Käfig in die Hocke. Sein Blick blieb an meinem Bauch hängen. „Ich werde dich töten, während du das Kind aus deinem Körper presst. Du wirst es nie sehen. Wirst es nie hören.“
Er hatte recht. Ich trug ein Lächeln auf meinen Lippen. Es hatte etwas Wahnsinniges. Etwas Makaberes, wenn man meine Gedanken mit ins Spiel brachte. „Du wirst sterben“, sprach ich rau, doch ruhig. „Du bist alt. Schwach. Größenwahnsinnig. Und hast einen unglaublich großen Fehler begangen.“
„Seit Jahrhunderten greife ich schon nach der Macht. Die unehelichen Kinder von Alaric hätte ich in meine Obhut genommen, aber Cyrus musste sie ja töten. Deswegen haben die Götter mir ein neues Kind geschenkt. Diesmal wird es ein Sohn sein! Frauen sind schwach. Einzig dafür da, um unsere Frucht zu gebären. Sie gehören nicht auf einen Thron!“
„Schwach. Ignis-Robur ist weiblich. Hältst du sie für schwach?“, fragte ich leise.
„Alle Frauen sind schwach. Egal ob Mensch, Vampir oder Gott. Wäre Ignis-Robur männlich, dann hätten deine Vorfahren sie niemals töten können!“
Ich kicherte leise, hob den Blick und sah ihm direkt in die Augen. „Ich wiederum habe ihr zu neuer Macht verholfen, sie ausgebrütet und ihr somit das Leben geschenkt.“ Mein Körper flutete sich mit Hitze, meine Augen begannen spürbar zu glühen und meiner Stimme wohnte eine Macht inne, die die Wände zum Erzittern brachte. „Und sie hat sich bedankt!“
Feuer brach aus mir heraus, bahnte sich tanzend einen Weg zu dem alten Vampir hin und fasste Fuß. Sein Gewand, seine Haut – alles stand in Flammen. Die Schreie, die seiner Kehle entwichen, waren gellend, und meine Genugtuung unbeschreiblich. Doch bald schon wurde die Vorstellung zu einem einzigen Trauerspiel, das Leben hatte der alte Mann schnell ausgehaucht, und so gab es für mich keinen Grund mehr, länger dabei zuzusehen, wie die Reste seines Körpers verbrannten und verkohlten. Ich umfasste die Eisenstangen und leitete das Feuer in meine Hände. Es dauerte nicht lange, da spürte ich die Auswirkungen der langen Gefangenschaft: Die Müdigkeit, die fehlende Ausdauer, und zu allem Übel war ich schwanger, ohne Hilfe oder Schutz. Mir ging es nicht gut. Und doch konnte ich es mir nicht leisten, jetzt nachzugeben!
Mit einem brachialen Schrei schaffte ich es, die beiden Stäbe auseinanderzureißen. Dank meines Bauchs musste noch ein Dritter dran glauben. Dann stand ich schwer keuchend vor der vereinzelt noch brennenden Leiche des ehemaligen geistlichen Wahnsinnigen. Ich nahm mir die Zeit und spuckte auf ihn nieder. Verachtend zischte ich: „Mögest du brennen, bis die Sonne im Westen auf- und im Osten untergeht!“
Ich wagte mich hinaus auf die Gänge. Ich war noch nie im Süden gewesen. Mit verschwommener Sicht bahnte ich mir einen Weg durch die schier endlosen Flure. Und wenn ich barfuß bis zu Kathias Hof laufen musste. Dann würde ich es tun!
Schwer schnaufend stützte ich mich an einer Wand ab; eine Hand stützte instinktiv meinen Bauch. Doch meine kurze Atempause wurde schnell unterbrochen. Schritte näherten sich, zackig, schlecht gelaunt, energisch … ich musste weiter. Weg! Einem Kampf hatte ich nichts entgegenzusetzen!
Ich bog um eine Ecke, weg von den Schritten. Nur einen Moment gönnte ich mir und warf einen Blick zurück. Da war niemand, den Göttern sei Dank. Ich ging weiter, doch plötzlich öffnete sich zu meiner Linken eine Tür. Beinahe wäre ich mit jemandem zusammengeprallt.
„Majestät…! Wie …?“ Die Fürstin stockte und sah sich nach allen Seiten um. Dann zog sie mich kurzerhand in den Raum, aus dem sie gerade gekommen war.
Das Bild einer gemütlichen Stube bildete sich vor meinen Augen ab. Eine Spindel in der Ecke, Webbretter lagen bereit oder waren bespannt. Die Tür fiel ins Schloss. Schnell riss ich mich los. „Lasst mich!“, zischte ich und stolperte einen Schritt zurück.
„Was ist passiert? Euch haftet der Geruch von Verbranntem an.“ Die Fürstin des Südens ging in eine Ecke und zog einen Weidenkorb hervor, aus dem sie mehrere gestrickte Tücher holte. Eines in Blau und Grün behielt sie und kam zurück.
„Hab den Hohepriester geröstet.“
Die Fürstin legte mir das Tuch um die Schultern. Als meine Worte sie erreichten, riss sie die Augen weit auf und starrte mich ungläubig an. „Wie bitte?“ Aber anstatt zurückzuweichen, schüttelte sie den Kopf und zupfte an dem Tuch.
