43. Kapitel

Die Rückkehr beginnt verdächtig still. Mias Portal führt in Lukas Zimmer. Auf die Gefahr hin, aufzufliegen. Ein Wunsch, den Justin ebenfalls kritisiert. Denn er bleibt überzeugt, dass ihr Verschwinden aufgeflogen ist. Lukas wird nach ihr gesucht und sich nach ihr im Haushalt erkundigt haben. So Justins Theorie. Daher hielt er den Ausgangspunkt des Portals Haus auswärts für sinnvoller. Doch Skyla glaubt an Lukas, schließlich versprach er, ihr Geheimnis zu wahren, und aufgrund ihres verdächtigen Verhaltens wird er sich hoffentlich zurückhalten. Außerdem hoffte sie, Lukas in seinem Zimmer zu finden. Stattdessen begrüßt sie ein frisch gemachtes Bett und ein beachtliche Ordnung. Das Fenster steht zum Lüften auf und kurz genießt Skyla die frische Brise, die hinein weht.

Mental wappnet sich Skyla auf einen Riesenstreit. Erschöpft wandert sie durch das Reich ihres besten Freundes. Auf der Suche nach einer Nachricht. Ihr Herz krampft fürchterlich und die Gewissensbisse drohen sie zu zerreißen. Seine Arbeitstasche mag zwar nirgends aufzufinden sein, dennoch mag sie ihn erst kürzlich verpasst haben. Denn sein Parfüm liegt in der Luft. Auch wenn das Bett nach ihr ruft, fürchtet sich Skyla davor, in einen tiefen Schlaf zu fallen. Ihr Ausbildungsbetrieb ist gerade heute auf sie angewiesen, daher meidet sie es, die weiche Ruhestätte länger als wenige Sekunden zu betrachten. Außerdem könnte sie Lukas verpassen.
„Willkommen zurück, Skyla.“
Schreckhaft zuckt sie zusammen. Für einen winzigen Augenblick vergaß sie Agnar, den sie bei dem winterlichen Wetter im Warmen zurücklassen musste. Agnar kam sogar der Gedanke in ihrer Abwesenheit an einem Winterschlaf, doch aufgrund der Beschattung des Ordens ließ er schnell von dem Einfall ab.
„Agnar.“ Skyla dreht sich im Kreis. Auf der Suche nach der kleinen Spinne, die sie jedoch nirgends ausfindig machen kann. „Wann habe ich Lukas verpasst?“
„Vor wenigen Minuten“, antwortet ihr Schutzgeist kühl, um schließlich eine Statusmitteilung durchzugeben, „Keine feindliche Aktivität in deiner Abwesenheit, doch unsere Widersacher lauern im Schatten. Sie verstecken sich gut und behalten das Haus im Auge. Ich wäre dir verbunden, wenn du das Fenster schließen könntest. Der Raum erkaltet.“




Ohne Widerworte geht sie seiner Bitte nach, um sich im Anschluss eilig aus dem Zimmer zu begeben. Direkt zur Wendeltreppe.

„Hey! Es wird nicht gerannt!“, tadelt ihre Mutter sie aus dem Hintergrund.
Zu wichtig ist es, Lukas noch anzutreffen, dass sich Skyla auf Ärger mit Kacie einzulassen wird. Daher geht es eilig hinab. Bewusst blendet sie das Löwengebrüll aus. Anders als Lukas, der im Gespräch mit seinem Vater steckt. Während Thomas sein herzallerliebstes Lächeln aufsetzt, blickt der Zorn durch Lukas‘ Augen. Damit bestätigt sich Skylas Sorge und umso mehr Gewicht bekommt das klärende Gespräch. Aber Thomas‘ Sohn dreht sich ruckartig um und greift nach seiner Tasche. Sie sieht es kommen, dass er einfach verschwinden mag.
„Lukas! Warte bitte!“
Tatsächlich dreht er sich auf dem Absatz rum, doch sein Blick hingegen klirrt vor Kälte.
„Was du auch zu sagen hast, lass es besser!“
„Ist es das wert, Lukas?“, meldet sich sein Vater besorgt.
Lukas lacht bitter. „Du hast keine Ahnung, was Sache ist! Was Skyla von mir verlangt! Ich brauche Zeit und Abstand!“
„Darf ich den Grund erfragen?“ Thomas blickt zwischen ihnen verständnislos hin und her. „Was ist denn vorgefallen?“
„Das geht dich nichts an!“
Lukas‘ Ton ist kaum zu ertragen. Thomas hat seinen Zorn nicht verdient. Daher beschließt Skyla: „Ist okay. Ich packe meine Sachen und verschwinde. Aber streitet euch nicht.“

