03. Januar – Die Nacht der Prüfung

Der Himmel war schwarz wie Tinte, als die zehnte Raunacht anbrach. Keine Sterne. Kein Mond. Nur eine Schwärze, die nicht leer war, sondern lauerte. Ailina spürte sie auf der Haut und in den Knochen. Dies war keine Nacht, die man betrat. Man trat ihr entgegen.
Der Boden unter Ailinas Füßen veränderte sich, als sie den Wald hinter sich ließ. Die Erde wurde fest und hart wie Stein. Trotzdem pulsierte sie. Vor ihr öffnete sich ein weites Feld, übersät mit alten Waffen, zerbrochenen Bannern, Knochen – ein Schlachtfeld jenseits der Zeit.
Morrígan wartete bereits. Sie stand auf einem Hügel aus schwarzer Erde, ihre Gestalt klarer als jemals zuvor. Kein Wandel, kein Flackern. Ausschließlich Präsenz. Ihre Schwingen waren ausgebreitet, in ihren Augen spiegelten sich unzählige Entscheidungen.
„Du bist weit gekommen, Grenzgängerin“, sagte sie. „Aber Mut zeigt sich nicht im Wandel. Er zeigt sich im Verzicht.“
Ailina trat vor. Ihr Herz schlug ruhig. Die Angst war noch da, doch sie bestimmte sie nicht mehr.
„Du willst mich prüfen.“
Morrígan nickte zustimmend.
„Deine Liebe hat die Ordnung berührt. Nun muss sie sich rechtfertigen.“
Mit einer Bewegung ihrer Hand veränderte sich die Welt. Und plötzlich stand Cáel vor Ailina. Nicht gebunden. Lebendig. Sein Blick war warm, offen… und leer. Er blickte Ailina an, als sähe er sie zum ersten Mal.
„Wer bist du?“, fragte er.
Der Schmerz traf sie wie ein Schlag.
„Eine Gabe“, sagte Morrígan ruhig. „Oder eine Lüge. Wenn du ihn willst, gehört er dir. Ohne Schwur. Ohne Götter. Ohne Anderswelt.“
Ailinas Atem stockte. Sie trat auf Cáel zu, ihre Hand zitterte.
„Du würdest frei sein“, fuhr die Göttin fort. „Und er an dich gebunden. Nur an dich.“
Cáel sah sie an. Suchend. Vertrauend. Ein Teil von ihr schrie auf. Ein anderer – der alte, menschliche – wollte ihn festhalten, behalten, retten.
Doch sie wusste um den Preis. Liebe als Käfig. Freiheit als Verlust.
Ailina senkte die Hand.
„Nein“, sagte sie leise.
Morrígan hob eine Braue. „Erkennst du ihn denn nicht als dein Recht an?“
„Liebe ist kein Recht“, erwiderte Ailina. Ihre Stimme war ruhig und klar. „Und gleichfalls kein Besitz. Wenn ich ihn halte, dann nur, wenn er gehen kann.“




Cáel blinzelte. Verwirrung huschte über sein Gesicht, dann etwas Tieferes. Erinnerung begann aufzuleuchten.
Morrígan lächelte langsam.
„Und wenn du ihn dadurch verlierst?“
Ailina schluckte.
„Dann habe ich ihn wirklich geliebt.“
Der Wind erhob sich. Das Schlachtfeld begann zu zerfallen. Cáels Gestalt löste sich in Licht auf – nicht schmerzhaft, stattdessen sanft.
Bevor er verschwand, sah er sie an. Diesmal wissend. „Danke“, hauchte er.
Morrígan trat näher. Ihre Schwingen senkten sich.
„Du hast gewählt“, sagte sie. „Nicht dich. Nicht ihn. Du hast dich für Wahrheit entschieden.“
Sie berührte Ailinas Schulter. Sie empfand keinen Schmerz, nur Schwere.
„Mut liegt nicht im Kampf“, fuhr sie fort, „Er liegt im Loslassen.“
Die Göttin trat zurück. Die Dunkelheit begann sich zu lichten.
„Die Welten haben dich gesehen“, sagte Morrígan. „Sie werden dich nicht vergessen.“
Dann war sie verschwunden.
Ailina stand allein auf dem Feld, das nun nur noch aus Erde bestand. Kein Blut. Keine Knochen. Einfach nur Stille.
Die zehnte Raunacht war vergangen.
Ailina hatte bestanden. Nicht, weil sie gekämpft hatte, sondern weil sie geliebt hatte, ohne zu besitzen.

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