Kapitel 4
Der Alkohol löst die Zunge und macht das Treffen umso angenehmer. Hoffentlich bemerkt David nichts. Ihr Ausbilder wird toben, schließlich ist Skyla sein ganzer Stolz. Auf sie war immer Verlass. Sina hat genauso einen schlechten Einfluss auf sie wie Emilie. Ein kurzes Augenklimpern und ein Schmollmund reichen aus, um Skyla für solch dumme Entscheidungen zu motivieren. Mason und Sina kennen nun die Story mit Emilie. Während die Foodbloggerin zutiefst gerührt reagiert und an Skylas Seite kauert, wandert Mason durch die schicke Wohnung. Er begutachtet das treue Inventar und dreht Vasen hin und her, was Sina ständig aufblicken lässt. Denn Mason hat nicht gelogen, alles, was er berührt, gefriert. Nur kann er seine Macht zu gut einschätzen und die Inkubationszeit reicht gerade mal für eine hauchdünne Schicht aus, die den Objekten mehr Glanz verleiht. So wie das Sonnenlicht in der hellen Wohnung mit den großen Fenstern. Fast die komplette Einrichtung ist in einem cremigen Weiß gestaltet worden. Zwischendurch gibt es wenige dezente Rosatöne, die hervorragend zu Sinas Persönlichkeit passen. Alles wirkt hell und freundlich.
„Mason. Du bist dran. Erzähl von dir.“ Skyla beugt sich nach hinten, um ihn mit ihren Augen anzuvisieren. „Was machst du eigentlich da?“
„Ich halte nach Wanzen Ausschau.“
Sinas Miene hellt augenblicklich aus. Stolz verkündet sie: „Schon erledigt. Du hast nichts zu befürchten.“
Aber der Kerl muss sich anscheinend selbst überzeugen. Noch immer liegt die schwere Tasche auf seiner Schulter. Fast, als müsse er jeden Moment die Flucht ergreifen.
„Ex-Soldat 0487. Auch genannt Mason. Meine Abteilung hat sich mit dem Übernatürlichen rumgeschlagen. Nicht immer mit Astralwesen und Anomalien. Meist mit Begabten der dunklen Materie. Größtenteils Voodoo-Zauberer und Schattenjäger. Bis uns diese Schweine vom Orden in die Quere kamen. Die ganze Abteilung wurde eliminiert. Ich entkam, weil ich mir die Beine vertreten habe. Vorgefunden habe ich ein Blutbad. All jene, die eine schützende Hand über Sonderlinge wie mir gelegt haben, sind beseitigt. Das Militär duldet mich nicht länger und will mich dem Orden ans Messer liefern. Einigen Soldaten kommt das sehr gelegen, denn in ihren Augen waren wir immer Freaks. Aber so schnell kriegen die mich nicht. Ich habe eine gute Ausbildung genossen. Wenn ich schon draufgehen sollte, dann mit hohen Verlusten seitens des Ordens. Dafür brauche ich starke Verbündete. In der Geisterwelt bist du ein großes Gesprächsthema, Skyla. All die Astralwesen lecken sich die Finger nach dir. Du warst in verbotenen Ebenen und gehörst zu den wenigen Überlebenden, die heimkehrten. Manche betrachten dich als eine Königin der Unterwelt.“
Skyla belächelt dies und winkt ab. „Du musst mich verwechseln. Das alles klingt nicht nach mir.“
Aus dem Augenwinkel bemerkt sie jedoch Kais verzweifelte Fratze. Dieser Bär wirkt verdächtig und ehe er sich versieht, packt sie feste zu. Der kleine Schlüsselanhänger schreit panisch und windet sich in ihrem Griff.
„Kai! Raus mit der Sprache! Was hast du angestellt?“, brüllt sie ihn an.
„Ich weiß nicht, was Ihr meint!“
„Lügner! Spucke es schon aus!“
„Okay! Okay!“ Der kleine Dämon keucht und kratzt sich verlegen hinter dem Ohr, als Skyla den Griff lockert. „Sagen wir, ich habe ein wenig über Euch geprahlt und vielleicht ein wenig untertrieben.“
Skyla wirft ihn achtlos weg und ignoriert den Schrei ihres Schutzgeistes.
„Ich bin wahrlich verloren.“
„Und bestraft mit dem Plüschteddy“, kichert Sina.
