Kapitel 8

Im Nirgendwo steigt Skyla aus dem Bus. Gehüllt in Nebel, auf leeren Straßen und umgeben von einer unheilvollen Stille. Zu lange chattete sie mit Sina. Mit hängendem Kopf und schweren Augenliedern gibt Skyla den Namen der Bushaltestelle an die Reporterin durch, um sich dann auf den Sitz an der überdachten Haltestelle hinzupflanzen. Der Geist will gerade abdriften und sich mit den eigenen Gedanken befassen, da klingelt das Handy.
„Ja, Sina?“
Ein Schnauben und schon wird sie überrascht. „Ich muss dich enttäuschen, doch ich bin es nur.“
„Lukas!“ Erschrocken erhebt sich Skyla und ärgert sich, nicht auf den Namen des Anrufers geschaut zu haben. „Es tut mir leid, aber ich musste weg.“
„Ich weiß. Wir alle haben gesehen, dass du verfolgt wurdest. Noch bevor sich der Typ sein Messer holen konnte, schlug mein Vater mit dem Aktenkoffer auf ihn ein. Sehr unglücklich, wie sich herausstellte, denn er brach komplett zusammen. Wurde am Kopf getroffen.“
„Was?“ Verwirrt legt sie den Kopf schief. „Also holte mich ein anderer so schnell ein? Ich dachte, dass wäre der, der hinter dem Auto gelauert hatte.“
„Nein, einer versteckte sich hinter einen Baum und übernahm die Verfolgung. Du entkamst ihm nur ganz knapp, er hatte dich fast gepackt.“
Der Mund wird ganz trocken. Skyla schätzte die Situation falsch ein und wäre den Rittern fast in die Arme gelaufen.

„Hey“, meldet sich ihr Freund, „die Polizei ist fort und die Lage sicher. Wo bist du?“
Skyla ringt mit der Antwort und Lukas trifft die Faust aufs Auge.
„Nicht dein Ernst? Du willst dich nicht mal verabschieden? Nicht mal von deinen Eltern?“
Natürlich verübelt er ihr solch eine Entscheidung, aber es geht nicht anders.
„Lukas, ich bringe euch alle nur in Gefahr.“
„Schwachsinn! Das kannst du nicht bringen! Dein Vater ist am Boden zerstört. Ihm zuliebe solltest heimkehren und dich wenigstens verabschieden. Was ist überhaupt mit deinen Sachen?“
„Behalte sie.“
„Dein Ernst?“
„Ja.“ Es fällt ihr schwer, denn bei Lukas lagern kleine Schätze. Doch all das hat an Bedeutung für sie verloren. „Ich kann nicht.“

Lukas schluckt hörbar und es scheint, dass seine Wut verglimmt. Stattdessen klingt er erschüttert, als er sie fragt: „Und unsere Freundschaft ist dir nichts mehr wert?“




„Das ist gemein! Ich will euch doch nur schützen!“
„UND ICH WILL DEINEN SCHUTZ NICHT! ICH WILL MEINE FREUNDIN ZURÜCK! WARUM HATTE MEIN VATER DIE EHRE, DICH NOCH EINMAL ZU UMARMEN UND ICH MUSS MICH MIT DIESEM TELEFONAT ABFINDEN? SAG! Werde ich dich je wieder sehen?“
Am Ende endet sein Geschrei und es ist mehr ein trauriges Flüstern. Skyla macht es mit ihrem Schweigen nicht besser, woraufhin Lukas laut wimmert. Er scheint sich die Hand vorm Mund zu halten, denn die Laute klingen abgedämpft. Sein Herz scheint dieses Gespräch nicht mehr zu ertragen, denn er legt einfach nur auf. Das entspricht nicht seiner Art. Den Schaden, den Skyla damit angerichtete, nagt an ihrem Gewissen. Ihr kommen ebenfalls die Tränen. Erneut. An diesem Tag weinte sie so oft, wie nie zuvor in ihrem Leben. Ein Schrei kratzt ihre Kehle wund, als sie das Schicksal für ihre Lage verflucht. Nichts sei ihr gegönnt! Die Freundschaft zu Lukas wird einfach achtlos von dem Universum auf den Boden geschmettert und zerspringt. Ungeachtet der reichen Sammlung vieler schöner Momente an Herzenswärme und Verbundenheit kann sie nur hilflos den Zerfall betrachten und daran zerbrechen. Vor Zorn tritt sie gegen eine Straßenlaterne. Ihre Hände vergraben sich in der wilden Mähne. Auch ihr schmerzt es, sich nicht verabschieden zu können. Aber der Orden lässt ihr keine andere Wahl. Skyla muss fort, und zwar ganz schnell.

