Kapitel 39 – Eine Reise durch Regen und Blut
Kapitel 39 – Eine Reise durch Regen und Blut
Aurelie
Gerne hätte ich behauptet, ich wäre unermüdlich dabei gewesen, meinen Weg nach Hause zu bestreiten, hätte das Pferd an seine Grenzen getrieben und kaum eine Rast eingelegt – doch das wäre gelogen. Nach wenigen Stunden brannten meine Schenkel, mein Rücken schmerzte und meinem Bauch ging es alles andere als gut. War bei meiner Flucht der Morgen angebrochen, so war es jetzt Mittag. Entkräftet rutschte ich vom Pferd, kam unsanft auf dem Boden auf und hatte gerade noch genug Verstand, das Tier an einen der nahen Bäume zu binden.
Mich plagte der Schwindel, und das schon eine ganze Weile. Da stand ich, krallte mich am Baum fest, an den ich auch das Pferd gebunden hatte, und versuchte, wieder ein klares Bild vor Augen zu bekommen. Alles war schwarz, mein Gleichgewicht hatte sich klammheimlich verabschiedet und aufrecht stehenzubleiben glich einem Ding der Unmöglichkeit. Ich verlor den Kampf. Meine Beine gaben nach; hart kam ich auf dem trockenen Waldboden auf. Das Pferd wieherte, meine Augen flatterten und meine Arme hatten sich fest um meinen Bauch gelegt. Und während meine Welt immer dunkler wurde, schlichen sich Bilder vor mein inneres Auge. Adeline, die Fürstin des Südens, ermordet, weil sie mir geholfen hatte. Dahinter eine Gestalt, deren Identität ich mir nicht sicher war.
Eine feuchte Zunge, die an meinem Ohr herumspielte, holte mich aus dem Schlaf. Augenblicklich machte sich Panik in mir breit. Wie hatte ich so nachlässig sein können?! Ich war noch nicht einmal wirklich weit vom Schloss des Südens weg! Und ich hatte keine Ahnung, wo ich überhaupt hin geritten war! Alles in mir hatte danach geschrien, zu fliehen. Und ich war geflohen, hatte das Pferd angetrieben … und nun saß ich hier. Mitten in einem Wald. Meine Sicht war noch immer unscharf und meine Augen vom Schlaf verklebt.
Im Gebüsch knackte es leise, sodass ich ängstlich zusammenzuckte. Ein Häschen sprang daraus hervor und schnupperte interessiert in meine Richtung, ehe es sich abwandte und wieder verschwand.
Erleichtert atmete ich aus. Mit meinen Händen rieb ich mir die Augen aus. Noch eine ganze Weile blieb ich so sitzen. Es dauerte, bis ich begriffen hatte, dass ich den Käfig hinter mir gelassen hatte. Der Hohepriester war tot. Niemand würde meinem Kind mehr zu nahe kommen. Aber ich war noch nicht sicher. Ich musste nach Hause. Ich wollte die starken Arme meines Gemahls um meinen Körper spüren! Ich wollte mich in Sicherheit wiegen und mich eintausendfach auf Knien bei ihm entschuldigen. Wenn er noch lebte. Wenn er noch auf dieser Erde wandelte. Wenn er mich überhaupt noch wollte.
Ich fühlte mich beschmutzter als je zuvor. Ich hatte mich von fremden Männern nehmen lassen. Mein Körper hatte dabei sogar ein Mindestmaß an Lust empfunden. Doch die Erinnerung daran ließ mich nur grenzenlosen Ekel empfinden. Dass ich es getan hatte, um etwas zu essen zu bekommen, um zu überleben, das interessierte die Scham nicht, die ihre Krallen in mich schlug.
Ich bestritt die folgenden zwei Tage mehr schlecht als recht. Es gab Zeiten, da saß ich auf dem Pferd, und andere, da schlief ich. Diese zwei Dinge – das war es, was ich tun konnte. Mein Körper war matt, müde und schmerzte. Und doch hatte ich mich an diesem Morgen wieder aufs Pferd gezwungen und war weitergeritten.
Ich kam nur langsam vorwärts. Und ob es Glück, oder die Hilfe der Götter war – niemand suchte mich. Und wenn, dann fand man mich nicht. Bis jetzt.
