Kapitel 24
Unerreichbar sein ist ein Wunsch, den Skyla im Augenblick hegt. In Milans starken Armen zu liegen gibt ihr ein Gefühl von Geborgenheit. Verboten süß und zu groß die Versuchung. Im Kuss verloren verschwendet sie keinen Gedanken an all die Pflichten und Probleme, die nach ihr rufen. Aber Handys sind nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch. Augenrollend blickt Skyla zur Decke, als sich ihres meldet.
„Sicherlich nur Lukas.“
„Dann ignoriere ihn“, haucht Milan ihr ins Ohr und drückt ihr den nächsten Kuss auf die Lippen.
Fast hätte sie sich darauf eingelassen, aber der Absender spammt sie mit unzähligen Nachrichten zu, sodass sie zornig ihr Handy aus der Hosentasche kramt. Bereit, um sich mit Lukas anzulegen, aber ihr Anflug von Wut verweht im Wind, denn die Nummer ist unbekannt.
„Milan?“ Beunruhigt hebt sie den Kopf. Der Geisterjäger blickt zuerst gefrustet von der Unterbrechung, aber er deutet den Ton in ihrer Stimme richtig und setzt sich neben sie, um den Inhalt ebenfalls zu Gesicht zu bekommen.
Liebes Tagebuch,
ich sollte mich vielleicht freuen. Ich versuche es ja! Doch Skyla entfernt sich immer mehr von mir. Ich versage nun auch als Freundin. Es schmerzt, wenn sie mich von sich stößt. Etwas beschäftigt sie, aber sie will nicht darüber sprechen. Skyla verschließt ihr Herz. Ich kann kaum hinsehen.
Ist geteiltes Leid nicht halbes Leid?
Reden Freunde nicht über alles miteinander?
Bin ich überhaupt ihre Freundin?
Ich habe mich nie getraut zu fragen. Denn für mich ist Skyla vieles. Sie ist nicht nur eine einfache Freundin, sondern meine Besti. Mein Idol. Eine solch ambitionierte Köchin findet man heutzutage nur noch selten. Skyla ist ehrlich und direkt, das mag ich an ihr. Sie befindet sich nicht an meiner Seite, weil es ihr Vorteile verschafft, sondern weil …ich kann es nicht mal mehr genau sagen. Denn sie hat sich verändert und das, was wir gemeinsam hatten, war einmal und wird nie wieder sein, wenn sie auf diesem Pfad weiter wandelt.
Ich liebe dieses Mädchen über alles, deshalb werde ich kämpfen. Mein Tag kann noch so düster und anstrengend sein, an ihrer Seite ist alles vergessen und ich blühe auf. Nur bin ich gerade an einem Tiefpunkt angelangt. Mein Herz krampft fürchterlich und fühlt sich verraten. Dass meine Gefühle unerwidert bleiben, habe ich akzeptiert. Daher arbeite ich an ihrem Glück. Meine Versuche, ihr den nötigen Schubs zu geben, nerven sie und sie ergreift die Flucht. Das habe ich erwartet. Grund für mein Empfinden ist jedoch, dass ich sie bei Milan wiederfinde. Dem Jungen, den sie angeblich meidet und nicht ausstehen mag.
Lügt Skyla mich an?
Aber welchen Grund sollte sie haben?
Sie war doch immer ehrlich zu mir!
Was hat sich geändert?
Ich sollte mich freuen, denn damit wäre mein Ziel erreicht. Nur kränken mich ihre Worte. Wie sie über mich denkt und spricht. Der Ton und diese Wut gelten allein mir. Ich wusste nicht, dass sie so empfindet. Ich dachte, unsere Freundschaft beruht auf einem harmonischen Fundament. Tratsche ich über Skyla? Ich hatte nie das Gefühl und wenn dem so ist, dann tut es mir fürchterlich leid. Meine Bemühungen, das Beste für sie zu wollen, waren ihr zu wider. Ich habe das Gefühl, nicht mehr Teil ihres Lebens zu sein. Milan unterbrach sie netterweise. Er ist so lieb und sein Herz ist warm wie die Sonne. Etwa, was Skyla dringend braucht. Ich bin mir sicher, er bringt sie zum Lächeln. Die Arbeit in unserer Branche ist schwer, umso wichtiger ist es, dass Skyla jemanden hat, der ihr Kraft gibt. Starke Arme, die sie auffangen.
