Kapitel 15

Die Türklingel verkündet die zwei neuen Gäste. Der Duft von süßen Gebäck und Kaffeebohnen steigt Skyla in die Nase. Wie ein Gentleman hält Lukas ihr die Tür offen und grinst sie erwartungsvoll an. Skyla tritt in ein Reich, das die Kälte ruckartig vergessen lässt. Ein Café mit Wohnzimmeratmosphäre. Die Wände sind türkisfarben gestrichen und Zimmerpflanzen befinden sich in ungewöhnlichen Vasen. Geometrische Formen. Mal in Wellenoptik bis hinein zu einem Sechseck. Die wenigen Dekorationselemente werden perfekt in die Szene gerückt. Bei der Inneneinrichtung haben sich die Besitzer ordentlich Gedanken gemacht, denn die Räume wirken größer. Der Laden ist gut besucht. Die Atmosphäre friedvoll und fröhlich.

Auffordernd hält Lukas seinen Arm zu seiner Kindheitsfreundin, womit er sie zum Lächeln bringt. Wie so oft hakt sie sich bei ihm ein und lässt sich von ihm führen. Diesmal geht es eine Wendeltreppe hoch. An dem geschwungenen Treppengeländer machte es sich eine weißhaarige Frau bequem. Jemand, der Skyla sofort ins Auge sticht. Nicht wegen ihrem auffälligen hellen Hautton, sondern weil die eisblauen Augen sie sofort ins Visier nehmen. Mit der weißen Körperbehaarung und dem bleichen Farbton hegt Skyla keine Zweifel, einen Albino vor sich zu haben. Die Frau hält den Atem an und betrachtet sie ungläubig. Sie war gerade dabei, eine Tasse an ihren Mund zu setzen. Aber nun verharrt die Dame und sie beobachtet, wie Lukas sie an ihr vorbei führt.

Die Wahl ihres Sitzplatzes fällt in eine Ecke. Dort, wo sie ungestört sein können. Direkt an einer Dachschräge. Aber Skyla zögert und blickt zurück, sodass sie erneut Augenkontakt mit dem Albino aufnimmt. Daraufhin zucken die Mundwinkel der Dame. Das Lächeln ist zuckersüß und zum Dahinschmelzen. Als sie Skyla frech zuzwinkert, steigt dem Medium die Röte ins Gesicht und sie wendet schnell den Blick ab. Es ist nicht ihre Absicht, zu starren. Aber da ist etwas an ihr, das Skyla in Versuchung bringt. Allein beim Augenkontakt spürte sie ein freudiges Kribbeln im Bauch. Ihr Körper will Skyla nicht gehorchen. Kaum sind die Augen reuevoll zu Boden geschlagen, blickt sie erneut auf. Die Fremde wirkt nur wenige Jahre älter als Skyla und wirkt mit dem Laptop und einem Stapel Bücher beschäftigt. Vielleicht eine Studentin.



Die weiße Mähne der fremden Frau fällt stufig bis zu den Schultern. Ihre Kleidung erinnert an ein Outfit fürs Büro mit der blütenweißen Bluse, dessen Ärmel kurz und ballonartig sind. Über dieser trägt sie eine schwarze Weste mit Sternen- und Monddruck. Die schwarze Hose betont die langen Beine und ihren wohlgeformten Hintern.
„Skyla? Stimmt etwas nicht?“
Lukas klingt besorgt.
„Alles gut.“
Es ist mehr ein nervöses Stammeln. Beschämt will sie sich auf den Stuhl pflanzen, aber ihr Freund hält sie davon ab.
„Deine Jacke“, haucht er ihr ins Ohr, „lass mich dir helfen.“
Sie nickt mit hochroten Wangen. Im Handumdrehen ist sie von dem schneebedeckten Kleidungsstück befreit. Lukas hängt die Jacke auf, während ihr Blick automatisch zum Geländer wandert. Die Fremde bekommt Gesellschaft von einem schwarzhaarigen Mann. Jemand, den die Dame freudig in die Arme schließt und mit demselben zuckersüßen Lächeln begrüßt.