Der Durst ließ mich halb wahnsinnig werden. Mein Mund war trocken, auf einen Bachlauf hoffte ich vergebens, und die Tiere waren zu schnell, zu flink, als dass ich sie in meinem Zustand hätte fangen können. Blut und Wasser, beides fehlte mir. Nahrung hatte ich noch etwas, den Brotlaib und die Wurst, die mir Adeline mitgegeben hatte, rationierte ich streng. Zudem mir die beiden Dinge manchmal viel zu trocken waren. Es dauerte nicht lange, und alles, was mir noch im Kopf herumspukte, war das Bedürfnis nach Blut und Wasser.
Es war der dritte Tag meiner nur langsam vorangehenden Reise, da begann es wie aus Kübeln zu schütten. Der Himmel ergoss sich auf mein Haupt, als wäre er in tiefer Trauer. Mit einem Jauchzen öffnete ich meinen Mund und hieß die dicken Wassertropfen in meiner trockenen Kehle willkommen.
Noch an diesem Abend jedoch verfluchte ich den Regen bereits wieder. Ich war an einem Fluss angekommen. Die Ufer waren längst nicht mehr als solche zu erkennen und eine Brücke war nirgends zu sehen. Ich schluckte schwer. Selbst Bäume wurden von den Wassermassen hinfortgerissen. Der Versuch, den Fluss zu überqueren, gliche einem Todesurteil.
„Na komm …“, murmelte ich leise, an das Pferd gewandt, und führte es vom Wasser weg. Bei einer kleinen Ansammlung von Bäumen band ich es fest. Ich fror. War es in den letzten Nächten noch lau gewesen, sorgte der Regen, der nun schon den ganzen Tag anhielt, für eine unerwünschte Abkühlung. Unter den Bäumen, nahe dem Pferd, legte ich mich hin und versuchte zu schlafen. Morgen würde alles besser werden.
Meine Miene war trist, als ich des Morgens – tropfnass – vor dem überlaufenen Ufer stand und auf die andere Seite hinüberblickte. Der Regen hatte sich beruhigt. Mittlerweile nieselte es nur noch. Und doch … Zögerlich sah ich zu meinem Pferd hoch. „Denkst du, wir schaffen das?“ Ich musste weiter. Ich brauchte etwas zu essen. Ein Dorf. Irgendetwas, wo es Nahrung und Blut gab. Außerdem hatte das Wasser über Nacht Zeit gehabt, abzufließen …
Das Pferd wieherte stoisch. Der andauernde Regen machte ihm nichts aus. Als ich mich jedoch auf seinen Rücken hievte, und den Rappen näher an den Fluss dirigierte, wurde er unruhig.
Mit zittriger Hand tätschelte ich ihm seinen Hals. „Ruhig Blut, Großer.“ Meine Stimme bebte vor Kälte. „Wir schaffen das. Wir müssen hier hinüber. Eine Brücke gibt es nicht …“ Ich sah mich noch einmal um, in der Hoffnung, ich hätte sie gestern nur übersehen. Doch meine Augen, so sehr sie sich auch erst wieder an das ganze Licht gewöhnen mussten, hatten sich gestern genauso wenig geirrt, wie heute. Entschlossen griff ich die Zügel fester und drückte dem Pferd mit den Fersen in die Flanke. „Wir schaffen das, na los!“ Das Pferd bewegte sich keinen Zentimeter weit. „Los!“, rief ich erneut, jedoch scheute es lediglich und trampelte zurück unter die vorm Nieselregen schützenden Bäume.
Fassungslos ließ ich mich von seinem Rücken gleiten. Als dann plötzlich ein heftiger, und vor allem unerwarteter, Tritt in meine Gedärme ausgeteilt wurde, sackte ich beinahe zusammen. Meine Hände an die Zügel geklammert, hielt ich mich aufrecht. „In Ordnung, du stures Ding! Dann beschwere dich nicht, wenn ich dich verspeise!“ Denn ich hatte so unglaublich großen Durst! Und so versenkte ich meine Fänge im Hals des Rappen, trank und stöhnte dabei gierig, obschon Tierblut einfach grässlich schmeckte. Aber in diesem Moment war ich nicht wählerisch.