Aber heute war Skyla so in ihrem Wahn, dass mein Herz kaum ein weiteres Wort ertragen hätte. Für mich bricht gerade die Welt zusammen. Was mache ich falsch? Was ist so abstoßend an mir? Skyla war die Erste, die mich aufrichtig behandelte und mit der ich ehrlich lachen konnte. Ich fühle mich einsamer als ohnehin schon. Mein Licht hat sich von mir abgewendet und zurückbleibt eine unendliche Leere. Skyla bleibt unerreichbar und ich sehe den Bruch unserer Freundschaft. Hoffentlich blüht sie an Milans Seite auf und erinnert sich zwischendurch an unsere wundervollen Momente, die ich wie Schätze hüte und dir mir gerade jetzt helfen, besser mit der Traurigkeit fertig zu werden.
Allein das Foto von diesem Tagebucheintrag trifft wie ein Faustschlag. Skyla ringt nach Luft und orientiert sich an dem Datum, um ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Emilie spricht von dem Zeitraum, wo sich Milan gerade erst in ihr Leben geschlichen hat. Die Nachricht von Tamir lässt Skyla umso schuldiger fühlen:
Zuerst stiehlst du ihr Herz! Schleimst dich bei ihr ein und wirst zur Stütze ihres Leben! Eine böse Hexe kann ja nur hinterlistig sein! Du hast meine Schwester verspottet und hinter ihrem Rücken gelästert! Sie hat alles gehört! Miststück! Dafür wirst du in der Hölle brennen!
Meine Schwester hat dich nicht verdient! Sie war herzenslieb und gütig! Und du bist ein Monster!
„Weißt du noch, als ich dich an der Schule abholte und du wegen Emilie so aufgebracht warst?“
Milan lächelt bitter. Aber Skyla seufzt erschöpft.
„Seitdem du in mein Leben gestolpert bist, war ich ständig genervt. Emilie hörte nicht auf, von dir zu reden. Es hing mir in den Ohren raus.“
„Emilie wollte nur das Beste für dich!“ Milans Ton klingt ungewöhnlich rau. Am Ende seufzt er verärgert. „Zuerst habe ich ihr die Entführung und die Drohungen verübelt. Aber schnell zeigte sich mir, wie sie wirklich empfand und warum sie das alles tat. Dann warst du so wütend und es wäre auch okay gewesen, wenn du dich ausgekotzt hättest, aber Emilie befand sich nur wenige Meter entfernt. Du hast sie nicht wahrgenommen und ihr Blick zeigte mir, wie gekränkt sie war.“
Seine Sicht macht das Ganze umso schlimmer. Reuevoll lässt Skyla ihren Kopf sinken. „Ich bin so eine schlechte Freundin.“
Aber Milan schüttelt eisern seinen Kopf. „Nein! Du irrst dich! Es ist verständlich, wie du empfunden hast. Emilie konnte deine Lage nicht verstehen, weil sie die Welt anders betrachtet. Ihr die Augen zu öffnen ist mit Gefahren verbunden.“
„Lukas hätte ich meine Gabe von Anfang an zeigen sollen! Er verstieß mich nicht und nannte mich auch kein Monster. Er bezeichnet es als Superkraft und sieht in mir eine Heldin.“
Als Milan loslacht, boxt sie ihn warnend. Er wischt sich eine Lachträne aus dem Gesicht und lächelt noch immer breit. „Entschuldige, aber er ist so ein naiver Nerd.“
Die Wut bahnt sich so schnell einen Weg hinaus, dass Skyla keine Kontrolle darüber hat. Wie durch ein Kanonenrohr verlässt ihre Macht den Körper und befördert Milan durch die Luft. Der Geisterjäger donnert gegen die Wand und landet auf einen Mülleimer. Der Schock sitzt tief. Von allen Seiten. Es ist Mia, die sich in Skylas Bild schiebt und ihr einen Haufen Vorwürfe macht. Aber da Milan nichts fehlt, ist Skylas Sorge schnell verflogen.
„Idiot! Ich habe dich bereits gewarnt! Beleidige Lukas nicht! Du magst keine Nerds? Tja, ich bin ebenfalls einer! Deine herablassende Art, wie du über meinen Freund sprichst, nervt einfach! Weißt du was? Ich gehe!“
Zu schnell steht Skyla auf den Beinen. Der Schwindel setzt ein und sie fällt zurück auf die Bettkante. Statt die Situation ernst zu nehmen, beginnt Milan zu lachen.