„Geröstet, verbrannt, mittlerweile wohl verkohlt. Er hat sich selbst zum Gott erklärt, das hat Ignis-Robur vermutlich nicht so toll gefunden.“ Was sollte ich mit diesen verdammten Stoffen? „Adeline, ich muss hier weg! Und entweder helft Ihr mir, oder ich lasse keine Gnade walten! Niemand bekommt mein Kind!“
„Ich… Ihr seid ganz dreckig. Das Kleid ist zerschlissen …“ Ihr Blick glitt suchend durch das Zimmer. „Ich bat immer wieder darum, Euch gehen zu lassen. Ich diskutierte mit meinem Mann, flehte den Hohepriester an und bat sogar seine Tochter, nicht so mit Euch umzugehen! Aber…“ Sie stockte und rang sichtbar um Fassung. „Ich bringe Euch hier weg. Aber so fallt Ihr auf! Ihr braucht ein Pferd. Zu Fuß dauert es Monate, bis Ihr im Goldenen Reich seid. Selbst mit einem Pferd sind es zwei, drei Wochen. Und Ihr wisst ja gar nicht, wo entlang …!“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich begleite Euch!“
„Nein. Ihr braucht mich nicht zu begleiten. Ich frage nach dem Weg. Ich werde es schaffen. Meine Augen funktionieren wieder … zu Teilen zumindest, außerdem wäre Euer Verschwinden zu auffällig.“ Ich hatte keine Zeit, keine Energie, mich hier neu einkleiden zu lassen. Immerhin konnte ich reiten. „Gebt mir Hose und Hemd. Ein Pferd. Dann bin ich weg.“
Mit großen Augen sah die großgewachsene Frau zu mir hinab. Ihre Lippen zitterten, ihre Haut schien blass. „Dann wartet hier bitte einen Moment! Ich packe Euch schnell etwas ein!“ Die Fürstin lief los.
Seufzend suchte ich mir einen Platz zum Sitzen. Ich sollte weiter. Zum Ausruhen blieb keine Zeit! Doch mein Körper streikte.
Eine halbe Stunde später kam sie wieder. Adeline hatte eine große Umhängetasche dabei und lächelte zufrieden. „Hose, zwei Hemden, aber leider keine Schuhe. Dafür habe ich noch Brot und etwas Wurst eingepackt. Und eine Decke!“ Sie reichte mir die Tasche, spähte in den Flur hinein und nickte mir zu. Ihre Wangen glühten rot und dennoch sah sie glücklich aus. Sie wirkte wie ein kleines Kind, das mir alles rechtmachen wollte.
Sie ging vor, ich folgte. So kamen wir unbemerkt aus dem Schloss und eilten auf den Stall zu. Ein Pferd war bereits gesattelt und angebunden. „Soll ich Euch noch etwas begleiten und Euch den Weg nach Norden zeigen?“
Ich schüttelte den Kopf, mein Blick glitt über die weite Landschaft, die sich hinter dem Stall befand. Ähnlich wie im Osten befand sich das Schloss des Südens nicht inmitten einer Stadt, sondern auf einem Hügel, einsam gelegen und mit unglaublichem Ausblick auf das Land rundherum. Welche Jahreszeit hatten wir? Wie lange war ich eingesperrt gewesen? Wie lange hatte ich noch, bis zur Geburt? Der Geruch von Blumen schwängerte die Luft und ließ mich tief ein- und ausatmen. Müde lächelnd hievte ich mich breitbeinig – mit etwas Hilfe der Herzogin – auf das braun gescheckte Pferd. Und auf einmal kam Sorge um sie auf. Sie hatte mir doch geholfen …? Sie hätte mich auch verraten können. „Wird Euer Gatte Euch nicht zürnen?“
Sie zwang sich ein mattes Lächeln aufs Gesicht. „Sicher wird er das. Aber er wird mir nichts tun. Sollte er überhaupt je von meinem Verrat an seinen Plänen erfahren.“ Sachte legte sie ihre Hand auf meinen Bauch. „Ihr habt recht. Es ist Euer Kind. Und ein alter Mann, der sein Leben gelebt hat, hat ganz sicher nicht mehr zu entscheiden, was damit passiert.“
Ich presste meine Lippen zusammen und nickte stoisch. „Dann ist dies der Abschied.“
„Bis man sich auf verfeindeten Seiten wiedersieht.“
Ich gab dem Pferd die Sporen. Nach wenigen Metern wagte ich einen Blick zurück, riss die Augen auf, brachte aber keinen Ton heraus. Jede Luft war meinen Lungen entwichen, jedes Wort meinem Verstand entfallen. Fürstin Adeline sah mir nach, die Augen stumpf und leblos. Blut sprudelte nur so aus ihrem Hals, färbte alles in ihrer Umgebung in tiefes Rot. Hände, die ihren erschlaffenden Körper gehalten hatten, ließen von ihr ab. Und das Gesicht, das dahinter zum Vorschein kam … es kam mir bekannt vor. Ich kannte diese Frau! Aber mein Augenlicht war zu schlecht und die Entfernung zu weit, als dass ich mir sicher sein konnte. Atemlos zwang ich meinen Blick nach vorn. Dem Pferd gab ich die Sporen, trieb es an, schneller und schneller. Ich musste hier weg. Musste mein Kind in Sicherheit bringen! Ich wollte … nach Hause.




























































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