Kapitel 40 – Wiedervereinigung

Kapitel 40 – Wiedervereinigung

 

Aurelie

Brummend stampfte ich durch den Wald. Mein Nachtlager hatte ich ein kleines Stück entfernt aufgeschlagen. Fleisch hatte ich noch Geräuchertes von meiner letzten Jagd dabei. Leider blieb das Blut nicht so lange gut.

Drei Wochen waren ins Land gezogen, seit ich von dem Bauerspaar gefunden und aufgepäppelt worden war. Ich verdankte ihrer Güte mein Leben. Ich verdankte ihnen Vieles. Marianna hatte mir das Kleid geschenkt, meine Füße gesundgepflegt und mich mit Essen versorgt. Eines ihrer Schafe hatte mir als Flüssignahrung herhalten müssen, doch als ich den Hof verlassen hatte, hatte es noch gelebt. Auch hatte sie mir, bei einer weiteren Beinahe-Niederkunft, erklärt, dass es sich dabei um Verwehen handelte. Es war ein Zeichen, dass das Kind sich bereit machte. Und das machte mich nervös.

Mein Blick glitt in den Himmel hinauf. Das Wetter hatte sich beruhigt. Die beiden Tage, die ich noch bei dem Bauernpaar geblieben war, hatte es unaufhörlich geregnet. Danach war die Sonne wieder hervorgekrochen und hatte mich zur Weiterreise getrieben. Ich verdankte den beiden viel. Unter anderem, dass ich jetzt den ungefähren Weg kannte. Nach Hause.

Die Strohschuhe, die ich mir in den beiden Tagen meines Aufenthalts mit Mariannas Hilfe zusammengebastelt hatte, hielten. Besonders bequem oder praktisch waren sie zwar nicht, aber sie schützten meine geschundenen Fußsohlen vor dem rauen Boden.

Ich stöhnte leise. Schon wieder musste ich Wasserlassen. Also raffte ich den Rock, spreizte die Beine und folgte dem Ruf der unermüdlichen Natur. Anschließend ging ich weiter. Ich horchte, ging nur leise und versuchte, meine Beute zu erschnüffeln. Das funktionierte noch. Da, direkt vor mir, lag eine kleine Lichtung. Darin ein See. Der Ort war atemberaubend. Und … ein Hase saß da, Wasser trinkend und ruhig. Seine Nase zuckte, doch ich blieb unbemerkt. Der Wind war mir gewogen. So lange, bis er es nicht mehr war.

Ich schnellte vor, war durch das zusätzliche Gewicht und die eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit jedoch ein ganzes Stück langsamer als normalerweise. Der Wind drehte, die Nase des Hasen zuckte und schon war er weg. Ich kam am See an, keuchend, hielt mir den Bauch und ließ mich auf meine Knie sinken. Das war der dritte Versuch gewesen heute. Nicht mehr lange und die Sonne ging unter.



Ich wollte weinen, wollte wimmern und schluchzen, aufgeben, mich meinen Gefühlen hingeben und verzweifeln. Aber das konnte ich mir nicht leisten. Ich robbte an den See heran und betrachtete mich in seinem Spiegelbild. Müde sah mir mein verschwommenes Gesicht entgegen. Enttäuschung lag darin. Resignation.

„Nein …“, murmelte ich. „Bei allem, was mir lieb und teuer ist“, was nicht gerade viel war, „ich werde sicher nicht verdursten!“ Ich wusch mir das Gesicht, die Arme und trank anschließend ein paar Schlucke aus dem See. „Ich werde ein Tier finden!“ Nüchtern fügte ich hinzu: „Eines das lahmt.“

Trotz meiner ermunternden Worte, blieb ich sitzen, blickte in den See und ließ mich von Erinnerungen überwältigen. Der Kuss im See. Wie Cyrus mich einmal einfach hineingeworfen hatte. Ich musste leise lachen. Und manchmal erinnerte mich dieses Lachen so sehr an das wahnsinnige Kichern, das ich teilweise immer noch ausstieß, dass ich es schnell wieder verstummen ließ.

Plötzlich hörte ich Schritte. Ich erstarrte, wagte es nicht, den Kopf zu drehen. Dann trottete, ganz gemütlich, ein Luchs in mein Sichtfeld, senkte ein paar Meter neben mir den Kopf und begann zu trinken.