„Eines muss ich dir lassen, du bist witzig, wenn du wütend bist.“
Sie bleckt die Zähne, aber Milan erhebt sich und schlendert sorglos zu ihr. Er lächelt, als nehme er sie nicht ernst. Verdächtig beugt er sich zu ihr und glaubt, sie mit einem Kuss zu besänftigen. Aber Skyla ist schneller und verdeckt mit beiden Händen seinen Mund. Sie hält ihn auf Abstand und betrachtet ihn warnend.
„Du hast es dir gerade verbaut, Milan! Ich will augenblicklich nach Hause!“
Milan löst ihre Hände und lächelt fies. „Nach Hause? Du meinst zu Lukas, der wütend auf dich ist?“
Das sind ganz miese Karten!
Mahnend hebt Skyla den Finger. „Vorsicht, Milan! Verscherze es dir nicht mit mir!“
Aber dieses dreckige Grinsen befindet sich noch immer in seinem Gesicht.
„Ohne Mias Portal kommst du nicht weit“, haucht er ihr die Worte ins Ohr.
Ihre Laune sinkt augenblicklich in den Keller. „Was willst du mir damit sagen, Milan? Bin ich deine Gefangene oder was?“
Er schnaubt erheitert. „Wirklich, Skyla? Was denkst du nur von mir? Was ich sage, dass du Mia besser nicht verärgern solltest, denn sie ist dein Ticket zurück. Und mal ehrlich, willst du von hier weg?“
„Ich möchte!“ Allein der Satz reicht aus, um ihn den Ernst der Lage verstehen zu lassen. „Denn ich gebe mich nicht mit Leuten ab, die über Lukas spotten! Du verurteilst ihn, obwohl du ihn nicht mal richtig kennst!“
Milan stöhnt, als sei er diese Unterhaltung satt. Er fährt sich durch seine Mähne und überlegt angestrengt. Sicherlich schmiedet er Pläne für einen Themawechsel.
„Auszeit! Das hier nimmt eine beunruhigende Wendung an, dabei sehne ich mich schon so lange nach einer Übernachtung. Es mag mir nicht leicht fallen, aber ich versuche, meine Klappe zu halten, wenn wir über Lukas sprechen. Nur verlange nicht von mir, dass ich mich mit ihm anfreunde, denn mal ganz ehrlich, das wird nie passieren. Allein meine Anwesenheit verärgert ihn.“ Milan schmust sich ganz nah an sie und betrachtet sie mit einem zuckersüßen Blick, wie ein Hund, der Mist gebaut hat und sich einschleimen muss. „Verzeihst du mir?“
Skyla schluckt schwer, denn es liegt an ihr, sich zu entschuldigen. Ihr Wutausbruch ist viel gravierender als diese dumme Rivalität zwischen ihren Freunden.
„Milan, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht gegen die Wand pfeffern.“
Kurz stand dem Geisterjäger der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Sicherlich interpretierte er zu viel in ihre Entschuldigung. Aber am Ende lächelt er frech.
„Das macht mir nichts. Mach dir darüber keinen Kopf. Ich bin robust und das war keine Absicht. Ich habe es schließlich provoziert und bin selbst schuld.“
„Dennoch ist es nicht okay!“, findet sie.
„In der Tat!“, stimmt Mia genervt zu.
Aber Milan zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Wir arbeiten daran. Versprochen.“
Aus seinem Munde klingt es zu einfach. Dabei ist ihm doch zu Genüge aufgefallen, wie heißblütig sie sein kann. Ihr lautes Grummeln wird unterbrochen, denn ihr Anblick amüsiert den Geisterjäger köstlich. Milan misslingt es, das Lachen zu unterdrücken. Dabei ignoriert er all die Warnungen. All die bösen Blicke ihrerseits. Die gebleckten Zähne und das laute Schnaufen. Frust hat sich in ihr angestaut und will auf einen Schlag raus. Zitternd erhebt sich Skyla und steuert gezielt das Fenster an. Etwas Frischluft könnte helfen.



























































Kommentare