Einen Moment hatte es stillgehalten. Jetzt aber schlug es mit den Hinterbeinen aus. Plötzlich stieg es und tat dasselbe mit den Vorderbeinen. Meine Zähne riss es in seiner Bewegung aus seinem Fleisch und ich wurde zu Boden geschleudert. Angestrengt versuchte ich, wieder zu Atem zu kommen. Mein Bauch krampfte; das Kind war unruhig. Wie lange noch bis zur Geburt? Wie lange hatte ich noch Zeit? Mein Bauch hatte eine Größe angenommen, die ich mit meinen Armen längst nicht mehr umfassen konnte. Und meine Brüste … Wie würde Cyrus darauf wohl reagieren? Fände er mich überhaupt noch schön, so dick wie ich war?
Für einen Moment kam Erregung in mir auf. All die schmeichelnden Worte, die er mir zugeflüstert hatte. Wie sehr mir die Schwangerschaft stünde. Gilead hatte Ähnliches verlauten lassen. Doch schon im nächsten Moment wurde die Erregung von Scham und Ekel abgelöst. Ich schluckte schwer, beruhigte meinen Atem und sah auf. „Nein!“ Hektisch drehte ich meinen Kopf herum. „Nein! Wo …“ Das Pferd war weg. Und mit ihm der restliche Proviant. Die Decke. Die Kleider. „Nicht …!“ Weinend brach ich zusammen, lehnte meinen Rücken gegen den nächsten Baumstamm und verbarg mein Gesicht in meinen Händen.
Der Regen ließ mich frieren und der Wind zerrte an meinen nassen Klamotten. Einen Mantel besaß ich nicht. Sowieso besaß ich rein gar nichts. Ein dumpfer Schmerz im Rücken ließ mich leise stöhnen. Mit meinen Händen versuchte ich, den Schmerz zu lösen, aber es funktionierte nicht. Dann, als meine Hände nach vorn glitten, strichen sie über meinen Bauch. Hart. Er war hart.
„Oh, nein!“, keuchte ich ängstlich; Tränen sammelten sich in meinen Augen. „Nein, nein, nein! Noch nicht! Du darfst noch nicht kommen!“ Ich wimmerte. „Noch nicht! Du bist doch … zu früh!“ Vermutlich. „Ich bin allein!“ Ganz offensichtlich. „Ich kann das nicht!“
Ich hatte Angst. Unermesslich große Angst. Kathia, Leonards Mutter, hatte mir gesagt, was bei einer Geburt passierte. Sie hatte mit mir darüber gesprochen, während Cyrus auf Mission war, um Targes’ Familie zu retten. Mein Atem ging schwer. Furcht lähmte mich. Ich war allein. Mein Bauch war hart. „Du darfst noch nicht …!“, wimmerte ich leise und umarmte meinen Bauch. „…kann das nicht … allein …“ Ich schluckte. Nicht ohne Cyrus. Nicht ohne Emili! „Ich will Emili dabei haben!“ Sie wusste sicher, wie das ging! Was sie machen musste! Was ich machen musste! „Ich will nach Hause …!“ Ich weinte bitterlich. „Bitte nicht … noch nicht!“
Es vergingen Minuten, in denen ich in meiner Panik gefangen war, vor mich hin stammelte und versuchte, ruhig zu bleiben, wobei ich auf ganzer Linie versagte. Und irgendwann war es vorbei. Der Schmerz klang langsam ab, mein Bauch wurde wieder weicher. Was war das gewesen? Anders überlegt? Sollte es wirklich so sein, dankte ich den Göttern dafür. Inbrünstig.
Ich atmete schwer. „Wirklich? Du fällst jetzt aber nicht raus, wenn ich aufstehe?“ Langsam raffte ich mich auf. Ich musste weiter. Hierzubleiben war keine Option. Kurz schweifte mein Blick zu dem überquellenden Fluss. Doch den Gedanken verwarf ich ganz schnell wieder. Ich konnte nicht schwimmen. Ohne das Pferd hatte ich keine Chance, ihn zu überqueren. Eine Brücke. Dies war meine einzige Möglichkeit. Und mit dieser Erkenntnis und dem Wissen, dass das Pferd nicht einfach kehrtmachen und zurückkehren würde, nahm ich meine Beine in die Hand und ging los.
