Kapitel 38 – Einladung in den Süden
Kapitel 38 – Einladung in den Süden
Cyrus
Mehrere Wochen vergingen, in denen ich unaufhaltsam nach Nayara suchen ließ. In den Norden, Osten, Süden – und selbst in den Westen sandte ich Männer aus. Vielleicht wurde Nayara in den Bergen versteckt. Aber bisher hatte es keine Spur von ihr gegeben. Die Fürstentümer waren groß, und nicht immer wusste ein Fürst, was in seinem Reich geschah. Ich selbst ritt im Goldenen Reich in jede Stadt, in jedes Dorf und in jede noch so kleine Siedlung. Immer wieder war ich einige Tage unterwegs und hoffte, sie zu spüren. Hoffte darauf, dass ich diesen sanften Zug zu ihr spüren würde. Aber die Suche brachte keine Ergebnisse. Stattdessen hatte ich in anderen Bereichen viel geschafft. Obwohl in allen Fürstentümern die Ernten etwas knapper ausgefallen war, unterstützten sie das Goldene Reich mit Getreide und anderen Erträgen aus der Landwirtschaft. Es gab wieder Gemüse und Obst. Dieses Jahr versprach eine üppige Ernte. Das Land hatte sich erholt und Menschen besaßen die Eigenschaft, nach jedem Tiefschlag wieder aufzustehen.
Einer meiner ersten Ausritte führte mich in das Gebäude, in welchem Ignis-Robur und später auch Vide-Ludoris erschienen waren. Doch das Beten hatte ich aufgegeben. Nayara hatte den Raum mit den Plattformen als Heiligtum bezeichnet. Und nachdem ich in den letzten Wochen einige Male dort gewesen war, und dennoch keine Hinweise auf ihren Verbleib hatte finden können, hatte ich beschlossen, das Gebäude allen zugänglich zu machen. Obwohl ich Lofa nicht vertrauen konnte, hatte ich ihn mit dem Projekt beauftragt, das Heiligtum sowie das Gebäude darum zu renovieren. So konnte er auch nicht mehr im Schloss spionieren – selbst wenn er dies vehement abgestritten hatte. Zu meinem Leidwesen konnte ich ihn als Priester weder umbringen noch ewig einsperren. Immerhin unterstand er den Göttern. Nicht mir.
Auch mein heutiger Ausritt war erfolglos. Es dämmerte bereits, als ich in den Schlosshof ritt und auf die Ställe zusteuerte. Etwa zeitgleich traten zwei Frauen auf den Weg, der vom Schloss direkt zum Wald führte. Mein Herz schlug einen Moment höher, als ich die blonden Haare sah, erkannte jedoch sofort, dass dies Aurillia und nicht Nayara war. Meine Hoffnung ebbte ab. Doch ihr Gesichtsausdruck ließ Erleichterung in mir aufkommen.
Zum ersten Mal seit ihrer Verwandlung in eine Grigoroi, sah ich das Mädchen lächeln. Sie war in Begleitung von Irina und unterhielt sich angeregt. Noch hatten sie mich nicht bemerkt. Mein Geruch wurde von dem des Pferdes überlagert.
Und genau in dem Moment drehte Aurillia leicht ihren Kopf und sah mich an. Ihr Lächeln ebbte ab, während sie zügig auf mich zukam. „Wieder nichts?“
„Nein.“ Ich stieg vom Pferd und nahm die Zügel locker in die Hand, damit das Pferd grasen konnte. „Du bist oft mit Irina unterwegs.“ Mein Blick wanderte zu der rothaarigen Schönheit. Das körperliche Verlangen ließ meine Hose eng werden.
„Guten Tag, Cyrus.“ Irina neigte den Kopf.
Aurillia schnaubte. „Ich weiß mittlerweile, was körperliche Gelüste sind! Und ihr beide stinkt danach! Nehmt euch ein Zimmer!“ Damit drehte sie ab, blieb dann aber stehen und wandte sich mir zu. Ein trauriger Schleier hatte sich über ihre Augen gelegt. „Sie würde dir deswegen nicht zürnen. Keinem von euch.“ Damit drehte sie sich wieder um und lief in Richtung Schloss.
Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Ich knurrte leise, genervt über meinen eigenen körperlichen Zustand. „Ist sie nicht zu jung, um das zu wissen?“
Irina biss sich unbehaglich auf der Unterlippe herum. „Nein …, es hat sie genauso erwischt wie uns andere. Sie … geht auf ihre Weise damit um. Wie du siehst.“
„Das hätte nie passieren dürfen. Und ich kann Lofa nicht mal einen Kopf kürzer machen, weil er ein verdammter Priester ist!“ Aber den Hohepriester würde ich töten. Da wäre es mir egal, ob ich den Zorn der Götter auf mich zöge. Das nähme ich gerne in Kauf!
„Stimmt“, murmelte Irina. „Aber sie ist ein starkes Mädchen. Wenn sie ihre Kräfte erst richtig unter Kontrolle hat, wird sie unschlagbar. Timm hat sie schon um den Finger gewickelt. Er lehrt sie das Kämpfen und sie ist gut.“ Seufzend kratzte sie sich am Nacken. „Die Verwandlung hat sie … entschlossener gemacht. Sie will niemandem mehr unterlegen sein. Und schon gar nicht ihrer Lust, also kämpft sie dagegen an, klopft Sprüche. Und gesellt sich zu mir, Timm und Galderon, wenn sie es nicht mehr aushält.“
„Und ihr Freund? Leonard?“ Augenblicklich kamen mir seine Eltern in den Sinn, die uns und auch die anderen so herzlich aufgenommen hatten. Gilead, Lyssa und Sharifa waren mittlerweile in das alte Anwesen der Seiblings gezogen. Er arbeitete immer noch als Minister für mich, kommunizierte aber zumeist über den Briefweg. Es lastete schwer auf ihm, dass er Aurillia und Nayara nicht aufgehalten hatte. Und ich war schwach und erbärmlich genug, es ihm regelmäßig an den Kopf zu werfen.
„Hat sich von ihr distanziert. Oder sie sich von ihm. So genau weiß das keiner.“ Irina deutete auf die Beule in meiner Hose. „Möchtest du? Ich weiß, du lebst seit Monaten abstinent. Das tut dir nicht gut.“
„Beziehungen zwischen Menschen und Grigoroi funktionieren leider nicht. Auch zwischen Vampiren und Menschen ist es mehr als kompliziert.“ Mein Blick wanderte kurz etwas tiefer. Ohne überhaupt darüber nachzudenken, schüttelte ich den Kopf. „Nur mit ihr. Alles andere fühlt sich einfach falsch an.“
Sie nickte, schien aber nicht im Geringsten enttäuscht zu sein. „Und … wie geht es weiter? Spürst … du sie noch?“ Was sie eigentlich wissen wollte, war, ob ich nicht viel eher ihren Tod gespürt hatte.
„Ich spüre nichts … Was immerhin bedeutet, dass sie noch lebt. Denn ihren Tod würde ich spüren, selbst wenn sie am anderen Ende der Welt…“ Ich schluckte und legte Daumen, sowie Zeigefinger an meinen Nasenrücken. Es war schwer, über sie zu reden. Schwerer, als bloß an sie zu denken. „Sie lebt“, wiederholte ich.
Irina nickte. Doch weitere Worte blieben aus. Nayara war schon mehrere Monate verschwunden. Und die Versuche, mich aufzumuntern, die Versprechen, dass wir sie schon wiederfinden würden, waren immer weniger geworden, bis es schließlich nur noch einer höflichen Floskel glich. So auch Aurillias Frage ganz zuvor. Ob ich sie gefunden hätte, Neuigkeiten mit mir gebracht hätte. Niemand erwartete mehr eine positive Antwort auf diese Fragen. Meine Grigoroi unterstützten mich, hielten mich gleichzeitig aber auch für ein bisschen verrückt. Ich erkannte es in ihren Augen, jedes Mal, wenn mich der Wunsch nach Nayaras Nähe überkam und ich ihm auf dem Pferd hinterherjagte. Sie war nicht hier. Ich würde es doch spüren, wäre sie irgendwo hier. Und doch versuchte ich es immer wieder, immerzu, unerbittlich hielt ich daran fest. Sie konnte nicht tot sein, das hätte ich gespürt!
Ich regierte dieses Königreich, schloss neue Bündnisse und Handelsverträge. Feste und Bälle wurden gefeiert, aber ich lehnte jede Einladung ab. Jeden Morgen sah ich sehnsüchtig aus dem Fenster. Manchmal plante ich, Möbel für das Kind anfertigen zu lassen, verwarf den Gedanken jedoch wieder. Was, wenn sie es verloren hatte?