Lukas schnauft und wendet sich zum Gehen ab, doch sein Vater widerspricht dem Ganzen: „Nein! Du bist hier immer willkommen, Skyla. Was auch passierte, ihr solltet darüber reden. Wenn Lukas dich nicht ertragen kann, dann bekommst du mein Zimmer und ich schlafe auf der Couch.“
„Nein!“ Sie blickt erschrocken auf. „Nein, Thomas! Das ist lieb, aber es ist für alle besser, wenn ich gehe. Ich bereite euch nur Schwierigkeiten. Es wird Zeit, dass ich mir eine eigene Wohnung suche und …“
„Hey.“ Thomas erreicht sie schnell, woraufhin sie verstummt. Der Klang seiner Stimme zu sanft und voller Sorge. Nichts, was sie verdient. „Wie kommst du auf solch einen Schwachsinn, Skyla?“

Ein Lachen unterbricht die Unterhaltung. Erschrocken dreht sich Skyla um und blickt ihre Mutter an. Sie hörte Kacie nicht kommen. Ihre Mutter wirkt erheitert und betritt gutgelaunt die Küche, um sich dort Kaffee einzuschenken.




„Du hast meinen Segen, Skyla. Geh und ziehe weit weg.“
„Kacie!“ Thomas klingt entsetzt. „Das ist deine Tochter! Spinnt ihr gerade alle? Was ist nur los mit euch?“
Doch Kacie schenkt ihm keine Beachtung und blickt stattdessen mit einem unheimlichen Grinsen ihre Tochter an. Als verstoße sie Skyla.
Wann ist das Verhältnis zwischen Mama und mir nur so zerbrochen?
Skyla erinnert sich nicht an den Moment und ihr Herz zerbricht bei all der Ablehnung.

Nur kurz stützt Skyla ihren gefühlt tonnenschweren Kopf an dem Küchentisch ab und schmiedet Pläne.
„Okay.“ Die gesamte Lage überfordert ihren Geist und straft sie sich. „Gebt mir einen Tag und ich organisiere mir eine andere Übernachtungsmöglichkeit. Ich telefoniere etwas rum und dann verschwinde ich spätestens heute Abend. Ich mache mich nur kurz frisch und muss dann auch schon los. David braucht mich auf der Arbeit. Ich hatte ihm versprochen einzuspringen.“

Eine verdächtige Stille erfüllt den Raum. Unbehaglich. Schlimmer als an einem Lost Place. Thomas wirkt ganz blass um die Nase, während Kacie ihre Tochter misstrauisch beäugt. Lukas gleitet die Tasche aus der Hand, die er stur ignoriert und umdreht. Schnellen Schrittes steuert er seine Kindheitsfreundin ein. Skyla rechnet mit Vorwürfen und nicht mit einer festen Umarmung. Er drückt sie einfach an sich und brummt zornig.
„Verdammt, Skyla! Ich bin so wütend auf dich und ich meine es ernst, wenn ich sage, dass ich Abstand brauche! Denn ich bin so verdammt eifersüchtig auf ihn! Warum musstest du mich jetzt gerade aufsuchen? Jetzt, wo ich so wütend bin und Dinge sage, die ich Sekunden später bereue! Du bist ohne einen Abschied abgehauen und ich war krank vor Sorge!“
So viel zu ihrem Vertrauen. Justin hat mal wieder Recht. Er hat immer Recht! Dabei hielt Skyla ihren besten Freund für klüger. Doch die Wut blendet ihn und lässt alles umso verdächtiger wirken.
„Du hast auf keinerlei Nachrichten reagiert, obwohl ich ahne, wo du warst. Unsere Freundschaft wird hieran zerbrechen, wenn du mir nicht Zeit gibst, das Ganze zu verdauen. Lass uns heute Abend über alles reden, okay?“
Sie nickt, auch wenn sie sich davor fürchtet. Es wäre ihr lieber, einfach zu verschwinden, aber dieses Gespräch ist sie ihm schuldig.




„Ich werde da sein.“
„Das hoffe ich für dich, denn noch einmal verzeihe ich dir nicht, mich zu versetzen!“

Ohne auf ihre Reaktion zu warten, drückt Lukas sie zum letzten Mal und schnappt sich seine Arbeitstasche. An der Haustür hält er kurz inne, um zurückzuschauen. Sein Blick ist flehend.
„Bitte setze unsere Freundschaft nicht aufs Spiel.“
Die Tränen fließen ungehindert die Wangen hinab, als Skyla leise kichert. Ihre Nerven zittern. Unbewusst fährt sie sich durch die Haare und entfernt sich schnell aus dem Blickwinkel aller Anwesenden. Oben im Zimmer packt sie ihre Sachen zusammen und sehnt sich nach der Dusche. Auch wenn die Letzte keinen halben Tag her ist. In ihren Träumen durchlebte sie den Horror am Tag davor erneut. All der Matsch und der Gestank in der Leichenhalle haften an ihr. Ähnlich wie bei dem Erlebnis mit der ersten paranormalen Begegnung. Das Blut vom Tatort aus der Tiefgarage wollte sich damals nicht von ihr abwaschen lassen. Es vergingen Tage, bis sie das Erlebnis verarbeiten konnte und sich dieser Zustand legte.

Ein Klopfen lässt sie aufschrecken. Mit geweiteten Augen und pochendem Herzen dreht sie sich zu Thomas, der sich ganz langsam nähert, als sehe er in ihr ein scheues Reh. Bewusst schließt ihr Patenonkel die Tür und seufzt laut.
„Skyla, ich bin wahrlich besorgt um dich. Etwas läuft in deinem Leben ganz schön schief und deine Bemühungen, die Dinge allein zu regeln, scheinen nicht auszureichen. Ich bitte dich, gebe mir eine Möglichkeit, dir zu helfen.“
Ihre Mundwinkel zucken und die Galle steht Skyla bis oben. Es missfällt ihr, jene, die ihr lieb sind, anzulügen. Daher wählt sie einen anderen Weg.
„Du kannst mir nicht helfen, Thomas. Die Dinge sind kompliziert und du würdest mir nicht glauben. Was verständlich ist, weil alles so absurd ist.“
Ihr biestiger Tonfall scheint ihn nicht abzuschrecken. Ganz im Gegenteil. Seine Schritte werden schneller und bevor sie ihm ausweichen kann, zieht er sie ebenfalls in eine feste Umarmung. Ohne Entkommen.

„Was auch passiert, ich stehe hinter dir“, flüstert er ihr ins Ohr.
Doch Skyla schüttelt ihren Kopf. „Sag nichts, was du nicht halten kannst.“
Thomas drückt sie nur deshalb von sich, um ihr darauf tief in die Augen zu blicken.




„Zweifelst du an mir?“
„Wie gesagt, es ist kompliziert.“
Er wuschelt ihr frech durchs Haar, um sich kurz darauf auf Lukas‘ Bett niederzulassen. Nur kurz sammelt er sich. Seine Hände liegen ineinander, während er Skyla weiterhin fixiert.
„Deine Mutter vermutete Drogenkonsum. Doch es gab keinerlei Beweise. Alles hängt mit dem jungen Mann zusammen, den du wenige Tage oder Wochen vor dem Rummel kennen lerntest. Dein Vater ist beunruhigt. Seine Frau verhält sich seltsam und nach der Aktion gerade teile ich seine Sorge. Finn spricht über eine dunkle Vergangenheit, die wieder aufgewühlt wird. Eine unheilbare Krankheit, die zum Tod deiner anderen Oma führte. Die genaueren Details kennt selbst dein Vater nicht, aber es scheint die Psyche zu betreffen…“

Er spielt den Meisterdetektiv, so wie Lukas es immer gern tut. Als Kind wäre sie wieder beeindruckt von seiner überzeugenden Darstellung, aber nun stehen die Dinge anders. Es fällt ihr schwer, Thomas zuzuhören, denn es gibt ein entscheidendes Detail, was es schwer macht, über die Sache zu reden. Denn Skyla hat nicht vergessen, dass seine Arbeitskollegin verdächtig wirkt. Jemand, der dem Ritterorden treu dienen könnte. Die Gefahr besteht somit, dass ihr Patenonkel unbewusst Informationen rausgeben könnte, die sie alle in Teufels Küche bringen. Obwohl Thomas es verdient, angehört zu werden, nagt die Erschöpfung an ihr. Die Kräfte müssen sorgsam aufgespart werden und selbst, wenn es ihrem Wunsch entspreche, dem Gespräch zu folgen, geht ihr der Fokus flöten. Mit Bedacht tritt sie daher an Thomas heran und umfasst seine Hände. Damit hören die wilden Vermutungen auf und seine volle Aufmerksamkeit gehört ihr. Die Stimme zittert, als sie zu ihm spricht: „Bitte vertraue mir, wenn ich dir sage, dass ich nicht darüber sprechen kann.“
Ein wenig mehr Zeit und blindes Vertrauen. Mehr wünscht sich Skyla nicht. Aber Thomas schweigt zu lange für ihren Geschmack.
„Lange sehe ich mir das Schauspiel nicht an, Skyla. Die Hütte brennt und doch willst du das Feuer allein löschen.“
„Ich schaffe das!“
Skyla darf nicht daran zweifeln, aber Thomas wirkt nicht überzeugt.