Bäume, Büsche, Gräser, Felder, noch mehr Bäume, ein Weg! Meine Beine fühlten sich an, als hingen schwere Steine an ihren Enden. Stunden mussten vergangen sein. Eine Pause um die nächste hatte ich hinausgezögert, oder im Stehen verbracht. Als ich den festgetrampelten Weg vor mir sah, hätte ich vor Freude den Boden küssen können. Einzig der massive Bauch hielt mich davon ab, denn wenn ich einmal saß, kam ich kaum wieder hoch. Deswegen auch die stehenden Pausen. Wobei sie eigentlich lediglich daraus bestanden hatten, Wasser zu lassen. Das Kind drückte mir auf die Blase. In diesen Momenten wünschte ich mir wieder ein Kleid herbei. Die Hosen klebten an meinen Beinen und meine Beweglichkeit ließ zu wünschen übrig.
Stur befahl ich meinen Füßen, weiterzugehen, nicht anzuhalten, mich zu tragen. Und das würde ich so lange tun, bis sie bluteten … obwohl … Ich seufzte leise. Ich musste nicht einmal nach unten sehen. Abgesehen davon, dass ich meine Füße sowieso nicht sehen konnte … Den Schmerz blendete ich schon eine ganze Weile aus. Die Redewendung konnte mir gestohlen bleiben. Bluten taten sie längst.
Eine Scheune! Und wieder, gedanklich küsste ich den schlammigen Boden unter meinen blutenden Füßen. Mit letzter Kraft schleppte ich mich hinein, nahm die Schafe nur noch halbwegs wahr, erkannte aber im hinteren Teil einen Strohhaufen. Trocken. Meine Bewegungen waren nur noch rein mechanisch. Seit Stunden funktionierte mein Körper nur noch, einfach, weil er es musste. Hinlegen. Gemütlich, trocken, weich – ich wurde selig. Schlafen.
Ein spitzer Schrei riss mich aus meiner Starre der Erschöpfung. Und dennoch war ich zu schwach, um mich zu bewegen oder gar zu blinzeln. Mein ganzer Körper schmerzte. Hatte ich geschrien?
„Marianna, was ist denn los?“
Schlaftrunken spitzte ich die Ohren. War das ein Mann? Ich mochte keine Männer. Nein. An meine letzten Begegnungen mit ihnen wollte ich nicht zurückdenken.
„D-da… im Stroh …!“, flüsterte eine Frau ängstlich. „Ist sie … tot?“
Stroh raschelte. Schwerer Atem erklang. Er musste hierher gerannt sein. Sein Herz klopfte laut und aufgeregt. „Sie trägt ein Kind!“, entfuhr es ihm überrascht.
„Ja …, aber ist sie tot?“
Nein, ich war nicht tot. Aber ich war zu müde, um mich zu regen. Zu müde, um einen Laut von mir zu geben. Konnten sie nicht einfach wieder gehen und mich schlafen lassen?
Stattdessen rüttelte jemand an mir, legte eine raue, aber warme Hand auf meine Schulter. „Sie ist ganz kalt und nass“, bemerkte der Mann mit zittriger Stimme.
„Oh Allmächtiger …! Das arme Mädchen … Das arme Kind!“ Die Frau schluchzte leise auf.
„Der Regen muss sie überrascht haben. Armes Ding.“ Behutsam wurde ich auf den Rücken gedreht. Ein starker Arm wurde mir unter den Rücken, ein anderer unter die Kniekehlen gelegt. Warm. „Ich werde sie begraben. Wenigstens das können wir für sie und ihr Ungeborenes noch tun.“ Er hob mich hoch. Der Geruch von Schweiß schlug mir entgegen. Ganz leicht öffnete ich den Mund, um nicht weiter durch die Nase atmen zu müssen.
Be…graben? Nein … hörte er meinen Herzschlag denn nicht? Den meines Kindes? Hatte es … aufgehört? Nein. Nein, ich hörte den schnellen Herzschlag! Ich hörte ihn! Erleichtert atmete ich aus.
Der Mann stockte und schnappte laut nach Luft. „Sie atmet, Marianna, sie atmet!“
„Worauf wartest du noch? Bring sie ins Haus! Ich lege Holz nach! Eine Wärmflasche und dicke Decken …“
Der Mann schnaufte und drückte mich noch etwas fester an sich. Er trug mich aus der Scheune. Sein Herz klopfte vor Anstrengung mit jedem Schritt etwas kräftiger und schneller. Ich musste schwer geworden sein. Cyrus hätte sicher keine Probleme, mich zu tragen. Der Gedanke an meinen Verbundenen ließ mich lächeln und das sanfte Schaukeln des Getragenwerdens ließ mich wieder in den gnädigen Schlaf fallen.