Die Ungewissheit machte mich schier wahnsinnig, und dennoch musste ich jeden Tag aufs Neue alles geben, um dieses Reich zu regieren. Hin und wieder erwischte ich mich dabei, den Schmerz in Alkohol ertränken zu wollen. In diesen Momenten sah ich Nayara, wie sie wütend und mit erhobenem Zeigefinger vor mir stand und mir sagte, mein But würde abscheulich schmecken.
„Du fehlst…“
Meine Spione fanden keine Spur von ihr. Sie war nicht in den Bergen im Westen. Sie war nicht im Goldenen Reich. Und so ertappte ich mich dabei, dass ich immer wieder zum Süden hin sah. Natürlich hätte der Hohepriester sie auch im Norden oder in meiner alten Heimat im Osten verstecken können. Es wäre sogar ziemlich dreist von ihm. Aber so viel Mumm traute ich ihm nicht zu.
Ein weiterer Brief erreichte mich, in dem stand, dass die Suche im Westen erfolglos gewesen war. Timmok, der noch in meinem Arbeitszimmer stand, versuchte mir, trotz der schlechten Nachrichten, Mut zu machen. „Sie lebt, Cyrus.“
Mit leblosen Augen sah ich zu ihm auf. „Aber wo ist sie? Die Königin kann doch nicht einfach spurlos verschwinden! Sie ist die Königin! Und noch dazu schwanger!“ Hoffentlich. Oder hatte sie das Kind bereits zur Welt gebracht? Allein? Unter widrigsten Umständen? Jeden Tag malte ich mir schlimmere Szenarien aus.
„Wir haben eine Nachricht aus dem Süden erhalten“, merkte er an und hielt mir einen weiteren Brief hin, den er bisher zurückgehalten hatte.
„Aus dem Süden?“ Verwundert legte ich die Stirn in Falten. Vor einigen Wochen hatte ich Fürst Kretos aus dem Norden einen Brief geschrieben und darum gebeten, dass er mir helfen möge, Nayara zu finden. War er aktuell im Süden unterwegs? Warum war er nicht vorbeigekommen? „Gib her, den Brief.“ Kaum hatte ich den Brief in der Hand, öffnete ich das Siegel. Ein Brief … von Fürst Andyr. Meine Augen huschten über die Zeilen, aber es fiel mir schwer, mich auf die Worte zu konzentrieren. Ich brauchte drei Anläufe, bis ich den Inhalt erfasst hatte.
„Und? Was schreibt er?“
„Fürstin Adeline ist verstorben. Der Fürst bittet darum, dass wir bei der Trauerbekundung dabei sind.“
„Wir? Ist denn im Süden noch nicht angekommen, dass die Königin vermisst wird?“
„Besser, sie wissen nichts“, erwiderte ich müde und warf den Brief auf den Tisch. „Wer weiß, was sonst für Gerüchte aus dem Süden her kommen. Mir reichen schon die Gerüchte, die hier im Goldenen Reich kursieren. Ich wäre wahnsinnig. Körperlich kränklich. Hätte Nay umgebracht …“
„Sie wissen nicht, was sie da sagen, Cyrus“, beschwichtigte Timm. „Wann ist die Trauerbekundung?“
„In vier Wochen. Wohl damit auch Kretos Zeit hat, um anzureisen.“
„Offenbar standen sich der Fürst und die Fürstin nicht besonders nahe“, mutmaßte mein Grigoroi und blickte nachdenklich auf den Tisch, auf dem der Brief lag.
„Je höher der Rang, je unwahrscheinlicher ist es, dass die Verbundenen sich lieben.“
„Trotz Blutschwur?“
Ich hob die Schultern. „Nicht jede Bindung ist so stark wie unsere. Nay und ich hatten anfangs immerhin auch nicht die besten Zeiten. Es liegt an den Vampiren, was sie daraus machen.“
Timmok schwieg. Nur das Knistern des Feuers im Kamin durchbrach die vollkommene Stille. Bis er doch wieder das Wort an mich richtete. „Wirst du hingehen?“
„Ich muss. Aber es ist noch Zeit, bis wir aufbrechen. Vermutlich nehme ich Galderon und Irina mit. Achtest du auf Aurillia?“ Obwohl sie nun stärker war als ein Mensch, machte ich mir immer noch Sorgen um das Mädchen.
„Unserem Zuwachs wird es an nichts fehlen“, versprach er. „Und um deinen großen Stuhl kümmere ich mich auch, so lange du weg bist.“




























































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