Was für ein unglaublich schönes Tier, dachte ich staunend. Weiches, rotbraunes Fell umschmeichelte seinen ganzen Körper. Zögerlich drehte ich den Kopf zu ihm hin. Er war abgelenkt. Dennoch zuckten seine Ohren schon beim kleinsten Geräusch zu mir hin und ließen mich wieder erstarren. Ich musste schnell sein. Zweifelnd schielte ich auf meinen Bauch und presste die Lippen zusammen. Drei, zwei, eins!

Ich schoss hoch. In etwa so schnell wie eine ächzende Schnecke. Und das Tier war weg. Ehe ich ihm auch nur hätte nahkommen können. Jammernd griff ich mir an den Bauch. Konnte sich nicht ein Tier gnädig zeigen? Nur eins! „Verfluchter Mist!“, zischte ich ungehalten. „Wieso musst du so dick sein?!“ Ich war mir nicht sicher, ob ich mit mir oder dem Kind in mir sprach.

Wieder hörte ich Schritte, dieses mal jedoch deutlich schwerere. Ich verspannte mich. Das hörte sich nach einem Menschen an. Doch dann … hörte ich nichts mehr. Keine Schritte, keinen Herzschlag. Und doch fühlte ich mich beobachtet. Langsam drehte ich den Kopf herum. Mein Blick huschte von Baum zu Baum. Aber ich konnte niemanden sehen. Der Wind jedoch trug eine leichte Duftnote zu mir herüber, die nicht in einen Wald passte. Jasmin? Jasminblüten, wie sie im Schlossgarten zuhauf wuchsen. Ich seufzte tief und schüttelte den Kopf. Das muste Einbildung sein.



Ich wollte mich bereits wieder abwenden, da registrierte ich in den Augenwinkeln eine Bewegung und drehte mich hastig um. Noch im selben Moment hörte ich einen leisen, spitzen Schrei, dann fand ich mich auch schon in einer festen Umarmung wieder und blickte erstarrt auf rotes, lockiges Haar, das meine Nase kitzelte. Sie schob mich auf Armlänge von sich weg und hielt mich an den Schultern fest. Das wunderschöne Gesicht strahlte von einem Ohr zum anderen, während ihr Tränen über die Wangen kugelten. „Naya!“

Erneut umschlangen mich ihre Arme, während ich noch dabei war, zu begreifen. Das war keine Einbildung … oder? Hatte ich wieder Halluzinationen? Ein leises Schluchzen drang zu mir hin. Ich stand da, erstarrt. Ich spürte ihre Arme um mich herum. Einbildung?

„Oh, Nayara …! Ich bin so froh, dich zu sehen.“ Sie weinte. Sie fiel vor mir auf die Knie. Sie schlang beide Arme um meinen Bauch und presste ihr Ohr daran. „Und dein Kind …! Wir dachten schon … Wir … Niemand sprach es aus, aber…!“ Sie brach ab und fing laut an zu schluchzen. Zugleich lachte sie vor Freude. „Oh… Naya…!“

„Du … bist nicht echt“, brachte ich irgendwann statisch hervor. „Nein, ich bilde … mir das nur wieder ein.“ Konzentriert presste ich mir die Hände gegen meine Schläfen. „So lange ist das letzte Blut jetzt auch nicht her, wieso …“ Wieso wurde ich schon wieder verrückt? Tränen sammelten sich in meinen Augen. Irina war nicht echt. Sie war irgendwo im Goldenen Reich, irgendwo in Sicherheit. Und ich war noch Wochen vom Goldenen Reich weg!

„Du bist nicht verrückt, Naya! Ich bin hier. Wir sind hier!“ Sie stand auf und legte beide Hände an meine Wangen. „Nicht weit von hier ist die Straße. Cyrus, der Vollidiot, ist aus der fahrenden Kutsche gesprungen, weil Galderon nicht rechtzeitig die Kutsche angehalten hat!“ Sie lachte leise. „Er hat wie ein Irrer geschrien, du wärest hier irgendwo. Und dann ist er gesprungen. Dabei hat er sich den Knöchel verstaucht, denke ich. Das Ding ist jetzt dick wie eine Pampelmuse.“

„Cyrus ist …“ Hecktisch schnappte ich nach Luft. „Du bist echt? Und er ist hier?“ Meine Lippen bebten. „Bring … bring mir zu ihm! Ich muss zu ihm! Irina, bring mich zu ihm!“ Drängend schüttelte ich ihre Schultern. „Wo lang?!“