Als ich langsam wieder zu Bewusstsein kam, war mir mollig warm. Ein seliges Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus, während ich mich herumwälzte, denn mein Rücken schmerzte. Das tat er oft in letzter Zeit. Meine Beine rieben … aneinander. War ich nackt? Hatte man mich wiedergefasst? Panik breitete sich aus, ließ mich die Augen aufreißen und mich kerzengerade aufrichten.
Im nächsten Augenblick keuchte ich und hielt mir den Bauch. Wie groß wollte er noch werden? Wie groß wurden schwangeren Bäuche? Ich wusste es nicht, hatte noch nie einen gesehen.
Verwirrt sah ich an mir herab. Ich war nackt. Jemand hatte eine warme Filzdecke über mich gelegt, und meinen Körper mit wärmenden Umschlägen umhüllt. Was war passiert? Ich sah mich um. Ein Wohnzimmer? Wieso lag ich auf einem Sofa? Mein Atem stockte, als mein Blick bei einer älteren Frau ankam. Sie hatte ein vorsichtiges Lächeln aufgesetzt und hob, wohl aufgrund meines gehetzten Blickes, leicht die Hände nach vorn.
„Du hast den ganzen Tag verschlafen. Mein Mann ist noch draußen und versorgt die Hühner.“ Die Frau hielt ein Kleid hoch, das eher einem Sack glich. „Das Kleid ist zwar schon alt, aber es sollte passen. Brauchst du Hilfe?“
Vorsichtig nahm ich meine Füße von der weichen Polsterung. „Ja, oder … ich weiß nicht.“ Schwach führte ich meine Hand zu meiner Stirn. Ich fühlte mich schlaftrunken, kraftlos und benebelt. Allein meinen Arm zu bewegen, erschien mir wie ein unermesslicher Kraftakt. Die warmen Tücher an meinen Händen und Armen fielen zu Boden. „Ihr … habt mir die Füße verbunden?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
„Warte, ich helfe dir.“ Sie hob die Tücher auf und warf sie in einen Kessel. Auch die Tücher an meinen Beinen und Füßen nahm sie weg. Danach hob sie das Kleid hoch und zog es mir über den Kopf. Erst half sie mir mit dem linken Arm, danach mit dem rechten Arm in den Ärmel hinein. Zuletzt zog sie das Kleid über meinen Bauch und half mir, mich aufzurichten. „So, und jetzt wieder hinsetzen. Ich habe dir etwas zu essen warmgehalten.“
„Ich … danke …“, stotterte ich unbeholfen. Fresssüchtig drückten sich meine Fänge durch. Ich hatte nicht nur Hunger, ich hatte auch schrecklichen Durst.
Die Frau hatte sich bereits wieder abgewandt und kam nach wenigen Augenblicken mit einer wohlriechenden Holzschüssel zurück, die noch dampfte. Als sie meine Fänge sah, erschrak sie so heftig, dass sie ein wenig vom Inhalt der Schüssel verschüttete. Gelblicher Brei, der besser roch, als er aussah. „I…ich…!“ Ihr Herz stolperte vor Angst und ihre Hände zitterten.
Ich sah zu ihr empor und bemühte mich um eine ruhige Stimme. „Bitte nicht … Habt keine Angst. Ich trinke nicht von Menschen.“ Mein Blick zuckte gierig zur Schüssel zurück. Ich schluckte.
„W…wir haben Hühner und Schafe …! Aber nur eine Kuh …“, erwiderte sie unbeholfen. Obwohl ihr Herz immer noch raste, reichte sie mir die Schüssel und einen Löffel.
„Ich danke Euch“, sagte ich leise. „Ich möchte auch nicht zur Last fallen.“ Gedankenverloren legte ich eine Hand auf meinen Bauch und senkte meinen Blick darauf. „Ich kann sowieso nicht lange bleiben. Ich muss nach Hause.“



























































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