Kapitel 5
Im Kundenbereich wuselt die Servicekraft Fiona bereits herum und richtet die Tische her. Mit einem Lächeln wie purer Sonnenschein.
„Du bist unsere Rettung…“
Statt ihren Worten Gehör zu schenken, eilt Skyla in die Umkleide und donnert ihre Tasche vor den Spint. Völlig entkräftet und fertig mit den Nerven. Ihre Hände zittern, als sie den kalten Griff des Blechkastens umfasst. Beim Umziehen fallen ihr dann die vielen Nachrichten auf ihrem Handy auf. Thomas muss ihren Vater über die Lage in Kenntnis gesetzt haben, denn für gewöhnlich hält sich ihr Vater kurz. Er hat sogar angerufen. Mehrere Male. Statt auf irgendetwas einzugehen, steckt Skyla ihr Handy tief in den Schlund, nachdem sie es ausgeschaltet hat. Beim Zuknöpfen ihrer Kochjacke schließt sie die Tür und erschreckt sich im gleichen Moment, denn jemand lauert ihr im Hintergrund auf. Dem zornigen Blick zu urteilen hat Dominik, der Auszubildende unter ihr, irgendein Problem oder stand mal wieder mit dem falschen Fuß auf.
„Hey, Dominik“, begrüßt sie ihn mit dem Blick auf die Uhr.
Er mag jünger sein und doch hat sie Respekt vor seinem Jähzorn. Ein Großmaul wie sie musste David versprechen, diesen Jungen nicht unnötig zu provozieren, daher übt sie sich in Geduld und spielt auf freundlich. Aber Dominiks Blick ist glühend, als sei sie die Quelle all seiner Probleme.
Der Sekundenzeiger schlägt ungewöhnlich laut. Fast, als wolle das Schicksal sie provozieren und herausfordern, dass die Nerven gleich mit ihr durchgehen.
„Ist alles okay, Dominik?“
Allein diese Frage kostet ihr Mühe und Not, schließlich klingt sie lächerlich aus ihrem Munde. Noch immer hat sich Wasser in ihren Tränensäcken gesammelt. Eilig wischt sie sich dieses weg und atmet einmal tief aus.
„Warst du bei Julian?“
Mit schmalen Augen macht er einen großen Schritt auf sie. Instinktiv weicht sie zurück.
„Noch nicht.“
„Natürlich nicht! Als ob du ihn je besuchen würdest, weil wir dir doch alle scheiß egal sind!“
Solch einen Vorwurf macht sie rasend. Dominik hat keinen Schimmer, was sie die letzte Zeit durchmachen musste und nun darf sie sich so etwas anhören. Am liebsten würde sie ihm dies in Gesicht sagen, aber auf ihrer Schulter sitzt ihr Gewissen in Form einer Version von David als Engel.
„Hast du seine Zimmernummer, Dominik? Heute werde ich es zwar nicht schaffen, aber die nächsten Tage sollte sich etwas Zeit dafür finden.“
Hoffentlich bereut sie solche Worte nicht. Aber statt ihn zu besänftigen, packt der Kerl mit aller Kraft zu. Skyla donnert gegen die Spintreihe und wird gegen das kühle Metall gepresst. Seine verkrampfte Hand liegt auf ihrem Hals und drückt ordentlich zu. Er blockiert die Atemwege. Sie keucht und windet sich in seinem Griff. Aber dieser Junge hat ordentlich Muskeln. Mit nur einer Hand lässt er sie in der Luft baumeln und der brennende Hass in seinen Augen gilt allein ihr. Er wird sie töten. Ohne Zweifel. Zu hoffen, dass ein anderer sich einmischt, könnte ihr Untergang sein. Ihre Macht kann helfen, aber damit könnte sie alles aufs Spiel setzen. Bekommen andere Kollegen ihre Fähigkeit zu sehen, dann ist es endgültig aus. Kai und Agnar verweilen im Spint und den hat sie zugeschlossen. Sicherlich keine Hürde für Dämonen. Sollten sie eingreifen, dann hoffentlich unauffällig. Ohne gesehen zu werden.
