Kapitel 31
Ruhe nach einem Sturm. Zeit zum Durchatmen. Zeit, um die Gefühle zu sortieren. Skyla versteckt ihr Gesicht bewusst hinter ihren Händen und wählt tiefe Atemzüge.
Welch ein Drama!
Tessa verlor an einem Tag beide Elternteile. Und Skyla? Ihre Mutter kehrte der Familie den Rücken. Hoffentlich geht es Ramona gut. Ihrer letzten Cousine. Ebenfalls hochschwanger von einem Football Mannschaftskapitän. Einer untreuen Seele. Hoffentlich Mann genug, um der Mutter seines Kindes im Notfall beizustehen.
„Tessa, ich ruf Ramona an. Sie sollte ebenfalls gewarnt werden. Nur für den Fall der Fälle.“
Skyla zieht ihr Handy hervor, aber die Hände zittern so stark, dass es ihr nicht möglich ist, irgendeine Taste zu drücken. Es gleitet ihr sogar aus den Fingern, aber Dalika kommt ihr zuvor und fängt es für sie.
„Kleine Blume, gönn dir einen Moment Ruhe.“
Doch Skyla schüttelt den Kopf. „Dann könnte es für Ramona zu spät sein. Sie jagen uns. Jeden aus der Familie. Ich muss sie warnen. Meine Cousine ist ebenfalls schwanger.“
Ein Stichwort, das Dalika umstimmt.
„Dann lass mich sie anrufen, kleine Blume. Komm nur zur Ruhe.“
„Nicht nötig.“ Tessa erhebt sich mit getrockneten Tränen. „Ich übernehme Ramona.“
Ohne auf eine Reaktion zu warten begibt sie sich hinaus aus dem Zimmer. Vorbei an Sina, die ängstlich zur Seite weicht. Erst jetzt bemerkt Skyla all das Blut auf Sinas Kleidung.
„Dalika, würdest du mir aufhelfen? Ich glaube, Sina braucht eine Umarmung.“
Skylas Beine sind schwer. Sie arbeitet gegen sie. Vorwurfsvoll blickt Dalika hinab, um sich dann zu Sina zu begeben. Ein Flüstern und schon schaut die Reporterin hinüber. Mit Tränen in den Augen. Ohne zu zögern, stürmt sie los und Skyla sieht das Unglück bereits kommen. Sina stürzt sich ungehindert hinab auf Skyla und heult Rotz und Wasser. Sie lässt sich einfach von Skyla auffangen und beginnt sich wie ein kleines Kind zu klammern. Dalika kehrt zu ihnen zurück und nimmt gegenüber geduldig Platz, als warte sie nur auf ihre Gelegenheit. Aber Sinas Geheule steckt Naru an. Im Nu befindet sich der Nang Tani auf den Beinen und beruhigt das jüngste Mitglied mit Gesang. Aufmerksam horcht Skyla und erkennt die Melodie wieder. Bewusst oder unbewusst summt Dalika wie Tante Mary, womit sie Salz in der Wunde streut. Wenn Skyla könnte, dann würde sie nun das Weite suchen. Aber Sina klammert sich weiterhin.
Dalikas Stimme verliert zuerst an Kraft und ihre Singeinlage endet so abrupt, dass Skyla beunruhigt aufblickt. Sie folgt dem Blick des Nang Tani zu Lukas, der sich auf die Beine kämpft. Sein Körper schwankt und doch steuert er den Erker an. Seine Atmung ist schwer, seine Augen drohen zuzufallen und doch nähert er sich wie ein Zombie.
„Warte mal kurz, Sina.“ Skyla schiebt die Reporterin zur Seite auf den freien Platz neben ihr. Im nächsten Moment kämpft sie sich mühselig hoch. Obwohl alles in ihr zum Protest ansetzt. „Lukas, du kannst doch nicht einfach aufstehen…“
Seine stillen Tränen und sein tiefes Seufzen lassen sie vergessen, was sie sagen wollte. Seine Hände umfassen zuerst ihr Gesicht und wandern langsam hinab, seine Augen zucken panisch umher, als wäre er auf der Suche nach etwas. Am Ende zieht er sie mit einem Ruck in eine Umarmung. Zuerst ein Keuchen, dann ein verzweifeltes Grinsen. Sein Körper zittert vor Anstrengung, das Haar klebt ihm vor Schweiß im Gesicht.
Die Blässe ist noch nicht verschwunden, woraufhin sich Skyla um ihn sorgt. Zu recht, wie sich zeigt, denn einen Augenblick später geben seine Beine nach, so wie ihre. Beide Freunde stürzen zu Boden. Lukas keucht, denn ihm entweicht die Luft aus den Lungen. Schließlich fällt Skyla auf ihn. Beunruhigt hebt sie den Kopf.
„Hast du dich verletzt?“
Doch Lukas schweigt sie weiterhin an und betrachtet sie mit solch einer Sehnsucht, als hätten sie sich eine halbe Ewigkeit nicht gesehen.
„Du lebst.“
Seine Stimme klingt schwach und zittert. Verwirrt nickt sie. Daraufhin atmet er laut aus. Seine Hände gleiten von ihr und er verdeckt kurz sein Gesicht.
„Ich dachte, ich hätte dich verloren! Aber du lebst!“
Hilfesuchend blickt Skyla umher. Kai scheint keine große Hilfe, denn er dreht eine Kralle vor der Stirn, als habe ihr Freund einen Dachschaden. Dalika hingegen tritt vom Inkubator fern.
„Der Dämon trübte deine Sinne, Lukas.“
„Es war nur eine Illusion. Ein schrecklicher Alptraum?“, hinterfragt er ohne die Hände von seinen Augen zu nehmen.
„Du hast Schreckliches in deinem Alptraum durchstanden oder?“
Dalika spricht, als verstehe sie genau, was in Lukas hervorgeht. Daher hofft Skyla, ihr Freund öffnet sich weiter. Sie will gerade von ihm klettern, da blickt er panisch auf und fängt sie wieder ein.
„Bitte geh nicht, Skyla! Bleib noch etwas.“
„Keine Sorge, nur nicht am Boden. Lass uns einen bequemeren Platz suchen.“
Aber er lächelt zufrieden. „Lass uns doch einfach hier unten bleiben.“
„Der Bursche hat den Verstand verloren“, behauptet Kai felsenfest.
„Irrtum, trotz des Schreckens sorgt er sich mehr um Skyla. Das ist wahre Liebe“, behauptet Dalika mit einem eingeschnappten Ton.
Anders als Skyla kann Lukas die beiden gut ausblenden und richtet sich mit an einer Frage an seine Freundin: „Wie lange war ich fort?“
„Nicht mal eine Stunde.“
Sein Lächeln schwindet und er blinzelt sie ungläubig an. „Bist du sicher? Das kann gar nicht sein.“
Der Ausflug durch Kais Vergangenheit bis zu Segones Thronsaal fühlte sich auch wie eine halbe Ewigkeit an, obwohl Skyla nicht mal eine Stunde weggetreten war. Daher schenkt sie ihm ein mitfühlendes Lächeln.
„Es war hart oder?“
Lukas zeigt erneut, dass ihm nichts entgeht, denn er erkundigt sich besorgt: „Du hattest solch einen Höllentrip auch schon mal hinter dir?“
Ein Nicken, bevor sie ihm berichtet: „Ab und zu komm ich in die Köpfe anderer hinein. In einen Raum voller Türen, von dort kann ich mich auf Reisen begeben. In die Vergangenheit anderer. Nur bin ich dort unerwünscht und der Dämon, den ich damals suchte, setzte mich Hürden aus, woran ich fast gescheitert wäre. Einmal erwachte ich auf einem Autopsietisch. In den Kühlkammern befanden sich Monster versteckt. Unzählige…“
Eilig wischt Skyla die unschönen Gedanken fort. Ein Blick hinab zeigt jedoch das anerkennende Glänzen in Lukas‘ Augen. Sie öffnete sich ihm. So wie früher.
„Willst du wissen, was ich durchlebte?“, bietet er ihr nun an.
Zu gern, aber dafür bekommt sie keine Gelegenheit.
Das Hämmern an der Tür lässt alle Anwesenden zusammenzucken. Mit Wucht wird die Tür aufgerissen und der wütende Stier dort lässt Skyla schlucken.
„Wie?“ Sie keucht vor Unglauben. „Wie bist du hier her gekommen?“
Mit verengten Augen tritt die Frau ins Patientenzimmer, deren Zorn Skyla mehr als jeden Alptraum fürchtet. Eine Person, die sie jedoch gleichzeitig liebt und respektiert.
Oma Ulrike betrachtet stumm das Bild, was sich ihr dort bietet. Ohne Gnade greift sie hinab und zieht Skyla von ihrem Freund, um sie aus der Räumlichkeit zu entführen. Vorbei an Tessa und einer weiteren Person.
„Justin?“ Skyla glaubt, sie träumt. „Was machst du denn hier?“
Aber der Geisterjäger lehnt lässig an der Wand und beobachtet die Entführung regungslos.
Zähne zusammenbeißen und keine Schwäche zeigen. Ansonsten wird die Predigt noch länger. Aber der Körper ist steif wie ein Brett. Die Beine drohen wieder nachzugeben. Kaum im riesigen Gemeinschaftsraum angekommen, muss sich Skyla auf dem nächstbesten Sofa hinpflanzen. Die Räumlichkeit erinnert an eine Mischung aus Bibliothek und gemütliche Kaminrunde in einem altertümlichen Schloss. Zu spät fallen ihr der duftende Cappuccino und ein Laptop auf dem dunklen Holztisch vor ihr auf. Ein junger Mann mit Aktentasche nähert sich ihnen und schnappt sich seine Sachen, um sich woanders einen Platz zu suchen.
„Ich bitte um Entschuldigung. Ich hatte die Sachen nicht gesehen und…“, setzt sie zur Erklärung an.
Aber der Mann winkt mit einem Lächeln ab. „Schon gut. Ich nehme einfach woanders Platz.“
„Das müssen Sie aber nicht, ich kann mich auch umsetzen“, bietet sie ihm an.
„Schon gut.“
Damit wäre die Person fort, die Oma Ulrike noch im Zaun gehalten hätte. Seufzend dreht sich Skyla um und erstarrt vor Schreck, als sie der zornige Blick der alten Dame trifft.
Ich bin verloren!






























































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