„Und deine Pläne? Hast du wirklich eine Unterbleibe?“
„Es gibt ein Ort, an dem ich immer zurück kann. Komme, was wolle. Aber vorerst will ich andere Möglichkeiten in Betracht ziehen.“




Thomas nickt zwar einsichtig, dennoch betont er: „Finn wird hinter dir stehen. Kacie kann die Sache nicht allein absegnen. Wenn Finn von dem Rauswurf erfährt, dann wird dein Vater sich für dich einsetzen.“
Möglich und doch will Skyla nicht, dass ihr Vater sich für eine Seite entscheiden muss.
„Meine Eltern sollen sich meinetwegen nicht verkrachen. Ich bin alt genug für meine eigene Wohnung.“
Thomas‘ Augen fangen an zu glänzen. „Du bist so schnell erwachsen geworden, Skyla. Ich bin stolz auf dich.“
Ein Lob, das sie nicht verdient. Es liegen ihr so viele Gegenargumente auf der Zunge und doch schluckt sie die giftige Pampe hinab.

Mit einem gespielten Lächeln konzentriert sich Skyla aufs Zusammenpacken ihrer Sachen. Thomas beobachtet sie zu lange für ihren Geschmack. Fast, als wolle er weitere Versuche starten, sie zu überreden. Aber kein Ton verlässt seine Lippen. Ihre Muskeln entspannen sich, als er sie dann endlich allein lässt. In dem Moment, wo die Tür zugeht, lässt sie die Kleidung in der Hand fallen und muss sich vor Erschöpfung setzen. Immer die Starke zu spielen treibt ihren Körper an ihre Grenzen. Zwar wärmt Dalikas Kette sie noch immer und füttert sie mit Energie, aber es reicht nicht. Körper und Geist sind am Ende. Die Sonne wirft ihre Strahlen zwar durch das Fenster, aber die Welt ist dunkel und kalt. Nach einer gefühlten Ewigkeit findet Skyla die Kraft, sich zu erheben und packt alles schnell zusammen. Eilig springt sie unter die Dusche, die leider keinen Mehrwert bringt. Egal, wie sehr sie sich schrubbt, der Ekel bleibt. Sowie das Gefühl, bis zum Hals im Schlamm zu stecken. Der Geruch von kalten Fleisch und Eisen liegt in der Luft. Dalikas Kette kann noch so gut riechen, der Gestank hat sich eingebrannt. Der Kopf spielt verrückt und färbt das Wasser auf dem gefliesten Boden rot oder schlammig. Nur kurz und doch ist diese Illusion immer aufs Neue ein Schrecken. Ihr Kopf hat den Sumpf nicht verlassen. Noch nicht. Aber es wird höchste Zeit.

Nach der Dusche ist die Zimmertür fast erreicht, als sie aus der Ferne angesprochen wird: „Hey! Ihr verschwindet? Ohne mich?“
Die Dankbarkeit wärmt ihren Brustkorb, wie ein warmer Glühwein an kalten Tagen. Kais Stimme zu hören klingt ausnahmsweise wie ein Segen. Mit einem Lächeln dreht sich Skyla um und wischt sich schnell die Tränen aus dem Gesicht. Der Bär hebt müde den Kopf. Er wirkt angeschlagen und sein trüber Blick zeigt, dass er noch etwas mehr Zeit zum Genesen braucht.




„Hey, wie geht es dir?“
Sein kritischer Blick entlockt ihr einen amüsierten Laut, denn die Situation ist wahrlich absurd. Noch nie hat sich Skyla so sehr gefreut, Kai zu sehen.
„Freundlichkeit steht Euch nicht.“
„Wahre Worte.“

„Was ist aus meiner Grausamkeit geworden?“
„Die kehrt schneller zurück, als dir lieb ist.“
„Gut.“ Der Bär erhebt sich ächzend, aber motiviert. „Wir brechen auf?“
„Ja, das tun wird.“ Skyla lässt ihn in seine Tasche kriechen und blickt sich um. „Agnar, auch du kommst mit. Denn wir verlassen diesen Ort schon bald.“
„Verstanden“, meldet sich die kleine Spinne aus irgendeiner Ecke.
Zu wissen, dass sie dieses Haus womöglich bald nicht mehr zu Gesicht bekommt, weckt Kummer in Skyla. An jenem Ort stecken viele Erinnerungen. Wie bei ihrer Oma, aber auch bei ihren Eltern. Doch der Auszug aus dem Elternheim kommt ihr gelegen. Ein neues Kapitel in ihrem Leben und doch überwiegt die Sorge, den kommenden Prüfungen nicht gerecht zu werden.
Fortsetzung folgt.

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