„Ja!“ Endlich versteht sie jemand. Skyla wollte sich fast bei ihr auskotzen, als ihr plötzlich ein Gedanke kommt. Erschrocken dreht sie sich um. „Kai! Wie lange existieren die Gerüchte schon?“
„Lange genug“, meldet sich Mason aus dem Hintergrund.
„Vielleicht bin ich ja kein Geister- und Dämonenmagnet. Vielleicht verdanke ich die unschönen Begegnungen ja allein meinen verfluchten Schutzgeist.“
Mit gebleckten Zähnen dreht sie sich um und sucht Kai, der sich still und heimlich verkriechen will.
„Kai! Du verdammter…“
„Ruhig, ruhig.“ Sina tätschelt ihr daraufhin sanft über den Kopf. „Du bist hier sicher, versprochen.“
Genug der Blamage! Skylas Temperament dreht mit ihr durch. Ein tiefer Atemzug und Skylas spürt, wie die Anspannung aus ihrem Körper entweicht.
„Es beunruhigt mich, dass ausgebildete Soldaten im Kampf gegen das Paranormale gegen den Orden versagen“, gesteht sie nun, „Ich habe meinen Feind unterschätzt.“
Mason kehrt zu ihr zurück und betrachtet sie zu lange für ihren Geschmack.
„Deine Gefühle stehen dir im Weg. Du bist aufbrausend, das ist gefährlich. Ich bin mir nicht sicher, ob unsere Partnerschaft funktionieren wird, wenn du auffällig bist.“
„Mason, ich kenne jemanden, der dir gefallen wird. Ihr ähnelt euch so verdammt stark. Du findest mich aufbrausend. Gut. Bin halt nur mal ich, aber…“
„Ich finde dich so knuffig und lustig, Skyla!“, freut sich Sina laut und drückt ihre Sitznachbarin so feste, dass Skyla das Gefühl hat, in ihren Armen zu ersticken.
„Luft!“
Mason betrachtet die beiden Damen angeödet und wendet sich von ihnen ab.
Er ärgert sich jedoch laut: „Der ganze weite Weg und dann solch eine Enttäuschung.“
„Hey!“, beschwert Sina, „Gebe dem Ganzen doch erst einmal eine Chance und lerne Skyla besser kennen. Sie ist zauberhaft.“
Ein Blick auf die Uhr und Skyla keucht. Mit einem Satz befindet sie sich auf den Beinen und schlägt sich die Hände über den Kopf.
„Oh nein! David bringt mich um, wenn ich mich verspäte! Ich muss los!“
„Was?“ Sina erhebt sich ebenfalls schreckhaft und blickt zwischen Skyla und Mason hin und her. „Aber, du kannst deinen neuen Freund doch nicht einfach bei mir lassen!“
Skyla schlägt die Hände aneinander und hebt diese auf Augenhöhe. „Sorry, Sina. Klären wir das doch bitte später. Außerdem komme ich heute etwas später. Ich bin Lukas noch eine Erklärung schuldig. Ich weiß, das ist etwas doof und ich entschuldige mich für die Umstände. Nur muss ich jetzt wirklich los. Mein Ausbilder zählt auf mich. Also bis später.“
Kaum gehen die Worte über die Lippen, sprintet Skyla los, als würde es um ihr Leben gehen.
„SKYLA! WARTE DOCH! WARTE! ICH KANN DICH FAHREN!“
Ein gutes Argument, das Skyla aus der Bahn wirft. Sie donnert gegen die Tür und blamiert sich erneut. Aus dem Augenwinkel sieht sie, wie Mason sich kopfschüttelnd abwendet. Beschämt reibt sie sich die Nase.
„Okay, dann los.“
Augenblicklich ergreift Sina die Autoschlüssel und fordert mit einem Schnipsen Mason auf, ihr zu folgen.
Die Haustür will sich gerade schließen, da hüpft Kai an Skylas Tasche. Während sie böse hinabblickt, lächelt der Bär eingeschüchtert. Wie er schluckt und zittert genießt sie, denn nur dank ihm steckt sie tief im Ärger. Mit schlechter Laune begeben sie sich zu Sinas kleines Auto. Ein sehr alter Wagen, der schon bessere Tage hinter sich. Der Lack scheint neu gemacht worden zu sein, denn der Wagen glänzt wie eine polierte Perle. Passend zu dem sonnigen Charakter befindet sich ein bunter Sternendruck an den Türen. Mason setzt sich zu ihr nach hinten. Vorne neben Sina wäre auch gar kein Platz. Auch in der Wohnung ist Skyla der chaotische Schreibtisch nicht entgangen. Die Bloggerin ist das genaue Gegenteil von Justin. Spontan, laut und chaotisch – Emilie halt!