Ein paar Tische weiter macht Skyla einen Fund aus, der sie ungläubig blinzeln lässt. Zu abgelenkt war sie, um Janik auszumachen. Wie klein die Welt doch ist. Tanjas Bruder scheint ebenfalls fixiert auf den Albino. Noch ehe Skylas Verstand sich meldet, tragen ihre Beine sie zu seinem Tisch. Etwas, was dem Kerl nicht entgeht, und er die Zähne bleckt. Aber so dreist, wie sie ist, setzt sie sich ihm gegenüber. Als Sichtschutz fungierend, womit die Beschattung der weißhaarigen Frau unterbrochen wird.
„Hallo, Janik!“
Skyla spricht seinen Namen verdächtig gedehnt aus. Zu ruhig für ihren Geschmack. Fast, als zeige sie an so einem Widerling Interesse. Etwas, das sie schnell korrigiert, indem sie ihn böse anfunkelt.
Seine Augen werden schmal und seine Muskeln versteifen sich in ihrer Anwesenheit.
„Was willst du, Skyla?“
„Was kann ich Ihnen bringen?“, wird Skyla von einer Servicekraft angesprochen.
Erschlagen blickt das Medium auf. Denn für einen Moment vergaß sie die Tatsache, in einem Café zu sitzen. Ein Blick auf Janiks Teller und ihre Augen beginnen zu funkeln.
„Oh, die Donuts sehen ja sweet aus.“ Skyla deutet aufgeregt auf das Gebäck mit einer Schokoglasur, die als Katzenohren und einem niedlichen Katzengesicht verziert sind. „Die nehmen ich und einen Cappuccino bitte.“




„Sehr gern.“
Daraufhin wendet sich die Bedienung von ihnen ab.

Skyla vergisst für einen Moment das Problem und bestaunt das süße Backwerk. Solange, bis Janik sie aus ihren Gedanken reißt: „Du bist eine Naschkatze, Skyla.“
„Hör mal, ich habe heute Morgen meinen Bagel an einer Taube verloren!“, verteidigt sie sich beleidigt.
Janik lächelt amüsiert. „Du kannst ja doch niedlich sein.“
Er legt den Kopf schief, als plane er Dummes. Doch Skyla ist nicht hier, um mit ihm rumzuspielen. Sie hat stattdessen ein Hühnchen mit ihm zu rupfen.
Zu aller erst folgt ihre wichtigste Frage: „Weißt du, wo Emilie steckt, Janik?“
Der brodelnde Zorn lässt sich nicht ganz verstecken. Ihre Stimme zittert und unbewusst bleckt sie die Zähne.
Ihr Gegenüber zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen?“
„Ist dir Emilie so egal? Sie ist total verknallt in dich und du hast dich mit ihr vergnügt! Du hast so viel Zeit mit ihr verbracht, also gehe ich davon aus, dass du etwas weißt! Bist du an ihrem Verschwinden beteiligt?“
Genervt sieht er auf und äußert sich ruhig dazu: „Das sind schwere Anschuldigungen, Skyla! Emilie war wirklich niedlich. Ich hatte eine schöne Zeit mit ihr. Sie ist mir nicht egal, denn ich vermisse sie wahnsinnig.“

Skyla zwingt sich zu einem Lächeln, bevor sich ihr Blick verdüstert. „Oh entschuldige! Das sehe ich! Glaubst du, ich bin blind? Wen beschattest du eigentlich da?“
Die Augen von Janik weiten sich. Er ist aufgeflogen und das bedeutet für ihn wahrscheinlich, die Mission abzubrechen, denn er nimmt plötzlich die Finger von seiner Tasse.
„Danke für den Besuch, Skyla. Ich bin leider viel zu beschäftigt und muss mich nun verabschieden.“
Er ist gerade dabei, aufzustehen, da bekommt sie zum Glück Unterstützung von Lukas, der Janik hinab drückt und sich ebenfalls einen Stuhl organisiert.
„Er beschattet den Albino, Skyla“, weiß Lukas.
Skyla blickt zurück. Sie seufzt verträumt und kann nicht anders, als zu schwärmen: „Oh, Lukas, sie ist so niedlich.“
Das Lächeln auf Lukas‘ Lippen schwindet. Bewusst schnippt er mit den Fingern, sodass sie aufblickt. „Konzentrieren wir uns einfach wieder auf Emilies Verschwinden.“
Er hat Recht!

Schlagartig dreht sich Skyla um und mit verengten Augen betrachtet sie Janik, der abwehrend seine Arme vor der Brust kreuzt.