Das Blut beginnt in den Ohren zu rauschen, die Wahrnehmung trübt sich. Ein Nebel bildet sich im Kopf und der Körper beginnt im Griff des Angreifers unwillkürlich zu zucken. Der Verstand schaltet sich aus und in der Hand sammelt sich bereits ihre Macht. Bereit, zuzuschlagen. Zum Glück eilt David herbei. Sein Ellbogen donnert von oben hinab, sodass Dominiks Arm brutal von ihr fortgerissen wird. Skyla fällt hinab und ringt nach Luft. Die Lungen füllen sich langsam mit Sauerstoff. Sie hustet. Der Hals schmerzt fürchterlich, seinen festen Griff spürt sie noch immer an der Stelle und tastet hinauf. Das Gepolter und Davids Schimpfparade blendet sie aus, um sich allein auf eine ruhige Atmung zu konzentrieren. An der Decke findet sie nun Agnar, dessen Augen glühen. Schwer zu sagen, ob er sich als Dämon an ihrer Lage erfreut oder zur Hilfe eilen wollte. Auch Kai blickt hinter der geknackten Spinttür hervor und beobachtet das Geschehen.
„Oh mein Gott! Skyla, geht es dir gut?“
Elly eilt herbei und hilft Skyla hinauf. Skyla wird ohne Umwege aus der Umkleide in den Kundenbereich geführt, wo sie sich an einen Gästetisch hinsetzen soll.
„Viktor! Schnell ein Glas Wasser!“
Auf Ellys Wunsch eilt der Barkeeper herbei und versorgt Skyla mit einem kühlen Getränk.
„Scheiße, Elly. Was ist passiert? Sie ist ganz rot im Gesicht und dann die Rötung an ihrem Hals.“
„David kümmert sich gerade um Dominik.“
Mehr muss Elly nicht sagen, denn alle im Betrieb kennen Dominiks dunkle Seite.
Die Tür knallt im Hintergrund auf.
„WAG ES DICH! LASS DIE FINGER VON IHR!“, brüllt David.
Aber Dominik entkam seinen Fängen und stampft ohne Umwege zu Skyla. Sein Zorn hat sich nicht gemildert und seine aggressive Haltung lässt sie erstarren. Zuerst schiebt Elly ihren Körper zwischen die beiden. Mit ausgestreckten Armen bildet sie eine unerschrockene Mauer vor Skyla. Dominik wirkt alles andere als beeindruckt und holt zum Schlag aus, da schnappt Viktor nach ihm und zerrt den Jungen in den Hintergrund. David eilt zur Unterstützung herbei und zusammen zerren sie den Störenfried hinaus aus den Laden.
Wie bei einem Sturm tobt das Wasser. Skyla stellt das Glas mit zitternden Händen hinab. Zu spät, denn Elly hat sich bereits umgedreht.
„Mir geht es gut.“
Eine Lüge, die sie sich immer wieder einredet. Aber Elly kniet hinab, um sich die Freiheit zu nehmen, Skyla in ihre Arme zu schließen. Dominik brüllt hysterisch im Hintergrund und diskutiert laut mit seinem Ausbilder. Er wird erneut beleidigend. Etwas, dass David nicht verdient hat. Bislang erkennt Dominik sein Glück nicht. Alle geben ihn auf, nur David nicht und doch behandelt er diesen Mann mit einer bodenlosen Respektlosigkeit.
„Wieso ist er diesmal so sauer?“, interessiert es Elly.
„Weil ich noch nicht bei Julian war. Er glaubt, ich interessiere mich nicht für meine Kollegen.“
Elly seufzt und rollt mit den Augen. „Er hat dich wahrlich auf dem Kicker.“
„Irgendwie schon.“
Ein Blick hinab und Skyla erinnert sich, dass sie die Kochjacke nur halb zuknöpfte. Kaum holt sie das Versäumte nach, erhebt sie sich entschlossen und bindet sich die Haare zusammen.