„Also, was steht jetzt genau an?“, erkundet sich Mason.
Er blickt grimmig in den Fahrerspiegel. Sina trommelt unruhig mit den Fingern auf dem Lenkrad und dreht ihren Kopf ganz langsam um.
„Skyla, nimm du ihn doch bitte mit dir.“
Zu Sinas Enttäuschung überkreuzt die angehende Köchin ihre Arme und schüttelt den Kopf.
„Mason kann nichts anpacken und würde mehr Schaden anrichten, als helfen.“
„Er könnte eure Kühltruhen kalt halten!“, wirft die Reporterin ein.
Sicherlich ein Scherz, aber ein netter Gedanke. Nur kurz denkt Skyla darüber nach.
„Würden meine Arbeitskollegin die Welt so sehen wie wir, dann wäre das kein Problem. Aber die sind Normalos. So wie ich noch vor wenigen Monaten!“
Sina seufzt laut und lässt sich über das Lenkrad hängen.
„Du machst mich fertig, Süße.“
„Beschwere dich nicht, du kriegst einen Top-Bodyguard. Einen Ex-Soldaten. Das ist voll cool.“
„Er wird mir die Leute vergraulen!“, nörgelt Sina weiter.
Nun beugt sich Mason zornig vor. „Ich kann euch hören. Das wisst ihr oder?“
„Er vergrault die richtigen Leute. Den Orden.“
„Der Orden erkennt mich nicht. Ich habe mein Aussehen verändert und meine Kräfte versteckt gehalten“, grummelt Mason.
Skyla hebt stolz den Daumen. „Sehr gut.“
Nun werden die Augen des Ex-Soldaten schmal. „Das die Sache klar ist, ich gebe dir nur eine Woche, mich zu überzeugen. Solltest du scheitern, mache ich euch kalt. Beweisvernichtung halt. Das verstehst du doch oder?“
Skyla blinzelt. Die Situation ist zum Verzweifeln. Als habe sie nicht bereits genug Last auf den Schultern. Wie soll sie solch einen Eisklotz überzeugen?
Die Lage ist so verzweifelt, dass sie nicht anders kann, als zu lachen. Eine Schutzreaktion, um sich besser zu fühlen und dem Wahnsinn vorerst zu entkommen. Während Sina zu winseln beginnt.
„Süße, der meint das ernst.“
„Ich weiß!“, flötet Skyla verärgert.
Allein Masons bedrohliche Aura zeigt den Ernst der Lage. Wachsam liegt sein Blick auf ihr.
„Okay, hör zu, Mason. Ich muss heute arbeiten, daher begleitest du Sina und beschützt sie in Not. Ich komme zwar heute Nacht heim, aber reden tun wir dann am nächsten Morgen. Auf der Arbeit schmiede ich dann schon einmal einen Plan. Ist das ein Deal?“
Ihr Sitznachbar bleibt jedoch still und seine Miene unverändert. Skyla will gerade den Blick abwenden, da besteht er darauf: „Ich werde dich prüfen. Du wirst mit mir trainieren und mir deine Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen. Erkläre mir doch mal, warum ausgerechnet ein Dämon zu deinem Schutzgeist wurde?“
Statt zu antworten, mag Skyla ihren Kopf in den Sand stecken. Noch mehr Training.
Könnte er schlimmer als Justin sein? Unmöglich!
Während der Fahrt zum Betrieb darf sich Skyla doch tatsächlich erklären. Wie Mason über ihre die Wahl ihrer Schutzgeister und den Umständen denkt, bleibt ihr ein Rätsel. Der Kerl schweigt wie ein Grab und verzieht keine Miene. Erst als Sina sich einen Parkplatz am Kräutergarten schnappt, atmet der Kerl genervt aus.
„Dir ist schon klar, dass Feen und Drachen nicht die einzigen Schutzgeister sind? Es gibt unzählige auf der Welt und alles andere wäre eine bessere Wahl wie ein Dämon!“
„Sorry, aber ich hatte nicht gerade eine Wahl!“, kontert Skyla beleidigt.
Mason schnauft und sieht das anders: „Du hast immer eine Wahl und das zeigt einfach nur, welche Ungeduld dich plagt!“
„Hey…“ Sina dreht sich mit einem verzweifelten Lächeln um. „Streitet euch doch nicht.“
Aber sie wird von den beiden völlig ignoriert.