„Da hinten“, erklärte Irina kurz angebunden und deutete grob in eine Richtung. Noch immer liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie wollte mich gar nicht mehr loslassen. „Oh, Liebes …“

Ich löste mich von ihr. „Ich muss zu ihm!“ Es war wie eine Droge, wie eine Sucht. Ich liebte Irina. Aber Cyrus liebte ich mehr. Und all meine Gedanken waren in diesem Moment bei ihm. Ich stolperte durch die Bäume, rannte in die Richtung, die mir Irina gedeutet hatte. „Cyrus?!“ Ich schniefte, wischte mir aggressiv die Tränen aus den Augen und rannte weiter. „Cyrus! Cy …!“ Ich durchbrach die Bäume. Keuchend blieb ich stehen. Vor mir lag ein breiter Weg. Rundherum Wiesen und Felder. Eine Kutsche stand etwas abseits. In der offenen Kutsche saß er. Die Haare trug er offen. Mehr konnte ich nicht erkennen, weil Galderon vor ihm hockte. Aber es war genug. Ich spürte, dass er es war. Und er spürte es auch.

Er hob seinen Kopf und sah mich direkt an. „Nay“, formten seine Lippen lautlos. Er schob seinen Grigoroi beiseite und erhob sich wankend. Sein linker Fuß war in einen dicken Verband gepackt.

Wie ein kleines, verletztes Kind lief ich weinend auf ihn zu. Er hatte es gerade geschafft, aus der Kutsche zu klettern, da kam ich keuchend bei ihm an, fiel ihm um den Hals und brach zusammen. Sein Geruch strömte auf mich ein, seine Arme hielten mich, stark und sicher, und ich wimmerte, weinte an seiner Brust und konnte mich trotz aller Kraft nicht zusammenreißen. Ich war es müde, immer stark sein zu müssen. Mich allein durchschlagen zu müssen. Ich wollte gehalten werden!

Und genau das tat er. Seine Hände lagen auf mir, schirmten mich von der Außenwelt ab und spendeten mir all die Wärme, die ich brauchte. Seine Lippen hatte er auf meinen Scheitel gelegt. Leise Schluchzer, die aus den Tiefen seines Brustkorbs drangen, lösten sich mit erleichterten Seufzern ab.

Ein Räuspern kam von der Seite. Galderon. „Irina ist jagen. Ich werde ein Feuer machen und wir rasten hier.“ Cyrus nickte nur. „Ihr solltet euch in die Kutsche zurückziehen“, schlug Galderon vor. „Ich gebe Bescheid, wenn das Essen fertig ist.“ Wieder nickte Cyrus. Aber er schien nicht gewillt, mich loszulassen.

Ich wiederum war nicht gewillt, mich in die Kutsche zu begeben. Zu eng war es darin. Viel zu eng! Zu wenig Platz! Die Angst ließ mein Herz schneller pochen. „Wir bleiben draußen“, krächzte ich, denn gehen lassen würde ich Cyrus ebenso wenig.



„Dann baue ich das Zelt auf“, murrte Galderon, und fügte dann etwas sanfter hinzu: „Aber ihr solltet vielleicht von der Straße weg.“

Cyrus seufzte tief. Seine Hände bewegten sich meinen Rücken hinauf, legten sich an meinen Kopf und hoben diesen leicht an, sodass ich ihn ansehen musste. „Geht es dir gut? Bist du durstig?“

Ich schluckte und wiegte beschämt meinen Kopf hin und her. „Hatte heute nicht sehr viel Glück bei der Jagd“, nuschelte ich leise. Nicht einmal für mich selbst konnte ich sorgen. Ja, ich war schwanger, aber sollte ein Körper nicht dennoch so geschaffen sein, dass er dazu in der Lage war, sich selbst zu ernähren?

Seine Lippen landeten auf meiner Stirn. „Setzen wir uns. Dann trinkst du erst mal etwas.“ Nur langsam löste er sich von mir, wobei er keine Sekunde die Augen von mir nahm. Immer wieder strich er über meine Haare, meine Wangen.

Wir gingen ein paar Schritte in den Wald hinein, weg von der Straße. Galderon war bereits dabei, hier in der Nähe einen Unterschlupf zu errichten. Cyrus setzte sich mit einem leisen Ächzen seines Fußes wegen auf einen umgestürzten Baum und zog mich sofort auf seinen Schoß. Seine Arme lagen eng um mich, seine Nase vergrub er in meiner Halsbeuge und atmete tief ein und aus.