„Ich beginne dann mal mit den Vorbereitungen.“
Elly betrachtet sie besorgt. „Sicher? Bleib ruhig noch ein paar Minuten sitzen.“
Skyla zwingt sich kurz zu einem Lächeln. „Nein danke, ich brauche dringen Ablenkung.“
In der Umkleide entdeckt sie jedoch Kai, der sie beunruhigt betrachtet.
„Seid Ihr wohlauf?“
Ein kurzes Nicken und mehr Aufmerksamkeit erhält der Bär nicht. Schließlich macht sich Skyla an die Arbeit. Auch wenn ihr am Anfang die Konzentration fehlt, hilft ihr die Ablenkung. Mitten in den Vorbereitungen platzt Dominik hinein. Er tritt die Tür mit Wucht auf und schnaubt erzürnt. Sein glühender Blick liegt weiterhin auf ihr und doch läuft er stumm weiter. David folgt ihm und behält den Jungen im Auge. Dominik lässt seinen Zorn weiterhin an den Küchenutensilien aus und gerät in weitere Diskussionen mit seinem Ausbilder, aber Skyla blendet die beiden aus. Sie vertraut David und weiß, dass kein anderer diesen Jungen sonst im Griff haben kann. Die Pause hingegen verbringt sie heute mal nicht im Pausenraum und wählt einen Spaziergang. Beim Durchschreiten des Kundenbereichs bleibt ihr Blick jedoch an einer Person hängen. Jemand, der sie ebenfalls im Blick hat. Sein Erscheinungsbild ist wahrlich auffällig. Mit seinem tätowierten Gesicht wundert es Skyla, dass er in solch einem Restaurant geduldet wird. Ein genauerer Blick auf das Kunstwerk zeigt, drei Skelette, die aufrecht wie eine Säule ihre Knochen Richtung Himmel strecken. Hoffnungsvoll und mit einem flehenden Ausdruck. Die Details sind verblüffend realistisch gehalten. An Effekten wurde nicht gespart. Wie eine schützende Rüstung liegt der dunkle Mantel eng an. Voller Staub und Dreck, als sei der Gast aus der Erde gekrochen. Und doch wird der kahlköpfige Kerl mit einem Lächeln bedient. Hinzu kommt das dreckige Grinsen, das er ihr schenkt.
„Ein süßes, kleines Medium“, spricht der auffällige Gast sie beim Vorbeigehen an.
Skyla hält augenblicklich inne. Denn der Orden bezeichnet sie immer als Hexe. Haben sie nun erkannt, was sie wirklich ist?
„Kann ich Ihnen helfen?“
Seinen Kopf stützt er auf seinen Händen und zwinkert frech.
„Setz dich doch zu mir, Skyla.“
Ihr Misstrauen ist geweckt. Genervt macht sie einen großen Schritt fern von ihm.
„Nein danke.“
„Wie schade. Hades hätte sicherlich großes Interesse an dir.“
Er klingt siegessicher und blickt, als wüsste sie, wovon er spricht.
„Hades? Der Gott der Unterwelt?“
Glücklich kneift der Kerl die Augen kurz zusammen, als sei dies seine Art von Bestätigung.
Skyla will nicht unhöflich sein und doch mag sie dieser unangenehmen Situation aus dem Weg gehen.
„Bitte entschuldigen Sie mich. Genießen Sie den Aufenthalt hier und wenden Sie sich an unsere Leute, wenn Sie ein Anliegen haben.“
Aber der glatzköpfige Kerl wedelt kopfschüttelnd mit dem Finger.
„Du verstehst nicht, welch ein Segen dir zuteil wird. Hades persönlich schickt mich. Er sieht in dir einen Geschäftspartner.“
Trotzig nimmt Skyla ihm gegenüber Platz und gibt sich Mühe, so desinteressiert dreinzublicken, wie möglich.
„Hör zu, ich habe keine Ahnung, mit wem ich es hier zu tun habe und was du von mir willst!“, haut sie die Karten offen auf den Tisch.
Doch der Fremde nickt nur wissend, als sei ihm dies bewusst.
„Nicht heute. Nicht morgen. Noch wandelst du auf dem Pfad des Lichts. Deine Hände sind rein. Aber Hades prophezeit, dass sich dies schnell ändern wird. Die Dunkelheit wird dein neues Zuhause und Hades begrüßt jene Kinder der Nacht. Blut und Knochen sind unsere Währung. Zweifle ruhig, aber unser Clan wird auf dich warten. Eines Tages stehst vor unseren Pforten. Zahlst den Tribut am Tor und lernst unsere Familie kennen. Lass mich dir ein Geschenk übergeben.“
„Behalte es.“
Natürlich stößt sie auf taube Ohren. Der Kerl schnippt eine Silbermünze in ihre Richtung, die sich im Flug in gleißendes Licht wandelt. Nur kurz schließt Skyla ihre Augen. In ihren Ohren nimmt sie ein metallisches Dröhnen wahr, Sekunden später durchjagt sie ein brennender Schmerz auf dem Unterarm. All die Leute im Ambiente scheinen von dem Licht nichts bemerkt zu haben, wie es scheint. Von der Münze fehlt jede Spur und doch will Skyla der Ursache für den Schmerz auf den Grund gehen.
Noch während sie den Jackenärmel hochschiebt, verkündet der Gast freudig: „Einen Obolus für unsere zukünftige Geschäftspartnerin.“
Sein Geschwafel wird erst dann ernstgenommen, als sie die tätowierte Münze auf ihrer Haut entdeckt. An der Stelle, wo es brannte. Erschrocken hebt sie ihren Kopf.
„Was soll der Scheiß?“, keucht sie ihren Protest.
Aber aus dem Kerl dringt dunkler Rauch, während er die Hand zum Winken hebt. Noch immer grinst er dreckig und seine Gestalt verschmilzt mit dem Rauch, der sich durch das Ambiente in alle Richtungen verteilt.
Skyla blinzelt verdattert. Ihre Augen blicken prüfend umher, doch der Kerl ist verschwunden und dann tritt Fiona heran.
„Entschuldige, Skyla. Aber der Tisch ist reserviert. Die Gäste treffen auch gleich ein, also bitte verbringe deine Pause woanders.“ Sie fummelt kurz an der Serviette, bis sie Skylas Tattoo entdeckt. „Oh. Ich wusste gar nicht, dass du auf so etwas stehst. Das ist neu oder?“
„Hast du ihn gesehen, Fiona? Diesen Kerl mit Glatze und den Tattoos im Gesicht?“
Skyla braucht Gewissheit. Die Ungeduld wächst mit jeder verstrichenen Sekunde. Aber Fiona hat mehr Augen für die Tischdekoration.
„Der Kräutergarten hatte bislang keinen Gast, der im Gesicht tätowiert war. Du scheinst so etwas wirklich sehr zu mögen oder? Hätte ich nicht gedacht.“
Ihre Antwort beunruhigt Skyla.
„Du hast ihn also nicht gesehen“, wispert sie verdattert.
Dann aber springt Skyla die Tasse Kaffee ins Auge, aus der getrunken wurde. Als sie diese in die Hand nimmt, raunt Fiona überrascht.
„Oh, die muss ich vergessen haben.“
„Schwachsinn. Die hast du gerade dem Gast serviert. Ist noch gar nicht so lange her. Die ist noch warm.“
„Unmöglich. Der Tisch ist schon eine ganze Weile unbesetzt“, behauptet die Servicekraft felsenfest.
Aber Skyla drückt ihr die warme Tasse in die Hände.
„Als ob! Dann wäre der Kaffee kalt!“
Die Tatsache und ihr Verhalten scheinen Fiona skeptisch zu machen. Nur kurz schwindet ihr bezauberndes Lächeln.
„Ich hörte, Dominik hatte wieder schlechte Laune. Geht es dir auch wirklich gut?“
Gefrustet erhebt sich Skyla. Sie erträgt dieses Mitleid nicht länger und eilt hinaus. Ihre Kollegen meinen es zwar gut und doch mag Skyla nicht länger daran erinnert werden. Hoffentlich bringt die frische Luft sie auf andere Gedanken.





























































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