„Dämonen und Geister reagieren auf mich und ich musste mich doch irgendwie wehren.“
„Dafür hast du deine Kräfte!“
„Die zu dem Zeitpunkt gerade erst erwacht waren! Ich war ein normales Mädchen und habe keine Ausbildung zur Soldatin hinter mir! So wie du!“
Mason schüttelt zornig den Kopf. „Das sind alles Ausreden! Deine Macht hätte dich beschützt! Hab ein wenig mehr Vertrauen in deine Kräfte!“
Skyla will gerade kontern, da klopft jemand an der Fensterscheibe. Ihr Herz zieht sich schreckhaft zusammen und mit einem Sprung befindet sie sich halb auf Masons Schoß. Der Riese brummt grimmig, sodass Skyla nicht weiß, wen sie mehr fürchten will. Dabei handelt es sich nur David, der ihr zuwinken wollte. Sein Lächeln schwindet jedoch und mit Sorge betrachtet er das Bild.
„Sorry, Mason!“ Skyla atmet einmal tief durch und rutscht zurück zur Tür. „Danke fürs Bringen, Sina. Sei lieb, Mason!“
„Frech bist du auch noch!“, hört sie ihn noch sagen.
Bevor dieser Kerl ihre Geduld überstrapaziert, steigt Skyla lieber aus und schließt die Wagentür. David tritt zur Seite und betrachtet seine Auszubiene verwundert.
„Du bist wirklich schreckhaft, Skyla.“
Sie ignoriert seine Aussage und erkundigt sich beunruhigt: „Ich bin noch pünktlich oder?“
„Ja schon. Viel los bei dir?“, hinterfragt ihr Ausbilder und fährt sich mit der Hand durch das dunkle Haar.
„Kann man so sagen.“
Eine weitere Wagentür öffnet sich und Sina steigt erhobenen Hauptes aus. Vorwurfsvoll ruft sie Skyla beim Namen. Augenrollend entfernt sich Skyla eilig, woraufhin Sina ihre Stimme erhebt.
„Hey! Jetzt warte doch mal!“
Die hochhackigen Schuhe verkünden, wie schwer die Reporterin es fällt, ihr zu folgen.
„Nein, ich nehme Mason nicht mit mir!“, versichert Skyla.
„Es geht doch gar nicht um, Mason!“ Sina klingt, als beginne sie zu schmollen. Da dreht sich Skyla um und wird in eine feste Umarmung gedrückt. „Pass auf dich auf ja. Versprich mir das.“
Sie erinnert an ein kleines Kind, das sich nicht von den Eltern trennen mag. Daher tätschelt Skyla konfus den Kopf der Dame und fragt sich gleichzeitig, wie jemand nach solch einer kurzen Bekanntschaft anhänglich werden kann.
„Sorry für die Umstände. Es läuft aktuell nichts nach Plan“, nuschelt Skyla nun auch noch.
Sinas Gefühlsduselei geht schon auf sie über. Daher muss dringend Abstand her.
„Ist schon okay. Soll ich dich nach der Arbeit abholen kommen? Auf den Straßen ist es nicht sicher.“
Solch eine Fürsorge von einer Fremden macht das Ganze noch seltsamer.
„Ist lieb, wirklich. Aber ich bestell mir einfach ein Taxi.“
„Ich verstehe schon. Ich bin anstrengend oder?“
Am Ende zwingt sich Sina zu einem Lächeln voller Traurigkeit, als wurde ihr dies bereits oft genug unter die Nase gerieben.
Skyla seufzt und hat das Verlangen, sich zu erklären: „Das ist es nicht. Aktuell durchleben Lukas und ich eine kleine Krise und ein wenig Zeit allein könnte mir helfen, mich auf das Klärungsgespräch heute vorzubereiten.“
Das Lächeln ihres Gegenübers ist so sanft und voller Liebe, dass Skyla schon zurückweichen möchte. Aber die Reporterin legt ihr eine Hand auf die Wange und streichelt diese sanft.
„Alles wird gut. Du hast ja nun mich. Wir stehen alles zusammen durch. Versprochen.“
Es könnten Emilies Worte seien. Diese Ähnlichkeit treibt Skyla die Tränen ins Gesicht und bevor auch nur eine die Wange hinabrollt, eilt Skyla in den Betrieb. Zum Glück ist bereits aufgeschlossen, sodass sie dem Blick der Reporterin entkommen kann.































































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