Das kurze Versagen der Leuchte in der Werbereklame entgeht Skyla nicht. Wenn auch nur für wenige Sekunden war es stockfinster. Dankbar dreht sie sich um, als die Lichtquelle anspringt und summt. Statt Werbung für eine TV-Serie, Süßkram oder anderes Zeug blickt Skyla auf ihre verschollene Freundin. Emilies Haar mag wirr sein und ihr Gesicht übersät von Dreck und Schrammen, aber der Sonnenschein lächelt selbst in solch einer Situation.
„Emilie!“
Skyla eilt panisch zu dem Display und legt dort ihre Hand, wo Emilies liegt. Der Wuschelkopf mit langen Wimpern kniet auf einen Schreibtisch in einem in Dunkelheit gehüllten Büro. Das hübsche Nachtkleid mit Spitze wurde ordentlich in Mitleidenschaft gezogen. Nähte lösen sich und die glatte Haut blickt durch manche Löcher. Emilie presst sich ganz nah an die Kamera und atmet dankbar auf. Sie unterdrückt Tränen und lächelt, als sei sie endlich sicher.




„Es ist so schön, dich zu sehen, Skyla“, summt sie.
Wie Skyla ihre hübsche Stimme vermisst hat. Wie gelegen käme ihr eine Kraft, um Emilie aus der Werbeanzeige rauszuziehen. Sicher in ihre Arme.
„Es tut mir so schrecklich leid, Emilie. Meinetwegen steckst du in dieser Situation.“
Aber ihre Freundin schüttelt lächelnd den Kopf und betrachtet sie verträumt.
„Nein, ich bin der Dummkopf. Ich wurde entführt, weil ich so schusselig bin.“
Emilie kann sie tatsächlich hören. Was bedeutet, dass Gerät vor ihr ist manipuliert. Unfassbar, wozu der Orden überhaupt alles im Stande ist.

Eine Diskussion mit Emilie wäre verschwendete Zeit, daher braucht Skyla Informationen: „Sag, wo befindest du dich, Emilie?“
Aber ihre Freundin schüttelt ihren Kopf, womit ihre Locken sich in alle Richtungen verteilen und an Volumen gewinnen.
„Ich schätze deine Bemühungen, aber ich komme hier nicht raus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er mich findet. Aber das ist okay, denn ich konnte dich noch einmal sehen. Weißt du, es gibt etwas, was du wissen solltest.“
Skyla ahnt, was kommt. Aber während ihre Freundin mit dem Leben abschließt, wagt sie ein Risiko.
„Agnar, hilf mir! Wo ist Emilie?“
„Geschützt. Ihr Standort ist verschleiert. Ich bin nicht in der Lage sie zu finden.“
Der Kiefer versteift sich, als die Enttäuschung sich in Wut verwandelt. Skyla kommt mit der Suche nach ihrer Freundin endlich ein Stück weiter und doch gleichzeitig wird sie wieder zum Anfang katapultiert.

Bewegungen in der Dunkelheit lassen Skyla aufblicken. Hinter Emile tut sich was. Durch die offene Tür schreitet ein vermummter Ritter.
„Emilie!“, keucht Skyla. „Hinter dir.“
Aber ihre Freundin schaut weiter verträumt. „Ich bin egoistisch, Skyla. Denn ich habe dich schon immer mehr geliebt, als ich sollte. Nicht als Freundin. Sondern als Verehrerin.“
Der Tagebucheintrag war nicht gelogen. Mal wieder haben alle um Skyla herum die Gefühle des anderen besser verstanden. Skyla konnte wieder mit ihrer Unwissenheit kränken. Vielleicht sollte sich Skyla geehrt fühlen, doch für irgendwelche Gefühlsduseleien fehlt ihnen die Zeit.
„Ich weiß! Aber du musst fliehen! Lauf, Emilie!“
Ihre Freundin staunt jedoch. „Du wusstest es?“




„Spielt das eine Rolle? Lauf! Verdammt! Lauf und komm zu mir zurück!“
Das Lachen des Ritters ist gehässig. Er tritt entschlossen heran und nur kurz zeigt sich Emilies Furcht. Gesichtszüge, die kurz entgleiten. Und doch beginnt sie tapfer zu summen.
Wie sagte sie einst mal: Wer singt, hat keine Angst.
Fürs Singen muss sich der Körper lockern. Tatsächlich entspannt sich Emilie und wehrt sich nicht länger gegen ihr Schicksal. Der Ritter hat ein leichtes Spiel und nimmt sich Zeit, um ein Tuch vorzubereiten. Sicherlich handelt es sich um Chloroform. Nur hetzt er sich Skylas Zorn an den Hals.