Hatte ich mich gerade noch beruhigt, begann ich plötzlich, wie aus dem Nichts, wieder zu schluchzen. War es wirklich echt? Oder spielte mir mein Verstand nur einen wirklich bösen Streich? Saß ich womöglich noch immer in meinem Käfig und der Hohepriester hatte mich bewusstlos geschlagen? Oder ich war vor Nahrungsmangel in eine Ohnmacht gefallen und träumte.

„Es ist alles gut, Liebes. Ich bin da. Wir sind endlich wieder zusammen.“ Sanft begann er, mich zu schaukeln, und strich immer wieder über meinen Rücken. „Aber du solltest jetzt etwas trinken.“ Mit diesen Worten lehnte er seinen Kopf leicht in den Nacken und bot mir seinen Hals an.

Wie gebannt starrte ich auf die pochende Ader, die ich so lange Zeit gemisst hatte. Zitternd fanden meine Hände ihren Weg in seine Halsbeuge; meine Finger strichen vorsichtig und ungläubig zugleich über die Bissnarbe, die ich vor Jahren an seinem Hals hinterlassen hatte. Mehr als drei Jahre schon war es her. „Du bist wirklich real“, hauchte ich, während er unter meiner Berührung erschauderte.



„Ja, ich bin echt. Du bist echt“, stöhnte er leise. Er griff in meine Haare, zog meinen Kopf allerdings nicht zurück. Die andere Hand streichelte sanft über meinen Bauch.

Meine Fänge wuchsen an, aber mein Blick blieb an seinen Lippen hängen. Ich wollte sie kosten. Nach so langer Zeit konnte ich ihn wieder sehen. Er war direkt vor mir. Unter mir. Ich senkte meinen Kopf in seine Halsbeuge und biss sachte zu. Seine Männlichkeit zuckte unter mir und ließ mich zusammenzucken. Nicht die Reaktion, die ich von mir selbst erwartet hatte. Sein Stöhnen drang an mein Ohr und sorgte dafür, dass ich mich versteifte. Einzig der Geschmack seines Bluts erinnerte mich daran, dass er es war. Keiner der anderen …

Cyrus ließ mich trinken und streichelte mich, drückte mich an seinen Körper. Sein Stöhnen versuchte er zu unterdrücken und schob mich auf seinem Schoß so zurecht, dass ich seine harte Männlichkeit nicht mehr spürte. „Nay“, raunte er leise, „es ist genug.“

Vorsichtig löste ich meine Fänge aus seiner Haut. „Verzeih …“, murmelte ich. „Tut mir leid“, doppelte ich nach. Ich wusste nicht recht, was ich jetzt tun sollte. Auf seinem Schoß sitzenbleiben? Oder wegrutschen? Irgendetwas sagen? Oder besser stillschweigen? Schließlich fragte ich leise: „Willst du auch?“

„Nein, du brauchst jetzt deine ganze Energie für das Kind.“ Seine Lippen wanderten über meine Wange, strichen leicht über meine Lippen. „Möchtest du reden? Oder den Moment einfach nur genießen?“

„Ich weiß nicht … Es ist so viel passiert …“

„Dann erzähle ich einfach, wie unspektakulär alles bei mir war. Ich habe wieder etwas Ordnung geschafft, unsere Gesetze wieder in Kraft gesetzt. Die Menschen müssen nicht mehr hungern. Dafür glauben die Leute, wir wären wahnsinnig. Oder zumindest ich. Angeblich habe ich dich ermordet.“ Seine Stimme zu hören war eine Wohltat. Die Informationen sog ich mehr beiläufig in mich auf. „Die Götter haben mir ein Rätsel aufgegeben. Besser gesagt: Vide-Ludoris. Wahrscheinlich seine Art, mir zu sagen, dass er mein Flehen zwar erhört hat, mir aber trotzdem nicht helfen wird.“

Sachte legte ich meine Hand an seine Wange und drehte sein Gesicht zu mir. „Aber mir hast du damit geholfen.“ Sanft drückte ich meine Lippen auf seine. Als ich mich wieder von ihm löste, blickte ich ihm tief in die Augen. „Denn ich sehe dich. Ohne die Gnade der Göttin wäre ich nicht entkommen.“



„Du kannst wieder sehen?“ Seine Stimme bebte leicht. Dann war er es, der den Kuss suchte. Seine Zunge bat sanft um Einlass und seine Arme hielten mich fest, als würde er mich niemals wieder loslassen wollen.

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