„Siehe mich nicht so an, Skyla. Ich habe mit Emilies Verschwinden nichts zu tun“, behauptet er felsenfest.
„Lügner!“, knurrt sie.
Das Medium wird jedoch schnell von der Servicekraft besänftigt, als man ihr den Cappuccino und die Donuts hinstellt. Lukas macht ebenfalls große Augen. Er bestellt das Gleiche. Da Skyla ihrem süßen Gebäck nicht widerstehen kann, übernimmt Lukas das Gespräch.
Er versucht Janik ins Gewissen zu reden: „Emilie hat niemanden etwas getan. Sie ist eine sehr liebevolle Person. Ich kenne sie noch nicht sehr lange, aber sie ist eine Freundin von Skyla und ich werde helfen, sie zu finden.“
Janik wirft ihm daraufhin vor: „Doch nur, damit du den Helden vor deiner Freundin raushängen kannst. Das nennt sich reiner Egoismus.“
Kurz wird es still und die beiden Jungs beginnen mit einem Blickduell.
„Mag sein! Aber w …“, will sich Lukas dazu äußern.
Janik unterbricht ihn jedoch erbost: „Sicherlich ist Emilie schon tot. Wie lange ist sie fort?“
Skyla starrt ihn schockiert an und widerspricht: „Nein! Emilie ist nicht tot!“
Janik zuckt mit den Schultern und äußert sich gleichgültig dazu: „Leute kommen, Leute gehen.“
Worte, die Skylas Zorn hinausbrechen lassen. „Wie kannst du so etwas Fürchterliches nur sagen?“
Aber der Kerl lenkt lieber vom Thema ab und provoziert sie weiter: „Was ist eigentlich bei dir vorgefallen? Ich hörte, bei euch wurde eingebrochen.“
Ein unangenehmes Thema, auf das Skyla nicht darauf eingehen will.
„Und wenn schon!“

„Hast du es gesehen? Jemand hat Bilder von eurer Wohnung geschossen und sie bereits ins Netz gestellt. Ist die Botschaft an dich? Eine Hexe? Ja, das passt gut zu dir, so giftig wie du bist.“ Janik ruft mit seinem Handy einige Bilder von der Wohnung auf, die bereits in den sozialen Netzwerken rumgehen. „Verbrennt die Hexe.“
Noch ehe sich Skyla mit ihm anlegen kann, verteidigt Lukas seine Freundin: „Ziemlich altmodisch, wenn du mich fragst. Etwa wegen ihrer Haarfarbe? Ich sehe nur einen leidenschaftlichen Mangafan vor mir! Eine bezaubernde und starke Persönlichkeit!“
Er weiß, wie er Skyla aufmuntern kann. Sein verträumtes Lächeln gilt ihr allein.
Janik verdreht seine Augen. „Turtelt woanders!“
Natürlich muss Lukas frech grinsen. „Leb damit.“




Skyla hingegen streitet die Sache jedoch ab: „Wir turteln gar nicht!“
Lukas rückt ihr plötzlich auf die Pelle mit dem Blick auf den Donut. „Das sieht so lecker aus, Skyla. Lass mich mal abbeißen.“
„Schon fast zu schade, um es zu essen“, schwärmt sie und albert mit ihm rum, „miau.“
Ihr Seelentröster hebt begeistert den Kopf. Mit großen Augen und zuckenden Mundwinkeln. „Mach das noch mal!“
„Was denn?“
„Den Katzenlaut, aber lass uns dir Katzenohren besorgen“, schlägt er begeistert vor.
Sie boxt ihn genervt gegen die Seite und fordert: „Hör auf damit!“
Sein schelmisches Lächeln bekommt sie jedoch noch mit.
„Du hast aber angefangen.“
Lukas klingt zu lieb und unschuldig, dass sie erheitert kichern muss.

Wie der Hammer eines Richters donnert Janiks Faust auf die Tischplatte. Sichtlich genervt wechselt sein strafender Blick zwischen ihnen. Mahnend. Etwas, das er mit gebleckten Zähnen mehr Ausdruck verleiht.
„Hört auf mit dem Kindertheater!“
Skyla legt den Kopf schief. „Was finden die Mädchen nur an dir? Du hast ja keinen Sinn für Humor!“
Janik winkt genervt ab. „Ich hab ja schon verstanden! Ihr zwei, Verrückten, habt euch gefunden!“
Skyla bricht ihren Donut quälend langsam in zwei Teile und bereut es auch sofort. Mit zugekniffenen Augen hält sie die eine Hälfte zu ihrem besten Freund. Sie blickt jedoch überrascht auf, als er von dem Stück abbeißt, statt es entgegenzunehmen.
„Muss ich dich wirklich noch füttern?“
„Ich bitte darum“, ärgert Lukas sie neckisch.
Skyla sieht von ihm zu Janik und erkennt sein Vorhaben: „Sitzen bleiben! Wir sind noch nicht fertig mit dir!“
„Was auch immer ihr da macht, tut es ohne mich!“

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