Das Medium fixiert einen PC-Monitor an und ihre Macht agiert aus der Ferne. Es kostet unfassbar viel Energie, diesen zu schweben zu bringen. Aber es geht um Leben und Tod. Daher geht Skyla das Risiko ein, bewusstlos zu werden. Mit Wucht kracht der Monitor gegen den Ritter und haut diesen zu Boden.
„Deine Chance, Emilie! Jetzt lauf schon!“
Aber der Lockenkopf rührt sich nicht und summt weiter, als würde ihr Leben davon abhängen. Ihr Blick ist weiterhin verträumt und das Lächeln ehrlich. Skyla schnauft und blickt sich um. Sie muss doch irgendwie helfen können! Ihre Augen fokussieren den Ritter, der sich fluchend erhebt. Mit Wut im Bauch konzentriert sie sich auf ihn und malt sich aus, was sie mit ihm anstellen wird, wenn er noch einmal seine dreckigen Finger nach Emilie ausstreckt. Kaum steht der Kerl auf den Beinen, reißt ihre Macht ihn mit Wucht hinauf in die Luft. Er kollidiert mit der Decke. Putz bröckelt hinab und Emilie zuckt zusammen.

Die strahlenden Augen in der Farbe von den schönsten Smaragden weiten sich. Panisch ruft Emilie ihre Freundin, aber dann erwischt es Skyla auch schon von hinten. Gnadenlos tritt jemand zu. In die Kniebeuge, sodass Skyla hinab fällt. Eine große Hand drückt ihren Kopf gegen das Pflaster.
„Hab dich, Hexe!“
„Glaub du nur!“, tönt es von Agnar.
Skyla spürt, wie die Spinne ihre Schulter als Sprungbrett verwendet. Der Druck auf dem Kopf lässt nach. Ein Blick zurück und Skyla beobachtet, wie der Ritter zu Boden geht und seinen Hals umfasst.
„Scheiße! Was hat mich gebissen?“
Skylas schadenfrohes Lachen bleibt ihr noch im Hals stecken, als es Emilie erwischt. Eine andere Gestalt holt das nach, wozu der Kollege nicht im Stande war. Von hinten packt der Ritter zu und betäubt Emilie mit einem Tuch. Etwas, was er gar nicht machen müsste, denn Skylas Freundin hat aufgegeben. Kaum zerrt die Person Emilie vom Tisch, bebt das Mobiliar. Ein Sturm wütet in dem kleinen Büro. So heftig wie in Skylas Kopf. Nichts, was den Entführer abschreckt. Zu ruhig zieht der Ritter sein Ding durch und verschleppt Emilie in aller Ruhe. Skyla kann brüllen und toben wie sie will. Sie ist machtlos. Entkräftet rutscht sie vor dem Display zu Boden und schlägt vor Zorn gegen das Glas. Damit überlässt sie Agnar den Kampf. Nicht bereit, ihren Blick von dem Kamerabild zu entfernen. Dort, wo noch vor wenigen Sekunden Emilie saß und lächelte.



Ein Auto hält an und Skyla bekommt Unterstützung von Sina.
„Oh mein Gott!“, raunt die Reporterin mit dem Blick auf dem Display, wo Emilies Entführung erneut abgespielt wird. Immer und immer wieder, als will der Orden Skyla provozieren. Sina hingegen schlägt keine Wurzeln und will Skyla aufhelfen. Aber Skyla weigert sich, diesen Ort zu verlassen. Aus Angst, ihr entgehen Hinweise zu Emilies Entführern. Sina gibt sich bedauerlicherweise nicht so leicht geschlagen und hat ein leichtes Spiel, da Skyla am Ende ihrer Kräfte angelangt. Die Reporterin zieht Skyla in den Wagen und verschließt die Tür, um sie dann zu ihrer Wohnung zu bringen. Dort, wo Mason vor Ungeduld platzt. Mit dem Durchschreiten der Türschwelle folgt eine endlose Liste an Fragen aus seinem Munde, aber Skyla blendet alles um sich herum aus und sitzt innerlich tot auf Sinas Couch. Solange, bis ihr vor Müdigkeit die Augen zufallen.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare